18 | Thomas Bernhard
Ritter, Dene, Voss
Aufzeichnung aus dem Akademietheater 1986
Ritter, Dene, Voss ist kein Stück über die Schauspieler Ritter, Dene und Voss. Sehr einfach. Es ist ein Stück über die berühmt-berüch- tigte Familie Wittgenstein. Etwas kompliziert. Weil aber nun Thomas Bernhard beim Schreiben des Stücks auch an die Schau- spieler Ritter, Dene und Voss gedacht hat, und weil nun die Schauspieler Ritter, Dene und Voss das Stück aufführen, ist Ritter, Dene, Voss natürlich auch ein Stück über die Schauspieler Ritter, Dene und Voss. Und eines über Thomas Bernhard sowieso. Einfach kompliziert.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Ritter, Dene, Voss
THOMAS BERNHARD
Inszenierung: Claus Peymann
Bühnenbild, Kostüme: Karl-Ernst Hermann
Mitarbeit: Katrin Brack
Dramaturgie: Vera Sturm
Mit: Ilse Ritter, Kirsten Dene, Gert Voss
Drei Wiener „Cottagegeschöpfe“, Geschwister und Erben eines Großindustriellen: Ludwig (Gert Voss) hat sich der Philosophie verschrieben und forscht nach nie gedachten Gedanken – in England, in Norwegen und zuletzt im berühmten Wiener Sanatorium Steinhof.
Seine beide Schwestern sind Mehrheitsaktionärinnen des Josefstädter Theaters in Wien und selbst Schauspielerinnen: Die jüngere (Ilse Ritter) hat es dabei zu größeren Engagements gebracht, die Begabung der älteren (Kirsten Dene) reicht nur für kleine und kleinste Rollen.
Umso mehr fühlt sie sich für die Familie und insbesondere für ihren Bruder verantwortlich und hat Ludwig (gegen dessen Wunsch) aus der psychiatrischen Anstalt nach Hause geholt. Vor, während und nach dem Mittagessen im Speisezimmer der feudalen Döblinger Villa spielen sich nun – und vermutlich nicht zum ersten Mal – die alltägliche Katastrophen einer reichen, exzentrischen Familie ab. Die Geschwister, meint Ludwig, haben „nie zusammengepasst“ und sind dennoch aneinander gekettet:
aus Furcht vor Einsamkeit, Abhängigkeit und inzestuösem Begehren.
Doch bei Thomas Bernhard führen die Ungeheuerlichkeiten menschlicher Beziehungen nicht mehr zur Tragödie, sondern geradewegs zur Groteske – sofern die dunklen Familiengeheimnisse nicht überhaupt unter den Tisch gekehrt werden.






