Burgtheater

Wille Burg Wahn Erb Welt Gut
Michael Maertens, Sunnyi Melles

Thomas Bernhard
‹Immanuel Kant›

Professor Immanuel Kant ist in Begleitung seiner Frau, seines Bruders Ernst Ludwig und Friedrichs, seines Papageis, auf einem Luxusdampfer unterwegs nach Amerika. Er soll den Ehrendoktortitel der Columbia University empfangen und sich einer Augenoperation wegen eines Glaukoms unterziehen.

Mit ihm auf dem Schiff sind der Kunstsammler Sonnenschein, ein Kardinal, ein alter Admiral und eine Millionärin, die die Hebung der Titanic betreibt. Unentwegt werden alle Mitreisenden von diesem genialen wissenschaftlichen Kauz belehrt, zurecht gewiesen und tyrannisiert. Merkwürdig ist nur, dass der große Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant in einem ganz anderen Jahrhundert gelebt hat und, wie man weiß, aus Königsberg nie herausgekommen ist. So entpuppt sich dieser Komödien-Kant als einer jener unheimlichen und zugleich lächerlichen Thomas-Bernhard’schen Geistesköpfe, die gegen die Daseinsverfinsterung des Lebens ankämpfen.

Kant
Michael Maertens

Kants Frau
Karin Pfammatter

Ernst Ludwig, Kants Bruder
Hermann Scheidleder

Friedrich, ein Papagei
Michael Ransburg

Millionärin
Sunnyi Melles

Kapitän
Marcus Kiepe

Admiral
Oliver Masucci

Kardinal
Hans-Michael Rehberg

Kunstsammler
Johann Adam Oest

Steward
Hans Dieter Knebel

Koch
Detlev Eckstein

Substeward
Simon Harlan

Regie: Matthias Hartmann

Bühnenbild: Volker Hintermeier

Kostüme: Su Bühler

Licht: Peter Bandl

Dramaturgie: Klaus Missbach

Oktober

Mittwoch, 13.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

Montag, 18.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

Maertens ist neben all den Bruscons und Garibaldis, den Zirkusdirektoren und den Menschenbändigern, der vergnügte Salon-Irre: der, dessen Stimme wie ein Florett die würzige Seeluft durchsticht. Der seine Umwelt mit Maß, mehr noch aber mit Charme drangsaliert.
Maertens ist in Hartmanns umwerfend komischer Regie der heiterste aller Bernhard-Tyrannen: Die Augen von 16-Dioptrien-Gläsern geschützt, kostet er die Körner für den (jedes Reizwort nachquasselnden) Papagei vor: "Nur die guatemaltekischen! Nicht die brasilianischen!" Wenn er an Deck ein Pult aufstellen lässt, um einen Vortrag zu halten, brüllt er den mitreisenden Kardinal gleich vorsorglich nieder: "Hinsetzen!" Den Vortrag sagt er gleich darauf ab.
Hartmann hat mit schöner Instinktsicherheit erkannt: Die Zeit der Philosophen, überhaupt der großen Herrschaftsfiguren, ist vorüber. Darum konzentriert er sich auf die zärtliche Bloßstellung ihrer Marotten. […]
Melles bildet den Glutkern dieser herrlich leichthändigen Arbeit: Sie trinkt und trinkt, sie spricht und spricht, wobei sich ihre Stimme wie Zigarettenrauch über der Schiffgesellschaft kräuselt.
Sie bringt mit sanft eingestreuten Vulgaritäten beinahe das Captain's Dinner zum Scheitern. Flirtet auf dem Lampionfest nacheinander mit dem Kardinal (Hans-Michael Rehberg), dem Admiral (Oliver Masucci), lauter stocksteifen Vertretern einer alten, unheiligen, zum Scheitern verdammten Gesellschaft, in deren pikierten Reihen auch ein Kunstsammler sein umwerfend komisches Unwesen treibt (Johann Adam Oest). […]
Von Immanuel Kant, dem "Weltreisenden", lässt sich sagen: Er kam zwar nie aus Königsberg hinaus. Aber am Wiener Burgtheater ist er bestens angekommen. Verdienter Jubel, insbesondere für Sunnyi Melles. (Der Standard)

Mit […] komödiantischen Bravourleistungen betörte Sunnyi Melles den ganzen Premierenabend von Thomas Bernhards „Immanuel Kant“ am Samstag im Burgtheater. Jede Szene auf diesem Luxusdampfer auf der Fahrt nach Amerika macht sie zu der ihren. Aus markanten Wörtern formuliert sie eine Nummer nach der anderen, wie jene mit der Strickmütze, die sie als verwitwete Millionärin des Nachts aufsetzt, weil es in der Schiffskabine zieht.
So ein eigenartiges Wort wie „Strickmütze“ setzt Thomas Bernhard wie ein kleines musikalisches Motiv wiederholt in seinen Text. Und Sunnyi Melles findet für die „Strickmütze“ die erstaunlichsten Töne: traurig, wütend, erfinderisch, ratgebend, selbstliebend oder selbstbemitleidend. Überhaupt gibt sie dieser Millionärin die verrücktesten Facetten: von naiver Blondine bis vulgärer Luxusfanatikerin, von beschwipst tänzelnd bis besoffen grölend. Am Ende des Lampionfests stößt sie ihre Aufforderung zum Tanz mit dem Ruf „Damenwahl!“ wie eine Morddrohung heraus. […]
Und wie es sich für eine bernhardsche Hauptrolle gehört, ist Kant ein egomanischer Despot.
Am Burgtheater spielt ihn Michael Maertens, der die Verklemmungen und die Zuckungen, die aus dem Schmerz der Einsamkeit oder aus Sadismus eruptieren, blendend darzustellen vermag. Er meißelt diesen Text, er ist in den Gesten so akkurat wie in der Artikulation. Dass seine Stimme manchmal hoch und schrill wird und sich im Schreien überschlägt, passt zu diesem Kant, der – wie bei der Landung in New York entdeckt wird – nicht der berühmte Philosoph ist, sondern von Irrenhauswärtern abgeholt wird. (Salzburger Nachrichten)

Der Auftritt von Melles im zweiten Akt ist ein Lichtblick. Als überspannte Millionärin, deren Reisezweck es ist, die Bergung der "Titanic" zu veranlassen, erobert sie vom ersten Moment an die Bühne. Genauso permanent, wie sie Alkohol in sich hinein- und im fortgeschrittenen Stadium auch über die Bühne schüttet, plappert und turnt Melles über das Schiff.
Sie spielt mit einer ungemeinen Leichtigkeit den totalen Irrsinn und balanciert dabei gekonnt auf der feinen Klinge der absurd-komischen Bernhard-Tragik. (ORF.at)

Denn kaum eine andere Bernhard-Inszenierung wird derart dominiert von einer Frau – von Sunnyi Melles, der „Millionärrin“ mit Napoleonhut. Sie hat die Wortmusik im Blut; eine sprachliche und darstellerische Philharmonikerin, die den Rest der Besatzung mit genialem Irrwitz und Komödiantentum an die Bordwand spielt. (Kleine Zeitung)

Und natürlich weiß dieser Kant, der sich vielleicht auch nur für Kant hält, was sich für eine ordentliche Bernhard-Hauptfigur gehört. Und so quält er seine resignative Frau und seinen einfältigen Bruder (in beinahe wortlosem Spiel köstlich und großartig: Karin Pfammatter und Hermann Scheidleder) nach Kräften. Und wenn er schon dabei ist, auch den Steward (stark: Hans Dieter Knebel), den Schiffskoch (Kant will Kümmelsuppe ohne Kümmel) und die Mitreisenden.
Der wunderbare Michael Maertens spielt diesen Kant unter Zurschaustellung seiner beeindruckenden Virtuosität, mit Gespür für die Pointe und Freude am Blödeln. (Kurier)

Die entzückende Sunnyi Melles rückt als „Millionärrin“ Wiener Salondamen ins nostalgische Gestern – und spielt den nicht minder souveränen Michael Maertens an die Wand; der verkniffene Kant ist einfach die undankbarere Rolle. Hermann Scheidleder als gequälter Kant-Bruder und Karin Pfammatter als verhuschte Kant-Frau setzen gediegene Akzente. Bis in die Nebenfiguren waltet blendender Luxus: kein Geringerer als Hans-Michael Rehberg spielt den Kardinal. (Die Presse)

Unumgänglich bei Bernhard, dass den Hauptdarstellern – hier der köstliche Michael Maertens als Kant und die hinreißende Sunnyi Melles als „Millionärrin“ – ebenbürtige Nebendarsteller gegenüberstehen. Aus diesen sei Hermann Scheidleder als Hauptzielscheibe des Tyrannen hervorgehoben – selten so gelacht! (Österreich)

Volker Hintermeiers Bühnenbild schwankt und schaukelt - zuerst von links nach rechts, dann von vorne nach hinten, mal stärker, mal schwächer. Das Stück spielt großteils auf dem Sonnendeck des Dampfers.
Die Umsetzung als geschlossener Raum, rundum mit zarten Wölkchen bemalt und durch Bullaugen beleuchtet, vermittelt eine surrealistische Atmosphäre, die der Mehrdeutigkeit des Textes Raum lässt. (ORF.at)

Suche im Spielplan

  • Bundestheater-Holding
  • Burgtheater
  • Staatsoper
  • Das Ballett
  • Volksoper
  • Art for Art/Theaterservice