Johann Wolfgang von Goethe
‹Faust - Der Tragödie zweiter Teil›
Matthias Hartmann inszeniert beide Teile von Goethes monumentalem Faust-Drama. Zwei verschiedene ästhetische Annäherungen entsprechen dabei den völlig unterschiedlichen Eigenschaften des ersten und des zweiten Teils.
Faust wird im Schlaf durch Elfen von Erinnerungen und schlechtem Gewissen befreit. Kaum aufgewacht, treibt ihn sein Streben weiter, an den Hof des Kaisers. Mithilfe von Mephisto rettet er das marode Reich kurzfristig durch die Erfindung des Papiergeldes. Danach macht ihn Mephisto zum Zeugen der Erschaffung des Homunkulus, der ihm den Weg ins antike Griechenland weist. Hier sucht Faust die Erfüllung seines Sehnens in der Gestalt von Helena, dem schönsten Wesen auf Erden. Doch auch das Glück mit ihr dauert nur einen traumhaften Augenblick. Faust wendet sich wieder weltlichen Taten zu und gewinnt für den Kaiser mit unlauteren Methoden einen Krieg, was ihm die Verwaltung der Reichsküste einträgt. Er baut Dämme, legt Land trocken und gründet Siedlungen, ohne Rücksicht auf Verluste. In seiner Verblendung merkt Faust nicht, dass Mephisto schon sein Grab schaufeln lässt. Faust ist zum ersten Mal mit dem Erreichten zufrieden und stirbt. Doch Mephisto wird um seine Beute betrogen: Im letzten Moment entführen Engel Fausts Seele, für die Gretchen sich eingesetzt hat, himmelwärts.
"Faust - der Tragödie erster und zweiter Teil" an einem Abend
mit
Caroline Peters
Yohanna Schwertfeger
Simon Kirsch
Peter Knaack
Dietmar König
Joachim Meyerhoff
Tilo Nest
Stefan Wieland
Regie: Matthias Hartmann
Bühnenbild: Volker Hintermeier
Kostüme: Johanna Lakner
Video: Stephan Komitsch, Hamid Reza Tavakoli
2. Live-Kamera: Moritz Grewenig
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Plinio Bachmann, Barbara Sommer
September
Freitag, 24.09.2010 | 20.00 UhrBurgtheaterKarten
Hartmann hat also darauf verzichtet, "Ideen" zu haben, Goethe mit Hartmann zu überschreiben - schön, dass sich das auch einmal einer traut. Angesichts der überwältigenden Fülle an Interpretationsmöglichkeiten ist es gar nicht so unsinnig, das Stück einfach zu erzählen und Interpretationen nur anzudeuten.
Maria Happel, Ignaz Kirchner und Gert Voss nutzen das Vorspiel auf dem Theater zu hemmungsloser Parodie. Der Prolog im Himmel ist Satire pur [...].
Bis es sich im Zuge der Gretchen-Tragödie dann einfach nicht mehr ausgeht, erzählt Hartmann den "Faust" als sehr gelungene Komödie - und stellt sich dem Wiener Publikum als Burgtheaterdirektor mit gutem Schmäh vor. [...]
Die Entdeckung des Abends: Katharina Lorenz ist als dürres, zausiges Gretchen die Antithese zum traditionellen Sunnyi-Melles-Händeringen: Spröde, störrisch, lapidar, natürlich und sehr ergreifend.
Jubel für alle, vor allem für Gert Voss. (Kurier)
Matthias Hartmanns plakativer Einstand als Burgtheater-Chef mit Goethes „Faust I und II“: Darin glänzen Tobias Moretti in der Titelrolle und Gert Voss als sein entnervter Verführer.
Es brodelt und zischt in der Hexenküche: Plakativ hat der neue Burg-Herr, Matthias Hartmann, gelungenen Einstand gefeiert. Sein Marathon mit Goethes „Faust – Der Tragödie erster und zweiter Teil“ wurde vom Publikum am Freitagabend lautstark mit „Bravo-Rufen“ bedacht. Großen Anteil daran hatten die durchweg überzeugenden Schauspieler – allen voran Gert Voss als Mephisto und Tobias Moretti als Faust. (Abendzeitung)
Matthias Hartmann, der neue Burgtheater-Direktor, hat hoch gepokert. Mit dem bedeutendsten Text der deutschen Klassik zu beginnen, ist riskant. Aufs Ganze gesehen, ist sein Plan aufgegangen: das nach sechseinhalb Stunden erschöpfte Publikum war begeistert.
Hartmann inszeniert die völlig unterschiedlichen Stücke völlig unterschiedlich. In Teil 1 begnügt er sich mit den Mitteln des Schauspielertheaters: Sprachwitz, Situationskomik, Darstellerkunst. Hartmann braucht keine technischen Hilfsmittel als Scheinwerfer, als Bühnenbild weiße, versenkbare Kuben (Inkubus ist einer der Namen des Teufels), ein paar Requisiten. Hackte Faust nicht seinen Monolog in einen Apple, donnerten nicht kaputte Computer auf die Bühne - das Heute fehlte ganz und gar.
Nach der große Pause fängt Hartmann völlig neu an, mit anderen Schauspielern und allem, was Regietheater und Bühnentechnik in den letzten Jahren erfunden haben: Videos, Musiker am Bühnenrand, faschierte Texte, garniert mit selbst Gereimtem. Hartmann mag Ideologie nicht, sagt er. Also versöhnt er einfach Tradition und Avantgarde, um zu zeigen, dass beides gut sein kann. [...]
Anders Gert Voss. Der Mann kann alles und muss es nicht mehr beweisen. Lässig streunt er über die Bühne, mit dem schwankenden Gang, den der Filmschauspieler Heath Ledger als Joker geprägt hat. Auch der rot geschminkte Mund und die ungewaschenen Haare erinnern an den Psychopathen aus dem Batman-Film "The Dark Knight". Es ist unmöglich, den Blick von diesem Teufel zu wenden. Pudel müssten erbost ihr Abo zurückgeben, könnten sie sehen, wie er sie nachäfft. Das Publikum lacht wie sonst nie bei "Faust".
Zum Beispiel über Maria Happel. In ein zu enges Kleid gepresst watschelt Marthe Schwerdtlein selbstvergessen als Knackwurst über die Bühne, zerrissen zwischen Lüsternheit und bigotter Frömmelei - ein Kabinettstück.
Ein neues Gretchen gestaltet Katharina Lorenz . Sie ist kein einfältiges, frommes Ding vom Land. "Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer" sagt sie wütend, fast berstend vor Lust und Liebe, kämpferisch, nicht resigniert. An dieser Stelle wird sonst schon gewimmert. Katharina Lorenz tut das bis zum Tod nicht, bleibt kühn und bewegend. (Kleine Zeitung)
Hartmann-Kenner wissen: Der neue Burg-Herr beherrscht mehr als nur eine Spielart. Und so zeigt er bei seiner Wiener Einstandpremiere, was er außer großem Schauspielertheater ("Faust I") sonst noch mag. Vier Videoleinwände, zwei Live-Kameras, eine Live-Kombo, eine herzerfrischende Portion Chaos auf der Bühne - "Faust II". [...]
Die verspieltesten Szenen:
- Helena (Caroline Peters) erscheint Paris (der 24-jährige Simon Kirsch ist eine Entdeckung) durch Projektion als schwarzweiße Stummfilmdiva; Faust (Tilo Nest als nachdenklicher Managertyp) gibt dazu den Kinopianisten. [...]
Und über allem schwebt Joachim Meyerhoff. (Fast ist man versucht zu schreiben: wie stets) DER Schauspieler des gesamten Abends. Als Mephisto ein Dämon, dem man sich gerne hingibt. Ein betrogener Betrüger, den ein homoerotischer Ausflug mit den Wetterbuben um die verdiente Seele bringt. (Kurier)
Beim „Vorspiel auf dem Theater" knüpfen das Duo Ignaz Kirchner (als Direktor) und Gert Voss (als Dichter) an alte Peymann-Zeiten an und liefern sich einen komischen Schlagabtausch über die Frage, wie man die Menge befriedigt. Mit einem wütenden „Stadttheater! Scheißtheater! Burgtheater!" dampft Gert Voss durchs Parkett ab, um jedoch sogleich zurückzukommen und im Folgenden den Mephisto zu geben: nicht als abgründig-diabolischen, intellektuellen Verführer, sondern als windigen Schmierlappen und Strizzi vor dem Herrn. [...]
Wenn Mephisto mit blutroter Hechelzunge den Pudel markiert, sind wir beim fröhlichen Kern des Hartmannschen Kinderbuchtheaters, aber Voss bewältigt auch das mit Verve. Dieser Schauspieler ist nun mal ein Viech, er macht sein eigenes clowneskes Ding, und ja: Es ist eine Lust, ihm zuzusehen, auch wenn seine Beziehung zu Faust im Ungefähren bleibt. [...]
Mit Gretchen betritt ein erstaunlich heutiges Mädchen wie aus einer anderen Inszenierung die Szenerie. Katharina Lorenz, trendig gekleidet, ist eine forsche, selbstbewusste junge Frau, die in dem nun toupierten, aber doch etwas blässlichen Faust ihre erste Liebe entdeckt und dabei durchaus kokette Züge zeigt. Wie glaubhaft sie sich, von der ersten Begeisterung bis in ihre spätere Zerrüttung, Gretchens Gefühlsachterbahn erspielt, ist großartig - sie ragt aus der interpretatorischen Nichtigkeit des Abends funkelnd heraus. Als Marthe Schwerdtlein sahnt die herrlich robuste Maria Happel die Lacher ab, und auch Yohanna Schwertfeger hat als rauchendes Lieschen vor dem Klohäuschen einen starken Auftritt. [...]
„Faust II" macht mehr her, hat Hartmann für dieses kaum spielbare Werk doch zumindest eine Grundidee und setzt seine in Bochum und Zürich erarbeiteten Multimedia-Fertigkeiten als technisch raffiniertes Erzählprinzip ein. Vier neongerahmte Videowände bilden einen Projektionsraum, in dem Zeit und Orte per Live-Kameras permanent aus den Angeln gehoben werden und alles zu flirren und zu fliegen scheint. Hartmann nimmt zentrale Themen aus „Faust II" - Finanzdebakel, Landgewinnung, die Erzeugung eines künstlichen Menschen - und erzählt sie im Stil mystisch-ironischer Science-Fiction als Kommentar auf die globalisierte, durchkapitalisierte Welt.
Neben Hilfsmitteln wie Alufolie oder Spielzeugfiguren stehen ihm dabei acht Schauspieler als Erzähler, Kommentatoren und Darsteller in wechselnden Rollen zur Verfügung. Caroline Peters gibt die schöne Helena als Stummfilmdiva, darf aber auch mal den Mephisto übernehmen, der bei Joachim Meyerhoff endlich intellektuelle Schärfe beweist. Dietmar König ist ein dümmlicher Schnauzbart-Kaiser, Peter Knaack ein lustig mit Tesafilm verklebter Phorkyas, der Euphorion von Simon Kirsch flitzt videoanimiert durch die Lüfte, und Tilo Nest gibt den Faust als ergrauten Gemütsmenschen, der unter die Spekulanten gegangen ist. Der Kontinent „Faust" wird hier nicht urbar gemacht, aber immerhin: ein Ufer erreicht. (Süddeutsche Zeitung)
Da brodelt und zischt es in der Hexenküche, in einer Kiste grölen Studenten, in einem weißen Kubus stöhnen Feiernde. Mit einem geballten, plakativen Faust hat der neue deutsche Chef des Wiener Burgtheaters, Matthias Hartmann, einen gelungenen Einstand an der Renommierbühne gefeiert. [...]
Mit einem Faust als Mammut-Projekt zum Einstand mache er es sich nicht leicht und biete viel Angriffsfläche, hatte Hartmann im Vorfeld in Interviews gesagt. Fast jeder große Regisseur hatte sich bisher an der Geschichte um den zweifelnden Gelehrten zwischen Gott und Teufel versucht. Inszenierungen wie die von Gustaf Gründgens aus den 5oer Jahren oder Peter Steins 21-Stunden-Faust zur Expo in Hannover wurden legendär.
Hartmanns Faust überzeugte eher als Teamprojekt denn als dramaturgische Einzelleistung: Mit starken Schauspielern, einem stimmigen Bühnenbild-Konzept (Volker Hintermeier) und eingängigen Bildern hatte der neue Burgherr gleich mehrere Sicherheitsnetze aufgespannt. Ein recht konventionell inszenierter, ganz auf die Darsteller zugeschnittener Faust I gefolgt von einem modernen Faust II mit anderen Schauspielern, viel Videoprojektion und Livemusik bediente jeden Theatergeschmack. (Berliner Zeitung)
Am Anfang war doch das Wort. Oder besser gesagt: der Worte viele. Die Tat jedoch, die Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann mit seiner „Faust"-Inszenierung vollbracht hat, ist zwar eine große, aber nicht immer überzeugende. Dennoch gab’s ungewöhnlich langen Premierenjubel! [...]
Hartmanns Inszenierung merkt man im ersten Teil an, dass er seine Mimen liebt - und ihre Ironie: Also darf schon einmal der Witz einpraller sein, das Gefühl ein pathetisches, der Geist ein nicht zu tiefer. Vor Volker Hintermeiers immer wieder auftauchenden Bühnenkubus werden gekürzte oder total geschrumpfte (wie die erste Walpurgisnacht samt Traum) „Faust"-Szenen gespielt: Sprachlich nicht immer überzeugende Momente, die doch auch mit Atmosphäre überraschen können. [...]
An den Wänden eines leuchtenden, durchsichtigen Würfels erscheinen arkadische Landschaften, das Theater der Kaiserpfalz und Bergketten: Manchmal bunt und meist im Schwarzweiß alter Reisefotografien: Blättern im „Faust"-Album. Stephan Komitschs Live-Kamera schafft technisch gelungene, stimmungsvolle Szenen, in denen sich Caroline Peters, Dietmar König, Simon Kirsch und die anderen perfekt einfügen. [...] Noch dazu brilliert ein Joachim Meyerhoff mit Sprache, Ausdruck und Charakter. (Kronen Zeitung)
Der glorios gealterte Voss, mit phallischer Fasanenfeder am Zigeunerborsalino und geschminkten Mimenlippen, macht bereits als verwöhnt knurrender Pudel klar, dass er hier das Burgherrchen ist. Proteushaft packt er mindestens vier Rollen in seinen Teufel. Mal gibt er mit weibischer Gestik die cholerische Tunte, mal den tölpeligen Clown aus der Olsen-Bande, mal einen Schöngeist, der melancholisch am Lolli lutscht, und mal den charmanten Wahlkämpfer, bei dessen Höllenpartei alle ihr Kreuzchen machen. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
Eine eigentümliche Leichtigkeit liegt über diesem Abend, geschickt werden da die scharfen Klippen und unheimlichen Tiefen des Stücks umschifft.
Gert Voss als launig-durchtriebener Mephistopheles in Hochwasserhosen ist der willige Kapitän dieser Ausflugsfahrt in die deutsche Seele: Mit überbordender Spiellust gibt er den Pudel, lässt der Marthe Schwerdtlein – der großartigen Maria Happel – seinen schleimigen Charme angedeihen und führt Faust an im gemeinsamen Teufelspakt. Tobias Moretti, dem die Rolle des
Faust durchaus gut stünde, findet schwer in diese unbeschwerte Zugangsweise hinein und wirkt in den ersten Szenen seltsam hölzern. Da mag man sich nur wundern, was eine junge, kluge Frau wie das Gretchen – die über alle Maßen begabte Katharina Lorenz – an einem solchen Kerl findet.
Im Lauf des Abends verflüchtigen sich die Unsicherheiten, da gelingen Moretti schöne Momente, wenn er, wie in der Kerkerszene, Fausts Grauen an Gretchens Abwendung Ausdruck verleiht. Volker Hintermeiers von einem Lichtband umrahmtes Bühnenschwarz, in dem weiße Kuben die Schauplätze der einzelnen Szenen abgeben, unterstreicht die im Endeffekt zu glatte Gediegenheit dieses Faust-Unternehmens. Tosender Applaus. [...]
In der Tragödie zweiter Teil, der eigentlich unspielbaren Mischung, in der Goethe Altersweisheit, krude Ideengebäude, Visionäres und Mystisches vereinte, hantiert Hartmann mit dem Instrumentarium eines zeitgemäßen performativen Theaters.
Eine fabelhafte Truppe, angeführt von Caroline Peters, Joachim Meyerhoff, Dietmar König und Tilo Nest, rast durch Goethes Hirnwindungen: Die Perversionen der Geldwirtschaft, der künstliche Mensch, Streben nach Macht und Lust an Gewalt sind die Stationen, die von Livemusik und Videokameras eindrucksvoll begleitet werden. Ein eigenständiger Abend, den man als solchen nur würdigen kann. (Tiroler Tageszeitung – tt.com)
Und Voss, der wunderbarste Komödiant nicht nur des Wiener Burgtheaters, reißt sich die Larve des Mephisto wie einen Faschingsputz vor das Gesicht. Mit hängenden Mundwinkeln, vor einer Brecht-Gardine ("Himmel") stampfend gegen Gott den Herren aufbegehrend (Kirchner), mimt er den aasigen Clochard aus den Randbezirken der abendländischen Moraltradition. [...]
Das Gretchen von Neuzugang Katharina Lorenz ist eine selbstbewusste, junge Frau, die in Marthe Schwerdtleins (Maria Happel) Garten die Wäschestücke von den Leinen pflückt, anstatt die Blütenblätter abzuzupfen. Es mutet beinah skurril an, wenn sie in Liebe zu diesem ein wenig steifen, kaum zum Genuss fähigen Faust entbrennt. (Der Standard)
Eines kann man dem neuen Burg-Chef Matthias Hartmann nicht vorwerfen: dass er feige wäre. Sich zur Eröffnung des Hauses beide Teile von Goethes Klassiker „Faust“ vorzunehmen ist allein schon deshalb riskant, weil das Wiener Publikum den Stoff nur allzu gut kennt. [...]
Der zweite Teil wirkt optisch frischer. Mikros stehen herum, Videoleinwände sind gespannt, eine Liveband spielt entspannt auf: So sehen für gewöhnlich Settings für Nicolas-Stemann-Abende aus – Theater als groovendes, postdramatisches Zitate-Konzert. Hartmann verwendet die Videos ausgiebig, bewegt sich aber relativ wenig vom Text weg – sieht man von einem Exkurs über Hedgefonds ab.
„Faust II“ ist eine Art Best-of im Fast-forward-Modus: Faust erfindet das Papiergeld, verliebt sich in Helena, zeugt Euphorion, züchtet den Retortenmenschen und baut seinen Staudamm. Um schwierige Szenen wie die Walpurgisnacht hat sich Hartmann bereits im ersten Teil herumgemogelt. Erstaunlich altmodisch bleibt die Rolle des Faust auf einen Schauspieler festgelegt (Tilo Nest), während sich Joachim Meyerhoff und Caroline Peters die Mephisto-Parts teilen. (Profil)
Dafür bietet Hartmann einen imposanten Mephisto und ein durch und durch heutiges Gretchen auf. Gert Voss und Katharina Lorenz machen an diesem Abend einiges wett. Spitz streckt Voss seine Zunge durch die Finger, er ist genauso verschlagener Teufel wie verschmitzter Komödiant. Voss ist ein lustvoller Gaukler, der die Welt in die Tasche seiner zu kurz geratenen Hose steckt. Am Ende stirbt in Hartmanns Lesart das Gretchen durch seine Gewalt, ein Granitblock begräbt sie unter sich. Schliesslich war das Gretchen sein einzig wirklicher Gegner.
In Katharina Lorenz ist die Frau an Fausts Seite Mädel und Frau, schwach und stark, Gretchen und Margarete. In ihr hat Hartmann ein Wesen von heute gefunden. Dass er das ausgerechnet bei der klischeehaftesten aller Goethe-Figuren geschafft hat, zeigt die Möglichkeiten, die er verspielt hat. Gerade auch im zweiten Teil, in dem einige nicht ganz uninteressante Geschichten verborgen wären. Zum Beispiel die von der Erschaffung des Geldes. Doch Hartmann will den ganzen Faust geben. Der Regisseur als Enzyklopäde. Leider hat er sich und uns darüber vergessen. (Thurgauer Zeitung)
Direktor Hartmann eröffnete im Burgtheater seine erste Saison: Die Inszenierung von Goethes "Faust" war doppeldeutig; konventionell der erste Teil mit einem überragenden Mephisto Gert Voss, modisch flott der zweite Teil. [...]
Ein Crashkurs. Hartmann hat geschickt geklotzt. Erst gab er den Wienern einen recht konventionellen, dreieinhalbstündigen ersten Teil der Tragödie vom ewig strebenden Magier Faust, der mit dem Teufel einen Pakt eingeht und ein Mädchen zugrunde richtet. Dann wartete er für die Hardcore-Faust-Fans mit einem modischen zweiten Teil auf, der sich frei bei frechen Neuerern wie Castorf und Pollesch bedient: Pfeif auf den überfrachteten klassischen Text, diesen Crashkurs in antiker Mythologie und deutscher Aufklärung, wir wollen zwei Stunden lang bis gegen Mitternacht geile Bilder sehen und uns in freier Rede vom Kapitalismus, der Biogenetik und dem ganzen Wahnsinn der Moderne erzählen lassen.
Mithilfe aufwendiger Technik und vor allem mit vielen Spitzenkräften des Burgtheaters ist das Unternehmen dann doch ein akzeptables geworden; kein großer Abend, aber ein massiver. Der traut sich was, der Hartmann. [...]
Da gibt er aber alles, was er hat, und das ist reichlich viel. Er trägt zuweilen (Kostüme Johanna Lakner) knöchelkurze Hosen, seltsame Kopfbedeckungen, eine Jacke für Halbstarke, auf der „Magic“ steht. Er zaubert tatsächlich, besonders im Duett mit der köstlichen Maria Happel als Witwe Marthe. Auch die Chemie zwischen Voss und dem souveränen Ignaz Kirchner in Mehrfachrollen (Direktor, Herr, Geist, Hexe) stimmt.
Diese zauberhaften Momente, gediegene Leistungen von Franz J. Csencsits, Yohanna Schwertfeger, Simon Kirsch, Peter Matić, Hermann Scheidleder und Stefan Wieland sowie die Kraft der technischen Spielereien und ein geistlich gestimmter Chor überdecken geschickt, dass die Inszenierung seltsam beliebig ist. [...]
Acht starke Schauspieler und drei Musiker schaffen eine bizarre Atmosphäre für komplexe Texte, die an den Hof, ins Laboratorium, in zu bezwingende Natur und schließlich mit Tilo Nest als greisem Faust ans Grab führen. Dietmar König ist köstlich als Kasperlkaiser, der sich vergeblich müht, die Hochfinanz zu verstehen, Joachim Meyerhoff spielt neben vielen anderen Rollen auch Mephisto, und er kann es tatsächlich mit Voss aufnehmen.
Den hätte man gerne auch im ersten Teil gesehen, so wie die großartige Caroline Peters, die Mephisto, Helena und sieben andere Rollen gibt. Stark auch Schwertfeger, diesmal als Erzählerin und in zehn weiteren Parts. Peter Knaack, Simon Kirsch und Wieland bewähren sich in multiplen Aufgaben. Der Massen-Faust endet bunt und respektlos, also beinahe versöhnlich. (Die Presse)
Brillant sind in beiden „Faust“-Teilen die Leistungen einiger Schauspieler. Gert Voss als Mephisto in „Faust I“ zieht präzise alle Register seines komödiantischen Könnens, vom hechelnden und jaulenden Pudel bis hin zu tänzelnden, „Donau so blau“ singenden Verführer. (Allerdings musste Gert Voss die Vorstellung am Sonntag wegen Krankheit absagen; im Betriebsbüro des Burgtheaters wurde den SN mitgeteilt, es sei davon auszugehen, dass die nächste Aufführung am 11. September mit ihm gespielt werde.)
Katharina Lorenz zeigt ein schillerndes, sexuell erwachendes Gretchen: wahrhaftig wie lügend, tiefgläubig wie aufreizend erotisch, schließlich im Kerker mit hohem Mut und tiefster Verzweiflung. Dietmar König spielt einen devoten, dezent verklemmten Wagner. Ignaz Kirchner schlüpft virtuos in mehrere Rollen, zum Beispiel beweist er als Theaterdirektor, dass das Gespür für Quote mit intellektuell hohem Niveau vereinbar ist. In „Faust II“ beeindrucken vor allem Caroline Peters (die unter anderem die Helena spielt) und Joachim Meyerhoff, wenn er zum Beispiel als Mephisto lüsternd auf die Seele des sterbenden Faust (Tilo Nest) lauert.
Tobias Moretti in der Titelrolle von „Faust I“ vermag gut verständlich und mit sonorer, kräftiger Stimme den Text zu deklamieren, doch fehlt es an Differenzierung seiner Rolle. Er bleibt dreieinhalb Stunden lang ein jammernder oder ein wütender, zum Pathos neigender Oberlehrer, der dem wendigen Mephisto hinterherläuft. (Salzburger Nachrichten)
Katharina Lorenz - neben Thilo Nest, der im zweiten Teil den Faust gibt, die einzige neue Schauspielerin im "Faust"-Ensemble - ist dagegen eine Sensation. Wahrscheinlich ist das die zugleich zeitgemäßeste und textnaheste Interpretation des Gretchens seit langem. Diese auch mit zerzaustem Haar schöne, etwas hölzerne Frau hat ein modernes weibliches Selbstbewusstsein. Selbst ihr Eifer für die Religion wirkt ganz zeitgemäß. Die weiß, was sie tut. Sie bandelt mit Faust an, wie er mit ihr. Sie weiß, dass sein Trick mit dem Schmuck allzu billig ist - und wehrt sich trotzdem nicht gegen ihn. Sie ist verführbar aus Einsicht.
Und sie behält gerade dadurch einen Bereich ihres Inneren, der nur der ihre ist, unerreichbar, unangetastet und unbefleckt von Faust und Mephisto. Sie ist die Mitte, die Faust so fehlt. Sie ist schwach, aber warum auch nicht. [...]
In der Mitte der Veranstaltung, ganz für sich , tänzelt Gert Voss als Mephisto um sich selbst. Voss, im komödiantischen Fach begnadet, erfreut sich mit seinen ausgestellten Hosen an dem Clown, der er ist, mit Sonnenbrille am alternden Gigolo und überhaupt am Strizzi, den er uns gibt. Da spielt ein Mann mit sich selbst, sozusagen ohne Faust und "Faust", resp. Hand und Pferdefuß. Er ist sich sein bestes Material. (Frankfurter Rundschau)
Es fängt gar nicht übel an, mit dem "Vorspiel auf dem Theater". Der Dichter ist, kein Wunder, Mephisto alias Gert Voss. Hübsch, wie er in empörter Eitelkeit seine Mähne zurückwirft, beleidigt ob der Zumutungen der Realität an den Poeten durch die Reihen abgeht und lautstark vor sich hin flucht: "Stadttheater! Scheißtheater! Burgtheater!" (Die Welt)
Hartmann macht das in Wahrheit wohl unspielbare Riesenwerk so klein, dass es seinen Schrecken verliert. Man weiß zwar am Ende wieder nicht recht, warum Hartmann das unbedingt inszenieren wollte; anders als der erste Teil aber hat der zweite wenigstens Form, Charme und manchmal sogar Witz. (Der Falter)

















