William Shakespeare
‹Antonius und Cleopatra›
44 v. Chr. an den Iden des März wird Julius Cäsar im Senat ermordet. Octavius, Marcus Antonius und Lepidus kommen als 2. Triumvirat an die Macht in Rom und prägen zehn Jahre römischer Geschichte, die mit dem Untergang des vielleicht berühmtesten Liebespaares der Antike und der Alleinherrschaft von Octavius als Kaiser Augustus endet. Antonius, der als fähigster Feldherr Roms gilt, ist in Alexandria der ägyptischen Königin Cleopatra verfallen.
Zwischen ihm und Octavius, der Antonius die Vernachlässigung seiner politischen Pflichten vorwirft, entspinnt sich ein Machtkampf, den Shakespeare als Konfrontation der kulturellen Gegensätze zwischen Rom und Ägypten, zwischen Orient und Okzident, erzählt. In der Schlacht bei Actium wird Antonius, der die Schlacht gegen den Rat seiner Anhänger, aber aus Rücksicht auf Cleopatra zur See und nicht auf Land führt, von Octavius geschlagen. Als Octavius dem fliehenden Antonius nach Alexandria folgt und ihm dort die zweite entscheidende Niederlage beifügt, begehen erst Antonius und dann Cleopatra, in der ägyptischen Variante durch den Biss einer Giftschlange, Selbstmord. Das große Historiendrama endet als Liebestragödie zweier Stars der Antike.
Antonius
Wolfram Koch
Julius Cäsar/Octavius Cäsar
Alexander Scheer
Lepidus
Marcus Kiepe
Pompejus
Peter Knaack
Enobarbus
Oliver Masucci
Eros
Simon Kirsch
Mecänas
Michael Masula
Agrippa
Johannes Krisch
Dollabella
Bernd Birkhahn
Alexas/Diomedes, Diener der Cleopatra
Stefan Wieland
Menas
Dirk Nocker
Menecrates
Moritz Vierboom
Bote
Sven Dolinski
Wahrsager
Hermann Scheidleder
Cleopatra
Catrin Striebeck
Octavia
Petra Morzé
Charmion
Alexandra Henkel
Iras
Mareike Sedl
Regie: Stefan Pucher
Bühnenbild: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Marcel Blatti
Video: Chris Kondek
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Stefan Pucher ist der letzte echte Pop-Begeisterte unter den Regisseuren in der ersten Liga des deutschsprachigen Theaters. Er hat sich von der Kostümbildnerin Annabelle Witt mal wieder so traumhaft schöne Schwulen-Leibchen und Silberstiefel, Paillettenkleider und goldene Büstenhalter zusammentragen lassen, dass man schon wegen dieser tollen Kleider fröhlich "Aaah!" und "Uiii!" schreien möchte, wenn seine Helden auf den Brettern des Burgtheaters Einzug halten.
Noch bezaubernder ausstaffiert sind die prachtvollen Triumphwägen, die hier einer nach dem anderen vorn an die Rampe zuckeln, um uns mit der ganzen Rasselbande um Antonius und Cleopatra und ihren Widerstreiter Octavian bekanntzumachen. Allesamt fahren sie im grandios Kitsch-seligen Bühnenbild von Barbara Ehnes auf phantastischen Love-Parade-Gefährten ein. Auf einem sieht man zum Beispiel zwei blau leuchtende, monströse Seepferchen. Auf einem anderen zwei majestätische Elefanten, zwischen denen Cleopatra später Hof halten wird. Der allererste Liebeswagen aber ist ein fahrbarer Whirlpool aus Glas, in dem Antonius und Cleopatra, unser auch nach mindestens zehnjähriger Affäre immer noch total ineinander vernarrtes Heldenpaar, ihre halbnackten Körper in einer großen Ladung Badeschaum aneinanderreiben. [...]
In Wien macht Pucher aus diesem finsteren, mit dem ebenso blutigen "Macbeth" verwandten Stoff eine melodramatische Hommage an "Lawrence von Arabien" und andere orientbegeisterte Schmachtfetzen. Seine Cleopatra ist Catrin Striebeck, die einen schönen Körper, eine famose Nase und ein wunderbar schrilles Brüllorgan besitzt - überhaupt spielt sie, als sei sie "Asterix und Cleopatra" entsprungen. Den Antonius spielt Wolfram Koch als graubärtigen, verlebten Altplayboy, der ausstaffiert ist als Doppelgänger des libyschen Diktators Gaddafi und sich offenbar nicht bloß die Lust zum Kriegführen aus dem Hirn gevögelt hat, sondern auch seinen Charme: "Du warst doch schon halb vergammelt, als ich dich aufgelesen hab", raunzt er Cleopatra an. Sie aber lässt ihn cool abtropfen: "Ich bitte dich, bausch deinen Abgang nicht so auf."
Wir sehen also einem alternden Liebespaar zu, das sich zofft und doch unrettbar aneinander klebt. Dagegen stellt Pucher die irre One-Man-Show des Octavian, der nur sich selber liebt - und deshalb gewinnt. Octavian darf sich Cäsar nennen, und Alexander Scheer zeigt, was man so landläufig unter Cäsarenwahn versteht. Er tänzelt und feixt, leckt die Lippen und schmollt, er wütet und stampft mit seinen Silberstiefeln auf wie ein römischer Rumpelstilz.
Zwei Stunden hat diese Comicversion von "Antonius und Cleopatra" einen schönen Schwung, wenn es jedoch nach der Pause auf einem Segelboot mit Leuchtglobus in die Schlacht und dann ans Sterben geht, gerät Pucher etwas außer Puste. Dafür bricht am Ende wütendes Buhgeschrei im Premierenpublikum los, als sich der Regisseur und seine beiden Glamour-Fachfrauen für Bühne und Kostüme am Ende verneigen. Diese ungnädige Reaktion ist noch ein bisschen ungerechter als der Aufstieg des irren Octavian auf den Alleinherrscherthron in Rom. Denn Stefan Puchers Wiener Shakespeare-Arbeit ist ein wunderbar schillernder, schlauer Spaß in einer bisher weit und breit praktisch völlig humorlosen Theatersaison. Die spinnen, die Wiener! (Spiegel online)
Aber Shakespeares Römertragödie macht es einer Inszenierung nicht ganz so einfach. Bis zum letzten Akt wechseln die zahlreichen, kurzen Szenen zwischen Schauplätzen rund ums Mittelmeer und bis weit hinein nach Kleinasien in atemberaubender Schnelle. Dem versucht der Regisseur Stefan Pucher durch einen ziemlich gewagten und durchaus nicht uncharmanten Schachzug Rechnung zu tragen. Beinahe alles spielt sich an diesem Abend im Wiener Burgtheater auf Bühnenwägelchen ab. Ob das lüsterne Paar, nur von Schaum bedeckt, gleich zu Beginn in einer gläsernen Wanne hereingerollt wird, ob die Schlange vom Nil, wie Mark Anton die Königin durchaus liebevoll nennt, auf einem Prunkthron (inklusive Elefanten) Botschaften empfängt oder ob die drei Herrscher der Welt — Octavian, Mark Anton und Aemilius Lepidus — mit dem Gegenspieler Sextus Pompeius an Bord einer Barkasse Frieden schließen: als Boote getarnte Karnevalskarren tragen die Akteure an die Rampe. [...]
Auch die Kostüme von Annabelle Witt sind eine Pracht, zumindest für die drei ägyptischen Damen. Goldene und vielfarbigch.angierende Roben für die Königin, raffinierte je ganz weiße und schwarze Kreationen für ihre Dienerinnen Iras und Charmion. Oft sind sie auch nur in filigrane Drähte gehüllt, die gerade noch die Blößen bedecken. Die Herren dagegen tragen samt und sonders Rocker-Lederhosen, Octavian zum Beispiel darüber eine halbe Toga und einen güldenen Lorbeerkranz, Antonius hingegen eine Phantasieuniformjacke, Marke Konteradmiral — hie Weichling, da Kampfmaschine. Die Nebenrollen wir; ken meist wie ein Gothic-Metal-Ensemble, Vollkörpertätowierung eingeschlossen. [...]
Catrin Striebeck macht der Regie doch beinahe einen Strich durch die Rechnung, denn ihre Kleopatra erlebt direkt eine Wandlung. Ihre Geilheit gilt ihrem römischen Buhlen, die Liebe aber ihrem Königtum. Die Geilheit erlischt zusehends, und doch kann sie sich von Antonius nicht lösen. In ihren Zügen ist der Moment des Bruchs deutlich zu lesen. Im letzten Akt rafft sie sich noch auf, stirbt in Würde, und wir glauben ihr das — auch ohne Schlangen. Diese heroische Tat einer schauspielerischen Einzelkämpferin kann das Ruder des sinkenden Inszenierungsschiffes allerdings nicht mehr herumreißen, beschert aber zwei, drei schöne Momente, die den Abend vor der allzu leichtfertigen Verdammung schützen und die zahllosen Buhrufe ein bisschen unfair scheinen lassen. (FAZ)
Pucher hat viel Aufwand getrieben in dieser monumentalen Römershow, und darüber die Tragödie vergessen. Vor dem Fiasko wurde diese Rampensaurevue dadurch gerettet, dass dem Burgtheater grandiose Schauspieler zur Verfügung stehen, die nicht nur in der Übertreibung, sondern auch in der Zurückhaltung blühen; die grandiose Morzé (die Kollegen über Unsicherheiten hinweghilft) und das laszive Duo Henkel und Sedl gehören dazu, aber auch Oliver Masucci in einer wohldosierten Darbietung von Marcus Antonius klügstem Gefolgsmann Enobarbus. Sehenswerte Typen spielen auch Peter Knaack (Pompeius), Michael Masula (Maecenas) und Johannes Krisch (Agrippa). Die Gesamtleistung des Ensembles hat also diese zur totalen Fadesse tendierende Aufführung vor dem Selbstmord durch Maßlosigkeit bewahrt. (Die Presse)
























