Julian Crouch, Martyn Jacques, Phelim Mc Dermott
‹Struwwelpeter›
Birgit Minichmayr singt und rockt den Struwwelpeter. Mitte des 19. Jahrhunderts erzählte ein Psychiater namens Heinrich Hoffmann in seinem berühmten Kinderbuch drastisch, was mit missratenen Kindern geschieht, die ihre Haare nicht kämmen, ihre Suppe nicht essen, ständig Daumen lutschen oder am Tisch kippeln.
Die englischen Künstler McDermott, Crouch und Jacques haben daraus eine Horror-Music-Show gemacht, über schwer erziehbare Kinder und Eltern am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mit Live-Band, Videos und der hinreißenden Birgit Minichmayr hat Stefan Pucher ein Konzert inszeniert, das mit den Schrecknissen, Grausamkeiten, Träumen und Gelüsten der Kindheit spielt und vor allem erahnen lässt, wie gefährlich es ist, ein Kind zu sein.
Hörbeispiele
Die Lieder sind in voller Länge auf CD als Beilage des Programmhefts erhältlich.
Birgit Minichmayr (Gesang), Lieven Brunckhorst (Keyboards), Martin Engelbach (Schlagzeug), Uwe Frenzel (Bass), Marco Schmedtje (Gitarre)
Sängerin / Schauspielerin
Birgit Minichmayr
Mutter
Petra Morzé
Vater
Michael Masula
Theaterdirektor
Jacques Palminger
Musiker
Lieven Brunckhorst
Martin Engelbach
Uwe Frenzel
Marco Schmedtje
Regie: Stefan Pucher
Musikalische Leitung: Lieven Brunckhorst
Bühnenbild: Stéphane Laimé
Kostüme: Marysol del Castillo
Video: Meika Dresenkamp
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
"Daumenlutscher"
"Flieger Robert"
"Hanns Guck-in-die-Luft"
Februar
Mittwoch, 24.02.2010 | 20.00 UhrBurgtheaterKarten
[…] Auftritt der Monster: Der intime Unglückshort wird von Zappelphilipp, Hans-Guck-in-die Luft und Suppenkaspar beehrt. Das Ergebnis: Eine knapp zweistündige, überaus gelungene, enorm verdichtete Bühnen-Installation rund um den Tatort Familie.
Die Bankrotterklärung des familiären Zusammenhalts, souverän von Regisseur Stefan Pucher in Szene gesetzt, gleicht eher einem Konzert als einem klassischen Theaterabend. Flankiert von einer vierköpfigen Band (Lieven Brunckhorst, Martin Engelbach, Uwe Frenzel und Marco Schmedtje) präsentiert Birgit Minichmayr in wechselnden Kostümen die vertonten Geschichten von den bösen Buben und wilden Mädchen. Dass sich ihre rauchig-kratzige Stimme bestens für musikalische Interpretationen dieser Art eignet, hat die Schauspielerin mehrfach bewiesen – zuletzt mit der "Dreigroschenoper" in Berlin.
Bei Pucher werden die musikalischen Darbietungen der Akteurin nun zur tragenden Säule des Abends – und Minichmayr, die an diesem Abend ausschließlich singt, schultert die Aufgabe mit Grandezza. Vor allem ihr "Flieg, Robert, flieg", das von einem Jungen handelt, der mit seinem Regenschirm vom Wind fortgetragen wird, weil er trotz Verbots bei Sturm aus dem Haus geht, besitzt Gänsehautqualität; glänzend dargebracht auch das Lied von Konrad, dem die Daumen abgeschnitten werden, weil er heimlich daran lutscht. [Wiener Zeitung]
In Stefan Puchers sehr freier Version dieses Kinderbuch-Klassikers, die am Mittwoch im Burgthater Premiere hatte, steht das Konzept Familie auf dem Prüfstand. Und es schneidet schlecht ab: Die Eltern sind genauso überfordert wie ihre Kinder. Die Leistungsgesellschaft macht weder vor Jung noch Alt halt. „Du bist süß, aber das reicht leider nicht“, sagt der Hamburger Conférencier Jacques Palminger zu einem kleinen Mädchen in Schuluniform und versenkt sie in den Boden. […]
Zu den tollsten Szenen des Abends gehört, wenn Petra Morzé vorn an der Rampe verzweifelt: „Ich stehe hilflos vor diesem Monster Kind", klagt sie. Später sieht man denselben Text staubtrocken als dokumentarisches Video. Dann prallen Theater und Realität knallhart aufeinander. […]
Das größte Kompliment hat Stefan Pucher seiner Hauptdarstellerin schon im Vorfeld gemacht: Sie singe nicht wie eine Schauspielerin. In der Tat, da ist nichts Gemachtes, irgendwie nimmt sich Birgit Minichmayr im Spiel sehr zurück, vertraut allein auf ihre rauchige Stimme. Das beeindruckt vor allem bei den Balladen wie dem herzergreifenden „Fliegenden Robert", der einzigen Geschichte, die ziemlich positiv ist, und deshalb wohl romantisch am Schluss der Aufführung steht.
Vielleicht ist die Musik über lange Strecken ein wenig zu monoton rockig, sie könnte raffinierter sein. Aber es ist ein lässiger, fetziger Abend voll bösem Witz. Und irgendwie auch ziemlich anrührend. [Salzburger Nachrichten]
Im Zentrum der gefinkelt verkleinerten Bühne von Stephane Laime, der die Reihe der Logen samt Kristalllustern einfach weiterzieht, steht die vierköpfige Band unter der Leitung von Lieven Brunckhorst (an den Keyboards). Und immer wieder tritt Birgit Minichmayr in einem neuen, wiederum chicen Kostüm (Ausstattung: Marysol del Castillo) auf: Sie brilliert von der ersten Nummer an - als Chansonette wie als Peitsche schwingende Rocklady. Den Zappel-Philipp-Song rappt sie beinahe und zum Schluss fliegt man mit ihr ganz sentimental zum Mond […]. [Der Standard]
Die bitterbösen Verse des deutschen Arztes Hoffmann, der sie 1844 zur Belehrung und Unterhaltung seines kleinen Sohnes verfasste, erhalten wegen der leichten Verfremdung des Textes durch die britischen Künstler und durch Minichmayrs Interpretation noch einen Schuss Melancholie, bereits beim beschaulich rockigen Beginn mit Lieven Brunkchorst an den Keyboards, Martin Engelbach am Schlagzeug, Uwe Frenzel am Bass und Marco Schmedtje an der Gitarre. Auf dem Videoschirm wird in Kreisbewegung ein verwahrlostes Loft gezeigt. Darin befindet sich (jeder, der das Buch als Kind gelesen hat, erkennt es sofort) der Esstisch der Familie des Suppenkaspars. Der kontrastiert so wie ein biedermeierliches Landschaftsbild mit dem abgewohnten Raum der Gegenwart.
Nun betritt ein Conférencier die Bühne; Jacques Palminger spielt auf einem Kinderxylofon eine einfache Melodie, die Band stimmt mit ein, und schon ist sie da, die Story von den angeblich schlimmen Kindern und den tatsächlich viel böseren Erwachsenen. Petra Morzé und Michael Masula spielen ausgewachsene Prachtexemplare, zwei auf der Couch sitzende Karrieristen, die sich in Werbesprache ergehen, in Kontaktanzeigentexten, ein bisschen Sex haben. […]
Zwanglose Übergänge besorgt der geschwätzige Entertainer: „Kinder sind belastbarer, als man denkt." Oder sind Kinder doch so sensibel wie Minichmayrs Gesang? Die Burgschauspielerin, die schon einmal einen Ausflug in den Pop machte, als sie mit den Toten Hosen sang, hat eine tolle Stimme, sie zeigt erstaunliche Wandlungsfähigkeit, vor allem in Outfit (Kostüme: Marysol del Castillo) und Frisur. Dieser „Struwwelpeter" ist unterhaltsam, aber er will uns auch lehren, bessere Erwachsene zu sein. [Die Presse]






















