Burgtheater

Wille Burg Wahn Erb Welt Gut

Ferdinand Bruckner
‹Krankheit der Jugend›

Junge Burg

Entweder – Oder. Entweder verbürgerlichen oder Selbstmord begehen, das ist eine der zentralen Fragen in „Krankheit der Jugend“.

Eine Wohngemeinschaft mit sechs Medizinstudenten, alle mit einem vermeintlich großen Ziel; sechs Biographien auf der Suche nach Werten, nach Erfolg, Karriere, Sex und Liebe. Doch im Alltag des Zusammenlebens in ihrer Wohngemeinschaft enthüllen sich nach und nach menschliche Abgründe. Die Selbstfindungssuche mutiert zum Kampf gegen sich und die anderen. Rücksichtslos wird mit der Psyche der Mitstreiter experimentiert, die Suche nach Liebe und Partnerschaft verkommt zu einem Spiel gegenseitiger Zerstörung und Erniedrigung. Das Leben selbst wird zu einer Versuchsanordnung.
Entweder – Oder. Entweder das Herz wird zu Stein, oder es zerbricht.

Eines hat die Jugend aus dem Jahr 1926, in dem das Stück uraufgeführt wurde, mit der Jugend von heute gemeinsam: Sie ist, wie sie ist – und vor allem ist sie ein Kind ihrer Zeit, ein Produkt der Erziehung ihrer Eltern, der Vorbilder, die die Gesellschaft ihr geliefert hat.

Regie: Peter Raffalt

Bühnenbild: Vincent Mesnaritsch

Musik: Julia Klomfass

Die Panik also, von der sieben junge Leute in einer Wohngemeinschaft anno 1923 befallen sind, verlangt heute nach einer deutlich gemachten Grundlage. So ganz klar ist Regisseur Peter Raffalt diese aber nicht. Zu sagen, es gäbe keine andere Option als entweder Verbürgerlichung oder Selbstmord, ist heute eher pathetische Koketterie.
Peter Raffalt löst das Problem mit einer Riege großartiger Jungdarsteller (aus dem neuen Praxisjahr "Junge Burg" ): Er leitet sie zu überaus expressionistischen Darstellungen an, um ganz einfach All-time-Orientierungsproblemen einer wo und wann auch immer jungen Generation Nachdruck zu verleihen.
Da ist die Zentralfigur Marie (leuchtend: Viola Novak), eine standhafte junge Frau, die einer wirtschaftlich und moralisch verrotteten Gesellschaft eine Perspektive abzuringen versucht. Mit sinnbildlich aufgekrempelten Ärmeln hat sie sich - auf dem mit Vertiefungen versehenen mittig stehenden Bühnenpodest im Vestibül (Bühne und Kostüme: Vincent Mesnaritsch) - ein kleines Nest gebaut. Sie hat frisch in Medizin promoviert und nebenher sinnlos ins private Glück investiert: Ihr Angehimmelter, der miese Poet Petrell (Marco Sykora), stellt lieber der Irene (Barbara Juch) nach.
Und damit bei diesen Selbstversuchen an eigen Leib und Leben auch alles schiefgeht, intrigiert der machtbewusste Freder (Simon Harlan), ein anstandsloser Dandy und Veronal-Dealer, hinterher. Die heißblütigen Manöver dieser Jugend fährt der Regisseur jeweils mit demonstrativer Physis hoch und löscht sie danach mit (von Jakob Ehrlich) wunderschön gesungenem, melancholischem Liedgut ab (Musik: Julia Klomfaß).
Am Ende ist der Kampf verlustreich verloren: Die verlassene Mitbewohnerin Desiree (toll: Alice Peterhans) wird sich umgebracht haben, das Hausmädchen Lucy (Sarah Scharl) landet am Strich. Marie erfleht für sich den Tod.
Das bleibt in dieser Inszenierung alles mordsdick aufgetragen. Einzig den pulsierenden Schauspielern glaubt man das gern. Die Burgtheater-"Spieltriebe" haben somit ihre würdigen Nachfolger. (Der Standard)

Raffalt und seine jungen Schauspieler holen den Text geschickt ins Heute und brechen den Pathos durch (sehr gute) Musikeinlagen. Als studentische Wohngemeinschaft zwischen karrieristischer Anpassung, wissenschaftlichem Sadismus, streberhafter Experimentierlust bis hin zu Prostitution und hysterischer Todessehnsucht gefallen Viola Novak, Alice Peterhans, Barbara Juch, Simon Harlan, Marco Sykora, Jakob Ehrlich und Sarah Scharl außerordentlich gut. (Kurier)

Die neue Plattform „Junge Burg!“ des Burgtheaters ist österreichweit einzigartig: Das erste Ergebnis der Jugendarbeit gab es nun im Vestibül zu sehen [...]: Das in durchaus professioneller Weise, wenn auch Bühnensprache gelernt sein will und in Sachen Mimik und Gestik oft weniger mehr ist. Dennoch: ein spannender und durchaus gelungener Theaterabend, bei dem sieben junge Leute mit viel Engagement, Enthusiasmus und musikalischem Talent zu überzeugen wissen. [...]
Regisseur Peter Raffalt erarbeitete mit seinem Ensemble das Drama im studentischen Milieu auf einer Plattform (Bühne: Vincent Mesnaritsch) in der Mitte des Vestibüls: Man sitzt also ganz nah am zeitlosen Leiden der verlassenen Marie (Viola Novak), an der Einsamkeit von Desiree (Alice Peterhans), an der Hilflosigkeit von Irene (Barbara Juch) und an der Naivität von Lucy (Sarah Scharl). Interessant, wie die Mädchen das Spiel von Annäherung und Abstoßung, das Kampfspiel um die Gunst der Jungen Freder (Simon Harlan), Petrell (Marco Sykora) und Alt (Jakob Ehrlich) umsetzten: Raffalts Erfahrung als Theatermacher und die ungezwungene Art der Jugendlichen prallen da nicht aufeinander, sondern ergänzen einander in lockerer Art zu konkreter Form. (Kronen Zeitung)

Musikalische Intermezzi der Schauspieler nehmen den Textbrocken die Schwere. Vor allem aber erlaubt Raffalt ihnen, sich auf der Bühne auszutoben. Sie wollen nicht Vergangenes sezieren, sie wollen nur spielen, am liebsten sich selbst. Und sie haben recht: Nicht Verbürgerlichung oder Verweigerung ist die Gabelung, vor der die Generation Praktikum steht. Was sie plagt, ist die banal-fatale Sinnkrise, wenn trotz Anpassung bis zur Selbstverleugnung kein fairer Job winkt. [...]
Viola Novak skizziert ihre Marie als Stalkerin, die wild um sich schlägt, wenn ihr Beziehungs-Biedermeier bröckelt. Simon Harlan dominiert als genitalgesteuerter Freder: Den dämonischen Machtmann reduziert er zum selbstironischen Alphatierchen. Das Dienstmädchen Lucy (zuweilen holprig: Sarah Scharl) ist ihm kaum hörig. Sie stiehlt und prostituiert sich, weil diese Clique eben alle Varianten durchspielt, ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Irene (Barbara Juch) optimiert auch ihr Liebesleben nach der Karriereformel. Eilig erliegt sie dem Werben Petrells (Marco Sykora mit weicher Schale und hartem Kern). Da steht Alt, Frauenversteher und sanfter Moralverkünder, auf verlorenem Posten, zumal ihn Jakob Ehrlich etwas blass zeichnet.
Auch die lesbische Liebe, die Alice Peterhans als labile Desiree propagiert, bleibt eine kalkulierte Episode, verhindert nicht die Karambolage auf der Kreuzung der Lebenswege. Desiree nimmt Veronal, die Krankheit der Jugend verläuft tödlich. Die „Junge Burg“ aber entlarvt Bruckners Befund als Hypochondrie. Am Ende entsteigt Desiree dem Totenbett und teilt sich mit den Kommilitonen die Pizza.
Die Tragödie war also eine Groteske. Aber die Gefühle, aus denen sich diese speist, sind echt. Junge Herzen pumpern immer noch gefährlich heftig. (Die Presse)

Rund um die starken Gegenpole, den zynischen Freder (Simon Harlan) und die großmütige Marie (Viola Novak) flirren die kühle Irene (Barbara Juch), die Marie ihren Jungliteraten Bubi (Marco Sykora) ausspannt, die lebenssatte Desiree (Alice Peterhans), der gescheiterte Mediziner Alt (Jakob Ehrlich) und die schlussendlich in der Prostitution landende naive Lucy (Sarah Scharl).
Regisseur Peter Raffalt hat mit seinen Schützlingen ein klassisches Konzept erarbeitet, ohne große Schnörkel bleibt man eng am Originaltext, transponiert das Ganze nur in Bühne und Kostümen (Vincent Mesnaritsch) ins Heute, was aufgrund der schon erwähnten Gegenwärtigkeit des Stücks problemlos gelingt. Die jungen (Laien-!)Darsteller, allen voran beeindruckt Viola Novak mit großer Wandlungsfähigkeit, sind mit sichtlicher Begeisterung und großer Konzentration bei der Sache und bieten dem begeisterten Premierenpublikum einen schönen, berührenden und alles in allem runden Theaterabend. (Tiroler Tageszeitung)

Die junge Burg ist eine kleine Burg. Am Samstag debütierte sie im Vestibül mit Ferdinand Bruckners "Krankheit der Jugend" auf einem vier mal sechs Meter großen Podium. Viola Novak, Alice Peterhans, Barbara Juch, Sarah Scharl sowie Simon Harlan, Marco Sykora, Jakob Ehrlich verdienten sich ihren reichen freundschaftlichen Applaus nicht auf leichtem Weg. Denn auf einer solchen Raumbühne stellt man sich vor den rundum sitzenden Zuschauern schutzlos bloß, wie in einer Gruppentherapie. (Wiener Zeitung)

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