Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Birgit Minichmayr (Helena), Johann Adam Oest (Theoklymenos) - (c) Ruth Walz

Euripides, Peter Handke
‹Helena›

wegen Voraufführung

Vom Altgriechischen ins Deutsche übertragen von Peter Handke

An den Haaren hat Menelaos nach der zehnjährigen Schlacht um Troja seine ungetreue Ehefrau Helena aus der zerstörten Festung auf sein Schiff geschleift. War sie doch der Grund für den Tod zahlloser Helden auf beiden Seiten. Aber auch die Heimfahrt brachte neues Elend. Die Winde warfen sie von Küste zu Küste, bis das Schiff schließlich vor der ägyptischen Insel Pharos zerschellte und Menelaos, Helena und einen Rest der Mannschaft an Land spülte. Er versteckte alle in einer Höhle und machte sich auf die Suche nach Hilfe.

Da trifft er auf eine Frau, die aussieht wie Helena und auch behauptet, es zu sein. Nur ein Abbild von ihr sei von den Göttern nach Troja geschickt worden. Sie sei schuldlos am Krieg. Menelaos kann und will es nicht glauben: er und seine Mitstreiter sollen zehn Jahre um ein Schemen gekämpft haben!? Und doch ähnelt die Fremde seiner Frau bis aufs Haar, Menelaos gerät in höchste Verwirrung, bis ein Matrose ihm berichtet, die Helena in der Höhle habe sich in Luft aufgelöst. Das Ehepaar fällt sich in die Arme und sieht sich vor einem neuen Problem: Der Herrscher der Insel ist leidenschaftlich für Helena entbrannt. Wieder droht ihre Schönheit ihr zum Verhängnis zu werden. Da entwirft sie einen Plan, der sie doch nicht ganz so schuldlos erscheinen lässt, wie sie gern gesehen werden möchte ...

Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen

Regie: Luc Bondy

Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann

Kostüme: Milena Canonero

Dramaturgie: Dieter Sturm, Wolfgang Wiens

Mitarbeit: Katrin Hiller

So wurde Helena zum Spielball. Der Götter. Ein kleiner, ohnmächtiger Frauenmensch als Preispokal, hin und her geschubst auf dem Schachbrett der Höhermächtigen. Nach deren Laune zertrennt, zerspielt, manipuliert. [...]
Und als unendlich lebenslang genervtes, sanft rotziges, aber penetrant trotziges Aufbegehren gegen solch höhere Lenkung und Leitung spielt die Schauspielerin Birgit Minichmayr die unterdrückte, mühsam an der resignierten Tobsuchtsgrenze gebändigte Lebenswut dieser jungen Frau, die sich fragt: Wer bin ich denn nun - ich oder ich? Bin ich hier wirklicher, wo ich nichts bewirke außer Warten? Oder in Troja, wo mein Nicht-Ich alles bewirkt, was schrecklich ist? Die Schauspielerin, der man zutrauen würde, jeden Gott, der sie irgendwohin entführen wollte, mit ein paar kehlig verschluckten Aggressionslauten, über alle Stimmbandreibeisen geschleift, in die Flucht zu schlagen, hat hier ihre Figur nur erst einmal geparkt. Man wird noch sehen, was man an ihr hat.
Es ist eine Situation zwischen Antiken-Operette - man vermeint dazu Jacques Offenbach in spritzigstem Weh-Moll zu hören - und Antiken-Moderne. Zwischen Komödie und Schizo-Tragödie: Eine Person taucht zum ersten Mal in der Dramatik als Zweiheit auf. Als Maske, von der das Gesicht abgegangen ist. Dass „Helena“ antike Gewänder trägt, sollte nicht hindern, sie als eine von uns zu betrachten. Schließlich ist auf dem Theater nichts leichter als eine Umkostümierung. Dass sie nicht häufiger gespielt wird, kann nur mit der Haupttodsünde der Dramaturgen, der Trägheit, erklärt werden. Nicht umsonst hat Euripides, der modernste und kühnste und frauenverständigste der antiken Dramatiker, diesen Gegenentwurf der ägyptischen Helena zum trojanischen Vorwurf 412 vor Christus gewagt, als Athen einen blutigen, vernichtenden, sinnlosen Krieg auf Sizilien verloren hatte, Anfang vom Ende der attischen Herrlichkeit.
Dazu ist „Helena“ sozusagen das bittergiftige tragödische Satyrspiel. Luc Bondy hat im Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann den Krieg nicht unterschlagen und einen Branko Samarovski als hinkenden, griechischen Versehrten-Boten an zwei Krücken zynisch sich durch die Szene schleppen lassen, das Satyrspiel aber in das Terrain verlegt, das er beherrscht wie kein Zweiter: die Begehrensgegend zwischen Seelen und Körpern. Die göttliche Sphäre der Manipulation und Blendung ist mittels einer langen magisch glühenden Lichtschnur präsent, die vom Olymp des Burgtheaterzuschauerraums bis in den Bühnenhintergrund gespannt ist.
Die Bühne selbst ist leer und weit, hinten rechts ein Boot, mit dem der aus dem Trojanischen Krieg heimkehrende Menelaos, der die verhasste ehebrecherische Phantom-Helena von dort mit sich führt, auf Pharos gestrandet ist und hier jetzt der wahren Helena begegnet, die ihm treu war über siebzehn Jahr', vom alten Pharos-König behütet und beschützt, nach dessen Tod vom brutalen griechenhasserischen Königssohn Theoklymenos begehrt. Helena - nicht nur die Frau zwischen Zank-Göttern, auch noch die Frau zwischen Männern. Birgit Minichmayr schnaubt diese Zumutungen der Helena zuweilen weg wie eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
Linker Hand ein hoher Bücherregalturm, davor ein halbes Dutzend Bibliothekspulte mit Leselampen, an denen der Chor kurzröckiger schnippischer College-Girls die uralte, aber seltsame Geschichte ausgräbt, kommentiert, belacht, bekichert, bekakelt, sich intrigierend auch ins Spiel mischt, von Theoklymenos schenkelsuchend begrapscht, der in schwarzer Judokämpferkluft mit Sonnenbrille, Klatschnasshaar und Kalaschnikow den fremdenfresserischen Minidiktator einer Bananenrepublikinsel gibt, aber für ein bisschen Liebe sich auf jeden blöden Handel einlässt: Johann Adam Oest spielt ihn, als habe er eine schartige Macho-Rasierklinge in Schmier- und Salböl getaucht.
Bondy gräbt die ungespielte zweieinhalbtausend Jahre alte „Helena“ nicht einfach aus. Er zeigt seine Ausgrabungsinstrumente vor: Distanz und Ironie, Operettenspaten und Farcenkehrwisch. Nicht aber brutal denunziatorisch. Sondern liebend leicht. So umbaut er den Euripides mit Gegenwartsinteresse. So wie Peter Handke, unser Dichter mit dem Großen Graecum, seine Neuübersetzung aus dem Altgriechischen auch umbaut: [...] Einerseits überhöht Handke, andererseits untertreibt er: So spannt er den Euripides in eine unaufhörliche Bewegung zwischen Höhe und Tiefe. Ein kurviges Oszillieren, das am Schmock wie am Witz partizipiert.
Wo die Sprach- und Sprechkurve aber zu sich kommt, das Drama sich findet, der Krieg sich in die Herzen und Hirne verlagert, wo ja er auch die schlimmsten Verheerungen anrichtet, inszeniert Bondy das Ehekammerspiel eines wundervollen, scheuen unverhofften Wiedersehens eines Paares, von dem der Mann eine böse, ehebrecherische Frau vermutet, um deren Trugbild er Blut, Tod und Not und Irrfahrten erlitt und anrichtete, die Frau aber nichts hat als ihr treues, scheues, irres Sehnen nach dem Mann, dem einzig geliebten. Ernst Stötzner kommt als Menelaos, abgerissen, halb nackt an Helenas Insel gespült mit nur einem zerrissenen Segel als Wams, daher wie ein ratloser, tapsiger, verwirrter Suchender, der diese fremde, ihm nur zu wohlbekannte Frau, die ihm plötzlich Brust und Schoß und Lippen und Kopf und Stimme anbietet wie Geschenke, deren Kostbarkeit er gar nicht ermessen kann, umkreist und befragt und beäugt und abschätzt wie ein Kapital, das ihm Zinsen abwirft, auf die er nicht gefasst war.
Ein soignierter, leicht räudig gaumiger Herren-Zausel, der dauernd eitel, „Aber ich in Troja!“, sich seiner Ruhmestaten vergewissern muss, als hätte er sonst keinen Halt, aber zur fremden, ureigenen Frau wieder greift wie nach einem Rettungsring, dessen Dichte - Warst du mir auch wirklich treu? Nie in einem anderen Bett? - er skeptisch testet, während Helena in Tränen wie in Wutseufzern ganz sicheres Gefühl, ganz harsche, unbedingte Liebe ist, die aus diesem unmöglichen alten, durch Götterschuld entzweit-verletzten Paar wieder ein heiles Paar machen will, komme, was da wolle.
Es kommt eine tolle Intrige: Menelaos tut so, als wäre er ein Bote, der vom Tod des Menelaos berichtet, worauf der König glaubt, er könne jetzt Helena endlich heiraten, diese aber eine rituelle Seebestattung ihres fremd Verblichenen samt Schiff und Opfergaben verlangt, was der verliebte König sofort gewährt, worauf Menelaos und Helena samt Schiff und Mannschaft abhauen. Operette! Aber auch daraus, aus den Versuchen des Königs, Helena zurückzuhalten, macht Bondy einen Tanz der Berührungen und der Sehnsüchte. Kammerspiel!
Durch beides windet sich Andrea Clausen als die wahrsagerische Priesterinnenschwester des Königs in Form einer am Boden kriechenden und robbenden glatzköpfigen Schlange. Zaubermärchen! Während Libgart Schwarz die königliche Hausbesorgerin und Chorgouvernante als sonnenbebrillten preziösen Hausdrachen daherfaucht. Lustspiel! Am Ende stürmen der Barbarenkönig, die College-Chor-Girls, die Schlange und der Drache leise den Bibliotheksturm und greifen nach den alten Büchern und Geschichten und buchstabieren sie leise und fasziniert nach. Traumspiel! Von was sie lesen, ist ein großer Krieg und eine große Liebe. Die Liebe aber ist größer als der Krieg. Das ist das Versprechen des Euripides. Luc Bondy hat es eingelöst. (FAZ)

Peter Handke [...] hat Euripides’ Tragödie "Helena" neu übersetzt: in silbengenaue, rhythmisierte Sprache samt kleinen verbalen Ausflügen in unsere Tage, solcher Art das ganz Alte mit der Gegenwart versöhnend. [...]
Luc Bondy inszeniert die "Helena" à la Handke heiter und hell, teils näher bei Offenbach als bei Euripides: eine beschwingte Salonkonversationskomödie, gleichsam antiker Edelboulevard. Freilich, trotz aller ironischen Brechung, mit tieferer Bedeutung. Schon Karl-Ernst Herrmanns elegante Bühne wirkt wie ein später Gruß der zitatfreudigen Postmoderne: Ein Bücherturm und ein Spalier von Bibliothekstischchen zur Linken, zur Rechten Sand und Strand.
Der gestirnte nächtliche Himmel verleiht dem Meereshorizont Silberschimmer. In der Mitte, wohl Hommage an Vater Nil, eine Nirosta-Rinne, durch die bei Bedarf, weil wir ja nicht im Paradiese, sondern im ägyptischen Exil sind, statt Milch und Honig Wasser und Blut fließen: in eine Zisterne, die das Grabmal des Proteus birgt. Der hatte - anders als sein ordinärer Sohn Theoklymenos - die Asylantin Helena aufgenommen, ohne sie zu bedrängen.
Aus dem Chor machte Bondy eine Truppe quirliger College-Mädel. Vergeblich bemüht sich deren orientalische Klänge produzierende Aufseherin um Ruhe und Ordnung: Mal beraten die Literaturstudentinnen Helena, mal flattern sie durcheinander wie ein Lachtaubenschwarm, mal verhöhnen sie Theoklymenos.
Bondys Helena aber ist Birgit Minichmayr, der Star des Abends. Mit Faust zu sprechen, wenn er Helena im Zauberspiegel erblickt: "Ist's möglich, ist das Weib so schön?" Die Minichmayr präsentiert das Virtuosenrepertoire ihrer Töne, Blicke und Gesten - von der gealterten höheren Tochter über die Liebende bis zum Weibsteufel in raffinierter Naivität. Stets ist sie ungemein intensiv, was die jeweilige Situation erfordert: mondäne Langeweile, Schmerz, Tücke, das Aufblitzen des Glücks.
Dem Recken Menelaos, von Ernst Stötzner in seiner Beschränktheit scharf konturiert, ist diese Frau weit überlegen. Ein ehrpusseliger Gefangener der eignen Heldensaga. Johann Adam Oest erinnert als Theoklymenos - wie so oft - an eine Mischung aus Thomas Mann und Professor Unrat: Würde auf Abwegen der Unzucht. Wunderbar Andrea Clausens Seherin Theonoe, die schlangengleich, ein Wesen urweltlichen Wissens, über den Boden kriecht. Glänzend auch die herzlich finstere Türhüterin von Libgart Schwarz und Branko Samarovskis Bote. Er humpelt wie ein Schwerstkrüppel und redet wie ein Nestroyscher Hausknecht. (Die Welt)

Wenn Luc Bondy als Schlusspointe seiner „Helena“-Inszenierung bei den Wiener Festwochen die „falsche“ Helena noch einmal auftreten lässt – bei Euripides steht davon kein Wort -, setzt er mit diesem Regieeinfall das ganze Stück in Anführungszeichen. Er will zeigen, dass auch die darin geschilderte Wahrheit nur ein Ausschnitt ist, dass also noch ein drittes und ein viertes „Helena“-Drama denkbar wären und immer so weiter, von denen jedes das vorherige einordnet in den größeren Zusammenhang eines potentiell ins Unendliche sich verzweigenden Erzähllabyrinths. [...]
Handkes Fassung hat insgesamt aber einen schönen, freien und pulsierenden Fluss, ist wortgenau und doch interpretierend, vor allem aber spielerisch und in ihrem artistischen Temperament, ihrer idiomatischen Farbigkeit der akademischen Beamtenposie überlegen. Wie Handkes Übersetzung hat auch Bondys Inszenierung einen Hang zum Enigmatischen. Schon die Zauberzeichen-Bühne von Karl-Ernst Herrmann ist mehr surreales Bilderrätsel als gestalteter Raum. Ein Lichtblitz und ein feiner Kanal, der in die umgedrehte Pyramide eines Grabmals mündet, teilen die Bühne. Auf der einen Seite ist sie goldgelber Strand, auf der anderen eine Bibliothek, in der die jungen Frauen, die denChor bilden, an Tischen sitzend alte Bücher studieren. Manche ihrer Texte lesen sie einfach vor. So vertritt der Chor das Gespräch zwischen den Büchern selbst, die Echos der Intertextualität. Mit diesem eher theoretischen Interesse am Stück lässt es Bondy weitgehend bewenden. (Süddeutsche Zeitung)

Es hatte immer etwas Lächerliches, dass die Mutter aller abendländischen Schlachten, der Krieg von Troja, allein wegen einer Frau geführt worden sein soll. Dass es diese Frau nicht einmal gab, das ist Euripides´ starke Metapher für den Krieg, das überflüssigste aller Menschheitsgeschäfte. Man hört Euripides´ verbittertes Hohngelächter bis heute aus der Vergangenheit herüberschallen - und sieht sein Kopfschütteln über so viel brutale Dummheit. Der ganze Krieg ist nur ein Schein, auch wenn alles an ihm zugrunde geht - ein kühner Gedanke, den man erst mal aushalten muss.
"Helena", das seltenst gespielte Stück, das Peter Handke übersetzt und Luc Bondy am Burgtheater bei den Wiener Festwochen inszeniert hat, ist eine Entdeckung, die es wert ist. Mindestens postmodern, wenn nicht gar Regietheater vor 2500 Jahren, schrill, überraschend, Gedanken anstoßend. Peter Handke hat es sehr greif- und begreifbar übersetzt, durchlässig aber auch für die ferne Fremde der Griechen. Der richtige Hauch von Schnoddrigkeit weht durch diese Sprache, wenn man durch "Lüfte gehüpft" ist, das rechte Maß an Zeitgenossenschaft, wenn nicht nur von der "Masse Mensch" die Rede ist, sondern auch von der "Massenmörderin" Aphrodite.
Überwältigend ist Birgit Minichmayr als Helena. In einer modernen, raffiniert geschnittenen, weißen Griechen-Toga, die bei jeder flüchtigen Bewegung mehr ent- als verhüllt, werden die Worte bei ihr so sehr Fleisch, dass man wirklich meint, reinbeißen zu können. Minichmayr kniet sich tief hinein in Helenas absurdes Unglück in der Fremde, sie spielt eine Frau, die sich ihrer aussichtslosen Lage voll bewusst wird. Die verantwortlich gemacht wird für etwas, woran sie nicht einmal beteiligt war; die aber im Schein dieser Helena-Chimäre umso mehr gefangen ist; die ausgesperrt bliebe, auch wenn sie heimkehrte - wie ihr immer klarer wird. Der Chor versucht zu beschwichtigen, aber Helena blickt unbeirrt ins Nichts der Scheinwelt ihrer Schönheit. Und auch Minichmayr hat ihren Hauch von Schnoddrigkeit, ein Stück Berliner Volksbühnenton erdet diese Helena. [...]
Theoklymenos´ Schwester Theone sieht dagegen alles und leidet unter allem, eine Seherin verhärmt unter der Last der Wahrheit, von Andrea Clausen zur zweiten großen Rolle des Abends gemacht. Euripides war eben doch der große Frauenversteher. (Frankfurter Rundschau)

Die Helena des Euripides, wenn Birgit Minichmayr sie spielt, schmiegt sich wie eine den Tragödinnen-Part ausprobierende Prinzessin ins Märchen. Denn in märchenhaften Gefilden siedelt das Stück, dessen gedankliche Tollkühnheit nachzittert bis zu Kleists «Amphitryon» oder Mozarts «Zauberflöte». Birgit Minichmayr, den Mund zum Seufzer geschürzt, streicht eine Locke aus dem Gesicht, die sich partout nicht an die glatte Frisur hält. Wohin mit der vergeudeten Sinnlichkeit in der ägyptischen Wüste, die ausser Sand (rechts) und Bibliothek (links) nur Proteus' frisch ausgehobenes Grab (vorn) bietet? Mit rauchiger Stimme stösst die Schauspielerin Peter Handkes Neuübersetzung aus, deren syntaktischen Manierismus sie schlichtweg ignoriert – oder nutzt, um Pausen und Synkopen wirkungsvoll zu setzten. Die Sprache erhält einen Körper.
Euripides startet mit der Tragödie. Doch weder er noch sein Regisseur Luc Bondy, noch ihre wagemutig verspielte Helena glauben an den Ernst der Lage. Ironie, Poesie, Phantasie nehmen Shakespeare vorweg und zitieren schliesslich sogar «Star Wars». Ein Schiffbruch macht's möglich: Schon kreuzt Menelaos auf, in kaputte Segel gewickelt als Held, der allerdings sein glorioses Heer nur noch wortreich heraufbeschwört. Ernst Stötzner, nackter Torso, gegerbtes Gesicht, helle Augen, bringt eine unvergleichliche Mischung von bejahtem und hinterfragtem Heroen-Ideal mit: Sein Menelaos ist ein Macho, der sich quasi intellektuell seines Machotums versichern muss. Mit der echten Helena konfrontiert, gönnt er sich ein Zaudern, bevor er den Lockungen einer Liebe nachgibt, die Ägypten kurz ins Paradies vor dem Sündenfall verwandelt. Ich Tarzan, du Jane – so dreist, naiv und stark tritt Stötzner auf: «Ich, Menelaos . . .»
Sein oder Schein, was tut's zur Sache? Ohnehin ist alles Spiel in dieser traumwandlerisch eigensinnigen, traumhaft theatralischen Inszenierung. Neben dem Altdramatiker Euripides dürften unsere versammelten Jungdramatiker, die kaum je über den eigenen Nabel hinausblicken, eigentlich einpacken. Ihr Lieblingsthema – die Geschlechterbeziehung – stellt ja auch Euripides ins Zentrum, indem er Facetten von Sehnsucht, Täuschung, Missverständnis und Glückseligkeit elegant ziseliert. Nur gibt's bei Euripides dazu einiges mehr.
Etwa einen Chor, den Bondy als liebliche Schar von Studentinnen fleissig Bücher wälzen lässt, wobei die Mädchen sich gern ablenken lassen, wenn das Ehedrama vor ihren Augen die Neugier reizt. Oder eine rabiate Alte, welcher Libgart Schwarz mit strengem Dutt und ebensolcher Miene moralischen Nachdruck verleiht. Unter Einsatz von Händen und Füssen verteidigt sie Ordnung und Recht; Letzteres bedeutet bei ihr: Gerechtigkeit.
Oder aber, erstaunliche Erfindung!, Theonoe, Schwester des bösen Thronfolgers, die bei Andrea Clausen wie eine Verwandte Calibans in ihrem endlosen Wrap-Dress daherrobbt; diese Seherin ist auch eine Denkerin, welche ihren kerngesunden Menschenverstand brüten lässt. Helena und Menelaos, wieder vereint und frisch verliebt, schweben nämlich in Todesgefahr.
Theoklymenos naht; der lokale Despot erhebt Anspruch auf die schöne Griechin. Dass er kein Kostverächter ist, beweist er ausgerechnet am heiligen Grab seines Vaters. Johann Adam Oest, Inbild männlicher Schmierigkeit mit pomadisiertem Haar, verspiegelter Sonnenbrille, griffbereitem Revolver und insgesamt mafiösem Look, grabscht nach den Chormädchen, wenn er nicht gerade in der Gegend herumballert. Mit ihm steuert Bondy in die Zielgerade des Schwanks, zu dem sich das prä-postmoderne Euripideische Drama entwickelt.
Oest ist mehr Schwerenöter als Bösewicht, gewaltbereit, aber dumm und also den weiblichen Waffen bald unterlegen, die Minichmayrs Helena nun ausfährt, wenn sie die geplante Flucht als improvisiertes Meerbestattungsritual für den angeblich umgekommenen Menelaos tarnt. List, Tücke, Tränen aus dem Dispenser, nackte Beine mit High Heels unter dem Trauerkleid: Doch obwohl sich die Inszenierung jetzt zur ausgelassenen Komödie hochschraubt – das Paar reist ab in die Flitterwochen, der Übertölpelte hat das Nachsehen –, unterschlägt sie keinen der ernsten Töne, welche den Schluss begleiten. Auf die Bühne, wo endlich Frieden einkehrt, rinnt vom Meer her Blut. (NZZ)

Johann Adam Oest als ägyptischer Herrscher Theoklymenos ist umwerfend, eine Parodie heutiger Diktatoren von Libyen bis Pjöngjang – tätowiert, mit dunkler Sonnenbrille, den Revolver immer griffbereit im Gurt, um russisches Roulette zu spielen oder Griechen abzuknallen. [...]
Wir sehen die wirkliche Helena nun am Grab des Proteus sinnieren, das an der Rampe ausgehoben wurde. (Als ob die Bühne nicht schon riesenhaft genug wäre – Karl Ernst Herrmann hat sie weit ins Parkett vorgebaut, eine schiefe Ebene mit schwindelerregender Perspektive, wie in einem Bild von de Chirico. Links ein Bibliotheksturm, durch die Mitte ein Kanal, der Blut oder Wasser führt, hinten die Lichter am Ufer des Nils, rechts ein Schiffswrack. Ganz rauf in den höchsten Rang führt ein leuchtendes Seil, ein Blitz.)
Der Götterblitz wirkt sofort; kaum hat sich Helena vor einer Zwangsehe gegrämt, ist schon ein gestrandeter Grieche zur Stelle. Teukros (Dietmar König) kündet von Menelaos (Ernst Stötzner). Und als der schließlich auftaucht, in Begleitung eines flatterhaften Helena-Luftgeistes, weiß man: Es geht gut aus, spätestens mit Helenas Brüdern Castor und Pollux als doppeltem Deus ex Machina (es hallt die Stimme Hans-Michael Rehbergs aus dem Off). Denn sowohl der Chor als auch die prophetische Schwester des Königs (Andrea Clausen) unterstützen die Rückkehr des Paares nach Griechenland, und auch eine Greisin (Libgart Schwarz) blockt. Die beiden spielen fantastische Tragödie, Stötzner als Held, Markus Hering und Branko Samarovski (als Boten) durchbrechen die Tragik bereits, während Oest und Minichmayr sie bis zur Farce verfremden. So erhält das Stück die erforderliche Widersprüchlichkeit.
Bondy hat sie lässig herausgearbeitet, so ungewöhnlich lässig, dass Minichmayr bei den ernsten Passagen unschlüssig wirkt. Die Glanzleistung bei dieser Inszenierung aber ist der luxuriös besetzte Mädchenchor, in dem auch Mavie Hörbiger und Mareike Sedl mitwirken. „Wild Thing“ von den Troggs wird gespielt, der Wendepunkt, es haut die Mädchen um, aber schon sitzen sie wieder an den Büchern, rappen ihren gemeinsamen Part in verteilten Rollen. Dieser Chor tröstet und hilft. Es sind noch Lieder zu singen, jenseits des Nils. Am Schluss, als Helena schon daheim ist, huscht eine zweite Helena über die Bühne. Eine Falsche in Wirklichkeit? Oder eine listige Täuschung? (Die Presse)

Ernst Stötzner verleiht dem Menelaos Gestalt und verbreitet, nachdem er anfangs nicht an die reale Existenz Helenas glauben mag, die gekränkte Aura eines Kriegsheimkehrers, dessen vordringlichstes Problem die etwaige Untreue der Gattin zu sein scheint. Bald jedoch erwacht die einstige Leidenschaft füreinander wieder und ein famoser Fluchtplan, basierend auf der überheblichen Annahme, die ägyptischen „Barbaren“ mit griechischer Raffinesse hinters Licht zu führen, wird in die Tat umgesetzt. Hat Birgit Minichmayr als klagende Tragödin in den ersten Szenen noch mit Glaubwürdigkeit zu kämpfen, so kann sie, spätestens als ihre Helena den prall gefüllten Koffer der Täuschung zu öffnen beginnt, ihr Talent voll entfalten. Wie dreist sie dem einfältigen Theoklymenos (Johann Adam Oest) schmeichelt und mithilfe des unerkannten Menelaos die Bereitstellung von (Flucht-)Schiff, Mannschaft und „Opfergaben“ für ein angeblich traditionell griechisches Seebegräbnis entlockt, gehört, nicht zuletzt aufgrund des lustvollen Zusammenspiels der Akteure, zu den hübschesten Momenten des Abends. [...]
Peter Handke fertigte eine sehr uneitle, ebenso poetische wie in den richtigen Momenten ironisch-distante Übersetzung des Euripides-Originals an und Karl-Ernst Herrmanns Bühne lieferte dazu die bildhafte Entsprechung. Sein durch einen kleinen Wassergraben geteilter Raum, auf der einen Seite Bibliothek mit Schreibtischen und bizarrem Bücherturm, auf der anderen Seite eine Art Strand, dient als Spielwiese für den von Mavie Hörbiger angeführten Chor jugendlicher Einflüsterinnen.
Das fein abgestimmte Ensemble, dem zudem Andrea Clausen als Theoklymenos’ seherisch begabte Schwester, Libgart Schwarz, Branko Samarowski, Dietmar König und Markus Hering angehören, trat den Beweis an, dass antike Stoffe auch abseits des hehren Pathos lebendiges heutiges Theater abgeben können. (Tiroler Tageszeitung)

Ganz anders die Kostüme von Milena Canonero, in denen wie in Handkes Sprache einst und heute, große Frage und unmittelbarer Moment, elegant ineinander gehen. (Frankfurter Rundschau)

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