Burgtheater

Wille Burg Wahn Erb Welt Gut
Martin Wuttke, Michael König

Thomas Vinterberg
‹Das Begräbnis›

Aus dem Dänischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Dem dänischen Regisseur Thomas Vinterberg gelang 1997 mit dem Dogma-Film „Das Fest“ ein Welterfolg, der inzwischen als Theaterstück auf vielen Bühnen nachgespielt wurde. In „Das Begräbnis“ fabuliert Thomas Vinterberg die Geschichte der Familie Klingenfeldt-Hansen weiter, diesmal nicht im Film, sondern auf der Bühne des Burgtheaters.

Helge ist gestorben. Seine Witwe Else, ihre Kinder Christian, Michael und Helene treffen sich beim Begräbnis des Vaters nach langer Zeit wieder. Man kommt zusammen in dem Haus, in dem Helge vor zehn Jahren an seinem 60. Geburtstag von Christian beschuldigt wurde, ihn und seine Zwillingsschwester im Kindesalter über Jahre hinweg sexuell missbraucht zu haben. Sein Bruder Michael hat den Vater damals am Morgen nach dem Fest verprügelt und aus dem Haus gejagt. Zum Begräbnis ist Christian mit seiner Frau Pia aus Paris angereist, Michael hat seine neue Freundin Sofie und Henning, seinen Sohn aus erster Ehe, mitgebracht. Kim, der Koch, sorgt in dem verlassenen Hotel für das leibliche Wohl der Trauergemeinde. Doch plötzlich geschehen merkwürdige Dinge. Ein Fluch scheint über der Familie zu liegen und stellt die Nerven aller auf eine harte Probe.

Helge, der verstorbene Vater
Michael König

Else, Helges Frau
Corinna Kirchhoff

Kim, der Koch
Tilo Nest

Christian, Helges und Elses ältester Sohn
Martin Wuttke

Pia, Christians Frau
Dörte Lyssewski

Michael, Christians jüngerer Bruder
Oliver Stokowski

Helene, Christians Schwester
Christiane von Poelnitz

Sofie, Michaels zukünftige Frau
Johanna Wokalek

Henning, Michaels Sohn
Sebastian Blin
Valentin Fink
Bernhard Mendel

Regie: Thomas Vinterberg

Ausstattung: Johannes Schütz

Musik: Zbigniew Preisner

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

Texte: Mogens Rukov

September

Montag, 13.09.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

Sonntag, 26.09.2010 | 19.00 UhrBurgtheaterKarten

Oktober

Freitag, 15.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

Montag, 25.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

In die hohe, enge Lobby platzen die Gäste wie in einen Schwitzraum der Gefühle: Sohn Michael, den Oliver Stokowski hyperaktiv herumzappeln lässt, mit Freundin Sofie, deren Sex-Appeal Johanna Wokalek als naives Gänschen im langbeinig-miniberockten Trippelschritt zelebriert; Tochter Helene, bei Christiane von Poelnitz eine forsche Person, welche fahrig alle Fettnäpfchen ansteuert; schliesslich Pia, Schwiegertochter und ehemalige Angestellte, der Dörte Lyssewski die wohlanständige Herzlichkeit eines angeheirateten Familienmitglieds verordnet. Und dann kommt Christian, Pias Mann und Helges Ältester: jener Sohn, der die Familie auseinandersprengte, nachdem er als Geburtstagsfestredner sein Kindheitstrauma – Sexualübergriffe väterlicherseits – aufgetischt hatte. Martin Wuttke, langer Mantel, langer Schal, scheint als Schlafwandler in einen unguten Traum heimzukehren. Als Sofie, seine Schwägerin in spe, ihm bewundernd preisgibt, er gelte als Charismatiker, kotzt er aufs blütenweisse Hemd.
Doch es ist klar: Vinterberg erfindet das Theater nicht neu. Obwohl er das vereinte Top-Ensemble des Burgtheaters noch ergänzt um Corinna Kirchhoffs trauernde Witwe, deren spitzlippige Affektiertheit vom ersten Willkommens-Drink an unverhohlenem Mutterstolz weicht, besteht der Anfang des Abends aus purer Konvention. Die anlassbedingte Nervosität, potenziert durch das Auf- und Abtreten der Figuren – die Drehbühne wartet mit zahllosen Hoteltüren auf –, wirkt wie ein Versatzstück aus dem gestischen Stadttheater- oder gar Fernsehserien-Repertoire. Nicht nur, wenn sich die jungen Frauen am Doppelbett finden, wo Pia aufreizende Dessous für die lange ersehnte Liebesnacht mit Christian ausbreitet, wähnt man sich aufgrund der wohlfeilen Komik im falschen Film. Auch die Apéro-Zeremonie mit Mutters kehliger Rede versinkt im satten Ledermobiliar; und Michael König, auftretend als Geist des toten Vaters, gleicht einem peinlichen Hamlet-Zitat.
Allerdings: Ohne das Theater neu zu erfinden, findet Vinterberg trotzdem zielsicher zu sich – und zu grossem Schauspiel. Langsam, unentwegt und wuchtig wie das Schicksal, das in dieser schlichten, ja banalen Story zuschlägt, schält sich die Inszenierung aus den konventionellen Aufgesetztheiten heraus, entwickelt sich zur kitchen-sink tragedy und sprengt zuletzt selbst deren Rahmen. Die Wände auf der von Johannes Schütz ungewohnt zugebauten Bühne rücken immer weiter auseinander, bis sie gänzlich wegfallen. Nun herrscht Leere. In ihr grapschen Menschen zusehends verzweifelter nach einem Halt, den ihnen die überstrapazierten Weinkelche, Champagnerflûtes, Whiskygläser, Gin- oder Wodkaflaschen niemals bieten können.
Was ist passiert? Ein Kurzschluss überlässt die bereits zünftig angeheiterte Trauerfamilie der Dunkelheit. Wie ein irres Karussell löst sich alles auf in eine schwindlige Drehung. Zuinnerst, als Achse, leuchtet matt die Duschkabine, in der sich schattenhaft eine Kindersilhouette abzeichnet. Ein Schrei zerschneidet die Nacht. Mit dem Licht, das der Koch (Tilo Nest) wiederherstellt, kehrt eine Konsternation ein, welche den Frieden von vorher schlagartig als falsch entlarvt: Christian, das ehemalige Opfer, verkehrt sich in den Täter – er hat seinem kleinen Neffen, wie Pia es krud formuliert und wie es Thomas Vinterbergs Blick fürs Abgründige entspricht, zwischen die Beine gegriffen.
Ein Päderast also ist der Protagonist des Stücks, das wohl deswegen – ein Tabu ist sein Thema, und zwar ganz ohne klassisch-griechisch-mythologische Verkleidung – am Schluss der Premiere mit heftigen Buhrufen quittiert wurde. Indessen: Straften die Buhrufer da nicht vielleicht schamvoll ihre eigene Skandallüsternheit ab? Bedient wird sie nämlich weder von Vinterberg noch von Martin Wuttke. Im Gegenteil dämpfen der Regisseur wie auch der phänomenale Schauspieler den Knalleffekt ein in ein dumpfes Wummern, das ohne Lösung erstickt. Wuttkes Christian verteidigt mit ausweglosem Todesmut die unhaltbare Position des Perverslings, der er ist: Und während sich die Verstörung der andern im hilflosen Ruf nach Ärzten, Psychologen, Polizisten vergeblich Linderung verschaffen will, steht er am Küchentresen und bebt, Wort für Wort sein Geheimnis aus dem zitterigen Mund rinnen lassend. Er sühnt nicht für eine Untat, sondern für sein ureigenes Wesen, wenn er danach Michael, seinen Bruder und den Vater des missbrauchten Neffen, zum grausigen Showdown provoziert.
Das altehrwürdige Burgtheater zeigt, was es kann in seiner Rolle als moralische Anstalt: Es richtet die Lupe auf den Kern der Gesellschaft. Zu ihr gehören auch wir, ob Täter, Opfer oder Zuschauer. (NZZ)

„Das Begräbnis“ spielt zehn Jahre danach, Helge ist eben gestorben. Alle sind sie wieder am Sarg vereint. Gar manches hat sich inzwischen verändert: Christian (Martin Wuttke) heiratete die ehemalige Bedienstete Pia (Dörte Lyssewski). Oliver Stokowskis Michael, der von seiner Frau Mette verlassen worden ist, reiste mit seinem Sohn aus erster Ehe Henning und seiner neuen Freundin Sofie (Johanna Wokalek) an. Helene (Christiane von Poelnitz) hat taktvoll darauf verzichtet, ihren aktuellen, wie immer schwarzen Liebhaber mitzuschleppen. Als einziger, vertrauter Fremder ist Christians Jugendfreund, der einstige Hotelkoch Tim (Tilo Nest), mit von der Trauerpartie, er soll den Leichenschmaus zubereiten. Zur theatralischen Familienaufstellung gehört naturgemäß auch Corinna Kirchhoffs Mutter Else.
Ohne Zweifel eine Traumbesetzung, allein schon deshalb sind sämtliche Namen anzuführen. Vergleichbares, und es handelt sich um einen Bruchteil des Luxusensembles, lässt sich anderswo kaum bewundern. Indes reichen hinreißende, in jeder Nuance stimmige Darsteller keineswegs für einen Theatertriumph. Dazu bedarf es einer spannenden Geschichte und faszinierender optischer Lösungen. Selten wurde die Wiener Riesendrehbühne so präzise eingesetzt wie jetzt von Johannes Schütz.
Sein schon lange gerühmter szenischer Minimalismus hat sich zu detailfreudiger, ingeniöser und symbolträchtiger Realistik entwickelt: Die kreisende Raumflucht von Foyer, Stiege, Salon, Speise- und Schlafzimmer und einer aus dem Unterboden gefahrenen Nirosta-Küchenzeile ermöglicht trotz eleganter Großzügigkeit Kammerspielintensität und atmosphärische Dichte in filmschnittartigen Übergängen. Ein Element bleibt allerdings unverrückbar am Platz: Vaters Porträtfoto. Starr und prüfend blicken die toten, im Grunde untoten Augen auf die Verwandtschaft und auf uns. Nicht einmal, dass Michael Königs Helge, gleich Hamlets Vater, Christian und Sofie als Geist erscheint, irritiert - ein Fantasiegebilde von unheimlicher Macht, weiter nichts. Es herrscht das unerbittliche Gesetz des oft als Fluch der Untat missverstandenen Wiederholungszwangs. [...] Denn während eines Kurzschlusses vergreift sich Christian an seinem Neffen Henning in der Dusche. Er hasst sich dafür, er kann nicht anders. Wie differenziert Martin Wuttke seine Ich-Spaltung, den Druck der Schuld und die verborgene Lust an der Aggression verkörpert, zeigt ihn als den Ausnahmeschauspieler, der er ist.
Behutsam geleitet Vinterberg das Geschehen aus dem Reich der Boulevardkomödie und der Edeldessousklamotte ins Drama seelischer Verletzungen und der Pathologie. Die vertrackten Beziehungen ganz normal kaputter Menschen beleuchtet er zuerst auf komische, dann auf beklemmende Weise: Wer Traumen hat, hat auch Likör, hat Wein und Wodka. Das Schlimme daran: Wenn sich der kleine Henning, unter der Bettdecke versteckt, davon trollt, ahnen wir: Auch aus diesem Opfer wird wohl noch ein Täter. (Welt online)

Jetzt wird es ernst. Im Vordergrund der Bühne fährt eine chromglänzende Küchenzeile hoch. Hier gesteht Christian (Martin Wuttke) seinem alten Freund und Koch der Familie (wunderbar hemdsärmlig: Tilo Nest), dass er sich an Henning sexuell vergangen hat. Was er einst mit Schaum vor dem Mund dem Vater vorwarf, hat er jetzt selbst wiederholt. Christian verfällt vor den Augen der Zuschauer. Er kann nicht fassen, was er getan hat. Was er nicht zum ersten Mal getan hat. Aber zum ersten Mal mit dem Sohn seines Bruders. Er spricht von seiner Lust, kaputt zu machen.
Und es wird sehr still im weiten Rund des Burgtheaters. Gebannt starrt alles auf den Schauspieler Martin Wuttke. Der lehnt am Nirosta-Spülbecken und zittert. Seine Augen flackern. Das Glas in seiner Hand klappert gegen die Weinflasche, aus der er sich nachschenkt. Der Zuschauer weiß: Ich sitze im Theater. Ein Stück über Kindesmissbrauch. Na gut, das Thema war vor zehn Jahren aufregend. Heute wirkt es etwas überstrapaziert. Künstlerisch gesehen. Wie Auschwitz.
Doch dann sieht man den Schauspieler Martin Wuttke. Seinen Schweiß. Seine Augen. Seine aschfahle Haut. "Ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll", sagt er. Seine Flammenrede vor zehn Jahren war ein selbstgerechtes, erbärmliches Ablenkungsmanöver. Schon damals stand er auf Knaben. Seine Welt bricht zusammen. Alle schauen gebannt zu. Halten den Atem an. Bis zum Ende des Stücks. Die Spannung wird – Gott sei Dank – durch keine Rauch- und Getränkepause unterbrochen.
Christians Vater konnte seine Taten lange Jahre vertuschen. Diesmal gibt es Zeugen. Christians Frau Pia (beeindruckend körperlich, mit strähnigem Haar: Dörte Lyssewski) hat alles gesehen. Sie reagiert entsetzt, panisch. Alle haben Angst, dass Michael davon erfährt. Als ihm Christian seine Tat selbst gesteht, reagiert Michael zunächst überraschend ruhig: "Du bist doch mein Bruder." Dann aber, provoziert vom verzweifelten Christian, geht er mit dem Schürhaken auf den Bruder los.
Vinterberg, und das ist das Schönste an diesem intensiven und vor allem intimen Abend in der Burg, setzt nicht auf (Knall-)Effekte. Nur am Anfang wird gewitzelt. Später geht es sehr ernst ums Ganze. Der tote Vater (als Verständnis heischendes Monster: Michael König) erscheint nicht nur Christian, sondern auch der unbedarften Sofie. Er erklärt ihr, warum er und Christian sich an Jungs vergreifen. Es hat etwas mit Scham und Lust zu tun. Und Reinheit. Er verführt die neben dem schlafenden Henning liegende Sofie dazu, sich selbst zu befriedigen. Etwas, das Sofie erst vehement ablehnt, um es dann umso leidenschaftlicher zu tun. Der alte Mann erzählt von seinen sexuellen Päderasten-Fantasien – und törnt damit die junge Frau an. Keine Sekunde ist die Szene peinlich. Vinterberg geht wirklich bis an die Schmerzgrenze. Aber er geht nicht darüber hinaus.
Thomas Vinterberg ist auf der dinosauriergroßen Bühne des Burgtheaters eine intime Tragödie geglückt, die nur anfangs als Komödie getarnt daherkommt. Lang anhaltender Applaus für ein Stück, das furchtbar hätte daneben gehen können. Ovationen für Martin Wuttke. (Nachtkritik.de)

"Das Begräbnis" macht sich in Wien jetzt zweieinhalb pausenlose und das ganze große Haus förmlich in Bann schlagende Stunden an so etwas wie Ursachenforschung, und es ist dann, als würde der Dramatiker Henrik Ibsen im Internetzeitalter fortgeschrieben - "Gespenster", Teil 2, allerdings bedrohlicher und am Ende: untröstlich, gänzlich auswegslos. [...]
Vinterberg lässt dem Publikum in Wien, welches zunächst das, oberflächlich gesehen, Boulevardeske dankbar belacht, ein wenig Zeit: Er zoomt, anders gesagt, nicht direkt ins Herz der Finsternis. Auf diesem Weg erspielt das herausragende Ensemble Kabinettstücke: in tänzelnder Dummschönheit (Johanna Wokalek als Sofie, Michaels zweiter Frau), die keinen Plan hat, aber immer ein Taschentuch griffbereit; in herzlicher Versautheit (Christiane von Poelnitz als Helene) und in kieksig-kichernder Verzweiflung (Dörte Lyssewski). Lyssewski verkörpert Pia, Christians Frau, doch Christian war, wie sich herausstellt, noch niemals richtig ihr Mann: das Opfer und der Ankläger aus dem "Fest", sie sind schon immer auch Täter gewesen. Christian erscheint als der Wiedergänger des Vaters: "Gjengangere", auf deutsch "Wiedergänger" hießen Ibsens "Gespenster" im Original. Nicht immer, suggeriert Vinterberg, ist etwas vorbei, wenn es vorbei zu sein scheint, noch nicht einmal im Tod. [...]
Während des Beerdigungsessens nämlich begeht Christian einen sexuellen Übergriff ("Es ist nichts passiert . . .") auf Michaels jugendlichen Sohn Henning (Sebastian Blin). Der Zuschauer sieht - und das ist Vinterbergs genuin filmischer Blick - Henning vor diesem Moment, der sich irgendwo im Dunkeln ereignet, nur als Schatten.
Vinterberg ist kein Voyeur und kein Sensationsmacher. Ihn interessiert in "Das Begräbnis" vor allem, wie der Riss hernach durch Christian geht - und Martin Wuttke, eines der größten Nervenbündel auf dem Theater, spielt seine Konfession in der dämonischsten aller dämonischen Szenen an diesem Abend, als sitze wahrhaftig der Teufel in ihm. Er zittert und bebt, zuckt und spuckt, und es zerreißt ihn fast, aber der Teufel bleibt drin: "Ich bin wohl nicht so ein Held, wie du gedacht hast", sagt Wuttke zu Kim, dem Koch, der schon damals beim "Fest" dabei war. "Ich will", presst Wuttke weiter auch sich heraus, "alles zerschlagen, mich selbst, Schaufenster und kleine Kinder, da ist eine Kugel aus Wut in mir drin, die wächst und brennt." Der Gipfelpunkt der Katastrophe liest sich auf dem Papier wie eine Überkonstruktion dieser Geschichte: Christian als sexuell abartiger Woyzeck im eigenen Würgegriff, immerzu, immerzu.
Auf der Bühne des Burgtheaters jedoch entgeht Martin Wuttkes versuchter Exorzismus jedweder Peinlichkeit. Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich. Der Rest ist, nach einer weiteren Rede, Schweigen. (Stuttgarter Zeitung)

Als opulentes, nunmehr zehn Jahre später angesiedeltes Familiendrama erlebte Das Begräbnis am Samstagabend eine meisterhafte, aber nicht unumstrittene Uraufführung am Burgtheater.
Helge, der Täter-Vater, ist gestorben. Anlässlich seiner Beerdigung treffen die Kinder wieder am Familiensitz zusammen, einem stillgelegten Schlosshotel mit sechzehn Schlafzimmern, das verschachtelt auf der großen Drehbühne des Burgtheaters gespenstische Pracht entfaltet.
Das emotional komplexe Moment des Begräbnisses, bei dem einer schuldbeladenen Person nachgetrauert werden soll, ermöglicht Vinterberg das Auffächern aller Widersprüchlichkeiten, die zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, aber auch zwischen öffentlicher und privater Ordnung herrschen. Man starrt auf einen Sarg und weiß, nichts wird mit ihm begraben sein.
Den jüngsten Sohn Michael (Oliver Stokowski) zwingt das Wissen um die Schuld seiner Familie immer wieder zu panischen Weinkrämpfen, auch die Schuld, dass er im Unterschied zu seinem Bruder Christian (Martin Wuttke) nicht Opfer wurde. Seine Schwester Helene (Christiane von Poelnitz) rüstet sich als raubeinige Maulheldin: Während Michaels Braut Sofie (Johanna Wokalek) ihre lächerlich kleinen Taschentücher bei Kotz- oder Schminkunfällen feilbietet, brüllt Helene schlicht: "Klopapier ist im Klo!" Das Drama verschafft sich mit derlei Witzchen ein wenig Luft und spielt auch mit der Komik, der sich erwachsene Geschwister in Erinnerung an früher manchmal hingeben.
Auf der Bühne von Johannes Schütz herrscht geradezu Fassbinder'sche Kälte. Die riesenhaften Räume, Schlafgemächer, Bäder, das Treppenhaus, der Salon, sie alle enden diffus im Dunkeln und machen so jene Ängste sichtbar, die seit der Kindheit mit diesen Zimmern verbunden sind.
Das ist zugleich aber ein wunder Punkt der Inszenierung, die den Vater Helge (Michael König als wandelnder Geist) als Dämon in einem Gespensterschloss charakterisiert. Und ihn als solchen verantwortlich dafür macht, dass sein Opfer, Sohn Christian, hier am Ort der Verbrechen selbst zum Täter wird: Christian vergeht sich unmittelbar nach dem Begräbnis am Sohn seines Bruders. [...]
Zur Gespensterstimmung trägt die elegisch-schöne Musik des mit Kieslowski-Filmen berühmt gewordenen polnischen Komponisten Zbigniew Preisner noch ein Scherflein bei. [...]
Vinterberg fokussiert wie schon in Das Fest auf die Kommunikation innerhalb der Familie, die unkontrollierte, hinausgezögerte, fast verhinderte Versprachlichung des Verbrechens. Das gelingt ihm meisterhaft.
Vor verschlossenen Salontüren macht die Wahrheit schnell einmal Halt, ein Vertuschen der Sache wäre allen genehm: Sogar Pia (ergreifend: Dörte Lyssewski als Christians Gattin), die Zeugin der Tat wurde, will einfach die Flucht ergreifen oder aus egoistischen Gründen ihren Mann retten. Tacheles wird nur beim Koch (Tilo Nest) im Erdgeschoß geredet, dessen Küchenzeile wie ein Anpfiff zum großen Schlachten aus dem Unterboden an der Rampe gefahren kommt.
Großartig auch Corinna Kirchhof, die als von zu viel Stolichnaya aschfahl gewordene Mutter und stumme Zeugin der Verbrechen das Zepter eiskalter Familiendiplomatie führt. Dass daraus kein Film zu machen wäre, wie Vinterberg behauptet, darf nach dieser Premiere angezweifelt werden. (Der Standard)

Atmosphärisch ist schnell klar: Im Hotel der Familie spukt es. Der Geist von Vater Helge ist präsent, und das nicht nur, wenn er tatsächlich aus dem Badezimmer kommt und zu seinen Kindern spricht, oder auf dem Bild an der Wand.
Ein Stromausfall setzt die Ereignisse in Gang. Die von Johannes Schütz gestaltete Bühne dreht sich, gewährt Einblicke und gibt Ausblicke frei. Nicht länger ist die Vergangenheit das Problem der Familie.
Ähnlich einer Kamerafahrt verfolgt der Zuschauer Christian, der das Wohnzimmer verlässt und mit einem Kerzenleuchter die Stiegen nach oben geht. Die Musik baut gekonnt Spannung auf, und für das Publikum unsichtbar vergeht sich Christian an seinem Neffen: Der Teufelskreis ist geschlossen. Seine Frau erwischt ihn, und innerhalb kürzester Zeit weiß die Familie Bescheid. Wie in "Das Fest" verzweifeln alle an der Botschaft. Wieder reagieren sie in ihrer Ohnmacht mit teils absurden Versuchen, den "Schaden" zu begrenzen - in der sinnlosen Hoffnung, ihn irgendwie gutmachen zu können. [...]
Vinterberg [...] setzt das Stück auf die große Bühne, die locker alle bespielten Räume des Hotels unterbringt. Eine naturalistische Küche hebt sich aus der Versenkung, Schlafzimmer, Salon und Kaminzimmer drehen sich in den Vordergrund und wieder hinaus. [...]
Wuttke bannt als Christian das Publikum. Er ringt mit sich selbst, verflucht sein Schicksal und nimmt dann wieder seine Pädophilie als für ihn logisches Erbe an. (ORF.at)

Wuttke ist der Sohn Christian, der sich in „Das Fest“ als Missbrauchsopfer des Vaters offenbart. Die Familie hat es danach zerrissen. Zehn Jahre später trifft sie sich das erste Mal wieder vollzählig im Hotel der Eltern, beim Begräbnis des Vaters, der von Michael König gespielt wird. Ja, auch dieser Helge steht in Traumsequenzen wie ein Zombie auf der Bühne, ein unheimlicher Wiedergänger, wie ein Zitat des Vaters von Dänenprinz Hamlet, der eine grandios in seiner reuelosen Schmierigkeit, der andere in seinem lauernden Zögern. Denn die Geschichte wiederholt sich. Christian wird sich am Sohn (Sebastian Blin) seines Bruders Michael vergehen. Oliver Stokowski spielt diesen Bruder, der nicht geschändet wurde und dennoch ein Opfer der Urangst ist, selbst einmal Täter zu werden, eindrucksvoll. (Die Presse)

Grandios Johanna Wokalek, die mit treffender Gutgläubigkeit einer Unwissenden und mit großem Reservoir an Papiertaschentüchern (die sie verteilt) am meisten überzeugen kann.
Wokaleks Figur entwickelt in den banalen Dialogen ein Eigenleben, wie auch Christiane von Poelnitz als Schwester Helene eines findet: Aus der im „Fest“ heftig die Männer sammelnden Ausgeflippten ist eine weinerliche Frau mit sentimentalem Hang zur Mutter und zu den Brüdern geworden. Großartig, wie sie zwischen Ratio und Wahn pendelt. (Kronen Zeitung)

Der Missbrauch setzt sich wie eine Erbschuld fort. Christian selbst ist es nun, der kleinen Jungs nachstellt, schon seit langem, wie wir erfahren, schon beim „Fest“ war das so. Martin Wuttke zittert am ganzen Leib, wenn er das gesteht, dreht dabei einer Wodkaflasche fast den Hals um, fahl im Gesicht, bebend, schwitzend. Groß, was er da spielt! Man glaubt ihm beides, das Entsetzen über sich selbst und die (selbst)zerstörerische Lust, „alles kaputt zu machen“. Wuttke erzeugt tatsächlich etwas wie Empathie: nicht für den Kinderschänder, sondern für die kranke, arme Seele, die dieser Christian ist. Die Szene ist das Zentrum und das eigentliche Tabu der Aufführung. (Süddeutsche Zeitung)

Der Gipfel der Grausamkeit wird durch die riesige Drehbühne (Johannes Schütz) erzeugt, auf der sich die Räume des Hotels mit einfachen grauen Kulissen öffnen und schließen. Vorn versuchen die Geschwister, ihre Familienhölle zu bewältigen, aus dem Off hört man zugleich das Gelächter im Salon. Die Bilder drehen sich beständig weiter in diesem heimtückischen Gesellschaftsdrama, nur einmal gibt es ein Zentrum. Der Bub steht schutzlos in der Mitte unter der erleuchteten Dusche. Am Rande, in der Finsternis, schleicht der böse Onkel vorbei – das Opfer, das zum Täter wird. (Die Presse)

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