Samuel Beckett
‹Warten auf Godot›
Eine Landstraße. Dahinter ein Baum, ohne Blätter. An seinem Fuß zwei Landstreicher: Wladimir und Estragon. Ohne erkennbares Ziel, ohne klare Zukunft, nur mit allmählich verblassenden Erinnerungen an eine bessere Zeit.
Sie reden, erzählen sich Geschichten, streiten und können sich auf nichts einigen: Weder darauf aufzubrechen, noch darauf zu bleiben, sich zu erhängen oder aber Lucky zu helfen; Lucky, dem Diener, der von seinem Herrn Pozzo misshandelt wird. Die Zeit vergeht. Was bleibt, ist nur die Hoffnung auf Godot. Denn mit Godot wird alles besser? Aber kommt Godot auch wirklich?
Becketts wohl berühmtestes Stück ist das Drama der Entwurzelung und des Wartens. Inbegriff dessen wurden die Landstreicher Wladimir und Estragon, die ihr Essen, ihre Ängste und Zweifel miteinander teilen und versuchen, das „schreckliche Schweigen“ von sich fern zu halten. Mit Pozzo und Lucky begegnen ihnen die ewig Wandernden, die Rastlosen und immer Suchenden.
Eine Produktion des Schauspielhauses Bochum
Regie: Matthias Hartmann
Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Su Bühler
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Thomas Oberender
September
Donnerstag, 23.09.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Oktober
Freitag, 08.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Dienstag, 19.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Donnerstag, 21.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Sonntag, 24.10.2010 | 19.00 UhrBurgtheaterKarten
Das bedrohliche Element ist wie stets bei Ignaz Kirchner als Pozzo bestens aufgehoben, einem gänsehautfördernden Menschenschinder. Im zweiten Teil ließ ihn Beckett erblinden und Hartmann wie einen Käfer auf den Rücken fallen – die gerechte Strafe. Marcus Kiepe spielt Pozzos misshandelten Knecht Lucky. Er bekommt Szenenapplaus für die köstliche Darbietung von Becketts Parodie auf den akademischen Diskurs. Als Junge, der Wladimir und Estragon ständig wegen des ausbleibenden Godot vertrösten muss, platziert Lenny Furlic so punktgenau seine kurzen Antworten, als hätte er sie nicht auswendig gelernt. Über Beckett ist viel Geschwätz im Umlauf. Das Programmheft lässt den Dichter menschlich plastisch werden (Dramaturgie: Thomas Oberender). Eine gelungene Aufführung. (Die Presse)
Geblieben sind der mittlerweile in Wien angekommenen Inszenierung von Hartmann jedoch die wahren Stars des Unternehmens: Michael Maertens als manisch- depressiver Wladimir und Ernst Stötzner als sein lebensverneinender, labiler Freund Estragon. Ignaz Kirchner gibt in Wien einen wunderbar abgehobenen Pozzo, Marcus Kiepe mit Bravour den Lucky.
Einen fünften Protagonisten hat Karl- Ernst Herrmann mit seinem schlichten wie imposanten Bühnenbild geschaffen. Auf einem riesigen Felsbrocken balanciert mehrere Meter über dem Bühnenboden jene Rampe, die im Laufe des zweieinhalbstündigen Abends gefährlich von der anfänglichen Waagrechten in die Schräge kippt und an Symbolkraft nichts vermissen lässt. So turnen die Akteure in halsbrecherischer Manier über den schwankenden Boden, der mehr Selbstmord- Potenzial birgt als der mickrige Baum, der in der Mitte der Rampe ein allzu jämmerliches Bild abgibt und keineswegs zum Aufhängen taugt.
Die Stärke von Hartmanns erneut perfekt designter Inszenierung liegt in jenem Freiraum, den er seinen Schauspielern lässt. Keine Sekunde wird dem Publikum beim sinnfreien Warten auf Godot langweilig. Die größte Aufmerksamkeit zieht freilich Michael Maertens auf sich, der abwechselnd brüllend und winselnd, rasend und geschmeidig, entschlossen und mutlos das Rad am Laufen hält und als einziger das ganze Stück über auf der Bühne bleibt. Gehör verschaffen sich die vier zwischen den Text- Pirouetten auch durch lange Pausen, in denen selbst im Publikum niemand zu Husten wagt. Versteinert verharren sie in ihren Posen, bis einer die Stille durchbricht: Sich beklagend, wie langweilig doch alles ist. [...]
Herzlicher, langanhaltender Jubel für das engagierte Ensemble und Hausherrn Matthias Hartmann beschlossen einen Beckett- Abend, auf den Wien zurecht lange gewartet hat. (Vienna Online)
Diese sensationell gut gelungene Aufführung ist aus zwei Gründen sehr typisch für Hartmann. Erstens: Sie ist zur Gänze um die großartigen Schauspieler herumgebaut - mit anderen Darstellern sähe sie ganz anders aus.
Zweitens: Sie ist bei aller Trostlosigkeit des Themas ganz einfach sehr, sehr lustig. Es gibt Kritiker, die dies Hartmann zum Vorwurf machen. Genau genommen ist das absurd: Was kann falsch daran sein, Theater für das Publikum zu machen - und nicht für einen leeren Zuschauerraum? Zumal diese Inszenierung ja keineswegs oberflächlich oder anbiedernd ist.
Hartmann lässt seine beiden Hauptdarsteller Michael Maertens und Ernst Stötzner einfach machen. Das kann bei Maertens - er spielt einen kindhaften, aber trotzdem von der Prostata geplagten Wladimir - auch riskant sein. Und tatsächlich wechselt er wieder hemmungslos zwischen Schnurren, Fauchen und Quietschen, verspielt wie eine junge Katze. Aber es geht sich aus, weil Maertens sein Instrumentarium so virtuos beherrscht. Stötzner ist als resignativer, von zu engen Schuhen geplagter Estragon gefährlicher. Ganz großartig: Ignaz Kirchner und Marcus Kiepe als in gegenseitiger Abhängigkeit verbundenes Herr-Diener-Paar.
Hinreißend ist wieder Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild: Eine schwankende Wippe in einem Bilderrahmen, eine tolle Metapher auf das Leben an sich. Die Bühne sorgt auch für den besten Gag: Als Stötzners Schuh von der Wippe fällt, kämpft vor allem Maertens lange mit dem Lachen. Die beiden improvisieren sich aber elegant aus der Patsche.
Ein großer Abend, unterhaltsam und abgründig. Jubel. (Kurier)
Von Traurigkeit getönt und doch sehr komisch präsentiert sich Samuel Becketts Stück, ein Mitbringsel von Burgchef Matthias Hartmann aus dem Schauspielhaus Bochum nun auch dem Wiener Theaterpublikum. Virtuos zeigen sich dabei Michael Maertens, Ernst Stötzner und die andern.
Kichernd und tänzelnd stehen Becketts Prototypen auf dem schmalen, sich auf und ab bewegenden „Präsentierteller“ (Bühne: Karl-Ernst Herrmann). Es gibt viel zu lachen in Matthias Hartmanns spitzbübischer Inszenierung, aber es plagt die Wartenden auch Zehenschmerz und Seelenleid. [...]
Michael Maertens und Ernst Stötzner sind das seltsame Paar, das ratlos auf schaukelndem Boden nach dem Sinn der Sache, auf Besseres, auf Erlösung aus dem leidvollen Dasein hofft. Maertens kratzt der alte Hut, und Stötzner drücken die zerfledderten Schuhe – und das Publikum freut sich über Slapstick und Kabaretteinlagen. Und doch geht ihr Spiel ans Herz, besonders das von Stötzner, dem Wilden mit dem weichen Herzen.
Ignaz Kirchner ist dazu ein „wunderbarer“, merkwürdig-brutaler Pozzo mit Marcus Kiepe als Lucky an der langen Hundeleine. Das Leben ist eben grausam, nicht nur in Becketts Tragikomödie: Man lacht über die Mimenlust, und doch dringen Trauertöne aus dem Spieltrieb. (Kronen Zeitung)
Das absurde Theater findet mit Hartmanns "Warten auf Godot" dank der Schauspielleistung des Quartetts (komplettiert durch Ignaz Kirchner als Pozzo und Marcus Kiepe als Lucky) seine Aktualisierung.
Estragon und Wladimir (Maertens) sind als Vagabunden inmitten eines surrealistischen Meisterwerks gestrandet, das im Vordergrund von einem goldenen Museumsrahmen eingegrenzt wird. Ihr Lebensgrund schwebt als kippbare Bühnenebene weit über dem Bretterboden. Der Angelpunkt der Ebene ließe sich als überdimensioniertes Ei beschreiben. Aus deren Mitte ragt ein Bäumchen heraus: Eine Stange Dynamit samt verästelter Zündschnur (Bühne: Karl-Ernst Herrmann). Und genau an diesem bemitleidenswerten Landmark warten die beiden Traumtänzer auf Godot.
Dafür scheinen sie sich allerdings Einen angetrunken zu haben. Dieser oder ein anderer aberwitziger Drogenrausch ermöglicht ihnen zwischen emotionsgeladener Zweisamkeit und unbeirrbarer Sturheit in wirre Verrenkungen zu verfallen und ihr Stimmvolumen an den Grenzwerten zu testen: Die beiden raunzen, flüstern, kratzen sich in den Haaren, stolzieren, schlurfen, humpeln, springen. Estragon (Stötzner) ist dabei eher cholerisch, Wladimir (Maertens) dagegen hysterisch. Ein händeringender Buster Keaton, und der Fingerakrobat Charlie Chaplin sind hier in einer Welt zusammengeschweißt.
Zeit und Raum spielt bei solchen Underdogs keine Rolle mehr. Und doch reden sie über Körperpflege und Religion, die Zukunft und ihre Vergangenheit, das Leben und den Tod. Godot wird für sie trotz alledem nicht kommen. Dafür kriegen sie Besuch von Pozzo und Lucky, die sich in einer anderen Form von Zweisamkeit, nämlich als SM-Couple, zusammengeschlossen haben.
"Früher hatte man Hofnarren. Heutzutage hat man Knucks." Kirchner spricht als Pozzo halb himmelwärts in die Ewigkeit hinein, während er genüsslich im bereitgestellten Picknickstuhl residiert. Seinen gebückten Knuck Lucky führt er an der Hundeleine, lässt ihn absurde Tänze aufführen, oder auf Kommando "denken", was zu einem Monolog an sinnentleerten Sinneszusammenhängen führt. Von Beginn an werden die beiden Gestalten von Wladimir und Estragon ausschließlich dafür verwendet, ihr Clowngehabe gegenüber der Restwelt auszuprobieren.
Immer dann, und das ist Hartmann besonders anzuerkennen, wenn der Zement der beiden Konstellationen zu bröckeln beginnt, wird das Figurenbild eingefroren. Die Produktion besticht in ihrem Rhythmus. Was sie allerdings mit all ihrem Humor nicht bestimmen mag, ist die klassische Frage worauf nun eigentlich gewartet wird: Ist Godot nun Gott, die Erlösung oder das Nichts? Irrelevant, im absurden Theater findet Hartmann. Underdogs fehlt es nun mal an Fortschritt. Das wahrhaftig Schöne an diesem Mangel und der gegenseitigen Abhängigkeit, haben Maertens und Stötzner daraus gemacht. (www.nachtkritik.de)
Zunächst gibt es einen beeindruckenden Bühnenraum zu erleben: Die wankende, kippende, sich immer wieder in die eine oder andere Richtung senkende Bühnenplatte sitzt auf einem Ei auf. Wie Seiltänzer jonglieren die beiden Endzeit-Clochards auf ihr und sprechen Becketts berühmte Dialoge. Karl Ernst Hermanns Bühnenbild funktioniert nach Bochum und Zürich nun auch in Wien, als wäre es fürs Burgtheater konzipiert und käme jetzt nach Hause, sagt Regisseur Matthias Hartmann.
Ein goldener Rahmen fasst die Bühne des Burgtheaters ein. Ebenso zeitlos und klassisch, ganz auf die hervorragenden Schauspieler konzentriert, wirkt Matthias Hartmanns Inszenierung [...] (Ö1 Morgenjournal)
Wunderbar ist Karl-Ernst Herrmanns Bühne: Hinten der Mond, der Wandelbare, über dem Bühnenboden schwebt eine lang gestreckte Spielfläche in der Schräge; ein geknicktes Bäumchen scheint aus einem Riesenkürbis unter der Platte zu wachsen. Vielleicht ist das ja auch das, was von der Erde nach dem finalen Vulkanausbruch 2012 übrig bleiben wird. (Die Presse)


















