William Shakespeare
‹Othello›
In einer unruhigen Nacht in Venedig enthüllt Jago dem edlen Brabantio die Flucht seiner Tochter Desdemona mit Othello – der Beginn seines geheimen Kriegs gegen den schwarzen General, der ihm zwar vertraut, ihn jedoch nicht zum Leutnant befördert hat; eine Kränkung, die bei Jago tiefsten Hass auslöst.
Zur selben Stunde muss der Senat eiligst über Maßnahmen gegen einen drohenden Angriff der Türken beraten. Die heimliche Hochzeit Othellos und Desdemonas wird unter dem Druck der Ereignisse gegen den Willen des Vaters offiziell geduldet, denn auf die anerkannten Fähigkeiten des erfahrenen Söldners Othello kann der Staat nicht verzichten. Er erhält den Auftrag, von Zypern aus gegen die Türken in die Schlacht zu ziehen.
Doch dieser Krieg fällt aus: die feindliche türkische Flotte wird durch einen Sturm vernichtet, während die Schiffe Venedigs wunderbarerweise verschont bleiben. Jago nutzt das entstandene Vakuum, denn plötzlich ohne Auftrag auf der Garnisonsinsel Zypern sind die inneren Feinde der Soldaten leicht zu wecken und mit ihnen die Kräfte, sich gegenseitig zu Grunde zu richten. Riskant improvisierend, indem er jede neu entstehende Situation für seine Zwecke nutzt, treibt Jago den Zerfall jeglicher Beziehung und den Zusammenbruch jedes Einzelnen voran.
Der Doge von Venedig
Rudolf Melichar
Brabantio, ein Senator
Branko Samarovski
Othello
Joachim Meyerhoff
Cassio, sein Leutnant
Markus Meyer
Jago, sein Fähnrich
Edgar Selge
Rodrigo, ein junger Venetianer
André Meyer
Desdemona, Brabantios Tochter
Katharina Lorenz
Emilia, Jagos Frau
Caroline Peters
Bianca, Cassios Geliebte
Adina Vetter
Regie: Jan Bosse
Bühnenbild: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno P. Jiri Kraehahn
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
September
Montag, 13.09.2010 | 19.30 UhrAkademietheaterKarten
Donnerstag, 30.09.2010 | 19.30 UhrAkademietheaterKarten
Othello, der Seelenverschattete, kippt aus den Fugen seiner Welt. Damit ist er nicht allein: Alles wankt und fällt an diesem Abend. Othello ist bei Bosse nicht der wunderlich Fremde in feinen venezianischen Kreisen, die kriegführend auf Zypern weilen. Er ist das Epizentrum einer implodierenden Gesellschaft. [...]
Manche Szenen sind dabei, für Bosse ungewöhnlich, mit gefühlskitschigen Emo-Effekten aufgeladen, manches ist Trümmer-Show. [...] Er präsentiert Menschen, denen jede Gewissheit verdampft ist, deren Ich zum Provisorium geworden ist. In Trümmern liegen bei diesem "Othello" folglich vor allem die Seelen, und Hautfarben spielen dabei keine Rolle. Wenn Desdemona nackt und tot aus der Hängematte kippt, ist sie schuhcremebeschmiert, und er hat weiße Flecken - jeder färbt auf den anderen ab, keiner weiß sich vor sich selbst zu retten. Nur Caroline Peters´ dauerpräsente Jago-Gattin Emilia ist in ihrer Seelenfestigkeit die Lichtgestalt des Abends, der Hoffnungsschimmer einer versinkenden Welt.
Es ist ein düstres Bild unserer Zeit, das Bosse malt - in glänzender Besetzung. Mit dem Traumduo Meyerhoff und Selge hat er vor sechs Jahren in Hamburg einen umwerfend gedankenhellen "Faust" und vor drei Jahren in Zürich einen geistsprühenden "Hamlet" inszeniert. Schauspielräusche waren das. Jetzt gehören Meyerhoff und Selge zu einem First-Class-Ensemble, in dem sich verschiedene Spiel-, Sprech- und Seelenwesen aufreiben. Es ist das Bild einer zerbröselnden, taumelnden Gesellschaft, das dieser "Othello" entwirft. Eine Drohung, ein Warngedicht. (Frankfurter Rundschau)
Shakespeares "Othello" in der Regie von Jan Bosse: Eine originelle Inszenierung mit exzellenten Schauspielern. "Gretchen" Katharina Lorenz ist auch als Desdemona aufmüpfig, Joachim Meyerhoff als Othello: Wunderbar! [...]
Wer ist Othello? Aus Afrika verschleppt, ins Heer verpflanzt, scheint er sich vollkommen integriert zu haben, bis Liebe und Eifersucht den „Wilden“ zutage fördern. Aber das Wilde steckt in jedem Mann, in jedem Menschen. Joachim Meyerhoff, ein pechkohlrabenschwarzer Mohr, bleibt lange total kontrolliert. Ausbrüche seiner Desdemona (Katharina Lorenz) quittiert er mit beschwichtigendem: „He, he!“ Mit der Zeit wirkt er entnervt, flüchtet sich mit Maske und Orakel zu seinen Wurzeln, fällt in epileptische Anfälle und massakriert schließlich die Frau. Meyerhoff ist in jeder dieser Phasen wunderbar, auch wenn seine bizarre Körpersprache anfangs befremdlich erscheint und die gewaltige Erzählung, wie er das Herz der Geliebten gewann, untergeht. Die Zeichnung des Ehelebens der beiden ist das Beste an der Aufführung: Desdemona folgt Othello, weil er so herrlich von seinen Abenteuern schwadroniert – ein toller Kontrast zum faden Leben einer höheren Tochter aus Venedig mit einem tyrannischen Papa (Branko Samarovski).
Auf Zypern schwindet die Seligkeit der frisch Getrauten behände. Desi ist fad, der Gatte hat keine Zeit. Die Uniform war so fesch, aber er mag sie kaum ablegen, nicht einmal beim Sex. Fortwährend gibt es Wirbel und Störungen, dabei ist der Krieg abgesagt. Othello schmeißt Desdemonas geliebten Vetter Cassio wegen Trunkenheit hinaus. Sie will das Zerwürfnis kitten. Das empfindet Othello als Einmischung. Er will mit ihr speisen. Sie sekkiert ihn. Das Mahl wird zum Fanal. Von da an geht es bergab. Klar ist: Dieser Othello und diese Desdemona hätten auch ohne Jagos Ränkespiele massive Probleme.
Katharina Lorenz, das rebellisch-leidenschaftliche Gretchen aus „Faust“ mit Moretti, ist auch als Desdemona kein Mauerblümchen. Es erforderte in der damaligen Zeit enorme Schneid, das Vaterhaus zu verlassen und mit einem Schwarzen durchzubrennen. Desdemona wünscht sich echte Partnerschaft. Und sie tändelt auch ein bisschen. Betrug? Vielleicht, später einmal. Der Mann freilich ist von Anfang an völlig anderswo. Er stellt sie aufs Podest, nimmt sie nicht ernst – verdächtigt sie grundlos, macht sie fertig und vernichtet sie schließlich. Davor singt sie: „Woman is the Nigger of the World“ (John Lennon, 1972). [...]
Es gab einige Abgänge bei der Premiere, und manche seufzten: Regietheater. Ja, aber da, wo es am sinnvollsten ist, nämlich zeitgemäße und interessante Sichtweisen auf ein wahrhaft zu Tode gedroschenes Stück zu ermöglichen. Schön ist auch, dass die Liebesgeschichte nicht ironisiert wird, sondern dass sie sich so heiß, tragisch, wie sie ist, weitgehend wirklich ereignet. (Die Presse)
Selge gibt im Akademietheater, dem Schauplatz einer so bitteren wie überzeugenden Diskriminierungsstudie, den Säure verspritzenden Freigeist: einen Studienrat im Stangensakko, der mit gelichtetem Haarschopf Intrigen wie Sprengladungen anbringt. Den Rassismus aber, der einem angeblich unverzichtbaren Leistungsträger gilt, muss Jago nicht erfinden. Othello (Joachim Meyerhoff) ist bloß das exakte Spiegelbild jener Vorbehalte, die ihn zum Exoten stempeln. Rußschwarz bis in die Handflächen, schleicht er als Anhängsel der venezianischen Prominenz wie im Glücksrausch über die Rampe: als schöner Wilder aus der Vogue für Männer. Meyerhoff ist das Rätsel dieses vielfach unfertigen, manchmal auch stockenden Abends: In seiner Geschmeidigkeit wähnt man die Stereotype einer gelingenden, in Wahrheit bloß behaupteten Integration wiederzuerkennen. Desdemona (Katharina Lorenz) scheint als höheres Soldatenliebchen ihrem Afrikaner von Herzen zugetan: Sie flennt ganz herzinniglich, wenn Othello die Geschichte seiner Brautwerbung einschmeichelnd vorträgt. Der Doge (Rudolf Melichar) lässt den Gastarbeiter gewähren: Venedig führt nämlich Krieg. Es schlägt die Stunde der Sachbearbeiter.
Die hohe Wand aus Wellblech zerbirst (Bühne: Stéphane Laimé): Vor der Feuermauer liegt Zypern - kein Schlachtfeld mehr, deshalb noch lange kein Hinterland. Von oben regnet es Daunen; eine schwangere "Hure" (Adina Vetter) stöckelt zwischen Kisten, Planen und Matratzen hinüber zu einem begehbaren Liebesschrank. Die Venezianer verstehen es, wirkungsvoll Krieg zu führen. Mit der Anbahnung harmonischer Liebesverhältnisse sind sie absehbar überfordert.
Privatheit kann auf diesem vom Krieg beschmutzten Grund nicht gedeihen. Damen wie Jagos porzellanblasse, herrlich emanzipierte Gattin Emilia (Caroline Peters) sind daher bloß Prunkstücke einer erotischen Marschverpflegung: Sie oder Desdemona, die sich hübsch räkelt oder ungezwungen im Bikini posiert, verkörpern Spindfotos aus Fleisch und Blut. Jeder sieht hier jede. Die Eifersucht, die Jago in Othello hochkitzelt, ist ein überholter, spießiger Empfindungsrest.
Und so gelingen Bosse Szenen von erschütternder Nachhaltigkeit: Wenn Othello, der smarte Generalissimus, seinem jungen Weibe ein Abendessen ausrichtet, setzt es afrikanisches Hühnchen. Meyerhoff, der undurchdringliche Nervenschauspieler, balanciert auf schmalem Hochgrat: stürzt sich aus der Rolle des "kultivierten Zentraleuropäers" hinunter in das epileptische Elend des rasenden Mohrs. Jago sitzt derweil wie ein böser Spielleiter in der ersten Reihe fußfrei, mäkelt und motzt und gießt Säure nach.
Die Lichtblitze, die Zypern immer wieder unnatürlich erhellen, sind solche der Erkenntnis: In Gabriella Bußackers und Bosses Othello-Übersetzung, die ebenso nüchtern wie scharf jeden Anflug von Poesie vermeidet, fallen die Menschen heraus aus jeder Geborgenheit. Othellos zähnefletschendes Elend, wenn er Desdemona in der Hängematte quälend langsam erstickt und ersticht, ist das der unverstellten Nacktheit: Keine Kulturleistung beschützt vor der Katastrophe der Selbsttäuschung. Zerstörungslust ist die obszöne Dreingabe einer aufgeklärten Gesellschaft.
Das Premierenpublikum stand wie unter Schock - und rang sich schließlich zu Jubel durch. (Der Standard)
Jan Bosse inszenierte Shakespeares "Othello" für das Akademietheater: Modisch und schick, volkstheaterhaft deftig und gleichzeitig sehr schlau.
Othello geht fast roboterhaft, Arme und Hände seltsam abgewinkelt, so als müsste er sich selbst daran erinnern, wie man sich unter Menschen bewegt. Othello ist hier keine Projektionsfläche für Rassisten, er steht für das Fremde, nicht Kontrollierbare in jedem einzelnen. [...]
Großartig, komisch und gleichzeitig tragisch kommt das in der Essens-Szene heraus: Othello bemüht sich um besonders feine Tischmanieren, die ihm immer mehr entgleiten, während Desdemona unbewusst seine Eifersucht anfacht. Schließlich rupfen beide buchstäblich miteinander ein Hühnchen. Meyerhoffs Othello ist auch nicht der "edle Wilde", sondern wirkt arrogant und wenig sympathisch.
Edgar Selge ist ein großartiger Partner, auch er spielt seine Figur gegen die Klischees. Dieser Jago ist weder das absolute Böse noch eine Nazi-Karikatur - er ist ein Spieler, der eine Kränkung zum Anlass nimmt, zu schauen, wie weit er gehen kann.
Katharina Lorenz spielt die Desdemona - ähnlich ihrem viel gelobten Gretchen im "Faust" - als moderne, selbstbewusste Frau. Die Figur wird jedoch nie wirklich scharf, sie wirkt verwackelt.
Das Ereignis dieser Aufführung ist jedoch Caroline Peters als Jagos Frau Emilia: Mit wenigen Worten, aber vielen Gesten und Blicken entwirft sie eine vom Leben geschüttelte, aber nicht gebrochene Frau zwischen Resignation, Verachtung, Wut und Lust. (Kurier)
Sogar die Notbeleuchtung wird von den Billeteuren verdeckt, die minutenlange Dunkelheit, die nur von den Stimmen von Edgar Selge und André Meyer durchdrungen wird, scheint schier endlos und weckt jene Beklemmung, zu der Regisseur Jan Bosse dreieinhalb Stunden später wieder zurückkehren wird. Dazwischen liegt eine schicke, von großartigen Schauspielern getragene, in der zweiten Hälfte leider etwas langatmige Deutung der Shakespeare- Tragödie, die den ohnehin kraftvollen Burgtheater- Spielplan noch um einiges bereichert. [...]
Männer wie Frauen bestreiten das stark gekürzte und in einer zeitgemäßen, prägnanten Übersetzung vorliegende Stück größtenteils in schlammgrüner Militärkleidung, die Damen wechseln immer wieder zu edlen Kleidern, wenn es gilt, die Männer von ihren Anliegen zu überzeugen (Kostüme: Kathrin Plath). Hier laufen Katharina Lorenz, die schon in "Faust 1" als Gretchen begeisterte, und Caroline Peters als entrückte, dem Alkohol nicht abgeneigte Emilia zur Hochform auf. Mit viel Fingerspitzengefühl und noch mehr Beinfreiheit führen sie den großen Krieg ihrer Männer im Kleinen im Schlafzimmer. Dabei wirken sie ebenso wie ihre Gatten in dieser über 400 Jahre alten Shakespeare- Tragödie ausnahmslos modern, emanzipiert und selbstbewusst. [...] (vienna online)
Es ist die Dunkelheit, die den roten Faden in Jan Bosses „Othello"-Neuinszenierung im Wiener Akademietheater darstellt. Das Stück beginnt in kompletter Finsternis und endet düster. [...]
Vor einer schwarzen Wellblechwand (Bühnenbild: Stephane Laime) wird das Drama ausgelöst und das Schicksal besiegelt: Man schickt Othello mit seiner frisch (und gegen den Willen ihres Vaters) angetrauten Desdemona ins Kriegsgebiet nach Zypern.
Riesige Windmaschinen im Zuschauerraum bringen die passende Atmosphäre ins Theater. Die Wände brechen ein, Staub wirbelt auf und auf der Bühne bleibt das selten so schöne, pure Chaos zurück: Die ideale Umgebung für das tödliche Spiel - und Szenenapplaus für die Verwandlung. [...]
Meyerhoff ist ein Alleskönner, das ist bekannt. In dieser Inszenierung darf er einiges davon zeigen: Als "Mohr" am ganzen Körper tief in Theaterschminke getaucht, legt er seinen Othello nicht klischeehaft naiv an, sondern spielt ihn zuerst als präpotenten, selbstsicheren Siegertypen.
Kleine Gesten und wenig Worte benötigt er zu Beginn, um die Rolle zu etablieren. Ausgelöst von der langsamen Zerstörung durch Jago, die gesäte Eifersucht, steigert er sich doch in körperliche Höchstleistungen und schließlich rasende, kopflose Wut.
Als Jago überzeugt Edgar Selge. Mit sich selbst unzufrieden projiziert er den unbändigen Hass auf Othello, und stürzt diesen mit voller Absicht, in eiskalt geplanter Manier, in sein Unglück.
Katharina Lorenz schafft es, wie auch schon als Gretchen in der "Faust"-Inszenierung von Matthias Hartmann, Unschuld und Selbstbewusstsein zu verbinden und damit als Desdemona durch eine starke Bühnenpräsenz zu glänzen.
Weibliche Verstärkung kommt mit Jagos Ehefrau Emilia, gespielt von Caroline Peters. Sie ist wohl eine der stärksten Figuren des Abends, zerbrechlich und zum Teil nur mit ihrer Mimik und Gestik rückt sie sich oft ins Zentrum des Geschehens. (ORF.at)
Katharina Lorenz gibt die Desdemona süß und erotisch, Edgar Selge ist als Jago ein überzeugender Multitasker des Bösen.
Ein Erlebnis für sich ist die Verwandlung, die der Alleskönner Joachim Meyerhoff dem Othello angedeihen lässt: Er beginnt als lässiger Daddy Cool im Designer-Anzug, mutiert mühelos zum autoritativen War-Lord, um am Ende, jeder Souveränität ledig, wie ein Wiedergänger von Coppolas Colonel Kurtz totalem Wahn zu verfallen. – Eine Sternstunde der Schauspielkunst! (Kleine Zeitung)
Venedigs Welt der Ordnung im Zeichen des Löwen von San Marco zersplittert hier mit enormem Krach. Ein Sturm fegt durch den Saal, die dunkle Wellblechwand stürzt ein, Erde, Schutt und Staub prasseln auf eine Trümmerlandschaft der Zivilisation: Stéphane Laimés Bühne hat starke, die kommende Katastrophe versinnbildlichende Suggestivkraft. Othellos und Jagos, Desdemonas und Emilias Zypern wird zum Schlachtfeld der Gefühle. (Die Welt online)
Stattdessen verlagert [Jan Bosse] das Interesse von "race" auf "gender". Nicht durch eine Othello-Darstellerin wie zuletzt bei Jette Steckel am Berliner Deutschen Theater, sondern durch eine klare Botschaft: "Woman is the nigger of the world".
Yoko Ono und John Lennon haben diesen Song geschrieben. Desdemona, Emilia und Bianca, die Frauen von Othello, Jago und Cassio, singen ihn – in einer großen Hängematte schaukelnd – gemeinsam. Und haben guten Grund dazu, denn sie sind alle Opfer: der Eifersucht, Karrieregeilheit und Ignoranz ihrer Männer. Während Bianca und Desdemona anfangs noch vom Liebesglück träumen dürfen, ist Emilia lange schon in der treulosen Realität angekommen. Minutenlang heftet sie Blicke auf ihren Mann, die eine ganze gescheiterte Beziehungsgeschichte erzählen.
Caroline Peters macht aus Emilia die für mich spannendste Figur dieser Inszenierung. Sie ist dauernd präsent, verfolgt so vieles, aber oft bleibt offen, was davon sie hört, begreift, goutiert. Mitunter bewegt sie sich wie eine Puppe mit Haaren so unvergleichlich blond und kraus, und diesen Augen! Wie wach die sind, und was da alles aufblitzt: Neugier und Langeweile, Liebesbedürfnis und Enttäuschung, Leid, Verachtung, Ekel. Wie Waffen wirken ihre Blicke, wenn sie sie auf Jago wirft.
Peters' Emilia hat so viel Power, aus Schmerz geboren, dass sie Othello am Ende als einzige Paroli bietet. Sein blutiges Messer an ihrem Hals schleudert sie ihm aufrecht, energisch, mitten ins Gesicht: "Du hast nicht halb so viel Kraft mich zu verletzen, wie ich habe einzustecken."
Diese Kraft vor allem ist's, die durch die dreieinhalbstündige Inszenierung trägt. Inhaltlich wie schauspielerisch. Womit nun keineswegs die anderen darstellerischen Leistungen geschmälert seien. Jagos (Edgar Selges) unverschämt souveräne Virtuosität des Sich-Verstellens etwa, Cassios (Markus Meyers) Verzweiflung ob der eigenen Trunkenheit, oder der spannungsreiche Inter-Essens-Konflikt zwischen Othello und Desdemona (Katharina Lorenz) in der wunderbaren Szene einer Ehe, beim Candle-Light-Lunch inklusive Hühnchenrupfen.
Beeindruckend ist vor allem auch die Bühne. Das Black am Anfang, und bald darauf ein Special-Effect: ein Windmaschinen-Sturm im Zuschauerraum. Die schwarze Wellblechwand bricht krachend in sich zusammen und gibt die Bühne frei. Zypern als Schlachtfeld, auf dem man sich’s – nun in Uniform und olivgrünem Dressing – einzurichten sucht, Zerstörung und Neuanfang dicht beieinander. Frühlingsgrüne Äste sprießen zwischen Trümmern ehemaliger Häuslichkeit, Papierfetzen, dunkle Erde und weiße Federn überziehen den Boden, Rauch und Lichtkegel den Raum. Selten war Zerstörung so schön anzuschauen. (Nachtkritk.de)
Da fliegen auch schon wieder die Türen zum Zuschauerraum auf, mannshohe Ventilatoren bringen den Sturm, die Wellblechkonstruktion bricht hervorragend choreographiert in sich zusammen und gibt das Schlachtfeld Zypern frei: Bühnenbildner Stéphane Laimé hat hier ganze Arbeit geleistet: Eine Schneedüne rechts hinten, aufgeschüttete Erde und ein offenes Grab links, Matratzen, Bäume, Müll, eine Hängematte und sogar ein am Boden herumliegendes, funktionstüchtiges Waschbecken bestimmen die nun folgenden drei Stunden, in denen der überhebliche, siegessichere Othello zum winselnden, vor Eifersucht wahnsinnigen Ehemann wird. (vienna online)

























