William Shakespeare
‹Richard II.›
Richard, König von England, hat sein Land herabgewirtschaftet, die Kassen sind leer, der Staat ein sinkendes Schiff. Seine korrupten Höflinge fallen von ihm ab. Richard verbannt seinen Cousin Bolingbroke aus England und bringt ihn um sein Erbe.
Jener kehrt jedoch aus dem Exil zurück – und fordert sein Recht. Der neue „Saubermann“ entfesselt einen Bürgerkrieg. Im Untergang reflektiert Richard II. über sein Scheitern und die Grenzen politischer Macht. Er wird zum Menschen. Bolingbroke wird Heinrich IV., aber auch ihn beginnt die Macht zu zerstören. Im letzten Akt rollen die Köpfe, neue Bürokraten des Todes übernehmen die Regierung. Richard II., letzter degenerierter Vertreter eines gottgesalbten Königtums, wird im Tower ermordet.
Das Burgtheater zeigt das Königsdrama in der preisgekrönten Inszenierung des ehemaligen Burgtheaterdirektors Claus Peymann aus dem Jahr 2000 in neuer Besetzung.
Eine Produktion des Berliner Ensembles
Herzogin von Gloster, ein Fräulein, Herzogin von York
Maria Happel
Herzog von Gant, Bischof von Carlisle
Martin Schwab
Heinrich Bolingbroke, sein Sohn
Veit Schubert
König Richard II.
Michael Maertens
Königin Isabel
Dorothee Hartinger
Thomas Mowbray, Gärtner, 3. Abgeordneter, Hauptmann
Johannes Krisch
Aumerle
Markus Meyer
Bushi, Willoughby, Gärtner Gehilfe, 1. Abgeordneter
Hans Dieter Knebel
Greene, Ross, Ein Soldat, 2. Abgeordneter
Gerrit Jansen
Bagot, Gefängniswärter
Daniel Jesch
Herzog von York
Manfred Karge
Northumberland
Klaus Pohl
Regie: Claus Peymann
Bühnenbild: Achim Freyer
Kostüme: Maria-Elena Amos
Dramaturgie: Jutta Ferbers
September
Sonntag, 12.09.2010 | 19.00 UhrBurgtheaterKarten
Oktober
Sonntag, 03.10.2010 | 19.00 UhrBurgtheaterKarten
Donnerstag, 28.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Freitag, 29.10.2010 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten
Regisseur Claus Peymann ist eine Dekade nach seinem Abschied als Burgtheaterdirektor als Gast vom Berliner Ensemble mit einem großartig inszenierten Historiendrama zurückgekehrt und hat das Ringen um die Macht hoch konzentriert mit beeindruckenden Szenen verdeutlicht. Michael Maertens als Titelfigur ist eine Idealbesetzung, er hat Veit Schubert als Heinrich Bolingbroke zum starken Kontrahenten. Das übrige Wiener Ensemble ist überwiegend präzise bei der Sache. Die dreistündige Premiere am Samstag hatte Elan und Witz, pflegte vor allem auch die Liebe zur Sprache (poetische Übertragung: der 2004 verstorbene Dichter Thomas Brasch). (Die Presse)
Das Wiener Publikum wähnte sich im Schauspielglück. Und das darf es auch bei Peymanns, seit 2000 gefeierter, Inszenierung für das Berliner Ensemble, die er nun für Matthias Hartmanns Burgtheater mit vielen Wiener Theatergesichtern aufgefrischt hat. Einfachst ist die weiße Bühne (Achim Freier), einfachst ist auch der „Dresscode" in den Farben der Schachfiguren am Hof von England (Kostüme: Maria-Elena Amos): Weiß und Schwarz stehen sich im ewigen und ewig gültigen Spiel um Macht und Krone gegenüber. [...]
Michael Maertens imponiert fast zehn Jahre nach seinem Richard-Debüt und der Darstellung unterschiedlichster Charaktere noch immer. Je deutlicher sich der Untergang des herrschenden Pleitiers abzeichnet, er den Tod unter der goldenen Krone erkennt, desto mehr erkennt er den „Menschen in sich".
Maertens wandelt mit herabgezogenen Mundwinkeln durch die kühle Szenerie, ein wundersam nachdenklicher, traumverlorener Kindkönig, gibt da der mitunter rauen Sprache (Übersetzung: Thomas Brasch) einen seltsam fernen Klang. Selbst sein Befehlston, sein eitler Debattenstil am Anfang haben etwas Singendes. [...]
Dorothee Hartinger als Königin Isabel leidet etwa wunderbar an Fallsucht, Markus Meyer passt ideal in die Rolle des verbiesterten Höflings Aumerle — und hat doch so viel Daseinstraurigkeit an sich.
Martin Schwab brilliert wieder einmal mit Alter ohne Furcht vor Macht: als Herzog von Gant. Manfred Karge bleibt ein schwacher York. Und Maria Happel macht nach kurzem Ausflug ins Tragische (als Herzogin von Gloster) das Komische zu ihrer Sache: als „Fräulein" im Nonnenkleid und als Herzogin von York. (Kronen Zeitung)
Der Regisseur hebt das Geschehen am englischen Königshof aus den Tiefen der Geschichte herauf und durchleuchtet es mit analytischer Schärfe. Anfangs ist alles so schön sauber auf der Bühne mit trapezförmigem, streng geometrischem Grundriss und zunächst glatten Wänden. Achim Freyer hat, ebenso wie die Kostümbildnerin Maria-Elena Amos, alles auf die Farben Schwarz und Weiß reduziert. Das schafft Übersicht, weil die Konfliktparteien gut voneinander zu unterscheiden sind. Dafür ist man dankbar, denn will man allein die Verwandtschaftsverhältnisse der handelnden Personen auf Anhieb verstehen, gehört schon einiges dazu. Neffe kämpft gegen Neffen, Onkel gegen Neffen und zugleich womöglich auch noch gegen einen Cousin. [...]
Peymann versteht jede der vielen Szenen als ein Dramolett, das seinen eigenen Spannungsbogen hat. So fügt sich ein kleines Drama an das nächste. Dies und die Herausarbeitung starker Charaktere machen die Qualitäten der Inszenierung aus. Vorgeführt wird die gewaltsame Ablösung eines Herrschers. Dafür findet der Regisseur einprägsame Bilder. (Salzburger Nachrichten)
Maertens aber bleibt der Atlas dieser noch so jungen Ära Hartmann. In seinen besten Momenten scheint er die Sätze aus der Luft zu pflücken: Dann halten, wie er in seinem intensiven Kerkermonolog auf Knien feststellt, auch wirklich Seele und Gehirn Hochzeit, um lauter schöne, gleißende Gedanken hervorzubringen.
Das Wiener Publikum jubelte seinem Alt-Alt-Direktor herzlich zu: Der Beifall konnte nicht allein dieser Inszenierung gegolten haben, deren Ideologiekritik deutlich gestrig war und ist. Er schien vielmehr einer Ära zugedacht, die in der Erinnerung mehr und mehr verklärt erscheint. (Der Standard)
Die Bühne (Achim Freyer): Ein schwarz-weißer Guckkasten mit abschüssiger Zentralperspektive. Darin werden Könige rasch klein gemacht, und Thronanwärter blitzschnell groß. Dabei sehen die Verhältnisse am Anfang so leicht durchschaubar aus. König Richard spielt mit den Günstlingen Billard. Sie sind weiß gekleidet. Fesche Leute; lässig verlässt Richard das Spiel, setzt sich beiläufig die Krone auf, um Staatsgeschäften nachzugehen – ödes Streitschlichten.
Die bisher Unterlegenen tragen Schwarz, etwa der im Rollstuhl sitzende alte Herzog von Gant (Martin Schwab) und die Witwe Gloster, seine Schwägerin (köstlich: Maria Happel). Beide sind weiß geschminkt wie Clowns und tragen Verrat im Herzen. [...]
Der Bürgerkrieg Schwarz gegen Weiß ist in vollem Gange, Männer mit Britenhelmen aus dem Ersten Weltkrieg schlagen Kriegstrommeln (fantasievolle Kostüme: Maria-Elena Amos). Daniel Jesch, Gerrit Jansen, Hans Dieter Knebel und Klaus Pohl überzeugen sowohl in komischen Szenen wie als äußerst raue Gesellen. Die Hilflosigkeit des abwesenden Königs drückt seine Gattin Isabel aus. Wie ein Fremdkörper wandelt sie ganz in Weiß über die Bühne, fällt bei den Hiobsbotschaften regelmäßig in Ohnmacht. Bald ist sie voller Schmutz. Ganz zart und charmant und witzig wird das von Dorothee Hartinger gespielt. Am Schluss werden die schwarzen und weißen Figuren so graubraun sein wie der Dreck in Richards Zelle.
Schon bei der Abdankung im vierten Akt sind Gut und Böse hoffnungslos vermischt. Hoch oben auf den Zinnen thront noch der König, doch ist er geschminkt wie ein Clown, als ihm unten der siegreiche Bolingbroke entgegentritt. Auf einer elend langen Leiter steigt der König ängstlich herab. Zögernd, im Wechsel von Aggression und Unterwerfung, auch die Übergabe der Krone. Als Bolingbroke, nun Heinrich IV., sie endlich hat, scheint auch Richards Zaudern auf ihn überzugehen. Maertens hat im Finale großartige Szenen der Selbstbespiegelung: ein König mit zwei geschundenen Körpern. Peymann sind wunderbare Bilder gelungen.
Nun muss der neue Herrscher, in Schwarz, mit Clownsgesicht, die Staatsgeschäfte besorgen. Schwarz auch die Billardspieler, von denen er sich zögernd löst, um vor einem drohendem Duell Streit zu schlichten.
Spiegelbildlich wiederholt sich die Geschichte, in der sich die wendigsten Intriganten behaupten. Hier ist es die Familie York. Der alte Herzog (unheimlich böse: Manfred Karge) ist sogar bereit, seinen Sohn Aumerle (sehr differenziert und gut: Markus Meyer) für den Aufstieg zu opfern. Er wird auch, und das ist eine Abweichung vom Original, den gefangenen Richard ermorden, geschäftsmäßig kalt. Da ist die Bühne schon bedeckt mit Blut, Exkrementen und Konserven – ein Müllhaufen der Macht. (Die Presse)
Claus Peymanns Interpretation von Shakespeares "Richard II." ist einfach. Und das ist einfach genial.
Denn nun sieht man hier einen Richard, der so exemplarisch ist, wie weiland der "III." mit Gert Voss. Zugegeben, es brechtelt ein bisschen in diesem Erfolg vom Schiffbauerdamm. Grelle Gesichter, dunkle Bowler. Die Schachfiguren auf den Brettern, die Intrige bedeuten, sind rasch identifiziert: Richards Partei trägt weiß, die Bolingbrokes schwarz. Claus Peymann macht sich's einfach. Genial. [...]
Dafür schuf Achim Freyer das Bild eines schneereinen Triptychons, das sich im Laufe der Wörterschlacht schön mit Schlamm einsauen lässt. Bolingbroke, da schon Heinrich IV., wird zum Schluss vergeblich versuchen die Wände mit dem Gartenschlauch zu säubern.
Veit Schubert ist wunderbar in dieser Rolle. Zu hässlich für einen Heilsbringer gibt er den unsentimentalen Tatmensch, der Verstand so scharf wie das Schwert. Er schont das Leben von Yorks Sohn, um den Herzog (das ist neu!) zu Richards Mörder zu machen. Manfred Karge ergibt sich als Feigling in sein unbedanktes Schicksal. Wesentliche Rollen wurden aus dem Burg-Ensemble neu besetzt. Toll: Dorothee Hartinger, Martin Schwab, Johannes Krisch, Klaus Pohl.
Und dann: Michael Maertens! Changierend von schnöselig-skrupellos zu jammerläppisch. Man muss die Art mögen, wie er vom hysterischen Furioso des Despoten in Sekunden zum kleinlauten Pianissimo der verzweifelten Seele wechselt. Die Wiener, mag man sagen, mögen's nicht. Sie lieben es. (Kurier)
König Richard kommentiert seine Aktionen mit philosophischen Exkursen ausführlich. Wenn er immer mehr in die Enge getrieben wird und zuletzt im Gefängnis auf dem Boden kauert wie Florestan im „Fidelio", bekommen diese inneren Monologe wahnhafte Züge.
Das sind für Michael Maertens willkommene Gestaltungsansätze. Dieser König zeichnet sich durch einen luziden Geist und Leidensfähigkeit aus, kennt aber genauso Grausamkeit, Skrupellosigkeit und Ungerechtigkeit. Eine höchst widersprüchliche Figur, die aber letztlich durch die Art, wie sich in ihrem Inneren Naivität und Ironie mischen, für sich einnimmt.
Sein Gegner Bolingbroke siegt zwar, ist ihm aber im Grunde nicht ebenbürtig. Veit Schubert zeichnet einen aufbrausenden Gewaltmenschen, in seiner Anmaßung aber voll Unsicherheit. Am Schluss sitzt er unbequem auf dem Thron, und sein Versuch, Ordnung auf der verwüsteten Bühne zu machen, scheitert.
Zwischen den Lagern spielt Herzog York sein eigenes Spiel. Manfred Karge macht aus ihm einen windigen, brutalen Diplomaten, der seine Gefährlichkeit unter einem harmlosen Äußeren verbirgt. Die wendige Maria Happel ist noch zu nennen, die gleich in drei Rollen brilliert, und Martin Schwab, der sich wieder einmal dort bewährt, wo Würde und Moral gefragt sind. (Salzburger Nachrichten)
Peymanns Richard II. ist zwar unterhaltsames, aber ernsthaftes Theater, das sich wohltuend von den kallauernden Klassiker-Verschrottungen absetzt. [...] Wenn etwa Richard (Maertens), ein zynischer Schwächling mit infantilen Anwandlungen, spektakulär mit dem sterbenden Herzog von Gant (Martin Schwab) zusammenprallt, dessen Sohn er verbannt hat und der sich ein letztes Mal wortgewaltig (Übersetzung: Thomas Brasch) gegen den unfähigen König aufbäumt – dann kommt man nicht umhin, in Gedanken vor solcher Schauspielkunst niederzuknien. (Österreich)
Achim Freyer baute einen von drei Seiten sich nach hinten verjüngenden Kubus, der herrlichen Platz zur Entfaltung prachtvoller Schauspieler bietet. Ob Martin Schwab oder Maria Happel in mehreren Rollen, Dorothee Hartinger als wunderbar schwächelnde Königin Isabel oder Johannes Krisch, Hans Dieter Knebel, Klaus Pohl, Gerrit Jansen und Daniel Jesch sie alle verkörpern eine politische Kaste, die durch und durch verlogen und korrumpiert ist. Heuchelt, was das Zeug hält und diese Figurenausstellung mit Augenzwinkern und Ernst, Witz und Übertreibung (einige karnevalesken Akzente setzt Kostümbildnerin Maria-Elena Amos) aber immer mit großem Können vornimmt. (Kleine Zeitung)
Als Richard II. liefert Maertens die mitreißende Psycho-Studie eines Ich-Schwächlings: Selbstverliebt, selbstmitleidig und selbstvergessen verspielt er England und die Krone, woraus sein Gegenspieler Bolingbroke (Veit Schubert) reichlich Gewinn lukriert. Dabei zieht Maertens alle Register seiner fast an Gesangskunst grenzenden Schauspielkunst: Raunzend wie ein Kind, aufbrausend wie ein Tyrann laviert sich Richard an allen handfesten Problemen vorbei in Richtung seines Untergangs. Maertens ebenbürtig ist in Peymanns kunstvoll-ungekünstelter Inszenierung nur Martin Schwab als Bolingbrokes hasserfüllt sterbender Vater. (Österreich – Nachtkritik)
Richard selbst steht wie ein Geschöpf aus einer anderen Welt inmitten seines Hofes, der durchaus von dieser Welt ist, und die Ausnahmefigur bringt Michael Maertens allemale. [...] Anfangs erscheint dieser Richard vordringlich als unsicherer, meist gereizter Hysteriker, der mit der Macht nicht zurecht kommt, und erst ganz gegen Ende, als Shakespeare die Erkenntnis seiner armen Menschlichkeit formuliert, spielt er eine wunderbare Müdigkeit, wird der seltsame knieweiche König zur großen, tragischen Figur.
Wie Politik schlimmstenfalls gemacht wird (nicht nur die ganzen Königsdramen hindurch, sondern bei Shakespeare immer, was ein wichtiger Bestandteil seiner Genialität ist), das zeigen viele Figuren - Veit Schubert als späterer Heinrich IV., der sich mit Tücke auf die Macht zuarbeitet, Manfred Karge als York, der ihr beflissen die Hand reicht (bis zur Aufgabe jeglichen persönlichen Gefühls) und am Ende verdientermaßen ihr Opfer wird, oder Markus Meyer als Aumerle, der sich auf die falsche Seite stellt und am Ende im Dreck rutschend um sein Leben flehend muss. Da verdichtet sich vieles meisterlich, auch bei den anderen Figuren (wobei mehrer Schauspieler mehrere Rollen verkörpern): Martin Schwab, Johannes Krisch, Klaus Pohl, Hans Dieter Knebel, Daniel Jesch und Gerrit Jansen haben da einiges an scharf Profiliertem zu bieten (wobei Peymann ganz übermütig wird, wenn es um die übliche „Tölpel“-Szene geht, die hier als Gärtner wild mit einem Gartenschlauch herumspritzen dürfen).
Zwei Damen stehen auf der Bühne - Dorothee Hartinger so anmutig wie unsicher als unglückliche junge Königin, Maria Happel in drei Rollen, eine tobende Herzogin von Gloster, eine vergnügte Nonne und eine Herzogin von York im Rollstuhl, die sich auf die Knie wirft, um mit tragikomischer Intensität um das Leben ihres Sohnes Aumerle zu flehen. Eines mehr von vielen darstellerischen Glanzstücken an diesem Abend. (Der neue Merker)


























