Burgtheater

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Mea Culpa

Christoph Schlingensief
‹Mea culpa
Eine ReadyMadeOper›

"Es ist ein grundehrlicher, zutiefst existentieller Abend, und weil man das bis in die letzte Faser spürt, berührt er einen sehr. Es gibt nicht viele Theaterabende, die so ganzheitlich, so überzeugend authentisch - und dazu auch noch so multimedial ausgefeilt - an die wirklich letzten Dinge rühren." (Süddeutsche Zeitung)

Eine ReadyMadeOper von Christoph Schlingensief auf dem Rücken von Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Sheryl Crow, J. W. Goethe, Thomas Mann, Elfriede Jelinek, Jean Luc Nancy, Paul Thek u. v. a.

"Das alles bin ich, will ich sein, Taube, zugleich Schlange und Schwein." (Nietzsche)

Der souveräne Künstler ist alles, was ihn betrifft, selbst, zumindest ist er für alles selbst verantwortlich. Wenn er krank wird, kann er, anders als normal Sterbliche, nicht fremden Mächten oder gar dem Zufall die Schuld geben, das würde seine Souveränität verletzen. Er kann höchstens Gott die Schuld geben, aber auch das nur dann, wenn er sich vollkommen mit Gott identifiziert. Der französische Kunsttheoretiker Jean Luc Nancy, der vor acht Jahren ein fremdes Herz erhielt, das Herz einer schwarzen Frau, und wenig später an Krebs erkrankte, sagte unlängst: "Ich bin die Krankheit und die Medizin, ich bin die kanzeröse Zelle und das verpflanzte Organ, ich bin die das Immunsystem schwächenden Kräfte und deren Palliative". Damit verweist er nicht nur auf die fließenden Grenzen des Ich in Extremsituationen, sondern auch auf den Souveränitätsanspruch des Künstlers.

Auch für Christoph Schlingensief, den Künstler, Film-, Theater- und Wagner-Opernregisseur, ist dies ein vertrautes Thema. Seit seiner Parsifal-Inszenierung in Bayreuth 2004 lässt ihn Wagners fragwürdige Gleichung: "Liebe plus Tod gleich Erlösung" nicht mehr los. Nun versucht er in den drei Akten seiner eigenen Oper für sich und das Publikum verschiedene Facetten des Dionysischen zu präsentieren: wirkungslose, krankmachende, erlösende; zwischen Ayurveda-Technologie, magisch-sexueller Voodoo-Entgrenzung und Schlingensiefs eigenem Plan, ein Welten und Zeiten verbindendes Festspielhaus in Afrika zu bauen, wo die aufsteigende schwarze Kultur Afrikas und die absteigende Zivilisation Europas sich verbinden sollen zu einem Spiel der Entgrenzung (und gleichzeitig der Heilung, Bildung, Forschung).
Das Ende der Alltäglichkeit, Läuterung, Schuld und Buße, kleine Dinge und große Verwandlungen markieren die Bewegung der drei Akte dieser Stationenoper, die eine Gruppe schuldlos schuldig gewordener Menschen auf ihrem Weg zur endgültigen Heilung zeigt.

In Mea Culpa verwischt Christoph Schlingensief eine heikle Markierung: Er ignoriert die Schwelle, die die Gesunden von den Kranken trennt. Indem er seine Krebserkrankung zum Thema einer Oper erhebt, die er obendrein auf der größten deutschsprachigen Schauspielbühne zur Uraufführung bringt, setzt er den Kunstbezirk unter Druck: Eine wunderbare Einrichtung wie das Burgtheater muss unter verschwenderischer Aufbietung ihrer Kunstmittel mit der ganzen "Wahrheit" über uns Menschen herausrücken.
Am Ende des Tages, wenn die Kulissen auf Janina Audicks Drehbühne endlich zur Ruhe gekommen sind, wenn Isoldes letzter Liebestod von Elfriede Rezabek berückend schön gesungen ist und ein unbeschreiblicher Jubel losbricht, dann ist Schlingensief mit seiner Erkrankung ganz allein. "Das war so schön. Ich danke euch sehr! Aber ich mag einfach noch nicht!", sagt Joachim Meyerhoff, der als wunderbares Alter Ego seines Regisseurs den Kranken gegeben hat. (Der Standard)

Aus Dutzenden musikalischen, literarischen, philosophischen und popkulturellen Versatzstücken lustvoll zusammengeklaut, komponiert im Sinne von zusammengesetzt, ist diese "Readymade-Oper" Schlingensiefs zugänglichste Arbeit der jüngeren Zeit. Ein Volksstück ohne Moral, das faszinierend das schafft, was Schlingensief so einzigartig macht: die Durchdringung der Genres und die Auflösung der Grenzen zwischen Spiel und Realität. (Die Presse)

Der Glanzpunkt der Produktion: Eine ehemalige Opernchoristin, Elfriede Rezabek, singt Isoldes Liebestod. Wen das nicht ergreift, der hat seine Emotionen an der Garderobe abgegeben. Diese greise Isolde lockt ihren Tristan sirenengleich. Aber Christoph Schlingensief denkt noch lange nicht ans Ertrinken, Versinken in höchster Lust, unbewusst. Der Himmel kann warten. (Die Welt)

Immer wieder wuseln prächtig gewandete Bischöfe, kesse Krankenschwestern oder swingende Tanzgruppen über die Bühne. Das Viva Musica Festival Orchestra aus Bratislava musiziert eifrig (nicht nur) Wagner - schließlich gilt es, die Brücke zwischen Schlingensiefs Bayreuther "Parsifal"-Inszenierung und seiner Vision eines "Opernhaus Afrika" zu schlagen: Das vom Grünen Hügel abgesiedelte Opernhaus werde sich zwischen den grünen Hügeln Afrikas sicher wohler fühlen, zeigt sich Meyerhoff als Schlingensiefs Alter Ego überzeugt. Neben Fritzi Haberlandt hat der Burgstar die persönlichsten Texte zu bewältigen, und er löst seine Aufgabe souverän. (APA)

„Mea Culpa" ist der letzte, zuversichtlich heitere Teil dieser Krebs-Trilogie - ein Blick zurück in heiligem Zorn, aber vor allem auch nach vorn: Die Metastasen sind wundersamerweise weg, Schlingensief kann wieder große Träume wie den eines Festspielhauses in Afrika ins Visier nehmen - mit dem veränderten, ja fast weisen Blick desjenigen, der den Tod vor Augen hatte. Vielleicht rührt daher die frappierende Leichtigkeit, mit der diese Inszenierung die verschiedensten Angst- und Seinszustände, Diesseits- und Jenseits-Hoffnungen wie in einem unruhigen Traum durchläuft. Es ist ein grundehrlicher, zutiefst existentieller Abend, und weil man das bis in die letzte Faser spürt, berührt er einen sehr. Wer jetzt wieder ächzt, hier sei ein unbotmäßiger Narzisst am Werk, der sein Leben ausschlachtet und zur Kunst stilisiert, sperrt sich gegen die Teilhabe, die Schlingensief uns gewährt. Es gibt nicht viele Theaterabende, die so ganzheitlich, so überzeugend authentisch - und dazu auch noch so multimedial ausgefeilt - an die wirklich letzten Dinge rühren. (Süddeutsche Zeitung)

Schlingensief stellt sein Innerstes so deutlich aus, dass es wie eine Passionsfrucht inmitten der meist finsteren Bühne schwebt, tropfend vom roten Saft des bitter Erfahrenen, zu praller Reife gebracht von der dunklen Sonne des Durchlebten. Entweder leiden wir an diesem Abend mit, oder wir erleben nichts. Schlingensief macht es uns nicht schwer. Denn alles und jedes, was unsere Welt um den Krebs und die Todeserfahrung herum gebaut hat, alles was sie tut, um die mysteriöse Krankheit und den Tod zu bewältigen und zu verdrängen, wird von Schlingensief zunächst durch den Kakao gezogen, einschließlich seiner selbst und seiner Aufführung. So befreit er uns, um uns mit ins dunkle Nichts zu nehmen. […]
"Mea Culpa" ist eine reife Arbeit, elegisch, parodistisch, exhibitionistisch. Die Haltung aber ist heiter. Und Schlingensief kommt - dann doch leibhaftig und nicht als Meyerhoff - als sein eigener Einspruch auf die Bühne. Ja, sagt er, ich will mich öffentlich machen. Auch wenn es anmaßend ist. Ja, sagt er, macht Euch alle öffentlich. Ja, in der Dunkelheit, dort wo wir alle allein sind, dort treffen wir uns dann. So bewegt sich Schlingensief mit neuer Liebe durchs Leben, was für eine schöne Nachricht. Und so bewegt er uns. Und macht Mut zu einer schwierigen Erkenntnis: Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand. (Frankfurter Rundschau)

„Mea Culpa" ist – das sei vorweg mit allem verfügbaren Ernst gesagt – ein ebenso erstaunlicher wie berührender Theaterabend. Erstaunlich, weil er zwar abendfüllend mit dem Wissen um Schlingensiefs lebensbedrohliche Krebserkrankung umgeht, zugleich aber in Jammer-Kitsch nur dann verfällt, wenn der Regisseur genau diesen zeigen und sich vehement gegen ihn zur Wehr setzen will; berührend ist "Mea Culpa" vor allem durch das Maß an Ehrlichkeit, das den Abend durchzieht – nicht nur dann, wenn Schlingensief selbst im zweiten Teil auf die Bühne tritt, Filme von seinem Ausflug ans Opernhaus im brasilianisch-amazonischen Manaus zeigt, um danach unter der Leselampe gemeinsam mit den Schauspielerinnen Irm Hermann und Margit Carstensen Briefe von Menschen vorzulesen, die sich vorbereiten auf das Sterben. Und dabei eben nicht verstummen. (Nachtkritik.de)

"Mea culpa", das Theater nach einer langen Dunkelphase, wirkt distanzierter als die "Kirche der Angst" - und doch umarmt es immer wieder das Publikum. Schlingensief lässt Texte anderer, Wunden zeigender Kranker vorlesen, von Derek Jarman bis Jean-Luc Nancy, und relativiert damit seinen vermeintlich provokanten Sonderstatus als Tabubrecher, der seine Todesangst formuliert. "Schreiben Sie auch mal ein Buch, wenn Sie Krebs haben", ruft er den Zuschauern zu und spielt schlau auf sein Krebstagebuch an, das im April erscheint. Auch dieser unheilige Heilige, so scheint es, sucht Anschluss an die anderen und ihre Liebe. Am Schluss schaut ein letztes Gesicht durch den roten Vorhang und sagt vergnügt: "Wir sind eins. Tschüss!" (TAZ)

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