Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe

Elfriede Jelinek
‹Winterreise›

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Wenn sich Elfriede Jelinek auf die Spuren des Wanderers aus Franz Schuberts Winterreise begibt, zieht sie – radikal wie in keinem anderen Stück zuvor – persönliche Bilanz. Angesichts ihrer eigenen Vergänglichkeit richtet sie den Blick in ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, befragt sich selbst zu den schon entschwundenen oder noch vorhandenen Möglichkeiten von privatem und beruflichem Leben.

Ihre „Reise im Stillstand“, wie Jelinek es selbst formulierte, führt sie von den gegenwärtigen Zuständen unserer Welt – abgebildet in Bankskandal, Entführungsopfern oder dem Auswuchern sozialer Netzwerke im virtuellen Raum – zu Stationen der eigenen Biografie: ihrem in der Psychiatrie gestorbenen Vater, der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und schließlich auch dem eigenen, schmerzhaft erlebten Ausgesetztsein als Autorin.

„Winterreise“ hat in der Spielzeit 2010/11 den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen und wurde in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ zum Stück des Jahres 2011 gewählt.

Regie: Stefan Bachmann

Bühnenbild: Olaf Altmann

Kostüme: Esther Geremus

Sound & Video: Philipp Haupt

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Andrea Vilter

Stefan Bachmann gelingt eine meisterhafte Inszenierung [...]. Diese österreichische Erstaufführung hat fantastische Bilder und Schauspieler, die den komplexen Text tönen lassen. (Die Presse)

Stefan Bachmann hat in seine Inszenierung wie in eine ordentliche Schweizer Präzisionsuhr Komplikationen eingebaut: Die Zusatzfunktionen - ob optisch oder akustisch – bescheren uns eine Fülle ästhetischer Informationen, mit einer Bandbreite von der Tragödie bis zu Komödie und Posse. (Die Welt)

Eine dunkle Steilwand [...] ist Olaf Altmanns Bühne für Stefan Bachmanns Inszenierung [...]. Wie ein Wörterwasserfall stürzt hier Jelineks dialogfreies Stück samt Sprechern ins Dunkle. (Süddeutsche Zeitung)

Hier gibt es nichts Überflüssiges, der Abend bietet einen idealen Einstieg in diese Dichtung. Scherz, Satire, romantische Ironie und tiefere Bedeutung sind in Balance. (Die Presse)

Land der Berge, Land der Schieflage: Stefan Bachmann gelingt eine starke Deutung von Elfriede Jelineks „Winterreise“. (Kleine Zeitung)

Bachmann hat in Jelineks Text die hohe Musikalität freigelegt, er lässt ihn im Duett, im Chor, im Kanon, als Quodlibet sprechen, und bei aller Ernsthaftigkeit: auch seine Entertainmentqualitäten. (Kurier)

Die fulminante Inszenierung von Stefan Bachmann schwingt sich zu einer rasanten Satire über die Spaßgesellschaft auf, samt alpinem Hüttenzauber und Ötzi-Sound. Ein brillanter Text, ein glorioses Theater-Ereignis. (Österreich)

Bachmann ist es gelungen, aus den berüchtigten postdramatischen Jelinek’schen Textflächen Situationen und sechs Figuren heraus zu meißeln, und es ist wunderbar anzuhören, wie die Schauspieler aus der Textpartitur mit minutiöser Spracharbeit die Figuren modellieren. (Die Furche)

Die im steilen 45-Grad-Winkel von oben bis unten zulaufende Bühnenfläche [...] ist eine beeindruckende Skipiste ohne Schnee, die Olaf Altmann bauen ließ – eine jener Bühnen, die ihre Darsteller zu dauerhafter Anspannung, zum Kampf mit dem Raum zwingen. (Nachtkritik.de)

Ein berührender, sehr persönlicher und bildstarker Theaterabend. (Focus)

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Stefan Bachmann [...] hat nun die Bühnentauglichkeit des Werks glänzend bewiesen. Seine beste Arbeit an der „Burg“. [...] Wesentlichen Anteil am Erfolg hat Olaf Altmanns Raumlösung: Eine riesige steile Schräge, als wär's ein Bergabhang, beziehungsweise eine Sprungschanze, verschwindet im Orchestergraben. Aus einem Loch inmitten ragt Barbara Petritsch, in quellende nackte Fettwülste gehüllt und mit Klunkern behängt. Sie - eine böse und gerade so den Wünschen der Jelinek entsprechende Karikatur - spricht den Part der Autorin, nichts als ironische Abrechnung mit sich selbst. Sämtliche Vorurteile gegen die Literaturnobelpreisträgerin werden da gebündelt. Es ist die Suada ewiger Unzufriedenheit einer wehleidigen, frustrierten Emanze. [...]
Die Darsteller, an Karabinern mit Seilzügen gesichert, klettern, gehen, rutschen virtuos über die annähernd 45 Grad geneigte Spielfläche. Österreich: das Land der Seilschaften. Anderswo würde man dazu Korruption sagen. Das ermöglicht eine Art Doppelsicht: frontal und zugleich von oben. Somit sind die Figuren in einer buchstäblich prekären Lage, scheinen stets vom Absturz bedroht. Stefan Bachmann hat in seine Inszenierung wie in eine ordentliche Schweizer Präzisionsuhr Komplikationen eingebaut: Die Zusatzfunktionen - ob optisch oder akustisch – bescheren uns eine Fülle ästhetischer Informationen, mit einer Bandbreite von der Tragödie bis zu Komödie und Posse. Romantische Melancholie wird von Jelinek zum säurescharfen Zeitkommentar verschärft - zu Spott und Hohn, aus Trauer und Depression geboren. [...]
Hinzu kommen die Verblödungsmechanismen einer nur auf Konsum ausgerichteten Freizeitgesellschaft und die Geschichte von Elfriede Jelineks in eine psychiatrische Anstalt abgeschobenem demenzkranken Vater. Rudolf Melichar fasziniert in einem kurzen Auftritt, Brotstückchen mümmelnd und an nicht vorhandene Vögel verfiitternd. Eine beklemmende, berührende Verlustanzeige der Würde des Menschen. [...] Das perfekt abgestimmte Solistenensemble - Dorothee Hartinger und Melanie Kretschmann, Simon Kirsch und Gerrit Jansen - verwandelt clie Textpassagen in Szenen beredter Köpersprache. Auch bei ihnen sind die Worte plötzlich Fleisch geworden.
Im Finale treibt Bachmann den Sarkasmus auf die Spitze: Entfesselte Schihütten-Gaudi mit Saufen, Kotzen, Wunderkerzen und gegröltem Schlagerterror [...] triumphiert über die leise empörte Stimme der Leierkastenfrau Elfriede Jelinek. (Die Welt)

Den Bühnenraum [...] verdeckt eine dunkle Steilwand, die zwischendurch, in kalt gleißendes Licht getaucht, aussieht wie Asphalt nach einem Regen, eine Rutschbahn in die Finsternis. Diese Wand, die Schauspieler nur angeseilt betreten konnten, ist Olaf Altmanns Bühne für Stefan Bachmanns Inszenierung [...]. Wie ein Wörterwasserfall stürzt hier Jelineks dialogfreies Stück samt Sprechern ins Dunkle. [...]
Ganz im Sinn von Elfriede Jelinek muss es gewesen sein, dass die Frauen an diesem Abend alles überstrahlen. Neben der wunderbar komischen Barbara Petritsch: Melanie Kretschmann, die auch in schiefster Schräglage von der Satire bis zur Comedy alle Register zieht, und Dorothee Hartinger, die Texte in dreifacher Gewchwindigkeit spricht und dabei trotzdem noch die wesentlichsten Stellen hervorheben kann. Kein Wunder, dass Gerrit Jansen ausgerechnet als telefonierende Blondine brillierte. [...]
Die österreichische Erstaufführung ist nun zur eigentlichen Uraufführung geworden. Diese Inszenierung hat den sperrigen Text verständlich gemacht und in ein Schauspiel von heute übersetzt, das Leiden dahinter genauso wenig vergessen wie den Kalauer, die vielleicht angemessenste Form Gegenwart einzufangen. Es sind offenbar gerade jene als untheatralisch geltende Texte, die jüngere Theaterleute zu Höchstleistungen stimulieren. (Süddeutsche Zeitung)

Die Bühne (Olaf Altmann) ist eine steile, schwarze Schräge mit geschätzten 45 Grad, auf der sich die Schauspieler an Seilen hängend bewegen, in der ein dichterisches Ich mittendrin in einem Loch steckt. Hier gibt es nichts Überflüssiges, der Abend bietet einen idealen Einstieg in diese Dichtung. Scherz, Satire, romantische Ironie und tiefere Bedeutung sind in Balance. Zudem regiert Schubert Jelineks Winterreise" - ein kongenialer Rahmen, mit Felix Huber am Piano und dem Sänger Jan Plewka, der mit brüchiger Stimme Lieder aus dem Zyklus vorträgt, wie desillusionierte Rockballaden. [...]
Der wandelbare Jansen erregt vor allem als frisch geschmückte Braut Heiterkeit. Darunter spürt man aber auch Wehmut. Hartinger ist an der Wand so beweglich wie später in einem ungeheuren Sprachstakkato. Fast schwerelos trotzt sie der Gravitation. [...] All diese Personen sind aus der Zeit gefallen. Das Schicksal eines entführten Mädchens in ihrem Verlies wird angesprochen (dabei ist die Bühne leer, die Giftstimmen kommen aus dem Off), das finale Leiden von Jelineks Vater. Ehefrau und Tochter besuchen ihn in der Anstalt, ganz knapp ist diese in der Buchausgabe ausführliche Szene gehalten, aber sie wirkt dadurch nicht minder eindrucksvoll. Nun steckt Rudolf Melichar im Loch, klammert sich vergeblich an Erinnerung. Die Souffleuse hilft laut aus, wenn dieWorte verloren gehen, es wirkt bestürzend echt, wie dieser Alte sich in seinem letzten Labyrinth verirrt. (Die Presse)

Bachmann hat in Jelineks Text die hohe Musikalität freigelegt er lässt ihn im Duett, im Chor, im Kanon, als Quodlibet sprechen, und bei aller Ernsthaftigkeit: auch seine Entertainmentqualitäten. Die Jelinek'sche Art über Unzulänglichkeiten, Verzweiflungen zu lachen. Was auch das Publikum jauchzend tut. Während in akrobatischer Meisterschaft durch den Text geturnt wird.
Da hangeln sich Gerrit Jansen und Simon Kirsch als zynische, Zeitung lesende Banker nach oben, schlingert Ersterer als sitzengelassene Braut, Zweiterer auf allen möglichen Sportgeräten nach unten. [...] Dorothee Hartinger gewinnt den Contest im manisch Schnellsprechen, Melanie Kretschmann greift mit Wunderkerzen wedelnd an.
Das ist schon eine steile Vorlage, die die Jelinek da geschrieben hat. Die will man schön schräg nach vorn spielen. Wofür minutenlang der Applaus tobt.
Aber da. Mitten drin. Ein Moment Atemstillstand. Der große Rudolf Melichar spricht den Monolog des dementen Vaters. Verloren, müde, seine Sätze von der Souffleuse erfragend. Ein Spiel. Herz sticht. Ein Bravourstück. Ein Konterpart zur kalauernden Kletterpartie. Bachmann beweist sich einmal mehr als einfühlsamer Inszenator. (Kurier)

Bachmann dagegen setzt [...] auf eine gekippte Bühne (Olaf Altrnann), die an österreichische Berge ebenso denken lässt wie an eine Welt, die in Schieflage geraten ist. Die Schauspieler hängen fast ständig an Seilen, zumeist in Winteroutfit, aber auch einmal im Brautkleid, in klassischer Bankercamouflage oder in einem fettleibigen Körperwulst, in der die tolle Barbara Petritsch als absurde Variation der Autorin selbst die „immer gleiche Leier“ intoniert.
Der Ton der Aufführung, die sich am Hypo-Alpe-Adria-Skandal ebenso abarbeitet wie am öffentlichen Umgang mit Natascha Kampusch oder Jelineks eigener Familiengeschichte, schwankt zumeist zwischen Ironie und Melancholie. Für Letztere sorgt nicht zuletzt Jan Plewka, der Sänger der Rockband Selig, der Schuberts namensgebendem Liederzyklus zur Klavierbegleitung von Felix Huber mit gebrochener, heiserer Stimme eine eigensinnige Schönheit verleiht. Das Ensemble, mit einem starken Gerrit Jansen sowie Dorothee Hartinger, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann und Rudolf Melichar wurde ebenso wie die Regie minutenlang gefeiert. (Kleine Zeitung)

Das Publikum holt [Regisseur Bachmann] mit Humor, Ironie, kaum spürbarer Traurigkeit und schrägen Assoziationen ab. Für Zitate und Übergänge sind Felix Huber am Klavier und Jan Plewka als Sänger mit Mikrofon und raubrüchiger Pop-Stimme zuständig und unabkömmlich.
Wie gesagt, haben die Schauspieler in dieser Inszenierung körperlich zu tun. (Starkes Team um Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann und Gerrit Jansen, Letzterer auch als Braut im Internet.) (Tiroler Tageszeitung)

Winterreise ist eine kunstvolle, präzise Parforce-Jagd durch öffentliches und Privates [...]. Gegen Ende scheint das Stück zu einer Lebensbilanz-Elegie zu werden, doch dann schwingt sich die fulminante Inszenierung von Stefan Bachmann zu einer rasanten Satire über die Spaßgesellschaft auf, samt alpinem Hüttenzauber und Ötzi-Sound. Ein brillanter Text, ein glorioses Theater-Ereignis. (Österreich)

Er hat jeder Szene einen eigenen Stil verpasst. Mal wird monologisiert, mal im Dialog oder Chor gesprochen. Mal inszeniert Bachmann fast illustrativ, mal findet er grotesk-komische Bilder. [...]
Egal, welche Masken sie ihren Texten anlegt, immer spricht unverkennbar Jelinek aus diesen. Es hat deshalb schon Tradition, die Autorin selbst in ihren Stücken auftreten zu lassen. Monströser als hier aber wurde sie noch nie auf die Bühne gestellt. Der in einen „Fatsuit“ gezwängte Oberkörper der Schauspielerin Barbara Petritsch, dem begnadetsten Schandmaul des Burgtheaters, ragt anfangs durch ein Loch aus dem Bühnenbild und führt Selbstgespräche. (Falter)

Für diese autobiografischen Facetten des Textes interessierte sich Bachmann in seiner stark gekürzten Version aber nur am Rande. So schenkt er der Szene mit dem alten dementen Mann vergleichsweise wenig Raum; wobei die Art und Weise, wie Rudolf Melichar die Rolle des alles vergessenden Vergessenen spielt, trotz der Kürze zu berühren vermag.
Bachmanns Interesse gilt dem „Aus-der-Zeit-gefallen-Sein“ der Figuren. Jenen, die - wie die Bühne fast buchstäblich zeigt - keinen Halt mehr haben, die aber auch kein Halten mehr kennen. An Seilen hängend lässt er seine Figuren an der steilen Wand den sperrigen Text sprechen. [...] Bachmann ist es gelungen, aus den berüchtigten postdramatischen Jelinek’schen Textflächen Situationen und sechs Figuren heraus zu meißeln, und es ist nicht minder wunderbar anzuhören, wie die Schauspieler (Dorothee Hartinger, Melanie Kretschmann, Barbara Petritsch, Simon Kirsch, Gerrit Jansen, Rudolf Melichar) aus der Textpartitur mit minutiöser Spracharbeit die Figuren modellieren.
Der Abend ist wie eine Nummernrevue strukturiert. Zwischen den Szenen erscheint der Sänger Jan Plewka und singt, begleitet am Klavier von Felix Huber, aus Schuberts Winterlieder-Zyklus. Manchmal klingt es melancholisch und wirkt kontrapunktisch zum zynischen Gespräch davor, manchmal lässt seine raue, leicht näselnde Stimme Schubert fast wie Hanns Eisler oder Kurt Weil klingen. (Die Furche)

Den Betrachter vom passiven Konsumenten zum Mitdenker zu machen. Ein exquisites Erlebnis. Das alles unterstützen Regie und Bühnenbild (Olaf Altmann) auf geniale Weise durch surreale Bilder. [...]
Jan Plewka, Schauspieler und Frontman der Band Selig, erweist sich als Ass im Ärmel dieser außergewöhnlichen Inszenierung. Er interpretiert, in Klavierbegleitung von Felix Huber, Schuberts „Winterreise“. Seine charakteristisch dunkle, gebrochene und heisere Stimme wirkt dabei als ausgesprochen passender ironischer Kontrapunkt zu Schuberts romantischen Motiven. [...] Meisterhaft sind dabei die Texte Schuberts in das Jelineksche Wortgebirge eingewoben. [...].
Selten gibt es Theaterabende, die zu berühren vermögen. Dieser hier war so einer. (Wiener Zeitung)

Dem selbstironischen Sprecher-Ich hat Bachmann eine neue Montur verpasst: Ein dickwanstiger, mit glitzerndem Geschmeide behängter nackter Rumpf (Barbara Petritsch) wälzt sich aus einem Loch im Bühnenboden, eine der bisher gewagtesten Camouflagen der Dichterin. Sie führt in irrwitzigen Wortfeldspielen Beschwerde über die Tatsache der Vergänglichkeit [...]. Von diesen Suaden kann man freilich nie genug kriegen; besonders dann nicht, wenn Petritsch als latexdicke Dichterin (und Anwältin der Toten) eine Glanznummer im Wienerischen Slang vollführt. (Der Standard)

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