Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Michael Maertens (Sir Robert Chiltern), Caroline Peters (Mrs. Cheveley), Maria Happel (Mabel Chiltern)

Elfriede Jelinek, Oscar Wilde
‹Der ideale Mann›

Deutsche Fassung von Elfriede Jelinek, nach einer Übersetzung von Karin Rausch

Oscar Wildes Bestechungs- und Erpressungsgeschichte spielt im Hause des Unterstaatssekretärs Robert Chiltern in London. Dort bekommt man Besuch aus Wien von Mrs. Chevely, die jahrelang in politischen Geschäften in Österreich unterwegs war. Der Hyper-Alpenkanal soll von England aus mitfinanziert werden, und dazu braucht man den gutaussehenden und gewieften Politiker Chiltern, einen Mann, der leidenschaftliches Machtstreben mit sozialer Verantwortung und privater Sehnsucht nach Liebe verbindet.

Leider gibt es einen dunklen Fleck im Leben Sir Roberts. Mrs. Chevely weiß das und versucht, ihn mit einem kompromittierenden Brief zu erpressen. Er soll in einer Rede vor dem Kabinett seinen Widerstand gegen eine Beteiligung am Hyper-Alpenkanal zurückziehen. Doch als seine Frau davon erfährt, fürchtet Chiltern, seinen Ruf als „idealer Mann“ zu verlieren. Er zeigt Rückgrat und bleibt bei seiner Meinung. Mit einer Gegenintrige rettet ihn sein Freund Lord Goring vor dem politischen Ende. In Elfriede Jelineks neuer Bearbeitung des Stückes geht es natürlich nicht wie bei Wilde um den Suez-Kanal, sondern um ganz andere Kanäle. Die Hypo Alpe-Adria spielt eine fatale und staatstragende Rolle, und Ähnlichkeiten mit lebenden österreichischen Politikern und Menschen aus dem öffentlichen Leben sind beabsichtigt.

Sir Robert Chiltern
Michael Maertens

Lord Caversham
Johann Adam Oest

Lord Goring
Matthias Matschke

Mason / Phipps
Peter Matić

Lady Chiltern
Katharina Lorenz

Mabel Chiltern
Maria Happel

Mrs. Cheveley
Caroline Peters

Lady Markby
Kirsten Dene

Regie: Barbara Frey

Bühnenbild: Bettina Meyer

Kostüme: Esther Geremus

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Klaus Missbach

Der Plot selbst erinnert stark an diverse Polit-Affären und Finanzskandale ferneren und näheren Datums. Aber Jelinek verpasst Wildes zeitloser Aktualität Lokalkolorit, indem sie (wie schon in «Winterreise») die berüchtigte Hypo Alpe Adria einbaut bzw. – es geht um unternehmerische Kanalprojekte – zum «hybriden», «hyperaktiven» oder einfach «Hyper-Alpenkanal» mutieren lässt. Sonst spriessen, wie immer bei der Königin der Kalauer, üppig Stilblüten und andere fleurs de rhétorique, aufgepfropft auf den genialen Ibsen-Labiche-Verschnitt des Originals. Wilde lässt Chiltern über ein vergangenes Insidergeschäft straucheln, das Wohlstand wie Karriere des Staatssekretärs begründete und jetzt urplötzlich wieder auftaucht in Form von Mrs. Cheveley: Berückend verführerisch, entpuppt sich diese alsbald als erpresserische, eiskalt berechnende und selbst total korrupte Businesswoman. Caroline Peters hingegen strauchelt nie. So hoch die Absätze ihrer Plateauschuhe sind, trippelt sie, einen farblich zum jeweiligen Kleid assortierten Fuchs über der Schulter (Kostüme Esther Geremus), treppauf-treppab und tanzt Maertens' Sir Robert auf der Nase herum. Mit hinreissender Nonchalance stellt sich die Pollesch-trainierte Schauspielerin ins Zentrum, um das alle immer schneller rotieren, plappert mit ihrem grossen Mund Schlagfertigkeiten, klimpert mit den schönen Augen und rauscht wieder ab. […]
Alles trieft vor Ironie. Was Wilde noch einigermassen ernst nimmt – den Skandal –, macht Jelinek von Beginn an lächerlich: Kein Mensch glaubt den vergrasserten Chilterns ihr Geschwafel von moralischen «Idealen». Barbara Frey gibt den phantastischen Schauspielern alle Slapstick-Freiheiten, und es hat etwas unglaublich Erheiterndes, sie auf dem Eisfeld des höheren Blödsinns fröhlich herumschlittern zu sehen. […]
Jelineks Gespött verwandelt sich im Saal des Akademietheaters vielleicht ein bisschen zu einhellig in Wohlgefallen. Aber was soll's, lieber einmal zu viel gelacht als zu wenig. Zumal momentan wohl niemandem mehr zum Lachen ist in Anbetracht der geldpolitischen Realität. (Neue Zürcher Zeitung)

Barbara Frey, die Intendantin des Schauspielhauses Zürich, hat bei ihrer ersten Jelinek-Inszenierung klug Text gestrichen - und Oscar Wilde leben lassen.
Das ist gut so. Denn dadurch bleiben das verbale Spiegelfechten, die geschliffenen Wortspielereien und all die schönen bösartigen bis hintersinnigen Spitzen erhalten, ergänzt um manche Zote und einige Kalauer. […]
Caroline Peters gibt das blonde intrigante Luder Mrs. Cheveley, Maria Happel legt die Mabel sarkastisch, schrill und exaltiert an. Kirsten Dene geriert sich als Lady Markby very british und in puncto Humor extra dry. Peter Matić ist ein schrulliger Butler mit Mut zur Aufmüpfigkeit. (Kurier)

Elfriede Jelinek hat die Übersetzung von Karin Rausch mit Furor, artistisch und ideologisch, umgearbeitet. Regisseurin Barbara Frey, Intendantin des Schauspielhauses Zürich, hat die neue Garderobe dann beherzt gekürzt, gestrafft. Herausgekommen ist bei diesem Zuschnitt ein neumodischer Anzug, der zwar nicht mehr aus Seide ist, aber dennoch prächtig rot schillert, vor allem auch, weil sich einige der besten Komödianten des Burgtheaters erlauben, vom bloßen Mätzchen bis zur reinen Subtilität alle Spielarten des Witzes rauszulassen. […]
Nun aber kommt Frey ins Spiel. Sie hat diese Textversion von so viel Ballast befreit, dass in gut drei Stunden nur selten Langeweile aufkommt. Man kann sich auf verschiedenen Niveaus amüsieren. Garantierte Lacher hat zum Beispiel Peter Matić in einer Doppelrolle als Butler allein durch seinen Gang. […]
Matthias Matschke als skurriler Lord Goring stürmt sie wie ein Samurai und bleibt auch sonst bis auf Schreiduelle recht starr, Johann Adam Oest als sein Vater beweist am Auf und Ab diverse Stadien der Betrunkenheit. Eleganz im Schreiten hat in dieser Inszenierung höchstens Kirsten Dene als Lady Markby. Maria Happel hingegen als zukünftige Lady Goring ist eine der gelungenen einfachen Lachnummern, während Caroline Peters sich ebenso gekonnt, doch diffiziler, als Biest ausleben darf. Entscheidend für das Gelingen des Abends sind Maertens und Lorenz. Was war ihre Leistung? Sie stellen angeblich ein in Österreich bis zum Erbrechen bekanntes Society-Paar dar. Maertens erinnert nicht so sehr wegen seines Mittelscheitels und seiner unverstellten, an einem Spiegel geprobten Eitelkeit an Jörg Haiders After-Show, sondern wegen der Brutalität, die unter dem Kampfgrinsen lauert. Und Lorenz gibt lustvoll eine Schaufensterpuppe, die im Dauerrausch enden wird. (Die Presse)

Die schwersten Missetaten und das garstigste Benehmen kommen dort am besten zur Geltung, wo es besonders schön glänzt. Dafür ruft das Theater seine sinnlichen Fähigkeiten an. Es drückt auf den Bühnenbild-Zauberknopf (Bettina Meyer) und lässt eine schwindelerregend imposante Treppe mit Marmorportalen (aus Karton) in den Schnürboden des Akademietheaters ragen. […]
[…] Es ist bemerkenswert, wie gut Jelineks Kalauerkunst, die sie mehrheitlich auf unendlich lange Redeschleifen anwendet, in so einer possierlichen, dabei aber reichlich Gift sprühenden und grausamen Komödie aufblüht. Das Boulevardfach liegt der Nobelpreisträgerin sehr. Ihre fallenartig zuschnappende Sprache, in der sich die Bedeutungen der Wörter jeweils noch im Mund verdrehen ("Natürlich zahlt es sich aus. Schließlich bin ich es, der auszahlt"), macht dieser an der Oberfläche ganz klassischen Schwingtür-Inszenierung Feuer. Unter anderem dank Kirsten Dene als Queen-Lookalike und Johann Adam Oest als schottischem Lord. […]
Mit dem bösen Spaß dieser Betrugsaffäre entspinnt Barbara Frey auch eine spitze Komödie zwischen Mann und Frau: Rollenbilder vom vernunftgeleiteten Karriere-Mann und der gefühligen Frau werden mit expressiven Dialogen ausgehebelt. Höre beispielsweise einer die Charity-Standpauke von Lady Chiltern (bombig: Katharina Lorenz)! Die von Rechtschaffenheit geradezu überspannte Gattin macht auf markerschütternd souveräne Weise gute Coffeetime-Pose zum bösen Spiel. (Der Standard)

Regisseurin Barbara Frey hat der Versuchung widerstanden, mit dem Stück eine aufgelegte Korruptionsskandal-Kritik zu inszenieren. Mit ihren Kürzungen hat sie Jelinek Platz gegeben, ohne Wilde aus den Augen zu verlieren. (Wiener Zeitung)

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