Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Kirsten Dene (Frau Helene Alving)

Henrik Ibsen
‹Gespenster›

Gespenster gehen um auf Helene Alvings Landgut, Wiedergänger aus einer verdrängten Vergangenheit, die im Handlungsverlauf allmählich ans Licht treten. Erst als ihm zum zehnten Todestag ein Denkmal gesetzt werden soll und sein Sohn Osvald waidwund aus Paris heimkehrt, enthüllt sich das finstere Erbe des Kammerherrn Alving.

In einer lebensfeindlichen Umgebung sind Eltern wie Kinder und nicht zuletzt die – vielleicht – große Liebe irgendwie auf der Strecke geblieben. Nachdem sie jahrelang ihre vermeintliche Pflicht erfüllt hat, entscheidet sich Frau Alving nun für die Wahrheit. Doch manchmal ist es selbst für die Wahrheit zu spät.
Henrik Ibsens loderndes Familiendrama musste 1882 in Chicago uraufgeführt werden – zu massiv attackierte es die Stützen der norwegischen Gesellschaft und pietistische Moral. „Gespenster“ legt die abgründige Wirklichkeit frei, die Lebenslügen unter einer Fassade großbürgerlicher Respektabilität. Und wenn Osvald am Schluss nach der Sonne verlangt, scheint diese direkt aus der Hölle zu kommen.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Frau Helene Alving
Kirsten Dene

Osvald Alving, ihr Sohn, Maler
Markus Meyer

Pastor Manders
Martin Schwab

Tischler Engstrand
Johannes Krisch

Regine Engstrand, im Haus bei Frau Alving
Liliane Amuat

Regie: David Bösch

Bühne & Kostüme: Patrick Bannwart

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Florian Hirsch

Martin Schwab [...] bildet mit der Dene zusammen das rührendste, verzweifeltste, komischste Liebesnichtgespann, das seit langem auf deutschen Bühnen zu sehen war. (FAZ)

Im Kampf um moralische Deutungshoheit sind Kirsten Dene und Martin Schwab das Dream-Team des Abends, sie machen ihn zum Ereignis. Denes am Leben geprüfte Nüchternheit und Martin Schwabs pastorale Nervosität ergänzen sich in furioser Dialektik. (Die Welt)

Diese „Gespenster“-Inszenierung ist ein großer Wurf. Sie zeigt einen Regisseur, der sehr musikalisch inszeniert, aber auch auf die Pauke hauen kann. Ein junger Mann, der mehr als nur sich selbst versteht, ein Methodiker mit einer definierenden Kraft. (Süddeutsche Zeitung)

Mit wunderbaren szenischen Erfindungen in diesem eigentümlichen Bühnensetting (Patrick Bannwert), das sich aus einem Schwarz-Weiß-Gespensterfilm verirrt haben könnte, entwickelt Bösch mit massiven Kürzungen des Ibsen-Texts und fünf grandiosen Darstellern einen ganz großen Theaterabend. (Kleine Zeitung)

Regisseur David Bösch gibt im Akademietheater den „Gespenstern“ ihre Sprengkraft zurück. Kirsten Dene überstrahlt als bitter-lakonische Frau Alving das blendende Ensemble. (Die Presse)

Als Meditationsübung über die Brüchigkeit des Vertrages zwischen den Generationen hat David Bösch Ibsens "Gespenster" inszeniert: Der Triumph eines großartigen Ensembles von Geistern. (Der Standard)

Mit Bravour versucht David Böschs Regie, zwischen Lautem und Leisem, zwischen Komik und Trauer zu balancieren. Die ödipalen Verstrickungen, die Feigheit und die Heuchelei können aus den Ritzen zwischen den Wörtern dringen, sie verraten sich in einem großen Kammerspiel der Gesten, aber es wird auch brachial mit dem Hammer gearbeitet. Wenn das Unglück kulminiert, dann setzt ein bedeutsames Dröhnen ein, und schwerer Regen fällt auf die Szenerie. (Die Welt)

Eine phänomenale Regieleistung: David Bösch [...] lieferte erneut ein durchkomponiertes Meisterwerk ab. Die Charaktere, verkörpert von einem herrlichen Ensemble rund um Kirsten Dene und Martin Schwab, sind Kunstwerke; die Regieeinfälle Errungenschaften; das Große und Ganze ein Gesamtkunstwerk. Bösch zählt zweifellos zu den besten Regisseuren am deutschsprachigen Theater — Jubel. (Österreich)

In den kleinen Gesten, die das große Pathos begleiten, lenkt Bösch aber mit genau der Prise Ironie ein, die dem Skeptiker die Brücke zum großen Gefühl baut, dieses aber nicht negiert. (Nachtkritik.de)

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„Gespenster“ ist Fortschrittskritik in Reinkultur. Ein Stück für die Zeiten, in denen keiner mehr weiterweiß. Aber trotzdem weitermacht. In absurder Untergangswürde. Motto: Nur Verzweiflung kann uns retten. Die Dame in Grau zum Beispiel. Graue Haare, grauer Morgenmantel, graues Gesicht. Frau Alving: eine Lebensabwehrkämpferin, eine Zusammenhalterin, eine Fassadenaufrechterhalterin, eine Gräbenzuschütterin aus Verzweiflung. Kirsten Dene, die Schauspielerin, die in jedem Schrecken einen Witz und in jeder Komik ein Entsetzen lebenswitzsatt herzklopfen hört, drängt die Angst der Frau Alving vor dem Zusammenbruch aller Fassaden und vorm Wegblasen aller Spinnweben der Vergangenheit mit herzzerreißendem Schwung in die Seelenecke, wo der Besen des Großreinemachens steht. Und man kann ihr hingerissen zuschauen, wie sie peu ä peu diesen Lebens- und Wahrheitsbesen sanft ergreift und dann ruhig entschlossen, aber schon auch ein bisschen schwindlig vor so viel Abgrundtollheit mit dem Auskehren und Ausmisten beginnt. [...]
Martin Schwab, der Schauspieler, der in jedem Schrecken die Güte und in jeder Güte den Schreckensabgrund ahnen lassen kann, bildet mit der Dene zusammen das rührendste, verzweifeltste, komischste Liebesnichtgespann, das seit langem auf deutschen Bühnen zu sehen war.
Und dass der noch ziemlich junge Regisseur David Bösch die beiden großen Alten in die zarte Schlacht um die wildpeinlichen verbogenen Gefühle derart schickt, dass er den großen alten Schauspielern traut, ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Kunst durchdringender Menschendarstellung keine Sache alter Moden ist, sondern: eines alten Schatzes. Von dem man ungeniert profitieren kann, auch wenn man neu und jung Theater macht. [...]
Die Gespenster aber, die Kirsten Dene und Martin Schwab beschwören, sind sanft, leise, menschlich, traurig. Der junge Regisseur versteht und liebt diese beiden Alten. Er verachtet sie nicht. (Man zieht den Hut.) Und so, wie die Dene und Schwab schon einmal das allerwitzigste Paar gebildet haben [...] in Thomas Bernhards Dramolett „Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“ [...] so machen sie hier aus den bitteren Enthüllungen einer ungeliebten Frau und aus den verdrucksten Moralverklemmungen eines Pastors einen glückstraurigen, himmelhöllenhoch betrübungsjauchzenden Verfehlungspaarlauf.
Drumherum: Dreingaben. Osvald gibt in der schmalen, schlangenhaft erregten Nervenkitzelspielergestalt von Markus Meyer den erregt ins Erschöpfungsreizfieber ausbrechenden Absterbenskünstler, der seine syphilitischen Flecken vorzeigt, Bilder zerstört und sich mit Sekt zuschüttet, wenn er nicht gerade an der Regine der Liliane Amuat herumfingert, die als promiskes, opportunistisch alle Männer in Reichweite befingerndes kesses Trutscherl gerne ihre Schlüpfer verliert, wenn sie lauernd durch den Raum tigert. [...]
Und Johannes Krisch als Tischler Engstrand, Regines Ziehvater, ist als ein dauertrunkener, nasshaarig und wirrbärtig taumelnd hinkender, auf seine Tochter unziemlich kussgeiler Waldschrat eine fast unwirkliche Erscheinung, geisterhaft gemischt aus Caliban und Schlemihl. Eine Gestalt vom Daseinsrand. [...]
Das alles sind witzig human inszenierte jüngere Gespensterzugaben: zum alten, an allen Lebensgeistern verzweifelnden Paar im Mittelgrund. Das Leben lässt sie untergehen, das Theater aber herrlich aufleben. Denn dafür ist es schließlich da. (FAZ)

David Bösch und Ausstatter Patrick Bannwart halten sich in ihrer Wiener Inszenierung an Ibsens Dramaturgie der Dämmerung. Düster ist der Salon der Alvings. So wie auf den norwegischen Fjorden der Nebel liegt, so sind Klavier, Fauteuil und Sofa mit Tüchern bedeckt. Kirsten Dene als vom Ehemann zeit seines Lebens hintergangene Helene Alving fügt sich mit spinnwebgrauen Haaren und grobem Sackgewand ins traurig düstere Mobiliar. Ihr Jugendfreund, der Pastor Mander, hat auf Tasche, Revers und Büchlein große Kreuze prangen, als wäre die versammelte Christenheit ein Sponsor seines Auftritts.
Im Kampf um moralische Deutungshoheit sind Kirsten Dene und Martin Schwab das Dream-Team des Abends, sie machen ihn zum Ereignis. Denes am Leben geprüfte Nüchternheit und Martin Schwabs pastorale Nervosität ergänzen sich in furioser Dialektik. Wenn der Bedenkenträger händeringend noch einmal irgendwas von weiblicher Demut herbeten will, dann genügt ein Kopfschütteln Kirsten Denes, um zu zeigen, wie sehr hier auf das Recht der wahren Verhältnisse gepocht wird. Den Bücherstapel liberaler Schriften, der am Bühnenrand liegt, hätte es nicht gebraucht, um aus dieser Frau eine furchtlose Aufklärerin auch gegen sich selbst zu machen. [...]
Mit Bravour versucht David Böschs Regie, zwischen Lautem und Leisem, zwischen Komik und Trauer zu balancieren. Die ödipalen Verstrickungen, die Feigheit und die Heuchelei können aus den Ritzen zwischen den Wörtern dringen, sie verraten sich in einem großen Kammerspiel der Gesten, aber es wird auch brachial mit dem Hammer gearbeitet. Wenn das Unglück kulminiert, dann setzt ein bedeutsames Dröhnen ein, und schwerer Regen fällt auf die Szenerie. [...]
Dass am Ende des norwegischen Regenwetters die Sonne doch noch aufgehen soll, hat sich Henrik Ibsen als beinahe metaphysische Regieanweisung zurechtgelegt. Diesem Wunsch will David Bösch nicht folgen. Bei ihm bleibt es duster. Noch der Versuch, die Gespenster loszuwerden, schafft neue. (Die Welt)

„Gegangere“ heißt Ibsens Stück im Original, was Wiedergänger bedeutet. Es ist also durchaus ein Horrorfilm, der hier stattfindet – und in dieser Art hat der deutsche Regisseur David Bösch das Drama im Akademietheater auch inszeniert.
Patrick Bannwart baute eine „Haunted Mansion“, eine Geistervilla mit Spinnweben, Moder und Lurch, der vom munteren Hausmädchen Regine eilig unter die abgedeckten Möbel gekehrt wird. [...]
Bösch mied die gravitätische Diskretion, die in den „Gespenstern“ waltet, er entfernte die Schalen, was übrig bleibt, ist zum Weinen, dennoch grandios. Die Rebellion gegen die Konventionen, der heiße Atem einer unterdrückten Moderne, der die Sprengkraft dieses Stückes ausmacht, wird durch diese Aufführung wiederbelebt, auch wenn darin eisgraue Unglückswürmer dahinschleichen. [...]
Bösch lenkt das Ensemble mit einer bestrickenden Flut kleiner, stimmiger Einfälle: Das reicht vom Techno-Dröhnen aus dem Plattenspieler, mit dem Osvald den Pastor erzürnt, bis zum Feuerzeug, das Frau Alving triumphierend auslöscht, nachdem sie Osvald und Regine, die ineinander verliebt sind, offenbart hat, dass sie Halbgeschwister sind. [...]
In unglaublich einfühlsamen winzigen Gesten offenbaren Manders und Frau Alving, dass ihr Spiel von Anziehung und Abstoßung noch nicht zu Ende ist, obzwar Resignation ihre Passion fast schon zerstört hat.
Bösch versteht sich überhaupt wunderbar auf verzweifelte Liebesszenen wie jene zwischen dem ausgemergelten Osvald, den Syphilis und Aids dahinraffen (hinreißend: Markus Meyer) und der vital-koketten Regine (Liliane Amuat). Ein Naturereignis ist der Tischler Engstrand, Johannes Krisch zeichnet ihn als schlaues Scheusal. Am Schluss geht keine Sonne auf. Frau Alving und der sterbende Osvald schauen sich Zeichentrickfilme aus Osvalds Jugend an. So düster war noch keine Theatersternstunde. Das Publikum lauschte bei der Premiere am Freitag zwei pausenlose Stunden atemlos. (Die Presse)

In David Böschs Inszenierung wird Ibsen selber zum Gespenst. Sein tragisches Weltbild, seine Familiengrüfte, diese Zeit der Vernunftehen, die Vatermonster und die Muttersöhne. Das alles gilt ihm aus heutiger Sicht als Schauerdrama, dessen Schuldpathos und Verhängnisgläubigkeit er ein Stück weit entgeistert, ohne den Text zu beschädigen. [...] Auch die Finsternis der Bühne war nur auf den ersten Blick dämonisch, unterstützte die sanfte Ironie der Aufführung. [...]
Bösch treibt das Stück am Ende in ein Furioso. Osvald zertrümmert die Büste seines Vaters und fährt auf einem Kinderdreirad. Das Ganze wirkt wie eine Ibsen-Austreibung. Diese „Gespenster“-Inszenierung ist ein großer Wurf. Sie zeigt einen Regisseur, der sehr musikalisch inszeniert, aber auch auf die Pauke hauen kann. Ein junger Mann, der mehr als nur sich selbst versteht, ein Methodiker mit einer definierenden Kraft. (Süddeutsche Zeitung)

David Böschs Inszenierung spielt in einem mit Spinnweben verhängten Geisterhaus. Nebelschwaden wabern durch einen zwielichtigen, mit stoffbedeckten Möbeln und Alkoholika-Kisten aller Art angeräumten Salon. Das Ganze wirkt wie ein Freudsches Traumszenario. [...]
David Bösch gelingt eine intensive, atmosphärisch dichte Inszenierung, die bei aller Spukhaftigkeit auch vor plakativen Elementen nicht zurückschreckt [...].
Nicht zuletzt ist das ein Fest für fünf fantastische Schauspieler. Kirsten Dene gibt eine grandiose, von der Last des Lebens gebeugte Gespenstermami mit bourgeoisem Hintergrund, eine gramzerfurchte Lily Munster des norwegischen Großbürgertums. Martin Schwab legt ihren keuschen Hausfreund, Pastor Manders, als zauselhaften, krampfigen, unentwegt Bibelweisheiten absondernden Frömmler an. Auch Johannes Krisch, Liliane Almut und Markus Meyer überzeugten mit starken Leistungen. (Deutschlandradio)

Böschs Stärke sind Außenseiterstudien, in Gespenster" sind im Grunde alle Figuren Verlierer und deshalb bei Bösch gut aufgehoben: Subtil und feinfühlig erzählt er von Einsamkeit und enttäuschten Hoffnungen, er zeigt zwei Liebespaare, die nie eine Chance hatten. Und den symbolischen Schluss legt er beeindruckend lapidar an. (Profil)

Kirsten Dene ist eine grandiose Frau Alving, oszillierend zwischen Ironie, Sarkasmus und Zynismus, wenn sie die Geschichte ihres verlorenen Lebens darlegt. Martin Schwab trieft als Pastor Manders vor (Selbst)-Gerechtigkeit. Ein bigotter, feiger, rechthaberischer Schwätzer. Aus Osvald Alving macht Markus Meyer ein alkoholkrankes Nerverl, das nie daran zweifeln lässt, dass der ererbte syphilitische Wahnsinn des verstorbenen Vaters bei ihm ausbrechen wird. Engstrand“ Johannes Krisch ist als Tischler ein bocksbeiniger, langzottiger Teufel, der Gottesmann Manders vor sich her treibt. [...]
Bösch stellt diesen Wiedergängern des Familiendramas die Figur Regine nicht zur Seite, sondern gegenüber. Sie ist der Mittelpunkt seiner Geschichte. Sie sorgt für Sex and Crime. Und Liliane Amuat als ihre Darstellerin kann die Männer kirre machen. Muss sich vom vermeintlichen Vater Engstrand brutal küssen und niederringen lassen; umgarnt und beschläft Osvald, in der Hoffnung Herrin des Hauses zu werden. Selbst der Pastor hält sich rasch die Aktenmappe vor den Unterleib, geht sie vorbei … (Kurier)

Pastor Manders (Martin Schwab) [...] hat eine Reihe wirkungsvoller Sozialtechniken zur Freiheitsabwehr erfunden: Er [...] gebraucht die schwarze Aktentasche mit dem Silberkreuz als bannenden Schild. Bereits bei seinem Erscheinen droht er unter Regines [Liliane Amuat] erotischem Ansturm zusammenzubrechen. Wie er sich aus der Affäre zieht, das Gör von sich abschüttelt, auf die Taschenuhr klopft und dabei die Miene eines windelweich geprügelten Spaniels aufsetzt: Es ist Schwabs größte Leistung seit langer Zeit. (Der Standard)

Bösch lässt die Schauspieler ihre Figuren spielen, und so realisiert sich das Stück, wie Ibsen es gemeint hat, der komplette Zusammenbruch einer „bürgerlichen“ Gesellschaft, die Bankrotterklärung der Religion, der Sieg des skrupellosen, besitzorientierten, unsentimental gemeinen Kleinbürgertums.
Es ist der Abend der Kirsten Dene, die endlich wieder einmal in einer ganz großen Rolle auf die Bühne kommt – und anders ist, als man sie kennt. David Bösch hat ihr jene charakteristischen Töne, die man als „denisch“ kennt, genommen. Sie ist introvertiert, souverän, eine gemessene, höfliche, kühle, denkende Intellektuelle, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat. Keine großen Worte und Gesten, wenn sie mit ihrem verfehlten Leben abrechnet. Kein triefendes Muttertier, wenn sie vor der Tragödie des einzigen Menschen steht, der ihr etwas bedeutet: ihr Sohn. Eine in ihrer unspektakulären Stille phänomenale Leistung. [...]
Es ist die zweite Frauenfigur des Abends, die auf ihre Art an die Großartigkeit der Kirsten Dene anschließen kann: Liliane Amuat als Regine ist ein Bündel Lebensgier, natürlicher Sexualität, kühler Berechnung. Sie spielt in der (hier ohnedies nicht stark wirksamen) bürgerlichen Welt nur mit, solange sie sich finanziell und gesellschaftlich etwas erhoffen kann (in der Symbolträchtigkeit des Geschehens wird völlig klar, warum sie immer mit dem Feuerzeug zur Stelle ist, um die Zigaretten von Frau Alving und Osvald anzuzünden – eine devote Geste). Doch wo nichts mehr zu holen ist, dreht sie verärgert den Rücken und geht, ohne sich umzusehen – eine Studie über die Unmenschlichkeit des puren Habenwollens, die sich in der Maske einer attraktiven, sehr jungen Frau versteckt.
David Böschs Inszenierung hat zugepackt, das Stück auf seine Art in den Griff bekommen und starke Wirkung erzielt. Man weiß, was Ibsen wollte. Und wie recht er hatte. Starker Beifall. (Der Neue Merker)

Denes Blicke- sagen oft mehr als tausend Worte: Bösch stellt die mit Ausdruck, Kraft und leisen Gesten beeindruckende Burggröße in den Mittelpunkt seines modernen Spiels. Er verzichtet aber nicht auf Ironie, ja Scherz, spürt der jugendlichen Naivität bei Regine und Osvald ebenso nach wie der Borniertheit des Pastors oder der Schlitzohrigkeit des Tischlers Engstrand. (Kronen Zeitung)

Ganz am Ende lässt Bösch erahnen, warum das antike Publikum bei Tragödien einst in Wehklagen ausbrach. Der von Markus Meyer souverän zwischen kluger Selbstreflexion und unaufhaltsamer Geisteskrankheit eingeordnete Osvald rollt in Vorbereitung seines baldigen Zustands "wie ein Wickelkind" auf einem Dreirad herein und erklärt seiner Mami, warum sie ihn töten soll, wenn es zu schlimm wird. Anders als in Ibsens Original nimmt Osvald das Morphium schließlich selbst und stirbt dahin, während Mutter und Sohn sich Dias alter Zeichnungen von Osvald ansehen, also buchstäblich sein Leben vorüberzieht. Der Projektor ist bald ebenso leer wie die Pillendose, knattert aber gelassen weiter, und Frau Alving bleibt nur noch, still in sich hinein zu schluchzen. Ein schmerzhaft schöner Abschluss. (Nachtkritik.de)

Bösch konzentriert sich auf die damals wie heute gültigen Grundkonflikte. In Form eines Konversationslustspiels wird in eindrucksvollen Bildern sensibel - wenn nötig, auch drastisch - verdeutlicht, wie einer jungen Generation durch das Fehlverhalten der Altvorderen der Weg in ein selbstbestimmtes Leben verbaut wird. [...]
Die schlichtweg großartige Kirsten Dene gestaltet mit unnachahmlichen Zwischentönen und diskretem Sarkasmus das Porträt einer Frau, die sich wider besseres Wissen ins Lügengebäude einer scheinbar glücklichen Ehe zwingen ließ. [...]
Martin Schwab erbringt eine Meisterleistung als selbstgerechter, von Gott und christlicher Nächstenliebe salbadernder Pastor, dessen verklemmte Körperhaltung im Gegensatz zu seiner Suada steht. [...]
Markus Meyer verleiht dem um seine Todeskrankheit wissenden jungen Maler jäh und unberechenbar aufbrechende Lebensgier. Voll Hoffnung, mit der hübschen, unkomplizierten Regine - in jeder Geste überzeugend: Liliane Almuat - ein kurzes Glück zu genießen, steckt er dem lebenspragmatischen Mädchen einen Ring an den Finger. [...] Helene Alving kann nun nicht länger schweigen: Regine ist Osvalds Halbschwester, der als Vater vorgeschobene Tischler Engstrand, von Johannes Krisch virtuos als humpelndes, versoffenes Monster gezeichnet, wurde mit Geld abgefertigt. [...]
Fazit: ein perfekter, lange nachwirkender, mit Ovationen bedankter Theaterabend. (Wiener Zeitung)

Die Bühnenrückwand [...] ist zur Gänze mit einem riesigen Bild verhängt. Es zeigt einen leichenblassen, fahlen, knochig schmalen dämonisch-teuflischen Männerkopf, der aus leeren, aber fanatisch glühenden Augen in ein nahes Nichts starrt: Kammerherr Alving, seit zehn Jahren tot. Vorne an der Rampe ist er noch mal gegenwärtig: in Form einer klassisch glatten, völlig undämonischen Gipsbüste. Doppelt präsent, hält er die Vergangenheit, die nicht vergehen will, länger vor. Sie wuchert auf der Bühne. Überall Spinnweben. Der Flügel rechts hinten wie die vielen Sessel und Tischchen und Lampen im weiten Raum: versunken unter Leichentüchern, Staubdecken, Abdeckplanen. Und selbst die Bücherhaufen links vorne, angeblich gefährliche aufklärerische Schriften, scheinen nichts als Staubfänger. Ebenso wie der Plattenspieler, auf dem, wenn man wie Pastor Manders zufällig dagegenhaut, altes, gerilltes Vinylgepresstes noch urälteren Rock’ n’ Roll krächzend erbricht. Allein die drei großen offenen Kartons mit „Schlumberger“-Schampus, aus denen man sich kräftig bedient, scheinen aus der Gegenwart an die Rampe dieses bis Anno Tobak verlängerbar scheinenden Vergangenheitsspuks gerutscht zu sein. Man spielt hier im Bühnenbild von Patrick Bannwart „Gespenster“ von Henrik Ibsen. Ein altes Stück aus dem Jahr 1881. Es handelt wie neu davon, dass das Leben nicht weitergeht — in Krisenzeiten. (FAZ)

Patrick Bannwarts Bühne lässt keinen Zweifel aufkommen, in wessen Reich wir uns befinden: Wie ein dunkler Schatten prägt ein monumentales Gemälde des verstorbenen Vaters den ungemütlichen Salon. Stechend kalt ist sein Blick, ein Toter, der noch aus dem Jenseits das Leben seiner Familie vergiftet. (Profil)

Formal sind die „Gespenster“ ein gänzlich konventioneller Dreiakter in realistischem Ambiente. Das ist im Akademietheater von der Bühne gefegt – vor einem Riesenbild, das den Hintergrund ausfüllt und wohl das erstarrte Bild des verstorbenen Kammerherrn Alving darstellen soll, stehen Möbel herum, die mit Tüchern verhüllt sind, als ob niemand mehr hier lebte. Ein offener Raum, der verstaubt, verdreckt, verwahrlost, verlassen wirkt (Ausstattung: Patrick Bannwart). In dieser durch und durch symboldurchtränkten, gewissermaßen abstrakten Inszenierung von David Bösch hat sich Frau Alving offenbar gänzlich von der Welt, in der sie einst gelebt hat, losgesagt … (Der Neue Merker)

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