Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Peter Simonischek (c) Reinhard Werner

Anton Tschechow
‹Onkel Wanja›

Deutsch von Angela Schalenec und Arina Nestieva

Wie so oft bei Tschechow dreht sich auch in seinem Meisterwerk „Onkel Wanja“ alles um die Liebe, die Vergeblichkeit – und um das Geld.

Vor 25 Jahren verzichtete Iwan Petrowitsch Wojnizkij zugunsten seiner Schwester Vera auf den ihm zustehenden Teil am elterlichen Erbe. Um das Gut der Schwester von den Hypotheken zu befreien, verwaltet er es 25 Jahre lang, irgendwo draußen in der russischen Provinz. In der Zwischenzeit starb die geliebte Schwester, und das Erbe fiel an ihre Tochter. Der tatsächliche Nutznießer von Wojnizkijs Arbeit aber ist ihr Vater, Professor Serebrjakow. Ein seinerzeit sehr gut aussehender Gelehrter. Seit er aber nach dem Tode seiner ersten Frau eine andere, dreißig Jahre jüngere geheiratet hat, die auch Onkel Wojnizkij ausnehmend gefällt, sind diesem die Augen aufgegangen: Der Professor ist ein Hochstapler und ein Betrüger. Auch Wojnizkijs bester Freund ist ein enttäuschter Idealist: Der Arzt Astrow kam einst in die Provinz, um hier das Leben der Menschen zu verbessern und die Wälder zu beschützen – auch nicht einfach. Aber wenigstens hat er Erfolg bei Frauen.

Wir danken der Mühlbauer Hutmanufaktur für die freundliche Unterstützung.


* Peter Simonischek spielt seit Jänner 2014 die Rolle des Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow.

Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow, Professor im Ruhestand
Gert Voss

Elena Andrejewna, seine junge Frau
Caroline Peters

Sofja Alexandrowna, seine Tochter aus erster Ehe
Sarah Viktoria Frick

Marja Wassiljewna Wojnizkaja, Mutter der ersten Frau des Professors
Barbara Petritsch

Iwan Petrowitsch Wojnizkij, ihr Sohn
Nicholas Ofczarek

Michail Ljwowitsch Astrow, Arzt
Michael Maertens

Ilja Iljitsch Telegin, ehemaliger Gutsbesitzer
Branko Samarovski

Marina Timofejewna, eine alte Kinderfrau
Elisabeth Orth

Regie: Matthias Hartmann

Bühnenbild: Stéphane Laimé

Kostüme: Tina Kloempken

Licht: Peter Bandl

Dramaturgie: Andreas Erdmann, Ursula Voss

Kurzkritik:

Matthias Hartmann entdeckt in Anton Tschechow den Boulevardkomödienschreiber: Seine „Onkel Wanja“-Inszenierung im Wiener Akademietheater ist ein famoser Erfolg. (Der Standard)

Mehr Witz als Wehmut, und Tort mit Aussicht: Matthias Hartmann inszeniert Tschechows „Onkel Wanja“ im Wiener Akademietheater und legt seinem Star Gert Voss lauter komische Leute zu Füßen. (FAZ)

Witz und Verzweiflung. Gert Voss und Nicholas Ofczarek machen am Akademietheater in Wien aus der Endzeittragödie „Onkel Wanja“ eine flotte Komödie. [...]
Hier wird großes, lautes Theater gezeigt, und zugleich gelingt es, die Verhältnisse feinsinnig sichtbar zu machen. Alle Akteure tänzeln virtuos auf dem Grat zwischen Tragik und Komik. (Salzburger Nachrichten)

Matthias Hartmann inszeniert weise, witzig "Onkel Wanja" im Akademietheater. Nicholas Ofczarek verblüfft als Antiheld, Michael Maertens ist atemberaubend als Arzt Astrow. (Die Presse)

[Hartmann] hat aus den Figuren Details herausgemeißelt, die man so noch nie gesehen hat, ohne dass sie dabei ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Was so oft als Tschechows melancholische Idylle einer untergehenden Gesellschaft inszeniert wurde, ist bei Hartmann die existenzielle Hölle – das Leben als Jammertal, Menschen, die aus ihrer inneren und äußeren Gefangenschaft nicht entkommen können. (Der neue Merker)

[Eine] aberwitzige, zum Lachen schreckliche, tief traurige Hochtempo-Komödie, die Hartmann in Tschechows Text freilegte. (Kurier)

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Hartmann hat sich - als durchaus sorgfältiger und liebevoller Anwalt der Tschechow-Figuren - geistesgegenwärtig für die Betonung der Hochkomik entschieden. Die Bühne von Stéphane Laimé besteht aus ein paar Kulissen, die wie Messer aus dem Schnürboden herunterfallen. Die Schauseiten sind nach hinten gekehrt. Erst im Spiegel sieht man den Fassadenstuck dieser Provinzler, die auch Tollhäusler sind. Das Innenleben gibt bloß Holzrahmen preis und ein paar schäbige Luster, die den „Wanja“-Figuren wie überreife Gartenfrüchte vor der Nase hängen. [...] Matthias Hartmann hat Tschechow lange genug betrachtet, um im Gewebe des „Wanja“ Samuel Becketts absurde Schlaufen zu finden, die Webmuster eines Thomas Bernhard. Ihn reizen diese Provinzchargen zum Lachen. Er lacht sie aber nicht aus, sondern stellt ihre Beweggründe dem Zuschauer verschmitzt zur Diskussion. Nicht einmal einander umzubringen verstehen sie. Es ist wirklich zum Heulen.
Das Publikum bejubelte diesen menschenfreundlichen Befund vollkommen zu Recht. (Der Standard)

Das Stück heißt hier „Professor Alexander“. Auf ihn fällt alles Licht der Mise en scène. Gert Voss spielt ihn. Ihm gehört gleich der erste Auftritt, obwohl er erst im zweiten Akt die Bühne betreten dürfte. Und die Szene, mit der er den Abend knalleffektiv beginnt, käme eigentlich erst im dritten dran. Ein Schuss fällt, großer Lärm, noch ein Schuss. [...]
Auf jeden Fall ist der Professor ins Zentrum geschossen. Der Regisseur und Burgtheaterchef Matthias Hartmann lässt dem größten Schauspieler seines Hauses den Vortritt vor aller Logik und ihn auf dem Thron des leicht Irrealen Platz nehmen. Selbst dann, wenn er nicht auf der Bühne ist, scheint Voss herrisch an Fäden zu ziehen, an denen die anderen reaktiv zappeln. Der Großtyrann und das Gezücht. [...]
„Wanja“ handelt von der großen Banalität des kleinen falschen Lebens, dem alle resigniert erliegen. [...] Lauter verzweifelte Schlapplinge. Episodenmenschen. Leute, die eine unendliche Sehnsucht im Kopf haben, aber mit dem endlichen lächerlichen Tort, den das Leben ihnen antut, zusammenstoßen - was einen komischen Knall ergibt. [...]
Wesentlich aber bleibt: Dass der Regisseur sie als Kollisionskomiker begreift. Die an überspannten Nervensaiten herumzupfen. An denen sie der Professor zappeln lässt. Man lacht viel und herzlich bei diesem „Wanja“. [...]
Der Professor kann nicht schlafen, hat Gicht oder Rheuma oder beides, hat Schmerzen und eine Wut, dass er alt ist und seine Frau noch so jung. Gert Voss thront in seinem Sessel wie Thomas Bernhards Weltverbesserer und Molières eingebildeter Kranker in einem. Er zelebriert die Einsamkeit eines König Lear, das hochfahrende Selbstmitleid eines König Richard II. und den arroganten Schmerzens- und Leidensselbstgenuss aller Boulevard-Märtyrer. Ein Hypochondrissimus im Brillantschliff. So stützt und stürzt er sich auf seine junge Frau, die unter dem Gichtfall-Künstler zusammenbricht.
So tyrannisiert er, ganz Diktator und Weltenherrscher, die Welt seiner Angehörigen, die ihm zu Füßen kriechen. Voss aber karikiert nicht. Er triumphiert: in der Größe des Abgrunds unter jeder seiner Professoren-Lächerlichkeiten. Die Menschenmöglichkeitsform im Unmöglichen. Die große Solo-Partita in Voss-Moll. Ein grandioses Virtuosenstück.
Die anderen liefern die Ober- und Unterstimmen dazu. Aber so wie Caroline Peters als Elena kaltschnäuzig und nur mit einem Kehlkopfgurren sich wieder in die durch- und auseinander geratenen erotischen Gänge einer jungen frustrierten Frau bringt, die über ihre Frustrationen herb ironisch hinwegsegelt und im Abend- wie im Hauskleid das leicht Schnoddrige ihrer Bella figura ordinär girrend auskostet, das sie dem Doktor einmal aus nächster Ferne schmusend distanziert anbietet, hat das auch etwas von einer Solo-Schwank-Sonate einer Schwankenden.
Dass die kleine, verzweifelt in den Doktor verliebte Sonja, in Gestalt von Sarah Viktoria Frick, ein wuscheliges, stampfbeiniges Pummelchen, die eleganten Pumps der Elena anprobiert, die ihr viel zu groß sind, die Schuhe dann eifersüchtig unter einer Wolldecke verbirgt, von wo sie dann Wanja hervorholt und eine Verzweiflungsliebesrede an die beiden Fetisch-Objekte hält, zeigt, mit welch kleinen, schönen, intelligenten Nebenbei-Regiezeichen man hier die hellsten Obertöne erreicht.
Überhaupt lässt Sarah Viktoria Frick in ihrem mädchenhaften, scheu patenten Sich-ins-Liebeszeug-Werfen, das schon auch mal eine herzhafte, aber nutzlose Umarmung mit dem Doktor zeitigt, das Abgrundkomische und das tief Rührende der Sonja gleichsam auf einer Stimm-Kante balancieren. (FAZ)

Matthias Hartmann wählt ungewöhnliche Perspektiven: Er inszeniert den Stoff als harte, verzweifelte Komödie, anstatt die Verzweiflungsstarre der Personen zu zeigen. Und er rückt den Wanja anstelle des Professors in den Mittelpunkt. (Kurier)

Welcher Schauspieler könnte diese Verbindung von Eleganz und Gier feiner und gekonnter darstellen als Gert Voss? Auf ihn und ein außergewöhnliches Ensemble setzt Burgtheaterdirektor und Regisseur Matthias Hartmann in dieser schnellen Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Dies ist Schauspielertheater vom Feinsten, und jeder hier hat eine Hauptrolle. [...] Nicholas Ofczarek spielt die Titelrolle. Er strotzt vor Lebens- und Liebesgier, die Arbeit als Gutsverwalter ist Therapie für den gutmütigen Mann. [...] Dieser Wanja ist am Ende der Deschek. Und doch spielt Nicholas Ofczarek ihn nicht als lächerliche Figur, sondern als einen, der zu Tränen rührt, weil man seine Ohnmacht versteht. [...]
„Sind Sie ein komischer Mensch“, sagt Elena erstaunt zum Doktor, der längst weiß, wie seltsam sich Menschen verhalten, vor allem wenn sie verzweifelt lieben. Michael Maertens, der den Arzt Astrow spielt, zeigt zu Beginn, wie Tschechow’sche Menschen versuchen, weiterzukommen: Er stapft über die Bühne und kommt doch nicht voran. [...] Denn vorwärts möchten hier alle kommen, nur der Boden ist unsicher geworden. Den Bühnenboden hat Bühnenbildner Stéphane Laimé mit einem Bürstenrasen ausgelegt: herrlich grün, gleichmäßig geschnitten. Hier sinken Tschechows Menschen sanft ein, oder sie kämpfen – jeder auf seine Weise – mit den widerständigen Borsten. Caroline Peters stakst in schwarzen Lackpumps, während sich Sarah Viktoria Frick als Sonja in grauen Wollsocken ihrem Schicksal ergibt. Ertragen, aushalten, ausruhen: Das rät sie am Ende sich selbst und dem unglücklichen Onkel Wanja.
Die anfangs nackte Bühne ist in der Zwischenzeit labyrinthartig gewachsen. Kaum merkbar werden Zwischenwände und Spiegel eingeschoben, die die Figuren wie die Zuschauer verdoppeln, miteinander verstricken. [...] Diese eindringliche, urkomisch-tragische „Wanja“-Leistung erntete verdientermaßen großen Jubel. (Salzburger Nachrichten)

Einmal mehr beweist Hartmann sein Händchen für Besetzungen. Caroline Peters macht als Elena zum Start im roten Kleid Furore, dann geht es mit ihr rasant bergab. Am Ende wirkt sie gerupft, eine Society Lady, zerrüttet von Fadesse und ungewohnten Leidenschaften gleichermaßen. Sarah Viktoria Frick [...] ist grandios als Sonja, das hässliche Mauerblümchen mit Riesenbrille und Wuschelkopf, das dem Doktor hinterherhampelt und von diesem nicht einmal bemerkt wird.
Michael Maertens ist die heimliche Hauptperson des Abends. [...] Maertens erzeugt leise und virtuos ein Feuerwerk skurrilen Humors, knurriger Junggesellenhaftigkeit, seelenvoller Einsamkeit, tolpatschiger Erotik. [...]
Gert Voss [...] zeigt [...] seine facettenreiche Charakterisierungskunst an diesem Gelehrten voll routinierter Rhetorik und borstigem Charme. Hinter der Fassade dieses Grandseigneurs lauern Hypochondrie, Verzweiflung. Voss hustet, betrachtet seinen bloßen Fuß, betastet seine Halsschlagader, stürzt zu Boden, schreit nach Medizin, schikaniert alle – und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.
Barbara Petritsch zeichnet sparsam die elegante Seniorin, die mit ihren Emanzipationsträumen auf dem Land versauert ist. Elisabeth Orth spielt gewohnt warmherzig die alte Kinderfrau und Branko Samarovski gibt den verarmten Gutsbesitzer Telegin. Insgesamt ist hier erneut eine wunderbare Ensembleleistung zu erleben. Keinen unbedeutenden Anteil an der Wirkung hat die spritzige Übersetzung von Angela Schalenec und Arina Nestieva. [...] Warum schon wieder Wanja? Das hat er [Hartmann] überzeugend erklärt. (Die Presse)

Tschechows geniale „Szenen aus dem Landleben“, die in der Regel elegisch und melancholisch daherkommen, waren in Hartmanns Deutung irrsinnig und unglaublich komisch: Vor der kahlen Feuermauer des Akademietheaters tobten, schlurften, stöckelten, stolperten die Schauspieler über einen hässlichen grünen Kunststoffboden mit Nylonborsten, lieferten sich gellende Schreiduelle und (selbst-)zerstörungswütige Hassausbrüche. Michael Maertens betörte mit seinem hinreißenden Singsang als kaputter, versoffener Arzt, Naturschützer und Vegetarier Ástrow, der von Sonja, der unscheinbaren Tochter des Professors, abgöttisch und hoffnungslos geliebt wird. Wie Sarah Viktoria Frick dieses hässliche Entlein spielte, ständig zwischen Lachen und Weinen an ihrem Rock herumzupfte und wie sehnsüchtig sie den desinteressierten Ástrow anglotzte, muss man erlebt haben. Nicholas Ofczarek war der Jammerlappen Wanja, der in höchster Erregung und Verzweiflung die Professorengattin belästigte und auf den Professor schoss. Caroline Peters spielte die schöne Jeléna hysterisch und an der Grenze zum Nervenzusammenbruch. Und Gert Voss brillierte als hypochondrischer, eitler Emeritus, der alle sekkierte und mit seinen Launen auf Trab hielt. Jubel. (Österreich)

Fast meint man, Hartmann inszeniere ein Lehrstück à la Brecht – schon wenn er die Szene des dritten Aktes, als ein völlig hysterischer Wanja auf den Professor schießt, auf den Anfang vorzieht. Diese erhitzte Ton, der hier angeschlagen wird, herrscht von der ersten Minute an – für die angebliche Tschechow’sche Elegie hat dieser Abend, der im heutigen Alltagsgewand spielt (Kostüme: Tina Kloempken) weder Zeit noch Lust. [...]
Wobei die „Machtverhältnisse“ durchaus anders gewichtet sind als sonst. Der „arme Wanja“ mag in anderen Inszenierungen durchaus im Hintergrund gestanden haben, hier tut er es nicht: Nicholas Ofczarek ist von Beginn an auf höchste Erregungsstufe geschraubt – er hat sich in die Frau des Professors verliebt, so sehr, dass er sie wirklich aufdringlich bedrängt. Er säuft aus Verzweiflung und in seinem Hassausbruch gegen den Professor tobt er dermaßen, wie es nur ein auch körperlich starker Schauspieler wie Ofczarek vermag. Da ist einer zum Opfer geworden und will es absolut nicht sein. Am Ende flüchtet er in die Arbeit, aber die Trümmer seines Lebens hat er uns hingeworfen – und ist damit gewaltig unter die Haut gegangen. [...]
Da sind nicht nur jene Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, die an sich jede Wahrnehmung der Umwelt verstellen, Voss spielt auch die entsetzliche Wut des Mannes, der durch das Alter seiner Bedeutung entkleidet wird [...]. Und er genoß auch geradezu das spielerische Element des Manipulators, der zumindest weiß, wie er seine Frau und seine Familie mit seinen ärgerlichen Launen auf Trapp hält. Hinreißend, wie Voss seine Locken warf und seine Hypochondrie ausspielte.
Der [...] Arzt Astrow ist oft die heimliche Hauptfigur. Nicht hier. Michael Maertens spielt ihn wahrlich als „tote Seele“, ein müder Mann, der eigentlich nicht mehr Anteil nehmen will, an gar nichts, was Menschen betrifft [...]. Astrows Leidenschaft gilt der Natur [...] und wenn er von seinen Bäumen spricht, wird Michael Maertens glaubhaft, so wie es sein soll. [...]
So wie Branko Samarovski am Rande steht, auf der Suche nach einer Berechtigung in dieser Familie, erwirbt er seine Berechtigung in dieser Inszenierung in hohem Maße.
Eine Elena wie jene von Caroline Peters hat man noch nie gesehen. Die wesentlich jüngere [...] Gattin des Professors als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, mit einer ausgespielten Hektik, Unruhe, Verzweiflung und Langweile, wie sie noch nie so exzessiv ausgereizt wurde. [...]
Sarah Viktoria Frick spielt die hässliche Sonja, die ein armes Geschöpf und eine schöne Seele ist, auch „anders“ als sonst. [...] Diese Sonja lässt durchaus ihre Verzweiflung heraus. Sagt ein paar richtige, harte Worte, wenn sie nötig sind. Leidet entsetzlich, wenn sie ihre Liebe innerlich begraben muss. Nur am Ende, wenn sie ihre Resignation heraus lässt, wird sie weich. [...]
Barbara Petritsch, die eine Art skurriler Würde wahrt, als Figur in sich selbst ruhend.
Und schließlich noch die Perle, die Kostbarkeit des Abends: die alte Dienerin Marina Timofejewna weiß noch, was richtig ist in dieser Welt und was falsch, und wenn man jemandem glaubt, dann Elisabeth Orth, die durchaus nicht als „Alte“ über die Bühne schlurft, aber jenes tiefe Volkswissen in sich zu tragen scheint, das Tschechow an den einfachen Leuten so bewundert hat.
Bewundernswert, wie alle sich hier zusammenfügten zu einer [...] Symphonie des verfehlten und verlorenen Lebens. Und nicht einer wirkte, als käme er aus dem Russland des späten 19. Jahrhunderts. Jeder war in seiner Struktur und seinem Leiden als Zeitgenosse erkennbar. (Der neue Merker)

Hartmann [...] gelingen großartige Paarungen, Zweier-Konstellationen, in denen die Verzweiflung der Menschen wie ein großes Fragezeichen im Raum steht. [...]
Diese emotionale Disposition, die Bereitschaft zu Lebensunfähigkeit und großem Unglück einigermaßen in die Gegenwart zu übersetzen, das ist schon filigrane Kunst, zumal uns heute ja kaum noch Konventionen hindern. [...]
Hartmann gelingt die Übersetzung durch eine starke Frauenfigur, durch die Elena Andrejewna der wunderbaren Caroline Peters. Sie [...] ist auf der Bühne eine großartige, abwartende, stolze, ungeheuer präsente Schauspielerin, die den Widerspruch einer Figur auch körperlich andeuten, zeigen, aushalten kann. (dradio.de)

Gert Voss. Sein Alexander Serebrjakow, der böse Altersnarr à la Thomas Bernhard schlechthin, fasziniert. Ein Quäler, der weiß, dass er quält. Ein Popanz mit Würde und ein Scheusal, dem wir unsere Zuneigung nicht zu verweigern imstande sind, weil sein Scheuseliges den Charme des Natürlichen besitzt. Die raubkatzengeschmeidige Gemeinheit hat Stil und Witz und ruht auf dem Fundament allgegenwärtiger Verfalls- und Sterbensangst. [...] Gert Voss erfüllt Tschechows grundsätzliche Spielanweisung: seelische Schmerzen „nicht mit Händen und Füßen“ darzustellen, „nicht mit wildem Gestikulieren, sondern mit Grazie". (Die Welt)

Der Professor (Gert Voss) hat sich, offenbar in Ermangelung eines tragfähigen Werkes als Geistesgröße, das kolossal ungehörige Betragen eines eingebildeten Kranken zugelegt. Er bläht sich nächtelang als Thomas-Bernhard-König: Er schreit und zischt, ist einmal gichtbrüchig, dann wieder rheumakrank. Seiner schönen, patenten, jungen Frau drückt er den Hals, als wäre sie ein Stück Holzgeländer im Greisenasyl. Gert Voss gibt den König Lear in der russischen Steppe: Damit gelingt ihm ein finster-komisches Meisterstück. (Der Standard)

Einfach grandios Elisabeth Orth als Kinderfrau Marina. Sie hat wenig zu reden und viel zu sagen, sie tut das mit Blicken. Man sollte den ganzen Abend lang immer auch auf sie schauen. (Nachtkritik.de)

Aus dem Ensemble ragen zwei Darsteller heraus: Nicholas Ofczareks Studie des Wanja ist atemberaubend – wir erleben mit, wie ein Mensch vor unseren Augen zerfällt. Ebenso gut: Sarah Viktoria Frick, die zutiefst berührt als unglücklich liebendes Mädchen, das in der Verzweiflung Größe beweist. (Kurier)

In einem Bühnenbild von Stéphane Laimé, das nie Realismus bietet (der erste Akt spielt vor den nackten Hinterwänden des Akademietheaters), aber immer wieder Zwischenwände einzieht, die etwas von dem nötigen Raumgefühl geben – ein großes Landhaus im Nirgendwo, das die Menschen einsperrt. Im übrigen besteht der Boden, auf dem alle wandern (gehen, staksen, schreiten, fallen) aus etwa drei Zentimeter hohen Nylonborsten. Eine gewisse Künstlichkeit ist auch hier eingezogen. (Der neue Merker)

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