Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Yohanna Schwertfeger, Daniel Sträßer

William Shakespeare
‹Romeo und Julia›

Deutsch von Thomas Brasch

Im Verona des frühen 15. Jahrhunderts leben zwei bis aufs Blut verfeindete Familien: die Montagues und die Capulets. Romeo Montague erscheint maskiert auf einem Ball der Capulets und begegnet dort deren 14-jähriger Tochter Julia. Die beiden verlieben sich auf der Stelle. Doch ein Unstern thront missgünstig über dieser Liebe.

Nach einer heimlichen Hochzeit wird Romeo auf dem Marktplatz von Tybalt, einem Capulet, beleidigt, lässt sich aber nicht auf einen Kampf ein. Stattdessen kämpft sein Freund Mercutio. Als Romeo zwischen die Streitenden tritt, wird Mercutio getötet. Aus Rache ermordet Romeo Tybalt und wird daraufhin verbannt. Vor seiner Flucht aus Verona verbringt er noch eine Nacht mit Julia – die Hochzeitsnacht. Julia ist verzweifelt, weil ihr Vater sie mit dem Grafen Paris vermählen will. Hilfe verspricht sie sich von einem mysteriösen Trunk, der den Trinkenden in einen zweiundvierzigstündigen, todähnlichen Schlaf versetzt. Und das vorbestimmte Unheil nimmt seinen Lauf.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie: David Bösch

Bühnenbild: Volker Hintermeier

Kostüme: Su Bühler

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

Kampfszenen: Klaus Figge

Regisseur David Bösch, der dieses Stück seit 2004 drei Mal inszeniert hat und am Samstag mit einer feinen Version Premiere am Burgtheater feierte, behält das Fixe der Jugend und die Verflixtheit des Schicksals immer klar im Auge. Er hackt den Text (in der Übersetzung von Thomas Brasch) auf ein gefühltes Drittel zusammen, er modernisiert ihn in Nebenbemerkungen aufs Gröbste und lässt es rocken – doch blieb, oh Wunder, in zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) das Wesentliche von Shakespeare erhalten. Dieser Romeo (Daniel Sträßer) und diese Julia (Yohanna Schwertfeger) haben Klasse, auch deshalb, weil sie von tollen Charakterdarstellern getragen werden.
Die Nebenrollen sind auf das Spiel fein abgestimmt. Petra Morzé gibt eine Lady Capulet, die sich leicht schwankend an ihr Cocktailglas klammert. Sie hat offenbar allen Grund zur Trunksucht, wenn man ihren Gatten (Ignaz Kirchner) sieht, der seine Tochter Julia erst schmeichelnd, dann mit der vollen Brutalität eines Renaissance-Patriarchen an den Grafen Paris (Gerrit Jansen) verheiraten will. Capulet macht bei seiner Party verkrampft grinsend den Entertainer mit Mikrofon und bleibt in seiner Berechnung doch leicht berechenbar. „Komm, Mutti!“, sagt er und schnippt mit den Fingern. Die Frau muss gehorchen wie eine abgerichtete Hündin. So also sieht der Kontrast zu einer Liebesehe aus, so würde der Lebensplan des jungen Mädchens enden, wenn das Drama „Paris und Julia“ hieße. Denn Jansen spielt diesen Paris zwar als geckenhaften Trottel, der romantisch heult, wenn nach dem Tod Julias ihr Lied (Romeo und Julias fetziger Song „Consequence“) gespielt wird, aber in Ansätzen ist er bereits die Kopie des berechnenden, gnadenlosen Alten. Jansen setzt die Nuancen geschickt ein.
Zurückhaltend sind Brigitta Furgler als Amme und Branko Samarovski als Bruder Lorenzo, die Mitwisserin der heimlichen Hochzeit und der Mönch, der den Scheintod Julias inszeniert. Sein Plan aber scheitert daran, dass Romeos Mailbox voll ist, dieser nicht eingeweiht werden kann. Die Verbündeten der Liebenden geben nicht die üblichen Lachnummern, sondern wohldosierte komödiantische Kontrapunkte zur großen Tragik. [...]
Der Aberwitz bleibt ganz den Buben, die nach exzessiver Fete ungeniert kotzen und den Feinden an die Garagentür pissen. André Meyer als Benvolio ist das Paradebeispiel für ein Gangmitglied, das zwischen Aggression und Feigheit schwankt, Fabian Krüger ein metrosexueller Mercutio, dessen sprachliche Schärfe trotz seiner gespreizten Attitüden nachhaltig wirkt. Daniel Jesch gibt mit Verve einen begriffsstutzigen Lackel, der nicht weiß, wohin mit all der Kraft. Mit schlaksigen Bewegungen, zur Unzucht ständig bereit, träumen sie vom großen Stich und sind vor allem selbstverliebt.
Das muss alles raus. Bei den Kampfszenen der jungen Männer, die dem Stück von Anfang an die abschüssige Richtung geben, hat Klaus Figge ein Feuerwerk der Choreografie entfacht. Links und rechts auf der sonst fast leeren Bühne (Volker Hintermeier) sind auf Aluleisten je drei Florette immer griffbereit. [...]
Was für eine Julia also gibt es zu sehen? Ein freches, frisches Mädchen. Voller Unschuld anfangs, dann wie vom Blitz der Liebe getroffen ist diese Vierzehnjährige – und von rascher Auffassungsgabe. Nicht nur den natürlichen Hang zur Tändelei besitzt sie, sondern auch schöne Ernsthaftigkeit. Schwertfeger beherrscht diese Klaviatur, sie erheitert, wenn sie für den Geliebten das Kleidchen lüpft, sie rührt, wenn sie ihm nachschmachtet. Man nimmt ihr diese Rollen vollkommen ab. Auch Sträßer spielt seinen Part mit großer Leichtigkeit und schwerem Gemüt, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Obwohl er sich am Anfang wie ein Süchtiger auf Entzug nach einer anderen verzehrt, wird die Liebe zu Julia trotzdem glaubwürdig. So ist es halt im Frühling. (Die Presse)

David Bösch [...] zeigt Julia, Romeo und dessen Gang nicht, wie sonst üblich, als junge Erwachsene. Sondern als Kinder. Als Pubertierende, in deren Köpfen die Hormone summen und brummen. [...]
Den ersten Teil des Stücks erzählt Bösch als Komödie mit viel Blödelei. Virtuos sind die Fechtszenen, die Klaus Figge eingerichtet hat und die an "Fluch der Karibik" erinnern. Als die Handlung dabei in die Tragödie kippt, wirkt der Bruch besonders brutal. Gerade war doch alles nur Spiel - und jetzt liegen Mercutio und Tybald da und sind tot.
Ganz besonders schön ist das Ende: Mit dem heiligen, zarten Ernst, den nur Kinder aufbringen, widmen sich Romeo und Julia dem letzten großen Spiel, dem Sterben.
Die schauspielerischen Leistungen sind wunderbar: Zwar übertreibt Yohanna Schwertfeger wieder einmal das Kleinmädchenhafte, dennoch ist diese Julia ihre bisher beste Leistung in Wien. Daniel Sträßer ist ein fantastischer, unbesiegbar junger Romeo. Fabian Krüger und André Meyer, die Mercutio und Benvolio als Rüpel anlegen; Ignaz Kirchner als widerlicher Vater Capulet; Petra Morzé als dessen versoffene Frau; Daniel Jesch als stotternder Tybald; Branko Samarovski als Mönch; Britta Furgler, Gerrit Jansen, Franz J. Csencsits: Alle toll. [...]
Es gab schon Tausende "Romeo und Julias", dieser Abend ist erfrischend anders. (Kurier)

Hier wird gesoffen, geknutscht, gekotzt und gepinkelt. Und sehr viel gerauft. David Böschs Interpretation der klassischsten aller Liebesgeschichten ist Punk. Ordinär, rauh und jung. [...]
Selten hat jemand den Tanz der Hormone von Verliebten so frisch und glaubwürdig auf die Bühne gebracht. Diese Julia (Yohanna Schwertfeger) ist wirklich noch keine 14, wie es bei Shakespeare ausdrücklich steht. Wie ein trotziges Kind wartet sie ungeduldig auf die Wiederkehr ihres Romeo (Daniel Sträßer). Ist er dann da, schwankt sie zwischen zärtlicher Unsicherheit und kecker Verführung. Sie lässt sich willig hinreißen von der aufregenden Entdeckung der Liebe. Ihr Balkon ist ein gläserner Fahrstuhl, der mit ihr nach oben gefahren ist. Dort steht sie und spielt mit Romeo, der unten wie ein rolliger Kater im Wasser plantscht. Sie streckt ihm ihren nackten Fuß zum Kuss entgegen, dann versteckt sie sich wieder hinter der Gardine. Zweimal reißt sie ihr Nachthemd hoch, um Romeo ihr Höschen zu zeigen.
[Daniel Sträßers] Romeo ist ein temperamentvoller junger Mann, sehr körperbewusst gespielt. Manchmal fuchtelt er etwas ausgiebig mit den Armen – aber mein Gott, er ist halt verliebt. Immer wieder rennt er durch das flache Wasser, dass es nur so spritzt. Wild steht sein nasses blondes Haar vom Kopf ab, und er wirkt wie der junge Campino, wie der Frontmann einer lustigen Punkband.
Lustig und punkig geben sich auch seine Kumpels Mercutio (Fabian Krüger) und Benvolio (André Meyer), auch wenn sie aus gröberem Holz geschnitzt sind. [...] Diese Szenen sind auch bei Shakespeare durchaus derb – halt verpackt in wohlgeformte Verse. Die in Brasch/Böschs Version weniger wohlgeformt, aber witziger, weil zeitgenössisch ausfallen. [...]
Die bösen Buben greifen sich ständig in den Schritt und liefern sich ausufernde Degengefechte. Wie in einem Actionfilm, nur ohne digitale Tricks. So wird aus einer 400 Jahre alten Tragödie eine sehr zeitgenössische Komödie. [...]
Auch Burg-Urgestein Ignaz Kirchner hat als halbseidener Vater Julias einige schöne und befremdliche Auftritte: Diesen ständig kichernden Capulet kann man eigentlich nicht ernst nehmen. Seine durchgängig betrunkene Frau (Petra Morzé) nennt er "Mutti" und behandelt sie wie eine Hausangestellte. Doch als er Julia recht harsch dazu zwingt, den blassen, aber reichen Paris zu heiraten, muss man ihn doch ernst nehmen. Denn der kichernde Papa kann sehr böse werden. Die betrunkene Mutti steht hilflos stammelnd daneben. [...]
Zwar tragen alle Darsteller schwarze bis dunkle Kostüme, ist auch die Bühne meist schwarz – dennoch war dies kein schwarzer oder auch nur tragischer Abend. Julia, Romeo und dessen kampfeslustige, trinkfreudige Freunde hatten viel jugendlich-ungestümen Spaß, der leider nur kurz anhielt. Tybalt ersticht Mercutio und anschließend Romeo Tybalt. Aber so ist das halt, wenn die Kinder nachts um die Häuser ziehen, zu viel trinken, zu schnell küssen und die Eltern betrunken ihre Aufsichtspflicht verletzen.
Hat Shakespeare das so gemeint? Oder David Bösch? Immerhin ist es Bösch und seinem Ensemble gelungen, diese doch recht ausgenudelte Liebesgeschichte mit rotziger Leidenschaft neu zu beleben. (www.nachtkritik.de)

Staunenswert sind in dieser Inszenierung die Gefechte der Jünglinge, die mit dem Degen schnell zur Hand sind. Trainer Klaus Figge setzte einzelne Martial-Arts-Sequenzen in Szene, zu denen vermutlich sogar Wesley Snipes gratuliert hätte.
Der frischg’fangte 23-jährige Daniel Sträßer beweist als draufgängerisch Erobernder und sensibel Liebender durchgängige Bühnenpräsenz. Yohanna Schwertfeger [...] berührt als verliebtes Kind, dem die Wonnen des Erwachsenwerdens nur kurz vergönnt sind. Berührend, wie die beiden verstorbenen Unsterblichverliebten am Ende in einem Glasgehäuse himmelwärts schweben.
Von Ignaz Kirchner (Capulet) über Petra Morzé (Lady Capulet) bis André Meyer (Benvolio) – alle blendend! Als Sensation des Abends entpuppte sich freilich Fabian Krüger (Mercutio), der so viel komische und tragische Kapazität offenbarte, dass man nach diesem Schauspieler glatt süchtig werden könnte. (Österreich)

Der Jungregisseur David Bösch stellt eine effektstarke, freche, witzige Version von Shakespeares Tragödie vor, die mit Bildern und Versatzstücken aus Fernsehen und Comics arbeitet. Er hat das Figurenpersonal auf elf Charaktere reduziert. Damit konzentriert er den Plot auf die Kernfrage nach der Macht der Liebe. Mit aller Wucht trifft diese den jungen Romeo, der gerade noch Rosalinde liebte und – von dieser nicht erhört – am selben Abend sein Sehnen auf ein neues Objekt richtet: Julia.
David Bösch zeigt die beiden als Paar der Gegensätze: Er ist ein junger Wilder in schwarzer Lederhose und Ruderleibchen, sie ist ein bourgeoises Mädchen mit teurem Schmuck, noch immer Kind und doch schon Luder. Wäre da nicht die unverbrauchte jugendliche Lust, würden diese so unterschiedlich sozialisierten Protagonisten nie ein Paar werden. Doch darauf kommt es Bösch an: ungebremste Liebe ohne Vorbehalte bis in den Tod. [...]
Neben Romeo ist Krügers Mercutio ein um die Schatten der Liebe Wissender, ein Hochrisikospieler immer am Abgrund.
Dass Bösch film- und fernsehsozialisiert ist, sieht man seiner Inszenierung an. Aus Vater Capulet (Ignaz Kirchner) macht er einen schmierigen Entertainer, der mit platten Sprüchen die Gäste begrüßt und seine Frau stets „Mutti“ nennt. Diese (Petra Morzé) hat sich martinischlürfend in ihr Schicksal gefügt. Ihr Neffe Tybalt (Daniel Jesch) ist ein stotternder Komplexler, der dies mit gestähltem Körper und Fechtkunst kompensiert und zwischendurch mit Benvolio die Fernsehserie „Bonanza“ zitiert. Kampf- und Fechtszenen sind in Böschs Inszenierung artistisch perfekt. Jauchzend kommentierte der jugendliche Teil des Publikums die spektakulären Einlagen. (Salzburger Nachrichten)

Bösch rührt in seiner radikal verdichteten Fassung in der sehr heutigen Übersetzung von Thomas Brasch nicht an der Substanz, doch er bringt sie radikal auf den Punkt. Er zeigt die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die von der großen Liebe träumen, ohne eigentlich zu wissen, was sie sich davon erwarten. Eine Geschichte, die heute genau so beginnen könnte wie zu Zeiten der Renaissance in Verona. [...]
David Bösch nimmt die Leidenschaft und die Unbedingtheit der Emotionen ebenso ernst, wie er auf der anderen Seite überbordende, drastische Komik, wo auch gekotzt und gekalauert werden darf, gekonnt ausspielen lässt und, ohne in Kitsch zu verfallen, mit Szenen stiller Poesie zu berühren versteht. Das Resultat: ein großer Burgtheaterabend, Musterbeispiel einer zeitgemäßen Klassiker-Annäherung. (Wiener Zeitung)

Daniel Sträßer [...] als Romeo zu besetzen ist ein Glücksgriff: ein schlaksiger Feuerkopf, dessen Herzensregungnen genauso unstet sind wie seine Gliedmaßen. Er ist halb Comicfigur, halb Frontman in einer Boygroup, rührig ungelenk und herzerweichend liebessüchtig. Wieder und wieder wirft er die Worte „Romeo und Julia“ in die Luft, als sei es der Klang der Namen, der die Beziehung besiegle. [...]
In Yohanna Schwertfeger hat der coole Schlaks des Romeo eine gute Entsprechung gefunden. Ein trotziges Kind, das sein Kleidchen lüpft, wenn der Liebste unterm Balkon steht. Bevor sie sprechen, knutschen sie bereits. (Frankfurter Rundschau)

Die Fechtszenen sind mustergültig choreografiert: Der Tod des Mercutio (Fabian Krüger) gehört zu den Höhepunkten, auch da Krüger den zotigen Charme der Thomas-Brasch-Übersetzung mit ihren vielen Endreimen in sprachliche Balance-Akte übersetzt. Hier kämpft einer schnodderig um sein kleines Leben.
Ähnliches gilt für die famos warmherzige Amme Brigitta Furglers, in deren Botengängen die ganze Blüte eines rettungslos verlorenen Liebeslebens spürbar wird. (Der Standard)

Der Großteil der Bühne ist noch von einer formatfüllenden Schiefertafel bedeckt, auf die die Verliebten wie pubertierende Schüler ihre Namen schrieben, sich herzend und küssend. Da sind sie dem Publikum ganz nah, aber auch später, wenn sich die Bühne öffnet. Selbst wenn Julia mittendrin in ihrem gläsernen Zimmer wie in einem großen Lastenaufzug auf Balkonhöhe herabschwebt, bleibt die Szene ganz intim. Die Verliebten planschen dann unten voll Übermut in seichten Becken herum, aber das ist niemals peinlich, sondern von großer Natürlichkeit. Das gläserne Zimmer wird schließlich auch Zentrum der fackelbekränzten Gruft der Capulets sein. Wie Schneewittchen ist Julia aufgebahrt, und wie ein böses, modernes Märchen endet das Stück. Noch im Sterben schreit Julia trotzig ihre Lust aufs Leben heraus: „Happy End!“ Das bricht einem das Herz. (Die Presse)

So wie Fabian Krüger, André Meyer und Daniel Jesch über die Bühne blödeln, tänzeln, fetzen und schließlich in einer Fechtszene explodieren, wie man sie live selten gesehen hat, sind sie die „Helden“ des Abends. (Neues Volksblatt)

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