Burgtheater

Ich war vier Jahre lang die Antilope.
Prinz Friedrich von Homburg

Heinrich von Kleist
‹Prinz Friedrich von Homburg›

Der Prinz von Homburg missachtet einen Befehl des Kurfürsten und wird deshalb – obwohl er die brandenburgischen Truppen zum Schlachtsieg geführt hat – zum Tode verurteilt. In Prinz und Kurfürst scheint der Dualismus von Vernunft und Trieb, Sittlichkeit und Sinnlichkeit, Herz und Verstand, Gesetz und Gefühl auf.

Indem der Prinz sich dem Todesurteil des Kurfürsten unterwirft, scheint die Rationalität des Gesetzes zu siegen, aber alles, was das Stück bis dahin dagegen aufgewendet hat, wird doch nicht vergessen – im Gegenteil: der ich-verlorene Schwärmer, der Prinz, hinterlässt den stärkeren Eindruck. Zu Recht trägt das Stück seinen Namen als Titel; er ist der Held. Wenn Kleist ein dem Königshof genehmes Stück schreiben wollte, ist ihm das gründlich misslungen. Dafür ist es ein Meisterwerk über die Zerrissenheit des Menschen geworden, das gerade in dem, was dem Hof missfiel, seine Modernität beweist.

Vor gut 200 Jahren beging der grandios gescheiterte Heinrich von Kleist gemeinsam mit seiner Bekannten Henriette Vogel Selbstmord. Das Thema „Gewalt“ durchzieht wie ein roter Faden sein gesamtes Werk. „Die Welt war Kleist ein Krieg … und noch die Liebe ist ihm ein prächtiges Schlachtfeld“, wurde konstatiert. „Prinz Friedrich von Homburg“ ist Kleists letztes Schauspiel.

Mit freundlicher Unterstützung von Handschuh Peter

Nur noch wenige Vorstellungen!
Zum vorerst letzten Mal am 3. Jänner 2015

Friedrich Wilheim, Kurfürst von Brandenburg
Peter Simonischek

Die Kurfürstin
Andrea Clausen

Prinzessin Natalie von Oranien, seine Nichte
Pauline Knof

Feldmarschall Dörfling
Udo Samel

Prinz Friedrich Arthur von Homburg
August Diehl

Obrist Kottwitz
Hans-Michael Rehberg

Hennings
Hans Dieter Knebel

Graf Truchß
Gerhard König

Graf Hohenzollern
Roland Koch

Rittmeister von der Golz
Marcus Kiepe

Graf Georg von Sparren
Daniel Jesch

Stranz
Bernd Birkhahn

Siegfried von Mörner
Branko Samarovski

Graf Reuß
Sven Dolinski

Gräfin Bork
Elisabeth Orth

Regie: Andrea Breth

Bühne: Martin Zehetgruber

Kostüme: Moidele Bickel

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Wolfgang Wiens

Jänner

Freitag, 02.01.2015 | 19.30 UhrBurgtheaterKarten

Andrea Breth inszeniert das letzte Stück des Heinrich von Kleist mit ungeheurer Präzision. August Diehl als Titelheld lotet das Manisch-Depressive extrem aus. Eine Höchstleistung des Burgtheater-Ensembles. (Die Presse)

Von famoser Klugheit ist Andrea Breths Deutung des „Prinzen Friedrich von Homburg“. Ihr umjubelter Festspiel-Kleist zeigt eine Kriegsgesellschaft am Abgrund. (Der Standard)

Die Salzburger Festspiele erlebten mit der ersten Schauspielpremiere einen schwarz glänzenden Höhepunkt. Andrea Breth dringt tief in Kleistsche Dimensionen vor – und stellt klar, dass vieles unklar bleibt. (NZZ)

Andrea Breth entdeckt in Salzburg ein neues Stück von Kleist. [...] Der Kurfürst ist der wahre Held, nicht der Prinz. Eine triumphale Kühnheit. (FAZ)

Ein Psychokrimi in Hell und Dunkel. (Die Furche)

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Kritiken der Wiener Premiere:
Dieser Prinz ist ein großer Individualist und Idealist, den ein seelenloses System mordet – ohne Waffen: Tod auf dem Feld des Psychokrieges. [...]
Andrea Breths Kleist-Inszenierung [...] ist in der Tat: ein Erlebnis. [...] Das Interessanteste ist die Militärmaschinerie, die hier äußerst modern [...] wirkt: mit Strategiebesprechungen und Intrigen, die fast so wichtig, wenn nicht wichtiger zu sein scheinen als der Kampf; dieser wiederum muss möglichst heroisch wirken. Dabei ist die Welt ohnehin schon fast ruiniert, sie besteht nur mehr aus Bunkern, abgebrannten Bäumen (Bühne: Martin Zehetgruber). Am überraschendsten ist die ungewohnte Komik, die dieser oft gesehene Klassiker zeitweise verströmt. Die Wichtigtuerei bei der Befehlsausgabe ist grausam, aber auch das reinste Kabarett. Viel deutlicher als sonst wird die Rolle der Prinzessin Natalie als Drahtzieherin bei den Versuchen, den Prinzen zu retten.
Fantastisch ist die Besetzung, allen voran August Diehl als Prinz, der an Hamlet erinnert in seinen jähen Stimmungsschwankungen, die sich in bedrohlichen verbalen und faktischen Gewaltausbrüchen entladen. Peter Simonischek ist hinreißend als Kurfürst, der weiß, dass er den Wildling Homburg im Zaum halten muss, der seine Macht und das Land in Gefahr bringt. [...] Hans-Michael Rehberg berührt stark als Kottwitz, der seine Sympathie für den jungen Haudrauf, in dem er sich selbst widergespiegelt sieht, nicht verhehlt.
Udo Samel ist ein herrlich devot-gemeiner Feldmarschall. Roland Koch offenbart den Neider im vordergründig vernünftigen Hohenzollern, Freund des Prinzen. Pauline Knof ist eine bezaubernd schlaue Natalie, Andrea Clausen eine elegante Kurfürstin, die anders als das junge Mädchen längst in melancholischer Resignation erstarrt ist angesichts der hermetischen Männerherrschaft. Elisabeth Orth hat kaum Text als Kammerfrau, was sie mit köstlich sprechendem Mienenspiel reichlich ausgleicht. (Die Presse)

Passgenau, frappierend „schön“ und anrührend zog Andrea Breths ingeniöser "Prinz Friedrich von Homburg" im Burgtheater ein. [...]
In einer düster unterkühlten Traumwelt zwischen brandenburgischen Baumrümpfen und den Schaltzentralen der Kriegstechnokratie (Bühne: Martin Zehetgruber) wird der junge Prinz von Homburg (August Diehl) von Siegesvisionen geplagt. [...]
Breth zeichnet in dieser erschütternd exakten, bis zur letzten Sekunde spannenden Arbeit das eiskalte Bild einer pflichtgetreu weitgehend entmenschlichten Machtspitze. Sie zeigt, was Gnade ist, wie hohl die Liebe sein kann, wie dümmlich oberste Funktionäre vorgehen - und wie ein Kurfürst eine Karotte frühstückt. Ein absolutes Highlight. (Der Standard)

Andrea Breths kluge, total auf Kleists Sprache konzentrierte Inszenierung stellt die Kontroverse des Prinzen mit dem Kurfürsten in den Mittelpunkt: eine Art Vater-Sohn-Konflikt, denn die beiden sind Rivalen um die Macht. Im stilisierten, von nebelverhangenen Baumstümpfen und abstrakten Räumen dominierten Bühnenbild von Martin Zehetgruber brilliert August Diehl in der Rolle des jungen Prinzen: Er spielt einen egomanischen, irrationalen, unberechenbaren, Ich-verlorenen Schwärmer und Traumtänzer, der in seiner Todesangst sogar die Geliebte verrät. Peter Simonischek gibt seinen Gegenspieler, den Kurfürsten, souverän als intelligenten, trickreichen Machtpolitiker. Pauline Knof bezaubert als Prinzessin Natalie, die um ihren Geliebten kämpft und ihn verliert. (Österreich)

Andrea Breth interpretiert das Stück als politischen Vater-Sohn-Konflikt um Macht und um eine Frau. Der heftig spätpubertierende Homburg – brillant fiebrig dargestellt von August Diehl – erobert zwar die Nichte des Kurfürsten (gut: Pauline Knof), sein Griff nach der Macht wird aber vom Kurfürsten (vom großartigen Peter Simonischek) mit eleganter Härte abgewehrt. [...]
Breths Inszenierung hat seit ihrer Salzburger Festspielpremiere an Spannung gewonnen. Das Spiel wurde dichter und rhythmischer. (Kurier)

Zweieinhalb pausenlose Stunden vibrierten vor innerer Spannung, obwohl es auf der Bühne keinerlei spektakuläre „Aktionen“ oder „Regieeinfälle“ gab, die von der Psychologie der Figuren abgelenkt hätte. [...]
Martin Zehetgruber und Moidele Bickel haben den Abend geradezu spartanisch minimalistisch ausgestaltet und stellen ihn in einen zeitlosen Rahmen. [...]
Mit August Diehl als Prinzen und Peter Simonischek als Kurfürsten bot der Abend zwei außerordentliche Leistungen. Diehl [...] ist als Prinz kein romantischer Träumer, sondern eine erschreckend moderne Borderline-Persönlichkeit. Simonischek ist beeindruckend als Kurfürst, so gar nicht martialisch oder polternd als konventioneller großer Kriegsherr, sondern ruhig, souverän, zurückhaltend, ungemein vernünftig.
Mit der wunderbaren Pauline Knof, mit Andrea Clausen und Elisabeth Orth waren die Frauenrollen so hoch besetzt wie der Luxus, den Udo Samel, Hans-Michael Rehberg, Roland Koch in Nebenrollen boten. (Neues Volksblatt)

Vom Traumbild im Garten an über das Vorpreschen des Prinzen in der Schlacht bei Fehrbellin bis zu dessen Hinnehmen des Todesurteils fasziniert Breths dichtes Sprachkunststück in den stimmungsvollen Bühnenbildern von Martin Zehetgruber.
Es ist das Zeitlose in Breths Ansinnen, das sich auch im Ensemble widerspiegelt: August Diehl als Prinz gelingt das noch beeindruckender als in Salzburg. Sein Kampf mit sich, mit Ängsten und Sehnsüchten imponiert. (Kronen Zeitung)

Andrea Breths Inszenierung des „Prinzen von Homburg“ [...] erwies sich als außerordentlicher Abend, als einer der großen Breth-Würfe. [...]
Andrea Breth zieht Kleists Stück erst einmal aus: Sie nimmt ihm jedes Zeitkolorit, wir sind nicht im Jahre 1675, die Brandenburger im Krieg gegen Schweden, die Schlacht von Fehrbellin findet höchstens durch ganz fernes Kanonengedonnere statt. Martin Zehetgruber schuf eine „Landschaft“, vordringlich mit Baumstümpfen, durch die meist Nebel wabert, und glatte, helle, leere, undefinierte Räume. Die Kostüme von Moidele Bickel machen aus Männern wie Frauen schmale Gestalten in attraktivem Schwarz, es wehen die Mäntel, der Silhouetteneffekt wird auch durch eine ausgefeilte Lichtregie (Friedrich Rom) immer wieder beschworen, ob flackerndes Zwielicht, ob grelle Helligkeit, alles erfüllt den atmosphärischen Zweck in der „klinischen Atmosphäre“ dieser Inszenierung.
Andrea Breth konzentriert sich auf die Psychologie der Figuren, und da leistet sie mit Hilfe einer wirklich höchstkarätigen Besetzung viel. August Diehl ist für die „Borderline“-Persönlichkeit des Prinzen ideal. Sein anfängliches schwärmerisch-somnambules Gehabe hat bei ihm fast etwas Pathologisches, seine Aktionen als Liebender sind erratisch, als Heerführer hektisch. [...]
Der Kurfürst: In Gestalt von Peter Simonischek ist er die zweite große Leistung des Abends, so gar nicht martialisch, polternd, der große Kriegsherr, sondern ruhig, souverän, zurückhaltend, ungemein vernünftig. [...]
Pauline Knof beherrscht als Prinzessin Natalie mit stiller Kraft die Szene, wann immer sie auftritt – ohne Pathos (das gibt es an diesem Abend überhaupt nicht) kämpft sie um ihre Liebe, ohne Pathos zahlt sie mit dem (erfundenen) Kuss dem Kurfürsten, ohne Pathos drückt sie dem Prinzen die Augen zu. (Der Neue Merker)

Kritiken der Salzburger Premiere:
Der Held, der eben erst aus einem dreitägigen Kampf ins Hauptquartier zurückgekehrt ist, ist ein Schlafwandler. Vielleicht leidet er aber auch an dem, was die Briten shell-shock nennen. Immer wieder wird Homburg später ins Zittern verfallen wie ein traumatisierter Soldat, in Ohnmachten gar, um sich dann wieder in übersteigerte Euphorie zu retten.
Breth hat diese Eingangsszene als Vorstudie des Manisch-Depressiven meisterhaft gestaltet [...] als ein raffiniertes Spiel von Licht und Finsternis. Die Laterne leuchtet Homburg ins Gesicht – er wird vom Schatten zu einem entrückten Menschen, während die Übrigen im Dunkel verschwinden. Dann sind wieder die anderen im Hellen. Man sieht den Fürsten, der lüstern vor Neugier ausleuchten will, was im Prinzen vorgeht, den Grafen, dessen Gesicht mehr Ehrgeiz als Freundschaft verrät, während seine Rede Besorgnis vorgibt, die Fürstin, die entsetzt ist, eine Gräfin (Elisabeth Orth), die schon alles gesehen hat und durch nichts mehr zu erschüttern ist. Vor allem sieht man eine Prinzessin, die furchtbar leidet.
Pauline Knof spielt diese Natalie von Oranien, die Nichte des Fürsten, mit großer Subtilität, [...] Vor allem auch um Natalie geht es in dieser Konkurrenz zwischen dem Herrscher und seinem unbeherrschten Kämpfer. Beide umfassen das Mädchen, als wäre es ihr Eigentum, küssen es heiß. Knof aber zeigt eine Prinzessin mit starkem Charakter, die widerstrebt und liebt. Sie fügt sich so in ein Ensemble ein, das bis in die kleinen Rollen voller Charakterköpfe ist, das eine Macht und Diplomatie gnadenlos enttarnende, tief schürfende Inszenierung perfekt umsetzt. Der komplexe Text bedingt zwar Längen, [...] aber gerade diese Unbedingtheit trägt wesentlich zum Erfolg dieser Interpretation bei, die kunstvoll Schein und Sein verwebt, die das Drängende in Kleists Sprache virtuos zur Geltung bringt. (Die Presse)

Im Übrigen geht es aber klinisch sauber zu, in schierem Schwarz und Weiß, wie bei einem Schachspiel. Boden und Decke leuchten. Alle Figuren, bodenlang in dunklen Samt gekleidet, der das Licht schluckt, wirken wie Thesen. Blut fleißt nur durch ihre Sprache. Krieg findet nur in den Köpfen statt, alle Grausamkeiten sind allein der Kunst der Schauspieler überantwortet. [...] Es [handelt] sich, bis in die Nebenrollen, um die allerbesten Schauspieler unserer Zeit.
August Diehl, der wilde Prinz, ist ein Fanatiker, der keine Argumente duldet. Wer ihm widerspricht, den springt er an und beißt ihn ins Gesicht. [...]
Peter Simonischek als Kurfürst fasst mit der gleichen ruhigen Leutseligkeit seine tödlichen Beschlüsse, mit der er seine morgendliche Möhre verzehrt. Udo Samel als Feldmarschall Dörfling ist der totale Befehlsempfänger, Hans-Michael Rehberg als Obrist Kottwitz der allertreueste Vasall, auch wenn sie beide dran kaputtgehen. Und die Frauen?
Pauline Knof ist Natalie. Als Einzige bricht sie aus der Schlachtordnung aus, kämpft sie um etwas Leben. Es ist ganz große Oper, wie sie dann kapituliert und klar und zart sagt: „Du gefällst mir!“, und ihren Homburg küsst, den totgeweihten. Für die famose Elisabeth Orth hat Breth sogar eigens eine neue Rolle erfunden. [...] Als sie dann voll Inbrunst, Wissen und Verachtung „Och!“ ruft, mit dem Rücken zum Publikum, wenn der Prinz sich anmaßt, in die Fußstapfen des Kurfürsten zu treten, mit seinem prahlerischen „Ich!“, da reißt dieser Ruf Kleists Stück in zwei Hälften, als wär’s nur aus Papier. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Auf die schematische Gegenüberstellung von Gesetz und Gefühl lässt sich Andrea Breth gar nicht ein. [...]
Zwischen den beiden [Prinz/Kurfürst] aber glost Rivalität wie nur zwischen Vätern und Söhnen. Strategische Argumente bringen hier niemanden weiter: Das beweist in der grandiosen Rebellionsszene Rehbergs knorrig-anrührender, einen Strom von Energie freisetzender Kottwitz. Und das beweist Roland Kochs Hohenzollern als zweischneidiger Freund von Homburg.
Da liegt [...] die triumphal überragende Stärke der Aufführung: Ihr Potenzial ist das vielschichtige, sich überkreuzende, widersprechende und ins Gehege geratende Gespinst von bewussteren und unbewussteren Gedanken, welches die Handlung vorantreibt – und sie der behaupteten Kontrolle durch den Kurfürsten entzieht.
Also erlebt man grossartige Momente, in denen solche gedankliche Kollisionen spektakuläre Funken sprühen – oder aber sich blockieren. Oder beides in einem. Die Schlacht, der Wald, der Prinz: Noch ist Diehls Homburg völlig gefangen in seinen Träumen; trotzdem – oder deshalb – geht «es» mit ihm durch, schlägt er sich den Weg brutal und blutig frei, rast in den Kampf: Weiss er eigentlich, was er tut? Und warum? August Diehl zeigt einen Geistesabwesenden, ja einen Geistesgestörten, und dass ihn niemand – ausser der sichtlich mitfühlenden, aber in diplomatische Passivität verbannten Kurfürstin der Andrea Clausen – als «krank» erkennt, lässt sofort die allgemeine Verheerung des menschenzermürbenden Kriegs erahnen. [...]
Peter Simonischek ist ein Kurfürst «zwischen Grandseigneur und Kriegsgurgel», wie Theodor Fontane die Rolle charakterisierte. Ein Brandenburger, der das Vaterland vorschiebt, wo es – im Generationenkonflikt mit Homburg – um die väterliche Vorherrschaft geht. Ein Haudegen, der im ungleichen Streit den Rivalen aussticht. Simonischeks Kurfürst ist auch insofern ein Gegenpol zu Diehls Homburg, als er das Dasein hienieden samt Sterblichkeit akzeptiert: ein pragmatischer Lebemann, saftig und kräftig, der Milch trinkt und Karotten isst. Und dennoch eine Kleistsche Figur: Auch ihm fährt angesichts des Schlafwandlers der metaphysische Schrecken in die Glieder. Ein Albtraum, was sonst? Grosses Theater. (NZZ)

Das ist ein genial ausgräberischer Spielzug Andrea Breths. Denn hier dominiert ein anderer Held. Der Kurfürst. Von Anfang an, wenn er mit seiner Entourage, nur die Gesichter von unten her von Lampen erleuchtet, eine Art Totenwald betritt, in dem der Prinz zwischen abgeknickten und abgestorbenen Bäumen vor sich hin schlafirrwandelnd traumschwärmt, zeigt der fein-staatliche weißhaarige, elegant bärtige Geistes- und Seelenbonvivant, als den Peter Simonischek den Kurfürsten gibt, dass er, der Hüter und Walter des Gesetzes, auch des Gesetzes des Krieges und des Todes, der wahrere, der bessere, weil leisere, innigere Träumer sei. Ein dem Prinzen von Homburg im Geiste weit überlegener Seelenbruder. Den er dauernd in sich staunend sucht. Aber außerdem die andere, die rationale, legale Seite in sich aushält: ruhig, gelassen, mit einer innigen, liebevoll melancholischen, weitgespannten Souveränität. Eine Balance-Sensation. Eine Entdeckung. Denn der Kurfürst als Vertreter des Staates und des Rechts hatte auf dem Theater bisher kaum eine Chance. Er stand auf der falschen Seite.
Hier steht er auf zwei Seiten. Und wenn er den Sieger von Fehrbellin [...] mit seinen Handschuhen ohrfeigt, dann zeigt Simonischek ganz leise, wie nebenbei, aber ungemein human-herrscherlich den Zerrissenheitsschmerz dieses Mannes. Er ohrfeigt sich im Homburg sozusagen selbst. Und wenn er die Nathalie, die bei ihm um Gnade für Homburg bittet, küsst, dann küsst er zarter, liebevoller, toll-inniger, als je ein Homburg zu küssen vermöchte, den er hier sozusagen überküsst. Und über allem weiß er, dass er als Kurfürst der Welt, in der er lebt, den Tod und den Krieg als einzige Kur verschreiben kann und dass er töten muss, was er liebt. [...]
Bei Andrea Breths ingeniöser Lösung lebt der Prinz im Kurfürsten weiter, der diesen Tod nun auch in sich trägt. [...] Diese Tragik ohne Kitsch, nur mit einer unendlichen Sanftheit und Menschlichkeit vorgetragen zu haben im weichen baritonalen kakanischen Wehmutston, der in Fehrbellin sowieso als wunderliche Fremdsprachmusik erklingt, ist die große, überwältigende Kunst Peter Simonischeks. Dieser Schauspieler ist ja kein Figuren-Kaperer, er schnappt nicht zu, haut nicht drauf. Er verwandelt sich langsam und geduldig in sie. Und seine Liebes- und Gerechtigkeitsarbeit an dieser bisher so schnöde behandelten Kurfürstenfigur führt er hier so hinreißend wie diskret vor. So wird derAbend zum Triumph eines edlen Schauspielers. (FAZ)

Zu Zeiten des spielfilmlangen Gauditheaters aber erscheint Andrea Breths Inszenierung wie vom anderen Planeten.
Martin Zehetgruber hat eine Kriegswelt der Kälte und Verwüstung gebaut. Hier erfüllt sich das Schicksal des Kleist’schen Helden in ungekannter Radikalität: Der rehabilitierte Prinz erwacht aus seiner Ohnmacht nicht. [...] Andrea Breth deutet die Rivalität auch sexuell: Peter Simonischeks großartiger Kurfürst küsst seine sich vor Abscheu verbiegende Nichte (Pauline Knof) libidinös auf den Mund, ehe er ihr die Begnadigung des Prinzen zugesteht. Für den begibt sich August Diehl auf einen atemberaubenden Grenzgang zwischen Manie und Depression, Exaltation und Wahrheit. Hans-Michael Rehberg, Andrea Clausen, Elisabeth Orth und Udo Samel formieren ein Ensemble ohnegleichen. (News)

Regisseurin und Theaterarchäologin Andrea Breth lässt die beiden Hauptfiguren in einem fortwährenden Psychokrimi gegeneinander antreten. Beide sind ständig bereit zu Eroberungen, ob Feind oder das Herz einer Prinzessin, macht da keinen Unterschied.
Breth ringt der Rolle des Kurfürsten neue Facetten ab, indem sie dessen scheinbar despotischen Charakter hinterfragt und das Spiel zum Vater-Sohn-Konflikt ausweitet. Nach dem Hahnenkampf der beiden Alphatiere, kongenial dargestellt von August Diehl und Peter Simonischek, hat Breth kein Happy End für den mittlerweile kleinlauten Titelhelden vorgesehen. [...]
Licht und Schatten wechseln einander auf der kargen Bühne (gestaltet von Martin Zehetgruber) ab, schwarz und düster sind die Szenen am Schlachtfeld und im Garten, hell und strahlend die Zimmer im Schloss ausgeleuchtet. Derart monochrom sind in dieser meisterlichen Theaterinszenierung, die bis in die kleinste Nebenrolle exzellent besetzt ist, aber nur die Oberflächen; Handlungen und innere Motive sind so vielschichtig gezeichnet, dass sie eine Fülle an Interpretationen offenlassen. Damit stellt Breth wieder einmal die Zeitlosigkeit historischer Bühnenstoffe heraus. (Die Furche)

Breth löscht in ihrer beklemmend düsteren und gleichermaßen bestechend hellsichtigen Inszenierung jeden Funken romantischer Träumerei im Drama um den somnambulen Helden. [...]
Andrea Breth inszeniert ihren sprachlich und gestisch detailliert gearbeiteten, beklemmenden Totentanz als eine strenge Folge aus gleißend hellen und nachtschwarzen Szenen, unterbrochen durch scharfe Black-Cuts. Begleitet von den düsteren Sounds Bert Wredes, die akustisch das unheimliche, stete Belauertsein in einem Machtgefüge unterstreichen, gelingt es Andrea Breth, die zeitlosen Zwangsmechanismen im familiären und gesellschaftspolitischen Gefüge sichtbar zu machen. (Der Tagesspiegel)

Andrea Breth gelingt es, die Interaktionen zwischen den Darstellern so pointiert herauszuspielen, dass sie kein Blut und keine Exzesse braucht, um einen Sog zu entwickeln, der zweieinhalb Stunden anhält. Wie sich Pauline Knof als Natalie und Diehl allein mit Blicken ineinander verlieben, während um sie herum eine Schlacht geplant wird, ist eine großartige Szene. (Dresdner Neueste Nachrichten)

Sehr suggestiv, sehr eindringlich sind diese ersten Minuten in Andrea Breths Inszenierung von Kleists Preußendrama "Prinz von Homburg". Sie fesseln – und man wird nicht mehr entlassen aus dem Zauberbann. So kann Theater heute noch sein: zum Staunen. (Badische Zeitung)

Peter Simonischek hat als entspannt siegessicherer Machtpolitiker, der auch in brenzligen Situationen demonstrativ cool an einer Karotte knabbert, Auftritte, die entrückt und doch ganz modern wirken. (Profil)

Simonischek bildet das dunkle, vulkanisch schimmernde Rätsel des ingeniösen Abends. Er steht im Kerzenlicht am Kartentisch und lauscht finster Natalies Gnadengesuch. Die Gewährung der Bitte, die er in einen Brief voll bösem Hintersinn kleidet, führt zum schlimmsten Übergriff. Der Kuss nämlich, den der Fürst seiner Nichte aufzwingt, erfüllt den Tatbestand sexueller Nötigung. So wie Homburg seine Werbung um Natalie nur wie einen Blitzkrieg entfesseln konnte, vermag auch Simonischek nur zu nehmen, wo er zu geben versprach.
Breths Inszenierung ist ein verlockendes Konzertstück der Dissonanzen. Im Widerschein der Kriegsbagage in schwarzen Mänteln - im Zusammenspiel der Kräfte seien noch Elisabeth Orth und Udo Samel genannt - stirbt der begnadigte Homburg den Tod durch Erschrecken. Das Erwachen aus dem Traum von Preußens Gloria ist nur um den Preis des Lebens möglich: Der Gips zerspringt. (Der Standard)

Simonischek widersteht der Versuchung, den Kerl wie einen Baum zu geben, schafft es trotzdem, seinen Monarchen ganz ind ie Mitte des Geschehens zu setzen. Er ist das Klischee des Fürsten, überlegen, unnachgiebig, machtvoll, würdebewusst und selbstgefällig. Souverän ringt er mit sich. [...] Simonischek ist kein abgründiger, aber ein glaubwürdiger Kurfürst. (Frankfurter Rundschau)

Dieser Homburg ist einfach nicht zurechnungsfähig – und damit auch kein ernst zu nehmender Gegenspieler für den sich von ihm bedroht fühlenden Kurfürsten, den Peter Simonischek mit lässig-lächelnder Souveränität als Mohrrüben knabbernden Machttaktiker gibt – er ist die modernste Figur auf der Bühne. Eine Freude, ihm beim Denken zuzuschauen. (Süddeutsche Zeitung)

Martin Zehetgruber hat für die Inszenierung von Kleists Werk „Prinz Friedrich von Homburg“ durch Andrea Breth eine Kriegshölle auf die Bühne des Salzburger Landestheaters gestellt. Immer wieder ertönt in den nächsten zweieinhalb Stunden Kanonendonner. Selbst im Schloss, dessen kalte Räume aus semitransparenten, verschiebbaren Kunststoffwänden und sparsamem Holzmobiliar bestehen, ist er zu hören. (Die Presse)

Von den schönen Kiefern im märkischen Sand sind nur noch die verkohlten Baumstümpfe übrig. Die Nacht ist dunkel, und ob der neue Tag wirklich einen Horizont preisgibt, nicht sicher. Es ist, als habe Martin Zehetgruber eine dieser dunklen, devastierten „World of Warcraft“-Landschaften hingeworfen, in denen Millionen junger Spieler sich virtuell die Nächte um die Ohren hauen, mit Zaubertränken und verwunschenen Schwertern die Monstren ihrer Einbildungskraft bekriegen. [...]
Kein stolzes Preußischblau im ganzen kurfürstlichen Hofstaat, nur noch tristes Freikorpsschwarz skizziert die schönen Silhouetten des frühen 19. Jahrhunderts (Kostüme Moidele Bickel). Sie werden leibhaftig aus der Schattenlosigkeit ans Licht gezerrt und noch einmal aufgestellt wie Spielfiguren. [...]
So verloren in ihren Körperpanzern dagegen war selten eine preußische Soldateska. Als sein Prinz geopfert werden soll, spricht der steinalte Obrist Kottwitz wohl das erste Mal – stammelnd und knatternd – überhaupt von Gefühlen. Das ist so anrührend wie komisch und Hans-Michael Rehberg braucht als Obrist nur diese eine szenische Skizze, um ermessen zu lassen, wie viel Gewalt vonnöten ist, um aus einem Exemplar der Gattung Mensch einen Preußen zu machen. (taz)

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