Burgtheater

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Elfriede Jelinek
‹Schatten (Eurydike sagt)›

Elfriede Jelinek verleiht nicht dem längst geschaffenen Mythos des Orpheus ihre Sprache, sondern lässt Eurydike zu Wort kommen.

Aus dem Schattenreich des Hades schreibt die Nymphe – bewaffnet mit Freud – gegen ihr tödliches „Sein“ als ewiges Sehnsuchtsobjekt an: „Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung von mir, dem vermisten, verlorenen Objekt, wird dieselben ökonomischen Bedingungen herstellen wie die Schmerzbesetzung einer verletzten Körperstelle, also stellen Sie sich vor, es wird ihm so weh tun wie mir der Biß dieser Schlange oder was das ist, das mich jetzt getötet hat, aua!“ Diese Eurydike ist eine Nachfolgerin der sprechenden Widergängerinnen aus Jelineks Prinzessinnendramen „Der Tod und das Mädchen I-V“, in welchen u. a. Jackie, Lady Di und Schneewittchen die Autorinnenschaft über ihre Geschichte übernehmen und im Zuge dessen ihren Mythos dekomponieren. Jelineks Eurydike vermisst zwar ihre Kleider im Schattenreich, aber „um nichts im Tod“ will sie von ihrem narzisstischen Sängergatten zurückgeholt werden ins unerträgliche Reich des so genannten Realen, in dem es nur so wimmelt von kreischenden, mänadenartigen Groupies. Orpheus’ fataler Blick zurück ist aus ihrer Perspektive der vernichtende Versuch, sein unsichtbares, geliebtes Objekt zu fotografieren, sichtbar zu machen, erneut ein Bild von ihm zu erschaffen und es festzuhalten. Eurydike jedoch gleitet erlöst zurück zu den Schatten, ins Körperlose, Verborgene, ins Nichts: „Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben.“

Ausgezeichnet mit dem "Nestroy-Theaterpreis":
Elfriede Jelinek mit dem „Beste Stück – Autorenpreis“
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In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie: Matthias Hartmann

Bühne: Johannes Schütz

Kostüme: Tina Kloempken

Musik: Karsten Riedel, Lucas Gregorowicz

Licht: Peter Bandl

Dramaturgie: Amely Joana Haag

April

Donnerstag, 17.04.2014 | 19.30 UhrAkademietheaterKarten

Kurzkritik:

In der 90-minütigen Inszenierung entfacht das glänzende Frauenensemble einen veritablen Bühnenspaß. (Wiener Zeitung)

Nicolas Stemann galt vielen als guter Jelinek-Regisseur - bislang. Matthias Hartmann ist besser. Er ist nicht nur, ohne je unkritisch zu sein, texttreuer, er gelangt mit seiner Inszenierung auch näher an den Sinn von Elfriede Jelineks Farce. Hartmann hat die künstlerischen Herausforderungen Elfriede Jelineks in "Schatten" produktiv gemeistert. (Deutschlandradio Kultur)

„Textfläche“ wird genannt, was Elfriede Jelinek schreibt, gnadenlos aneinander gereihte Sätze, die es dem Leser nicht leicht machen. Viele davon sind eigentlich für Bühnenbretter bestimmt, was den jeweiligen Regisseur der hier weder Figuren noch szenische Anweisungen vorfindet vor die Aufgabe stellt, das Theater zum Text selbst zu erfinden. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ist das bei seinem ersten Anlauf auf Jelinek jedenfalls so souverän und unterhaltend geglückt wie kaum je einem seiner Vorgänger. (Neues Volksblatt)

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Bei der österreichischen Erstaufführung von „Schatten (Eurydike sagt)“ im Akademietheater räumt Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ihr [der Autorin, Anm.] in seiner Inszenierung einen prominenten Platz ein: Jelinek wird zur grell geschminkten, dick bebrillten, faltigen Puppe mit der bekannten Frisur (Knödel oben, langes, verzopftes Haar), die, von Puppenspieler Nikolaus Habjan geführt, mit einem Manuskript in der Hand meist an der Rampe mitverfolgt, wie sich die Geschichte der armen, von der Schlange zu Tode gebissenen Eurydike in der Unterwelt entwickelt. Die Puppe kann zufrieden sein. Der dichte Text wurde am Donnerstag in einem reichhaltigen, 90-minütigen, atemlosen Spektakel aufgelöst, das Publikum klatschte herzhaft, besonders auch, als sich Habjan verneigte. Zurecht wurde gejubelt, denn der Text ist eine sinnreiche Variante des antiken Vorbilds. […]
Hartmann mag Überfluss an Bildern, sein Ausstatter Johannes Schütz hat dieser synkretistischen Eigenart voll entsprochen. In der Fülle aber ist dem Regisseur auch eine tolle Idee gekommen: Eurydike ist nicht ein, sind nicht zwei, nicht drei Wesen. Sie wird von sieben Frauen komplex dargestellt, die ihren Monolog über Phobien, Einsamkeit, Sex, Verachtung und ein bisschen Liebe abspielen. Was für ein Glück, solch ein Septett an Darstellerinnen zur Verfügung zu haben. Christiane von Poelnitz führt als eine Art Ur-Eurydike, die mit den Schlangen spielt, den Chor der Kreischenden an. Ihr Sänger, der als Schnulzen-Monster schamlos grelle Selbstverliebtheit bestätigt, hat Angst vor Teenie-Girls. O Orpheus singt! O schräger Ton im Ohr! Und alles kreischt. Doch selbst aus diesem Kreischen ging neuer Reiz aus Jelineks Tiraden vor. (Die Presse)


Das antike Liebesdrama wurde zigfach nacherzählt, verfilmt, vertont. Nun hat sich Elfriede Jelinek des Themas unter bemerkenswertem Perspektivenwechsel angenommen: Was, wenn Eurydike das Schattenreich nicht mehr verlassen will?
Die Prämisse, dass die Protagonistin lieber tot als lebendig wäre, lieber im Schattenreich verweilte als ein Schattendasein an der Seite des Göttergatten zu führen, legt die Nobelpreisträgerin in Form eines furiosen Monologs an. Der Bühnentext "Schatten (Eurydike sagt)" kauderwelscht sich launig durch Sigmund Freud und Ovid, mäandert luzid zwischen Mythos und Alltag - und beleuchtet ketzerisch die Unmöglichkeit, mit einer narzisstischen Künstlerpersönlichkeit liiert zu sein: In Jelineks Version ist Orpheus ein gefeierter Popstar, belagert von kreischenden weiblichen Fans. […]
Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann inszeniert nun am Akademietheater die szenische Erstaufführung. Hartmann verteilt dabei den Monolog auf sieben Schauspielerinnen. Getreu dem postmodernen Motto "Ich, das sind viele" lassen sich so die Widersprüche der Protagonistin gewitzt herausarbeiten; das Zwiegespräch spitzt sich ferner zu, indem der Regisseur die Autorin in Gestalt einer Elfriede-Jelinek-Puppe (gekonnt geführt von Puppenspieler Nikolaus Habjan) ins Spiel bringt. […]
In der 90-minütigen Inszenierung entfacht das glänzende Frauenensemble einen veritablen Bühnenspaß. Heraus stechen Christiane von Poelnitz, die so etwas wie einen feministischen Haudegen darstellt; Katharina Lorenz überzeugt als zornige Tussi, und Sabine Haupt liefert streckenweise eine fein ironisierte Sigmund-Freud-Parodie. (Wiener Zeitung)


Was aber kann man in einer Geschichte, die seit mehr als zwei Jahrtausenden erzählt wird, noch an neuen Wahrheiten entdecken? Eben: die Sicht der Eurydike, die in sämtlichen mythologischen Lexika bloss eine Fussnote des Mythos ist. Wollte sie denn wirklich nach dem fatalen Schlangenbiss aus der Unterwelt zurückkehren, zurück zu ihrem Gemahl, den ohnehin schon die ganze Natur anhimmelte, der angeblich selbst Steine zum Weinen brachte und nun auch die Belegschaft im Hades? […] Nein, sagt Jelinek, Eurydike ist eigentlich ganz zufrieden im Reich der Schatten. […] Nein, sagt auch Hartmann, gibt der einsamen Seele, will sagen, dem Schatten in der Vervielfachung Verstärkung. […]
Der Sänger tritt auch auf, singend (die reizende Musikauswahl traf Karsten Riedel). Als lächerlicher Rockstar-Abklatsch in Glitzersakko oder brustfrei oder gar nur im zyklamfarbenen Tanga kriegt Lucas Gregorowicz sogar ein oder zwei Halbsätze des Textes zu sprechen. Aber Elisabeth Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Yohanna Schwertfeger haben, besser: hat hier das Sagen. Dabei unterstützt sie die Jelinek selbst, in Gestalt einer wunderbar wiedererkennbaren Klappmaulpuppe, hinter welcher der Spieler – der junge, talentierte Nikolaus Habjan, ebenfalls im schwarzen Tüllkleid – auf beinahe magische Art verschwindet.
Nicht alle Unlogik wird an diesem Abend ausgebügelt, aber wir fühlen nun mit Eurydike, und das ist einfach bezaubernd. (Neue Zürcher Zeitung)


Orpheus hat es freilich schwer. Da sind gleich sieben Eurydikes in dieser Inszenierung von Matthias Hartmann – alte, junge, sperrige, blinde, die in den feinen Kostümen von Tina Kloempken als maskierte Nymphen locken oder als „Kreischerinnen“ den Dezibeltest machen. Und wenn sie chorisch oder fugisch in der Wortsymphonie zum Schluss kommen: „Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben“ – was soll man da noch sagen, geschweige denn singen?[…]
Von Dramaturgin Amely Joana Haag klug verdichtet, münden die sarkastischen Textkaskaden der 66-jährigen Autorin in ein Hysterienspiel von Deutungen und Häutungen. In den von Johannes Schütz mit Seilen gerahmten Kuben lässt der Burgherr als Regisseur eine schrille, viele Lacher gestattende Revue über die Bühne gehen, die auch eine permanente Pointe setzt: Da hockt nämlich an der Rampe die Frau Jelinek, raffiniert belebt von Puppenspieler Nikolaus Habjan, und kommentiert ihr eigenes Manuskript.
„Der Hartmann will oft zu viel entertainen“, sollte ein Besucher danach kritisieren. Hatte damit aber nur zum Teil recht. Denn dessen erste Jelinek-Inszenierung weiß die tumultuarischen Bilder auch ernst zu brechen: Da liest Christiane von Poelnitz, neben Katharina Lorenz und Brigitta Furgler herausragend, Passagen pur als Dacapo. Dort lotet am Ende quasi ein Textabspann den Tiefgang in Jelineks Furor und ihre Intention aus: Wenn es einen Mythos zu zerstören gilt, dann den: Die Frau ist das Problem. Der Mann ist die (Er-) Lösung. (Kleine Zeitung)


Elisabeth Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Yohanna Schwertfeger sind das in diverse schwarze Tüll-Teile (Kostüme: Tina Kloempken) gehüllte Eurydiken-Septett, jede Schauspielerin exzellent nach ihrem Talent eingesetzt und sehr präzise. Ihr Tanz um den „Softeisballaden“ schmetternden Orpheus wird kommentiert von einer vom brillanten Puppenspieler Nikolaus Habjan geführten und gesprochenen Elfriede-Jelinek-Puppe, die manches „jetzt selbst nicht versteht“. (Tiroler Tageszeitung)

Elfriede Jelinek dreht in ihrem Text „Schatten (Eurydike sagt)“ auch etwas um, und zwar die Geschichte. Bei ihr ist Eurydike am Wort. Und ihre Version klingt ganz anders: Orpheus ist ein eitler Popstar, ein antiker Robbie Williams, umgeben von kreischenden Fans. Der Tod ist für sie ersehnte Auflösung (das Jelinek-Motiv des Verschwinden-Dürfens). Als er greinend in der Unterwelt auftaucht und sie zurück ins Leben zerren möchte, ist ihr das keineswegs recht.
Das ist eine herrliche Geschichte, ideal fürs Theater, allerdings ist es gar nicht so leicht, diese Geschichte in Jelineks Wort-Flut freizulegen. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann hat den Text für seine österreichische Erstaufführung drastisch gekürzt, auf Jelinek-untypische 90 Minuten. Das ist schon einmal eine gute Idee.
Außerdem wirft Hartmann alles in die Schlacht, was die Burg-Maschine hergibt: Sieben erstklassige Darstellerinnen; einen von Jelinek gar nicht vorgesehenen Orpheus, der mit Songs ins Geschehen eingreift; einen Puppenspieler samt (großartig komisch aussehender) Jelinek-Puppe; Video-Zuspielungen; ein übervolles Bühnenbild (Johannes Schütz) mit Müllhalden, Showtreppen und Trainingsgeräten. […]
Die Eurydike-Darstellerinnen (Elisabeth Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz und Yohanna Schwertfeger) leisten Großes. Lucas Gregorowicz als Orpheus ist großartig. Star des Abends ist Nikolaus Habjan bzw. seine Jelinek-Puppe. (Kurier)


„Textfläche“ wird genannt, was Elfriede Jelinek schreibt, gnadenlos aneinander gereihte Sätze, die es dem Leser nicht leicht machen. Viele davon sind eigentlich für Bühnenbretter bestimmt, was den jeweiligen Regisseur der hier weder Figuren noch szenische Anweisungen vorfindet vor die Aufgabe stellt, das Theater zum Text selbst zu erfinden. Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann ist das bei seinem ersten Anlauf auf Jelinek jedenfalls so souverän und unterhaltend geglückt wie kaum je einem seiner Vorgänger. […] So spröde sich der Text liest, so plastisch wird er im Akademietheater. Hartmann hat Jelineks Sprache dermaßen gedreht, gewendet, theatralisch geklopft und auf sieben Darstellerinnen verteilt, dass er wirklich durchgängig verständlich wird, was bei dieser Autorin ja keine Selbstverständlichkeit ist.
Der Abend hat in kurzweiligen 90 Minuten Unterhaltungscharakter, und sieben Darstellerinnen (Elisabeth Augustin, Brigitta Furgler, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Katharina Lorenz, Christiane von Poelnitz, Yohanna Schwertfeger), dazu Lucas Gregorowicz als Orpheus-Popstar-Parodie und Puppenspieler Nikolaus Habjan, der einen Pappmach-Kopf von Jelinek mitspielen lässt, liefern Virtuosenstücke. (Neues Volksblatt)


Bei der Uraufführung in Essen trat eine Schauspielerin auf, sie sprach den ganzen Text, oder das, was in der eingestrichenen Fassung übrig geblieben war. Ganz anders bei der Erstaufführung in Österreich. Matthias Hartman und seine Dramaturgin Amely Joana Haag haben sich für acht Schauspieler entschieden, sieben Damen, einen Herrn, dazu einen Puppenspieler und auf der Bühne gab es eine weitere Gestalt, ganz schwarz, eine Art Vogelscheuche, die wohl die Allgegenwart des Todes insbesondere im Hades ins Gedächtnis rufen sollte.
Matthias Hartmanns (Aus-) Wahl schien angemessen - vor allem die Aufspaltung Eurydikes in viele Figuren. Tatsächlich finden sich im Text Hinweise darauf, dass Eurydike mehrere Seiten hat - gleichzeitig können aber die Damen, wenn sie zum Beispiel im Chor sprechen, auch zeigen, dass die Vielen eine sein können, sozusagen die ideelle Gesamt-Eurydike. […] Am komischsten ist Lucas Gregorowicz als Orpheus. Er tritt mit Glitzerjackett auf, aus dem göttlichen Sänger wird ein Schnulzenkönig. Kritik an der Unterhaltungsmusik, daran, wie Popidole mit gekünstelter Emphase gefälschte Gefühle über die Rampe schleudern, ist ein wesentlicher Bestandteil des Stücks (sie ergänzt Jelineks radikale Kritik des Klassikbetriebs in der "Klavierspielerin", ihrem wohl berühmtesten, auch verfilmten Roman). Die Fans bekommen auch ihr Fett ab - sie sind zu anspruchslos, geben sich mit viel zu wenig zufrieden.
Aber Matthias Hartmann präpariert auch die ernste Seite der Farce heraus: Eurydike ist des Lebens an der Seite ihres Sängergatten überdrüssig, sie steht immer in seinem Schatten - deshalb ist sie froh, in den Hades zu gehen, da ist sie endlich befreit davon, mit ihrem Mann konkurrieren zu müssen. Sie hat längst durchschaut, dass dieser Egomane sie nicht liebt.
Es gibt viele dunkle, rätselhafte Stellen im Stück, das unterschlägt Hartmanns Erstaufführungsinszenierung auch nicht. Am beunruhigendsten sind Szenen, in denen angedeutet wird, besser als dieses Leben der Konkurrenz und der Falschheit sei der Tod. Der Hades ist hier, wir sind, noch lebendig, schon tot. […]
Nicolas Stemann galt vielen als guter Jelinek-Regisseur - bislang. Matthias Hartmann ist besser. Er ist nicht nur, ohne je unkritisch zu sein, texttreuer, er gelangt mit seiner Inszenierung auch näher an den Sinn von Elfriede Jelineks Farce. Hartmann hat die künstlerischen Herausforderungen Elfriede Jelineks in "Schatten" produktiv gemeistert. (Deutschlandradio Kultur)

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