Burgtheater

Wille Wahl Welt Don't Cry Burg

Tracy Letts
‹Eine Familie›

Deutsch von Anna Opel

Eine Familie in Amerikas tiefster Provinz, im Osage County, Oklahoma, wo die Prärie nicht nur eine Landschaft ist, sondern auch ein seelisches Leiden, ein Bewusstseinszustand wie der Blues.

Beverly Weston, Alkoholiker, ehemaliger Schriftsteller und pensionierter Professor der Tulsa University, verschwindet und bringt sich um. Die erwachsenen Töchter kommen mit und ohne Männer auf den Westonschen Familiensitz, um ihrer krebskranken und tablettensüchtigen Mutter Violet beizustehen. Doch aus dem traurigen Anlass wird eine Schlammschlacht familiärer Konflikte, mit Tränen und Versöhnungen, loderndem Hass, Schreikrämpfen, physischer und psychischer Gewalt, Lügen und Wahrheiten, die keiner hören will. Violet rechnet mit ihren Töchtern ab und diese mit ihrer Mutter. Schritt um Schritt werden in dem Hauen und Stechen alte Geheimnisse gelüftet und Lebenslügen entlarvt. Ein Familienclan zerstört sich selbst. Ganz am Ende bleibt nur Johnna, das schweigsame indianische Hausmädchen, das den amerikanischen Alptraum überlebt.

Tracy Letts zeichnet in "Eine Familie" das verstörende Bild einer Gesellschaft, die unter permanenter Selbstbetäubung steht, um sich ihr eigenes soziales und politisches Scheitern nicht eingestehen zu müssen. 2007 wurde das Stück in den USA mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Ausgezeichnet mit 2 Nestroy-Preisen 2010:
Alvis Hermanis für die Beste Regie und Kirsten Dene als Beste Schauspielerin

Beverly Weston
Michael König

Violet Weston,Bevs Frau
Kirsten Dene

Barbara Fordham, Bevs und Violets Tochter
Dörte Lyssewski

Bill Fordham, ihr Mann
Falk Rockstroh

Jean Fordham, ihre Tochter
Sarah Viktoria Frick

Ivy Weston, Bevs und Violets Tochter
Sylvie Rohrer

Karen Weston, Bevs und Violets Tochter
Dorothee Hartinger

Mattie Fae Aiken, Violets Schwester
Barbara Petritsch

Charlie Aiken, Mattie Faues Mann
Roland Kenda

Little Charles AIken, ihr Sohn
Dietmar König

Johnna Monevata
Anna Starzinger

Sheriff Deon Gilbeau
Michael König

Steve Heidebrecht, Karens Verlobter
Martin Reinke

Regie: Alvis Hermanis

Bühnenbild: Monika Pormale

Kostüme: Rudolf Bekic

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Klaus Missbach

Musik: Anna Starzinger

Wann hat man die große Dene zuletzt derart souverän gesehen? Mit dem siebensüßen Zungenschlag der sedierten Gewalttäterin verschanzt sich Mama Weston hinter ihren Aussetzern. Raucht Kette, gibt sich nur allmählich als das kontrollierende Machtzentrum im Morgenmantel zu erkennen.
Dene als heimtückische Königin Raubtier ist das wahre Ereignis dieser fünfstündigen Einfamilien-Schlacht. (Der Standard)

Nach fünf herrlich kurzen Stunden bleiben im Wiener Akademietheater im - vom brennenden Kamin im Erdgeschoss bis zur abblätternden Tapete und zur indianischen Tagesdecke auf dem Bett im Obergeschoss - sorgsam vollgestopften Eigenheim: eine Wüste, in der Schmerzen aufgingen wie Blüten an einem Riesenkaktus. Es inszeniert der lettische Regisseur Alvis Hermanis, der ungern Dramen macht, eher undramatischen Leuten beim Leben zuguckt. Hier widerfährt ihm (und uns) allerdings das Glück, dass er dramatischen Leuten beim Leben zuguckt. […]
Die Personen bewegen sich im Haus, als seien sie nicht auf einer Bühne, sondern bei sich zu Hause. Privateste, familiärste, alltäglichste Gesten wie Schneuzen, Weinen, Handheben, Essen, Lächeln, Knutschen, Rauchen, Trinken, Schlafen, Streicheln, Mit-Kissen-Werfen, Fernsehen, Lallen, Toben vor uns, die wir da hineinschauen wie Voyeure, die erst eine vierte Wand (zum Zuschauerraum) wegräumen müssen, um mitzubekommen, was eigentlich viel zu intim ist, als dass es uns etwas angehen dürfte - dies in seinen Abläufen genial komponierte Beiläufige, Nebeneinanderherlaufende, sich Durchdringende, Überschlagende, wieder Auseinanderlaufende bekommt in der reinen Zuguck-Regie von Alvis Hermanis ein leises Fieber, ein sanftes Vibrieren, eine überwältigende dramatische Öffnung hin zu einer Schmerzens- und Verzweiflungswelt. Die uns angeht. Sie alle spielen derart gut, dass man gar nicht spürt, dass sie spielen.
Die große Kirsten Dene, rothaarwuschelig im Morgenmantel. Die Domina der Familie, Herrscherin übers Reich des Tablettenrausches, hält ihre Töchter in Schach wie eine Göttin der Unterwelt: Proserpina mit drei Promille. Böse, hinterhältig, monströs komisch. Droht mit Liebesentzug, lockt mit Wahrheiten, attackiert mit Weisheiten („Alte Frauen sind nicht sexy“), räumt mit der Vergangenheit auf. Die Dene ist in jedem Moment das lallende Schlachtschiff, das andere leck schießt, aber in unglaublicher Würde selber auf Grund läuft. Aber noch an ihrem Wrack, als das sie am Beerdigungstag ihres Mannes übrigbleibt, erleiden die anderen Schiffbruch. (FAZ)

Das Glück dieser Inszenierung hat nicht nur etwas mit dem erstklassigen Schauspielerfleisch zu tun, dass die Konstruktion umhüllt. Der Tod des Patriarchenführt die Westons noch einmal unter einem Dach zusammmen, wo es nach bewährter Manier beim Leichenschmaus unter Führung von Kirsten Dene, die als Big Mama Violet die Ihren hingebunsvoll schickaniert und diese Grand Old Krawallschachtel zur wunderbaren Horror-Matrone promoviert, ans Eingemachte geht, bis alle Lebenslügen auf dem Tisch liegen.
Mit fünf Stunden Spieldauer ist „Eine Familie“ definitiv eines längeren Tages Reise in die Nacht. Die Wiener Schauspieler lassen die Gemeinheiten schön flach ins Ohr flutschen, anstatt sich auf die Pointen draufzusetzen, und überzeugen durch brillantes Underacting. Beispielhaft für die hohe Kunst, ihre Figur so zu unterschneiden, dass sie nicht in ihren Bonmots aufgeht, ist Dörte Lyssewski. Sie ist Barbara, die älteste der Weston-Töchter, eine Frau mit einer verkorksten Ehe und einer Tochter, für deren Apathie Kiffen und Fernsehen nur zwei verschiedene Wörter sind. Bei Lyssewski ist diese Barbara eine fahrige, hypermotorische Puritanerin. Den Ehestreit spielen sie und Falk Rockstroh als ihr Mann Bill nicht als großen rhetorischen Schaukampf, sondern so nebenher, beim Beziehen des Schlafsofas eskalieren die Sticheleien zur Großoffensive.
Es gibt viele solcher Szenen, in denen die Körpersprache der Schauspieler eine zweite Ebene etabliert. Dadurch entstehen komplexe Figuren, die nicht situativ, sondern charakteristisch agieren. Zumal sie zwischendurch kaum je von der Bühne abgehen. Vielmehr läuft ihre Geschichte im Hintergrund weiter, während der Zuschauer in einen anderen Handlungsstrang hineingezoomt wird. Eine sehr filmische Gleichzeitigkeit. (Süddeutsche Zeitung)

Warum schauen Menschen ganze Abende auf der Bühne ihresgleichen zu: Männern und Frauen verschiedenen Alters, die sich anlässlich eines Todesfalls im Verwandtenkreis endlich wiedersehen, zusammen essen, trinken, rauchen, sich austauschen und auch heftig streiten, ziemlich genau wie im richtigen Leben? Darum, wahrscheinlich – weil sie nichts brennender interessiert als ihre eigenen Freuden und vor allem Leiden. Wer den Weston-Clan erlebt, findet unweigerlich einen Teil seiner selbst darin vor. Irgendeine Figur dieser Grossfamilie widerspiegelt eine Befürchtung, einen Schmerz, ein Unglück, welche nur allzu vertraut anmuten, auch wenn sich in unserer realen Umgebung die Unbilden weniger theatralisch ballen. […]
In Wien hingegen sieht man: gelebtes Dasein. Dort räumt der lettische Regisseur Alvis Hermanis den Figuren fünf Stunden Zeit ein, um Fleisch und Blut zu werden. Schon die Bühne (Monika Pormale) atmet: sechs Zimmer plus Küche auf zwei Stockwerken in Frontalansicht, angefüllt mit Residuen vieler Ehejahre. Überquellende Bücherregale, vergilbte Zeitungsstösse, schäbige Möbel, Kissen, Vogelkäfig, Telefon, Geschirrtürme, Fotos, Whiskyflaschen, sogar das Feuer knistert im Kamin. Michael Königs Beverly verbrennt dort in der memorablen Eingangsszene seelenruhig, was er nicht für die Nachwelt bestimmt. Ein Mann nimmt Abschied.
Um Abrechnungen geht es in Wien kaum. Vielmehr setzt Dörte Lyssewskis funkensprühende Barbara mit der Energie verleugneter Desperation zur Wiedereroberung des feigen Bill (Falk Rockstroh) an, der schliesslich samt seinem Früchtchen von Tochter (Sarah Viktoria Frick) abreist. Dorothee Hartingers Karen ringt so hingegeben wie erfolglos um Anerkennung; Sylvie Rohrers spröde Ivy läuft beim schlaffen Cousin (Dietmar König) in die Leere ihres Schicksals. – Drei Schwestern, grossartig verstrickt in eifersüchtige Zuneigung.
Barbara Petritschs soignierte Mattie Fae, Zaungast auf Sofa- und Betträndern, lässt ihren Mann (Roland Kenda) vor seinem Bier dahinwittern: Dieses Paar hat seine Eheszenen hinter sich. Diejenigen von Beverly und Violet hingegen lässt Kirsten Dene fragmentweise wiederaufleben, mit Diskretion und Respekt. Sie schlittert, somnambul oder luzide, durch die Gefilde von vergangenheitssattem Raum und pausendurchsetzter Zeit. Wie Brocken fallen Erinnerungen aus dem massigen Körper der überragenden Schauspielerin. Wer ist schuld an Beverlys Tod? In Hermanis' hin- und mitreissender Wirklichkeits-Simulation verliert die Frage jeglichen Sinn. Das letzte Wort gehört der Indianerin (Anna Starzinger). Was sie vorliest, gab ihr Beverley: Dichterworte von T. S. Eliot. (Neue Zürcher Zeitung)

Der europaweit gefeierte lettische Regisseur Alvis Hermanis packt das Publikum, nimmt es mit auf eines langen Abends Reise in die Nacht, beklemmend in seiner fürchterlichen Komik.
Monika Pormale baute dafür, wie vom Autor imaginiert, ein ganzes Haus, vom Erdgeschoss bis zum Dachboden - mit Bibliothek, Wohn- und Speiszimmer, mit Küche und Schlafräumen. Dem akribischen Naturalismus der Szene eignet, das ist bei Hermanis so Sitte, Gespenstisches. Wie unter Röntgenstrahlen werden die Dinge des Lebens und dessen Bewohner sichtbar, wir erkennen das gemütlich vollgemüllte Eigenheim der toten Seelen. Hoppla, das sind doch wir! ie Inszenierung gestattet sich von Anbeginn die Zeit, die sie benötigt, damit sich winzige Mosaiksteinchen zum Bild formen können. […]
Das Ensemble aus lauter Solisten sorgt für einen Triumph der Schauspielkunst, fern des Klamauks und der Klamotte, zu denen naturgemäß auch "Eine Familie" verführen könnte. […]Unangefochten, bis zum bitteren Ende, herrscht Big Mama Violet, das grandiose Wrack. Nur für Momente vermag Barbara, die härteste der drei Töchter, das familiäre Ruder an sich zu reißen. Denn Kirsten Denes Violet wird zum Ereignis, atemberaubend in der Eleganz ihrer faszinierenden, erbarmungswürdigen Abscheulichkeit. Endlich ist die Königin des deutschsprachigen Theaters zurückgekehrt, in einer Rolle jenes Formats, das ihr gebührt: die Gebärerin als Zerstörerin. Die Träne im Auge der Mutter blitzt wie das Beil des Henkers. (Welt)
Allein die Dene! Ihre Familienmutter Violet ist ein giftspritzendes Wrack, ein ehemals geschundenes Kind, eine weise Frau, eine gnadenlose Diagnostikerin – diese Darstellung ist atemberaubend. Lyssewski als älteste Tochter Barbara ist eine entfesselte Perfektionistin auf der Flucht vor dem Schicksal der Eltern, das sie mit Whiskyglas, Zigarette und Pillenschachtel schließlich doch ereilt. (Die Presse)

Letts Stück ist eine tragikomische Mischung aus naturalistischem Drama und Well-made-Boulevard. Alvis Hermanis hat sich dafür in Wien nun an einer besonders "realistischen" Inszenierungs- und Bühnenform versucht, es geht ihm ganz um Illusionismus und Authentizität. Die Darsteller tun, als gäbe es eine vierte Wand, dabei fehlt die sogar besonders auffällig, denn auf der Bühne steht ein zweigeschossiges Familienhaus mit offener Front. Die Zuschauer blicken voyeurhaft in das material-gewordene Lebenswerk eines Rentner-Paares, ein wohlig warmes Zuhause, mit loderndem Feuer im offenen Kamin. [..]
Im Zentrum steht Barbara, die älteste Tochter, ein Emotionsbündel, aufgewühlt vom Tod des Vaters und dem Bröckeln der eigenen Ehe. Sie versucht, Haltung zu bewahren und die Familie zusammenzuhalten, sie selbst hält sich fest an häuslicher Hyperaktivität, bezieht Betten, deckt den Tisch, räumt die Wohnung auf: regelt das Äußere, weil das Innen sich so einfach nicht aufräumen lässt. Dörte Lyssewski füllt diese Rolle mit großer Energie, immer ein bisschen überdreht und "drüber". Ihr Mann, wunderbar gespielt von Falk Rockstroh, ist das Gegenteil, er bleibt so ruhig, dass es grausam ist: begleitet sie zur Unterstützung zwar ins Elternhaus, aber die Beziehung ist längst aus für ihn, den Unidozenten, der es mit einer Studentin treibt. Und während Barbara versucht, um die Beziehung zu kämpfen, weicht er nur aus, sucht professionelle Distanz und Beherrschung, selbst dann noch, wenn sie – in einer emotional aufwühlenden Szene – wutentbrannt mit Kopfkissen auf ihn einschlägt. Ihr Engagement geht ins Leere, und so endet sie auch leer. (Nachtkritik.de)

Hermanis ist mit einer Riesenportion szenischem Denken ausgestattet. Ihm kommt es nicht so sehr auf den Text, den einzelnen Satz an, sondern auf die Konstellation im Stück. Wie verlaufen die Binnenbeziehungen der Figuren, sind die Gummizüge der Familienbande zum Zerreißen gespannt oder bereits gerissen? […] Bei Hermanis ist es nicht wichtig, was geschieht, sondern wie. Und da passiert im Akademietheater schier Unglaubliches. Ein zwölfköpfiges Ensemble bestehend aus Michael König (er spielt eine Doppelrolle), Kirsten Dene, Dörte Lyssewski, Falk Rockstroh, Sarah Viktoria Frick, Sylvie Rohrer, Dorothee Hartinger, Martin Reinke, Barbara Petritsch, Roland Kenda, Dietmar König und Anna Starzinger verkörpern pralle Figuren eines familiären Untergangs voll von Welt und kleinen Geheimnissen.
In dieser Produktion über das kollektive Scheitern, das (vergebliche) Lügen, funktioniert einfach alles. Nach fünfstündiger Aufführungsdauer (mit zwei Pausen) schwangen sich Teile des Publikums zu Standing Ovations auf. Die Hölle auf Erde verdient Beifall. Unbedingt. (Kleine Zeitung)

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