Burgtheater

Wille Wahl Welt Don't Cry Burg
Joachim Meyerhoff (Erek), Regina Fritsch (Anna), Alexandra Henkel (Ditte), Dietmar König (Steffen), Tilo Nest (Ole), Dorothee Hartinger (Mona)

Thomas Vinterberg, Mogens Rukov
‹Die Kommune›

Deutsche Fassung: Plinio Bachmann

Kopenhagen, 1975: In der Kommune wird nicht nur das Bad geteilt und gemeinsam gegessen, dieses Haus lebt von der Überzeugung, dass Gemeinschaft weit über den Kochtopf hinaus geht. Gemeinschaft ist die gelebte Realität einer politischen Überzeugung, die zur Großfamilie gewordene Idee einer solidarischen Gesellschaft. Doch manchmal macht die Biologie der Philosophie einen Strich durch die Rechnung.

Anna, Kommunenmutter und Mitgründerin, wird von ihrem langjährigen Lebensgefährten Erik verlassen. Der hat sich in die zwanzig Jahre jüngere Emma verliebt. Was für Anna hart und für die gemeinsame Tochter Freya schon kompliziert genug ist, gerät unter den Bedingungen der Kommune zum Reaktor: Emma zieht ein. Wie soll das gut gehen, wenn die alte und die neue Liebe, die Tochter und der Mann unter demselben Dach wohnen? Was bekommen die Singles Virgil und Mona ab, wie verhält sich das ungleiche Paar Ditte und Steffen zum Ganzen? Wie fällt das Urteil von Ole, dem Doyen der Kommune, aus?

Thomas Vinterberg entwickelt mit den Schauspielern ein Stück, das unverklärt und schonungslos von der Kollision des individuellen Triebes mit der Idee von Gemeinschaft berichtet. Und davon, wie sich in dieser Kommune noch mitten in den 70ern schon die Konturen der 80er abzeichnen.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie: Thomas Vinterberg

Bühne und Kostüme: Stefan Mayer

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Plinio Bachmann

Ton: Lars Völkerling

Vinterberg [kann] auf ein großartiges Ensemble zurückgreifen. Hinter dichtem Rauschebart und Langhaar versteckt, legt Joachim Meyerhoff den Hausherrn Erek als veritables Arschloch an. Schon beim Einziehen, als er Anna in einer sehr übergriffigen Parodie den verstorbenen Herrn Papa vorführt, fühlt man sich an den inzestuösen Vater aus Vinterbergs bislang größtem Erfolg, „Das Fest" [...], und im Nachfolger „Das Begräbnis" [...] erinnert. Er tobt, rastet aus und schlägt auch zu, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Die Watsche empfängt Anna, die Duldsame. Regina Fritsch verleiht dem armen Hascherl, das offenbar aus Liebe zu Erek fast alles mit sich anstellen lässt, wenigstens ein bisschen Würde [...]. Mehr kann sie kaum tun, denn Vinterberg überträgt ihr eine Rolle in einer patriarchalen Welt, was seine stolze Aussage im Programmheft ad absurdum führt, er sehne sich nach der Zeit in der eigenen Kommune, in der er aufwuchs und eine glückliche Kindheit verbrachte, er vermisse das damalige Gemeinschaftsgefühl. Dagegen zeigt er uns ein Zerrbild von Machtspielchen und Duckmäusertum. Ein bisschen nach Abrechnung mit dieser Zeit - oder mit dem Feminismus - sieht auch aus, dass zwei weitere Frauen entweder dumm (Mona) oder falsch und verschlagen (Emma) sind und eine dritte (Ditte) kaum eigenes Profil gewinnt.
An die Revoltenstimmung von damals erinnert am ehesten Ole, der mit Tilo Nest überraschend besetzt ist, aber gleich mit der Rolle des leicht gestörten Schriftstellers [...] verschmilzt. Als Untergrundweihnachtsmann setzt er seine anarchischen Pläne zur Umverteilung in die Tat um. Große Freude des Abends aber ist Elisa Plüss - zuletzt im Rahmen der „Jungen Burg" zu sehen, legt sie eine Freja hin, die kaltschnäuzig, wenn auch mit einer Krokodilsträne, das sichere Nest bei Papi der unsicheren Zukunft außerhalb der Kommune mit Mama vorzieht. (FAZ)

Der dänische Filmemacher, bekannt durch sein Missbrauchsdrama „Das Fest", der in den siebziger Jahren selbst in einer Kommune aufwuchs und jene Zeit als glückliche Kindheit in Erinnerung hat, zeigt fast ausnahmslos die komischen Seiten dieses Zusammenlebens, so, wie es uns heute erscheint, weil doch alles Handeln aus Überzeugung vollkommen komisch wirken muss. So entstand in Zusammenarbeit mit Mogens Rukov eine gut gebaute Komödie, aus der in Vinterbergs eigener Inszenierung ein phantastisch leichtsinniger Spaß wurde, vom Wiener Publikum frenetisch gefeiert und mit Sicherheit ein Renner für viele andere Bühnen. [...]
Sie geistern auf Stefan Mayers Bühne durch das Erdgeschoss eines soliden alten Hauses, wie die Heinzelmännchen ihres scheiternden Aufstands, nicht nur Opfer der Väter, sondern ihrer eigenen Visionen vom kollektiven Leben. Manchmal schneit es draußen. Das ist der Schnee von gestern, der über die Kommune kommt: Egoismus, Eifersucht, Machtkämpfe. Alle sehen aus, als wären sie nicht darauf gefasst. Nur weil Vinterberg voller Empathie davon erzählt, ist am Ende dieser Glücksfall von Komödie entstanden: über die Vorläufer der Singlegesellschaft. (Süddeutsche Zeitung)

Dieser Abend ist ein Glücksfall des Theaters. Der oberflächlich besehen harmlose Text eignet sich zu einer Vivisektion des menschlichen Verhaltens. Die Verletzungen, Liebesversuche, Aggressionen liegen offen, Herzen und Nerven manchmal blank.
Regisseur Vinterberg verlangt seinen Protagonisten keine Texttreue ab, sehr bald gewinnt jeder Einzelne ein extrem klares Profil, streckenweise vergisst man total, dass hinter den Bühnenfiguren Schauspieler stecken. Und jeder von ihnen macht seine Sache so gut, dass man ihnen nur kollektive zujubeln konnte. Die Kommune Publikum tat dies an diesem Abend einmütig und ausdauernd. (Kleine Zeitung)

Rolle rückwärts ins Jahr 1975. Kopenhagen. [...] Es ist nicht die Welttragödie, es ist die kleine, persönliche, genauso schlimme, die Inhalt von Vinterbergs Familienaufstellung ist. [...]
Dabei ist Vinterberg für seine Begriffe ungewohnt ausgelassen heiter. Wie er die Spießbürgerlichkeit seiner Freidenker entlarvt. Wie er die geheuchelte Patchwork-Harmonie platzen lässt. Wie er an der Idee bastelt, dass das Verteilen von Partnerproblemen auf mehrere diese nur potenziert.
All das bietet viel Raum für die wunderbaren Darsteller. Sie füllen ihn. Und wie! Mit Slapstick. Mit nacktem Klavierspiel (Tilo Nest) oder einer Headbanging-Performance zu "Hot Stuff" (Dietmar König). Im Mittelpunkt aber stehen Joachim Meyerhoff als Erek, ausgestattet mit einem Verständnisvoll-Grinsen, hinter dem die Gefährlichkeit lauert. Und Regina Fritsch als Anna, wie immer top, wenn sie Widersacherin Emma (Adina Vetter fletscht nur in Ereks Abwesenheit die Bissgurn-Zähne) mit spitzzüngigen Seitenhieben geißelt, um ihre Verletztheit zu kaschieren.
Sie alle machen Vinterberg das schönste Geschenk. Sie spielen seine Figuren nicht, sie leben und atmen sie. (Kurier)

Die Burg spielt Edel-Boulevard mit Grips – und hat dafür das Allerfeinste aufgeboten. Das Ambiente wurde getreu nachgestellt, von der Bühne und den Kostümen (Stefan Mayer) bis zur Inszenierung selbst: Dietmar König und Alexandra Henkel sind das ungleiche Paar Steffen und Ditte, er lebt so vor sich hin, begütigt, sie ist Gynäkologin und eine „Zange“. Einmal tanzt Steffen in der Küche exakt so, wie man es in den Diskotheken der Sechziger, Siebziger tat. Die Genauigkeit, mit der beim Film in punkto Authentizität gearbeitet wird – im Theater wird oft mit Lust verfremdet –, hat etwas Museales. Das Publikum fühlte sich sichtlich wohl in diesem Hippie-Museum.
Meyerhoffs Erek, der nicht nur mit Bauten experimentiert, sondern auch mit Lebensstilen – nervös, ungeduldig, autoritär, sexbesessen, egozentrisch – ist natürlich etwas ganz Besonders. Aber auch die anderen Akteure sind großartig. Elisa Plüss spielt die 15-jährige Tochter von Erek und Anna, Freja, die von den Erwachsenen als Schiedsrichterin aufgerufen, völlig überfordert das Geschirr zerschlägt – sie ist wohl ein Alter Ego Vinterbergs, der, selbst in einer Kommune aufgewachsen, unter den Spannungen der Erwachsenen litt – wie das Kinder auch heute oft tun. Fritsch zeigt eine große, dramatische Seele als Anna. Mit dem gemütlichen Ole, der seinen Roman schreiben will, meistens aber bloß Bier in sich hineinschüttet, teilt Anna den Hang zum Feuerteufel.
Ole verbrennt, was am Boden herumliegt, Anna die Kleider ihrer Rivalin. Adina Vetter glänzt wahrhaft berückend als wunderschöne, verwöhnt-zickige Blondine Emma. Dorothee Hartinger gibt die nymphomanische Gesundheitsfanatikerin Mona [...]. Fabian Krüger spielt den Franzosen Virgil, der kocht, auf der Gitarre klimpert und Frivoles über schrumpfende Eier und pochende Beckenspechte dichtet. Dem Ensemble ist anzumerken, dass es mit reichlich Improvisation diese charmante Petitesse genießt. (Die Presse)

Noch ist alles unschuldig im neuen Theaterjahr: Weiß dominiert die Bühne des Wiener Akademietheaters, die sich als Wohnzimmer einer großbürgerlichen Villa präsentiert. Im glückseligen Urzustand eines Gemeinschaftsgefühls wähnen sich offene Menschen, die Anfang der 1970er-Jahre in Ereks (Joachim Meyerhoff) elterliche Bude einziehen und "Die Kommune" gründen. Regisseur Thomas Vinterberg nimmt der erstklassigen und umjubelten Uraufführung erbarmungslos die Unschuld. [...] In seinem zweiten Theaterprojekt in Wien ist die Gewalt unterschwellig und äußert sich in Demütigungen und Verrat. [...]
Mit der Verlegung der Tragikomödie in eine Kommune - in einer solchen hat Vinterberg selbst als Kind zwölf Jahre lang gelebt - und in die Blütezeit der Neuen Linken schärft er den Blick auf die Probleme und Konflikte, die durch die grenzenlose Liebe und die Grenzen der individuellen Freiheit innerhalb menschlicher Verhaltensmuster auftreten.
Ein Mann, besagter Erek, steht zwischen zwei Frauen. Er verlässt die ältere, seine Ehefrau Anna (Regina Fritsch als Tieftraurige mimt intensiv), mit der er die Kommune gründete, und macht die um Jahre jüngere Emma (Adina Vetter) zu seiner Geliebten. Es hat eine einnehmende Wirkung, wie Meyerhoff den cholerischen Bärtigen einfühlsam, gleichzeitig jähzornig und innerlich kalt darstellt. Er hasst es, als "Boss" bezeichnet zu werden, aber das Alphatier in ihm entwindet sich alsbald den selbst auferlegten Fesseln. [...]
Die Visualisierung des stilvollen Bühnenbilds (Stefan Mayer) gelingt schön, wenn Erek "seine" Familie vorstellt. Da ist seine Tochter Freja aus der Ehe mit Anna, die sich vom lieblich-süßen Mädchen zur vielleicht "Erwachsensten" entwickelt; ein großes Lob an das Junge-Burg-Talent Elisa Plüss zum eindringlichen Spiel.
Auch sonst dominieren schrullige und liebevoll weltfremde Menschen: Ditte (Alexandra Henkel) und Steffen (Dietmar König), denen die Behörden eine Adoption verwehren; Mona (Dorothee Hartinger), die mit perlendem Lachen und bayerischem Dialekt überzeugt. [...] Schließlich darf auch der musische Tagelöhner Virgil (Fabian Krüger) bleiben und und macht sich in der Küche nützlich. Ole (Tilo Nest) ist irgendwie immer schon da und frönt als Hippie-Opa gar sonderbaren Gewohnheiten.
The Who und Join together begleiten den Einzug. Fort sind die weißen Unschuldstücher. Das Haus ist voll, das Karma stimmt. Im tiefen Glauben an die Kraft der Gespräche pflegt der bunt zusammengewürfelte Haufen Basisdemokratie. Kommune bedeutet Auflösung der Kernfamilie.
Wie lange jedoch funktioniert der Friede in Schlaghosen und John-Lennon-Look? Die ideologischen Ideale des solidarischen Gemeinschaftsleben stehen der splitternackten Emma hilflos gegenüber, deren Verbleib in der Kommune Erek als Hausherr schließlich durchgesetzt hat. Vetter stellt sie unnahbar dar, voller Machtbegier. Sie führt Make-up und Seidenstrümpfe in die Hausgemeinschaft ein - symbolische Details für den Generationenwechsel, für die allmähliche Auflösung der Utopie einer harmonisch funktionierenden, kollektiven Lebensform. Als dämonische "Seidenstrumpfpuppe" ist sie es, die den Wendepunkt bringt. (Der Standard)

Anders als in Kernfamilien, wo in solchen Fällen der eine oder andere auszieht, zieht in der Kopenhagener Kommune einfach die Geliebte Emma ein: Auf eine Person mehr oder weniger kommt es in einer Kommune auch nicht an.
Tut es aber doch, weswegen es auf Stefan Mayers lichtdurchflutetem skandinavischem Salon bald zu unschönen Szenen kommt. Vinterbergs Charaktere erfüllen alle Klischees, die die Zeit zu bieten hat. Und man merkt förmlich, mit welchem Genuss die Schauspieler sie mit ihren langen Bärten und strubbeligen Haaren bedienen. Alexandra Henkel [Ditte] gibt dieDoktorandin und Vegetarierin, eine, die bei den vielen gemeinsamen Diskussionsrunden manchmal sogar ein kluges Wort parat hat – im Unterschied zu Mona, die in Gestalt von Dorothee Hartinger mit bayerischem Idiom, einem gehörigen Sexualtrieb und bunten Wallekleidern auftreten darf oder von Virgil, den Fabian Krüger als äußerst komischen französischen Wurstel gibt.
Der Oberhäuptling der Kommunarden ist aber Erek. Ihn spielt Joachim Meyerhoff mit all den Ambivalenzen, die in dem Stück enthalten sind. [...]
Meyerhoff ist derjenige, der ausrastet, wenn die anderen nicht nach seiner Pfeife tanzen. Der seiner Frau Anna (Regina Fritsch) eine runterhaut, wenn sie ihn mit seiner jungen Geliebten (Adina Vetter) ertappt. Meyerhoff ist der windige Oberdiskutant, der streichelweiche Kommunenvorsteher, dem man besser nicht in die Quere kommt. Genau so wie seine (alle¬samt erstklassigen) Mitspieler hat auch er ein gutes Gespür für die Pointen, die in Vinterbergs Edelboulevard verborgen sind. (Frankfurter Rundschau)

Das Stück wirkt für das Autorenduo ungewohnt heiter, fast wie Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" in antibürgerlich - und der Regisseur Vinterberg hat ein Kollektiv erstklassiger Schauspieler zur Verfügung. Allen voran Joachim Meyerhoff als Erek, der ein freundliches Grinsen jederzeit so spielen kann, dass man sich vor seiner Figur in Acht nimmt, selbst wenn die Figur zu diesem Zeitpunkt noch an ihre eigene Harmlosigkeit glaubt. (Der Spiegel)

In dieser Hinsicht stellt "Die Kommune" in ihrem stets unverfremdeten und lebensnahen Realismus keine ungewohnten Fragen, im Gegenteil, wirft sie den Betrachter stattdessen ganz auf sich selbst zurück. So wenig das auf den ersten Blick zu sein scheinen mag, so überraschend viel ist es am Ende dann doch – nicht zuletzt dank der handwerklichen Dichte der Inszenierung, dem durch die Bank überzeugenden Spiel der Darsteller und einem erfrischend humorvollen und unaufgeregten Grundton.
Zwar mag ein Spiegel eben nicht viel mehr als ein Spiegelbild zurückzuwerfen – aber ist er präzise, dann zeigt er eben auch ein ungeschöntes Bild desjenigen, der in ihn hineinblickt. (nachtkritik.de)

Mit unglaublicher Leichtigkeit stellen neun Darsteller Alltagssituationen auf der Bühne her, die vollends glaubwürdig sind, obwohl immer wieder im gleichen Moment sowohl Ernsthaftigkeit als auch deren Parodie mitschwingen. Wie Meyerhoff einen Macho als Softie tarnt, muss man gesehen haben, oder Regina Fritsch, die Verlassene, mit ihrer Emotionalität und der Ideologie, wonach alles gut wird, wenn man darüber redet, kämpft. Selten wurde ein kollektives Scheitern auf der Bühne so unterhaltsam präsentiert wie hier in „Die Kommune“. (OÖ Nachrichten)

Autor und Regisseur Thomas Vinterberg bringt eine heterogene Gruppe auf die Bühne: die politisch naive und sexuell aktive Mona (Dorothee Hartinger in herrlich bayerischer Mundart), die feministische Gynäkologin Ditte (Alexandra Henkel mit hennarotem Haar), ihren Freund, den Fischfabrikantensohn Steffen (Dietmar König), sowie Ole, einen Maoisten und überzeugten Althippie (Tilo Nest). Ihm gelingt es, das Lebensgefühl der 70er darzustellen: Schamlos und voller Energie schwingt sich Ole nackt ans Klavier, singt gegen falsche Autoritäten an – ein Höhepunkt. [...]
Vinterberg nimmt in seiner stark filmisch eingerichteten Inszenierung eine Generation samt ihrer Klischees auf die Schaufel, macht sich über deren Biologie- und Menstruationsdiskurse lustig und bleibt dennoch bei einer zentralen Frage: Wo kollidieren persönliche Interessen mit kollektiven? Und was passiert, wenn die Fähigkeit zur Reflexion fehlt? Klug, unterhaltsam und mit einer Vielzahl an Identifikationsangeboten ist dies ein fast immer kurzweiliger Theaterabend. (Salzburger Nachrichten)

Mit seinem „Er liebt mich, er liebt mich nicht“-Stück „Die Kommune“ hat der Regisseur und Autor das Publikum im Sturm erobert. Es dankte bei der Uraufführung [...] mit Johlen, Jauchzen, Fußgetrampel. Eine Stimmung wie auf einem Rockkonzert. Tatsächlich war der hauptberufliche Dogma-Filmer nie heiterer, als bei dieser, seiner zweiten Arbeit für die Burg. (Kurier)

Das Thema scheint in der Luft zu liegen: So wie Vinterberg sich in seinem zweiten Stück mit dem eigenen Aufwachsen in einer Kommune im Kopenhagen der 70er Jahre beschäftigt [...], haben auch die Filmemacher Marcus H. Rosenmüller ("Sommer in Orange") und Marie Kreutzer ("Die Vaterlosen") kommunardisches Treiben auf die Leinwand gebracht. Auch wenn die gesellschaftliche Utopie längst einem Pragmatismus gewichen ist, zeigt "Die Kommune" zunächst das Weiterwirken des sozialen Experiments von einst: Alle heute bekannten WG- Rituale, vom Aufnahmegespräch über Abstimmungsmarathons und Gruppensitzungen zu Kochen, Putzen und Beziehungsproblemen, finden sich hier angelegt. [...]
Neues erfährt man in dieser [...] Gruppen- Soap ohne Gruppen- Sex tatsächlich nicht. Warum unterhält der Abend dennoch so blendend? Weil er hervorragend gebaut ist. Und weil eine fantastische Darstellerriege auf der Bühne steht. [...]
Nicht nur das von Ausstatter Stefan Mayer gebaute, gemütliche Villen- Erdgeschoß, auch Dialoge und Situationen sind ganz naturalistisch, scheinen direkt aus dem richtigen Leben gegriffen. Ohne allzu vordergründig auf Pointen zu setzen, gibt es viel zu lachen, ehe durch die Ankunft von Ereks junger Geliebter (Adina Vetter) die Handlung eine dramatische Wendung nimmt und die ganze WG in einen klassischen Dreiecks- Konflikt hineingezogen wird. Joachim Meyerhoff und Regina Fritsch geben diesen Szenen einer Ehe tragische Tiefe, ohne melodramatisch zu werden, während Elisa Plüss als von der Situation überforderte Tochter eine starke Talentprobe abgibt.
Die offene Dramaturgie der Auslassungen sorgt mit gelungenen Szenenwechseln [...] dafür, dass nicht nur der Zuschauer zum Mitdenken animiert wird, sondern auch jeder der restlichen Mitbewohner eigene kleine Kapitel dieser Kommunen- Chronik schreiben darf. Tilo Nest brilliert als verschrobener Pyromane, Alexandra Henkel und Dietmar König als verkrampftes Paar, das im Bauch lange nicht so locker ist, wie es sich im Kopf wünschen würde, Fabian Krüger als einzig wahrer Hippe inmitten dieser Schar verkappter Spießer und Dorothee Hartinger als abgehobene Esoterik- Fee mit breitem Dialekt. (austria.com)


Im Nachhinein wird man das seiner Intendanz hoch anrechnen: Dass Burg-Direktor Matthias Hartmann den dänischen Filmer Thomas Vinterberg zum Theater überredet hat. Was als Experiment begann, ist mittlerweile fast Tradition. [...] Dabei bewährte sich die Personalunion von Autor und Regisseur nicht minder als das am Burgtheater selbstverständlich glänzende Ensemble. Denn unter Vinterberg sind Schauspieler mehr als das: Sie sind Mitgestalter eines während der Proben entstehenden Werks. Das hat den Vorteil gleichsam natürlicher Darstellung: Aus Kunst wird Leben - selbstverständlich bloß scheinbar. [...]
Die Widersprüche zwischen Rollenbild und tatsächlichem Verhalten, zwischen fortschrittlichem Jargon und ewig reaktionären Emotionen werden nach den Regeln der Kunst vorgeführt. Ernste Konflikte drohen erst, als Erek seine weit jüngere Geliebte Emma ins Kollektiv aufnehmen möchte. Phrasen sollen über das Peinliche der Situation hinweghelfen - und verstärken es. Anna, die Betrogene, möge bitte nicht zickig sein, Eifersucht ist ja so was von bürgerlich! Freundlich und brutal zugleich wird sie ins Abseits gedrängt, das Gewäsch von Toleranz und Humanität kippt in nett maskierte und darum besonders verstörende Gewalttätigkeit. Ungemein subtil zeigt Vinterberg: Ein sanfter Seelenmord bleibt immer noch Mord, Liebesverrat, den wir alle begehen, ist ein Verbrechen wider die Menschlichkeit im Wortsinn, nicht im völkerrechtlichen. Die grausamste Pointe: Freja, der pubertierenden Tochter, wird die Entscheidung aufgebürdet, wer das Feld zu räumen hat: die eigene Mutter oder die Partnerin des Vaters - und somit auch dieser. Sie entscheidet sich gegen Anna.
Vinterbergs und seiner Truppe Trick: Hinter der Fassade der Harmlosigkeit und des Banalen lauert der alltägliche Schrecken. Die Produktion ist ein Triumph der Schwerelosigkeit, sämtliche Darsteller scheinen zu schweben: sei's Joachim Meyerhoffs als Softie getarnter Macho, sei's die leise leidende Anna von Regina Fritsch; die äußerst ansehnliche Emma der Adina Vetter ebenso wie die blutjunge Elisa Plüss in der Partie der Freja. Als Gruppenclowns brillieren Tilo Nest, der Kommunarden-Opa Ole und Dorothee Hartingers Mona, die das Bayerische mit dem Brünstigen mühelos auf den Nenner des Unbedarften bringt. Derlei gelingt sonst nur, wenn Yasmina Rezas eleganter Psychoboulevard auf kongeniale Theatermacher trifft. Auch Vinterbergs "Die Kommune" wird seinen Weg über die deutschsprachigen Bühnen gehen. (Die Welt)

Am beeindruckendsten Regina Fritsch, die von Erek verlassene Anna: Fritsch lässt diese zunächst durchaus attraktive Figur immer weiter zusammensinken, bis nur noch eine gedemütigte, aber überlebenswillige graue Maus da ist, die sich verzweifelt an Ereks Füße klammert. (dradio.de)

So schnell und sinnfällig war wohl noch selten ein Umbau ins Stück integriert. Willige Helferlein fallen in das beinahe leere, verlebte, vom Vater ererbte, hell getünchte Haus ein, reißen die Abdeckplanen von den Möbeln, stellen neue Sessel und Sofas dazu, kleben Poster an die Wände, räumen Bücherregale und Küchenzeile ein, da noch eine bunte Gardine, dort noch ein Blumentopf, schon sind die langhaarigen Typen wieder verschwunden, und fertig ist der Versammlungsraum der zukünftigen Wohngemeinschaft. Da wir uns, mitten im Wiener Akademietheater zu Spielzeitbeginn 2011/12, wie in Kopenhagen 1975 fühlen sollen, heißt die in den Köpfen von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov bunt zusammengewürfelte Gesellschaft auch einfach: Die Kommune. (FAZ)

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