Burgtheater

Ich war vier Jahre lang die Antilope.
Bernd Birkhahn, Oliver Masucci

nach Stanislaw Lem
‹Solaris›

Nach dem Roman von Stanisław Lem, aus dem Polnischen von Irmtraud Zimmermann-Göllheim. Bühnenfassung von Alexander Wiegold.

Alexander Wiegold inszeniert einen großen Stoff im kleinsten Spielort der Burg: In seiner philosophisch aufgeladenen Science-Fiction-Parabel stellt Stanisław Lem die Frage nach dem Zusammenhang von Identität, Erinnerung und Schuld, zugleich aber auch nach den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Da dieser die Welt zwangsläufig nach seinen eigenen Denk- und Wahrnehmungskriterien konstruiert, kann er die menschliche Perspektive niemals überwinden.

Auf der Solaris regiert das Chaos: schon seit Jahrzehnten erforscht eine eigens dafür begründete Wissenschaft diesen fernen Planeten, insbesondere den geheimnisvollen, intelligenten Ozean, der ihn fast zur Gänze bedeckt. Als sonderbare Funksprüche von der Forschungsstation die Erde erreichen, wird der Psychologe Kris Kelvin beauftragt, dort nach dem Rechten zu sehen. Tatsächlich findet er die Station in einem desolaten Zustand vor – die beiden verbliebenen Forscher fürchten sich vor geisterhaften, angeblich vom Ozean entsandten Besuchern. Nach kurzem Schlaf sieht sich auch Kelvin plötzlich mit seiner längst verstorbenen Frau Harey konfrontiert. Strahlenexperimente der Wissenschaftler beantwortet der Ozean offenbar damit, dass er Gedanken der schlafenden Menschen absorbiert und sie als materialisierte Besucher auf die Station zurückschickt. Nach anfänglicher Abwehr schöpft Kelvin prompt Hoffnung, an der Seite dieses dreidimensionalen Harey-Duplikats ein neues Leben beginnen zu können.

Regie: Alexander Wiegold

Bühnenbild: Stefanie Grau

Kostüme: Lane Schäfer

Licht: Marcus Loran

Dramaturgie: Florian Hirsch

Video: Moritz Grewenig

Musik: Hannes Gwisdek

Fulminant gespielt. (Kurier)

Regisseur Alexander Wiegold hat in die von ihm verfasste kluge Bühnenadaption neue Erkenntnisse der Hirnforschung einfließen lassen und mithilfe seines großartigen Ensembles ein eigenständiges wie berührendes Glanzstück auf die kleine Bühne des Burgtheater-Vestibüls gestellt. Beeindruckend an dieser erstmals allein verantwortlichen Burg-Arbeit Wiegolds ist die Sicherheit, mit der er die Untiefen des Sentimentalen, eines Sci-Fi-Wissenschaftskitschs oder jener Sinnsuche-Klischees umschifft, in die man geraten kann, wenn man, wie zum Beispiel Steven Soderbergh in seiner Solaris"-Verfilmung 2002, Lem ungenau liest. Größen Anteil am Gelingen des am Premieren-Freitag mit schönem Applaus gewürdigten Unternehmens hat Oliver Masucci, der der Zentralgestalt Kelvin, vor allem im Zusammenspiel mit Poelnitz, aber auch mit Kirchner und Kiepe eine fast zärtliche Intensität angedeihen lässt. Nehmen Sie die nächste Rakete" die Reise ins Vestibül lohnt! (Tiroler Tageszeitung)

Ein Ereignis am Nebenschauplatz Vestibül": Zwar folgt der junge deutsche Regisseur Alexander Wiegold dem schon lästigen Trend zur Romandramatisierung. Doch ist ihm Stanislaw Lems Science-Fiction-Roman Solaris" vorzüglich geglückt, und darauf kommt es am Ende doch an. Ein philosophisch-politisches Menschheitsdrama um Schuld, Versäumnis und Einsamkeit wird da großartig geboten: vor allem von Ignaz Kirchner, der als Sartorius das Böse, Dämonische der Wissenschaft repräsentiert. Auch seinen Partnern Marcus Kiepe, Oliver Masucci und Christiane von Poelnitz kann man nur Bestes nachsagen. (News)

Diese Vorstellung von „Solaris“ beginnt nicht im Vestibül, sondern im Foyer des Burgtheaters. Wer sich die dramatisierte Version des Science-Fiction-Klassikers des Polen Stanislaw Lem von 1961 ansehen will, die am Freitag Premiere hatte, wird aus dem hell erleuchteten Theater über einen Durchgang zur kleinen Nebenbühne geführt, die im Zwielicht ist: ein bis auf zwei Monitore, eine verspiegelte Kammer und ein Messgerät leerer Raum (Bühnenbild: Stefanie Grau), in den die Darsteller durch zwei weitere Eingänge treten. Das Publikum braucht ein paar Schritte für seine Reise ins Halbdunkel von Solaris. Der Psychologe Kris Kelvin (Oliver Masucci), Protagonist und Erzähler der Geschichte, war viele Jahre von der Erde zum Planeten Solaris unterwegs; dort ist eine Raumstation aus den Fugen geraten. Von den 85 Mann Besatzung haben nur der Kybernetiker Snaut (Marcus Kiepe) und der Biologe Sartorius (Ignaz Kirchner) überlebt. […] Ein Ozean aus Plasma lässt Träume sich materialisieren. So erregt ein lächelndes, nacktes, schweigendes Wesen Grauen allein dadurch, dass es gar nicht existieren dürfte. Es entstammt bloß dem Begehren. Ist dieses Plasma intelligent, der Menschheit überlegen? […]
Mit beinahe heiligem Ernst stellen sich die Schauspieler diesen philosophischen Problemen. Von Poelnitz ist ganz und gar ein luftiges Wesen, sie scheint an Kelvin zu haften. Kiepe spielt einen Denker, der sich noch mit zynischer Verzweiflung an Logik klammert, Kirchner einen Forscher, der in seinem Wahn bereits mehr zu wissen scheint. Zwischen Staunen, Melancholie und Verzweiflung ist die Rolle für Masucci angelegt – eine reife Leistung.
Die Inszenierung misst sich an einem großartigen Roman, einer exzellenten Verfilmung durch Tarkoswski (1972) und Hollywoods Mätzchen (Soderbergh, 2002). Sie kann sich recht gut behaupten. Wiegolds Interpretation erzeugt Beklemmung, unterstützt durch sparsame Sound-Effekte und Videos. (Die Presse)

Denn eine Gruppe von Science-Fiction-Fans unter den Burgschauspielern versuchte sich im Vestibül des Hauses an Stanislaw Lems Meisterwerk "Solaris". Da kann man nur scheitern. Und hier geschah's in formvollendeter Schönheit. Regisseur Alexander Wiegold zerlegte den hoch philosophischen Roman in einfacher verdaubare Häppchen und richtete sie auf dem Silbertablett neu an. […]
Dabei macht Wiegold etwas, das sicher im Sinne des Erfinders Lem gewesen wäre. Er verzichtet - no na - auf aufwendige "Special Effects" und konzentriert sich auf ein Kammerspiel menschlicher Emotionen. Mit lediglich ein paar Schatten- und Nebelspielen und Videoprojektionen baut er die gespenstische Atmosphäre einer Raumstation auf, in die der Wahnsinn schleichend Einzug hält.
Von dort aus beobachtet man einen Planeten, bedeckt von einem Riesenozean. Ein lebender Organismus, ein gewaltiges Gehirn mit kindlichem Verstand. Es schickt den Wissenschaftlern der Station "Gäste", Schatten aus deren Vergangenheit. Da ist der Weg in die Irre vorprogrammiert.
All das wird vom feinen Darstellerteam fulminant dargeboten. Oliver Masucci ist als Held Kris Kelvin großartig hin- und hergerissen zwischen Auf- und Hingabe. Ihm erscheint seine durch Selbstmord aus dem Leben geschiedene Frau Harey. Und bald entscheidet er: Lieber mit dem Trugbild als alleine existieren.
Ignaz Kirchner gibt als Physiker Sartorius den Prototyp des durchgeknallten Professors. Marcus Kiepe ist ein hypernervöser, alkoholkranker Kybernetiker Snaut. Er versteht, dass er die Geister, die er nicht mehr los wird, selber rief. (Kurier)

Wiegold hält sich da nah an Lems Text, lässt den Fragen nach Zeit und Raum, nach Bewusstem und Unbewusstem viel Raum, unterlegt sie mit Computeranimationen. Reibungslos läuft das von Wiegold eher statisch inszenierte Spiel im extraterrestrisch ausstaffierten Vestibül (Bühne: Stefanie Grau) vor dem Publikum ab. Auf jeden Fall ist es erstaunlich, wie das Konvolut an Text, an Gedanken und Thesen (von mathematischen bis philosophischen) vom Ensemble bewältigt wird. Oliver Masucci als Neuankömmling Kris gerät bald in jenen Wahnsinn, der die Erforscher des seltsamen Sterns bis in den Selbstmord getrieben hat. Konzentriert spricht er in Erzählform von den Erlebnissen, theatralisch tritt er in den Dialog mit seinem Umfeld. (Kronenzeitung)

Aus einer schlicht aussehenden, aber technisch versierten Bühnenkonstruktion (Stefanie Grau) mit Spiegelwänden, Fernsehschirmen und raumfüllenden Projektionen erwächst eine schiere Weite des Alls. In über zwei Stunden, die unleugbar anstrengend sind, ein unterschwellig durch einen entsprechend subtilen, metallischen Soundtrack potenziertes Gefühl, wird die pessimistisch-düstere Essenz von Lems Vision definitiv präziser wiedergegeben als in den beiden bekanntesten, vom Autor selbst nicht besonders geschätzten Verfilmungen von Andrej Tarkowskij bzw. Stephen Soderbergh.
Das ist vor allem dem faszinierenden, brillant geführten Ensemble zu verdanken, dem die Zuschauer, längs im Raum verteilt, ziemlich auf der Pelle hocken. So hat man zum Beispiel endlich einen Blick aus der Nähe auf das undurchschaubare Gesicht des großen Ignaz Kirchner, der als Doktor Sartorius nicht nur deshalb perfekt besetzt ist, weil er mit Brille und weißem Kittel an diese eine Figur aus „Futurama“ erinnert. Den Snaut spielt Marcus Kiepe beklemmend ambivalent, eine Bebilderung der Romanfigur, wie sie beim Lesen unmöglich wirkt. Christiane von Poelnitz weint viel […], hält aber mit ihrer mädchenhaften Art in ihrem Bann. Als Projektion der Erinnerung ihres Mannes ist ihre Harey kein Mensch, aber doch Mensch genug, um damit zu hadern.
Aber wie menschlich ist er eigentlich selbst? Oliver Masucci in der Hauptrolle des Ich-Erzählers Kris Kelvin leistet Unglaubliches. Fast immer einen halben Meter vor der ersten Reihe trägt er, körperlich und stimmlich die wummernde Depressivität der Geschichte aufrechterhaltend, den Abend. Trotz des surrealen Settings sind Situation und Charakter bei ihm ständig präsent.
Diese Aufführung ist wie eine Expedition zu einem anderen Planeten: unter Dauerspannung, irgendwie irreal und doch, zwangsläufig, zeitlich ausgedehnt. Vor allem aber ziemlich aufregend. „Solaris“ im Vestibül: betörendes Theater-Slow-Food. (WIENER)

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