Burgtheater

Du liebe Zeit. Liebe Zeit? Peter Handke. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Christiane von Poelnitz (c) Georg Soulek

Henrik Ibsen
‹Die Frau vom Meer›

Aus dem Norwegischen von Heiner Gimmler
Fassung des Burgtheaters

Ellida, Tochter eines Leuchtturmwärters, sehnt sich nach dem Meer. Seitdem sie den Kleinstadtarzt Doktor Wangel geheiratet hat, lebt sie in einer Sackgasse am Ende des Fjords. Die „Frau vom Meer“ findet zudem keine Nähe zu Wangels Töchtern aus erster Ehe, Bolette und Hilde.

Während Bolettes ehemaliger Hauslehrer Arnholm, der sich Hoffnungen auf die ältere Tochter macht, zu Besuch ist, enthüllt Ellida ihrem Mann ihr Geheimnis: Vor zehn Jahren hatte sie auf offener See einem fremden Steuermann ewige Treue geschworen. Nach dem mysteriösen Mord an einem Kapitän musste dieser fliehen und bat sie, auf ihn zu warten. Ellida aber ignorierte fortan seine Briefe und flüchtete sich in den vermeintlich sicheren Hafen der Ehe mit Wangel. Als der Fremde nun scheinbar auf einem englischen Dampfer zurückkehrt, muss Ellida sich entscheiden.

Ibsens 1888 entstandenes Stück erzählt – wie viele seiner späteren Dramen – von der Macht der Erinnerung und der Vergangenheit über die Gegenwart. Bevölkert von allerlei Schiffbrüchigen, kollidieren in dieser szenischen Ballade immer wieder illusorische Traumwelt und erbarmungslose Wirklichkeit, gesellschaftliche Zwänge und Freiheitsdrang.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Doktor Wangel, Bezirksarzt
Falk Rockstroh

Ellida, seine zweite Frau
Christiane von Poelnitz

Bolette, seine ältere Tochter aus erster Ehe
Alexandra Henkel

Hilde, seine jüngere Tochter aus erster Ehe
Jasna Fritzi Bauer

Arnholm, Oberlehrer
Tilo Nest

Lyngstrand
Christoph Luser

Ballested
Franz J. Csencsits

Kind
Maxi Gerstbach

Regie: Anna Bergmann

Bühne: Ben Baur

Kostüme: Claudia González Espíndola

Video: Sebastian Pircher, (impulskontrolle)

Sounddesign: Heiko Schnurpel

Choreographie: Daniela Mühlbauer, Didi Resch

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Florian Hirsch

Was Anna Bergmann und ihrem Team gelungen ist, ist große Kunst, nicht, weil dieser Abend Antworten und Lösungen bietet, sondern weil er jene, die Grundfesten erschütternde Ahnung von der Einsamkeit der Menschen und der Vergeblichkeit menschlicher Kommunikation hinter der Oberflächlichkeit des Alltags hervor- und ins Bewusstsein zerrt. (Nachtkritik.de)

Henrik Ibsen auf Tauchstation im Aquarium: Anna Bergmann macht aus [...] „Die Frau vom Meer“ ein Psychodrama, eine gewagte Umschreibung. Christiane von Poelnitz ist als entgeisterte Protagonistin großartig. (Die Presse)

Diskussionslos großartig: Christiane von Poelnitz zeigt in der Hauptrolle als Frau, die den Verstand verliert, wieder alle Facetten ihrer Schauspielkunst – von ganz leisen Tönen bis zur schrillen Wahnsinns-Arie. (Kurier)

Poelnitz’ so kraftvolle wie zugleich zartfühlende Darstellung der Titelfigur bildet denn auch das Epizentrum des knapp zweistündigen Spiels. (Wiener Zeitung)

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Wie eine Glasglocke schwebt das Bühnenbild, ein weißer Salon mit Fensterfront und Türen, auf die vorher kahle Bühne des Akademietheaters nieder, verdeckt die unverputzte Betonwand. Wie ein Schleier schweben immer wieder die eingängigen Akkorde von Lana del Reys "Video games" durch den Saal. Und wie Verlorene bewegen sich die Figuren aus Ibsens Stück „Die Frau vom Meer“ unter der Regie von Anna Bergmann über die Bühne, als seien sie Schatten ihrer eigenen, unerfüllten Hoffnungen, als hangelten sie sich mithilfe ihrer Träume und Lebenslügen unbeholfen über den Abgrund der Leere ihres eigenen Daseins. Unter den Holzdielen des Salons ist es feucht, warten die Untiefen des Wassers, das die Kulisse, einer unheilvollen Ahnung gleich, zu unterspülen scheint. [...]
Christiane von Poelnitz ist diese Ellida: Getrieben wie ein eingesperrtes Tier wankt sie über die Bühne, seufzt sie unter der erdrückenden Last der bevorstehenden Heimsuchung. Unter Kraftakten scheint sie immer wieder nach einer Haltung zu suchen, um gleich wieder zusammenzubrechen unter dem Gewicht ihrer Gefühle. Die Freiheit, die sie sich wünscht, ist eine endgültige Freiheit, eine Freiheit von allem und damit auch vom Leben selbst.
Die Männer um sie herum wissen mit ihr nichts anzufangen: Tilo Nest als Arnholm tänzelt und taumelt umher auf der Suche nach immer wieder neuen Posen und Möglichkeiten, das Wesen der ihn umgebenden Frauen zu ergründen, scheitert aber jedes Mal aufs Neue an einer Blindheit, derer er sich selbst bewusst zu sein scheint, ohne sie sich eingestehen zu wollen. Falk Rockstrohs Doktor Wangel versteckt sich hinter dem Schutzmantel des rationalen Pragmatikers, der an die Heilung seiner Frau mit den Mitteln der Vernunft glaubt, schließlich aber an seinem eigenen (Lebens-)Ansatz scheitern muss.
Christoph Luser vermittelt die Tragik des durch eine Lungenkrankheit Todgeweihten, der lebt, spricht, hofft und plant, als gäbe es keinen Grund zur Sorge: Ob das Interesse von Wangels jüngerer Tochter Hilde (Jasna Fritzi Bauer) wirklich – wie sie flapsig behauptet – seiner Krankheit gilt oder vielmehr der utopischen Verweigerung, selbige zu akzeptieren, bleibt bis zum Schluss im Unklaren. Alle umtänzeln sie sich, kreisen um sich selbst, finden keinen Weg zu- und keinen miteinander, bleiben gefangen in ihrem Alleinsein.
Der Mann vom Meer, mit dem sich die Protagonistin in Ibsens Stück einst symbolisch vermählte, ist bei Anna Bergmann kein geringerer als der Tod selbst. (Nachtkritik.de)

Anna Bergmann macht aus der mystischen Vieleck-Geschichte [...] ein Psychodrama auf den Spuren von Hitchcock oder Ingmar Bergman. [...] Die Aufführung [...] hat eine hohe Dichte. [...]
Anna Bergmann arbeitet mit Versatzstücken aus der abgründigen Requisitenkiste einer Yasmina Reza oder eines Neil LaBute – auch das neue Gesellschaftsdrama hat schon seine Manierismen, Bekenntnisse im Vollrausch und Beziehungsslapstick. Menschen kommen nicht zusammen, weil sie zusammenkommen wollen, sondern weil die Umstände sie dazu zwingen. Das ist wieder sehr von Ibsen.
Die Besetzung ist großartig. Christiane von Poelnitz spielt die Protagonistin Ellida Wangel, die den Tod ihres Sohnes nicht überwinden kann. Sie hört Stimmen, wird von ihrem überforderten Arztmann (Falk Rockstroh) mit Psychopharmaka vollgestopft, der geheimnisvolle Seemann, dem sie sich versprach, ist die Phantasmagorie ihres gemütskranken Gehirns. Dafür umschwirren die Meerjungfrau mit dem feuerroten Haar, die auch etwas von einer Hexe hat, die sich selbst verzauberte, andere Herren: Tilo Nest spielt den Lehrer Arnholm, er schaut Ibsen verblüffend ähnlich – und weil er bei keiner der Ladys landen kann, geht er im Aquarium auf Tauchstation. Der Maler Lyngstrand (Christoph Luser) kann sich zwischen Mutter, Schwester und Lolita nicht entscheiden. [...] Bolette (Alexandra Henkel), das Mädchen für alles im chaotischen Patchwork-Haushalt, zieht sich für Lyngstrand aus. Hilde (Jasna Fritzi Bauer), das Kind mit den zweifarbigen Haaren und dem gnadenlosen Blick der Pubertierenden, reizt den Blut spuckenden Jüngling zum Tanzen, als möchte sie endlich einmal einen der Toten, die sie aus dem Fernsehen kennt, live sehen. Ballested (Franz J. Csencsits) schwebt wie ein Gestaltwandler über den Wassern dieser Familientragödie: Er ist wie Lyngstrand Maler, aber auch Tanzlehrer, Entertainer, Fotograf, [...] ein bestens integrierter Einwanderer, undurchschaubar, jederzeit und für alles zu haben und zu Diensten.
Sebastian Pircher und Heiko Schnurpel sind für Video und Sounddesign zuständig. „What a wonderful world“ (Satchmo) umrahmt den Abend, anfangs ist die Originalversion von Louis Armstrong zu hören, am Ende spielt das tote Kind (Maxi Gerstbach) am Klavier und singt. Die betörende Landschaft Norwegens – Fjorde, See, Wald – wird an die Wände des weißen Pavillons (Bühne: Ben Baur) projiziert; auch die Stationen von Ellidas psychischer Störung, das krähende Baby, das Grab, ihre suizidalen Träume auf den Klippen. (Die Presse)

Für Henrik Ibsens „Frau vom Meer“ änderte [Anna Bergmann] die Erzählweise und den Schluss: Einerseits erleichtert sie das Drama um die Rolle des „fremden Mannes“, der hier nur mehr als Traum- oder Erinnerungsbild erscheint. Zudem macht sie mit dem bei Ibsen versöhnlichen Finale kurzen Prozess: Ellida wählt hier mit Beihilfe ihres Gatten den Freitod. [...]
Christiane von Poelnitz pariert der Rolle der gefühlsverwirrten Ellida Wangel aber gesalzen. Die Ärmel ihres Kimonos breitet sie vor ihrer Familie wie Schwimmhäute aus, um zu sagen: Ich gehöre nicht hierher. Wasser ist mein Element.
Mit einem auftoupierten Lockenschopf steht Falk Rockstroh seinen Mann, als Arzt Wangel, der die Sehnsuchtsanfälle seiner Gattin nicht kurieren kann. Dass er wiederum zwei Töchter hat (aus erster Ehe), die sich die eigene Freiheit mangels Alternative ausgerechnet durch eine Eheschließung erhoffen, macht den Teufelskreis der Gesellschaft deutlich, aber auch die Patina des Stücks, das keine Alternativen kennt. Alexandra Henkel (Bolette) und Jasna Fritzi Bauer (Hilde) setzen allerdings freche und überaus abgeklärte Mienen auf. (Der Standard)

Die Inszenierung von Anna Bergmann im Akademietheater arbeitet mit der naheliegenden Symbolik des Wassers. In gezähmter Form, als Aquarium, steht es mitten auf der Bühne (Bühnenbild: Ben Baur) [...]. Je länger die Inszenierung dauert, umso bedrohlicher dringt das Wasser in die vermeintliche Kleinbürgeridylle ein. Schließlich reißt Ellida in ihrer Verzweiflung die Bodenbretter weg. Darunter: überall Wasser. Bei Ibsen hat Ellida einmal einem mysteriösen, fremden Seemann Treue und Ehe versprochen. [...]
In Anna Bergmanns Interpretation gibt es diesen Fremden nur in Ellidas Kopf, er ist ein Wahnbild, eine Heimsuchung. Und am Ende entscheidet sich Ellida nicht, wie bei Ibsen, für die Fortsetzung ihrer Ehe mit Wangel, sondern bittet Wangel, sie zu töten [...].Christiane von Poelnitz als Ellida darf ihr ganzes Repertoire auspacken, von den leisen Tönen bis zur Wahnsinnsarie. Auch Falk Rockstroh als Wangel, Alexandra Henkel und Jasna Fritzi Bauer als dessen Töchter, Tilo Nest als Arnholm, Christoph Luser als schwindsüchtiger Künstler und Franz J. Csencsits als mysteriöse Geister-Figur überzeugen. (Kurier)

Beachtung verdient Jasna Fritzi Bauer, die als junge Tochter Hilde als Einzige den Zirkus der wunden Seelen nicht mitmacht und die disparaten Traumtänzer mit dem kühlen Interesse eines Insektenforschers und der Unbarmherzigkeit der Jugend beobachtet. (Kleine Zeitung)

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