Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Ignaz Kirchner (c) Reinhard Werner

René Pollesch
‹Cavalcade or Being a holy motor›

"Die Wahrheit hat noch nie irgendein Gefühl in uns erzeugt. Deshalb geht man ja auch ins Theater. Weil da nur gespielt wird, und dadurch die größten Gefühle in uns hervorgerufen werden aus einem einfachen Grund: dass die Gefühle nur gespielt sind. Man geht ja nicht ins Theater wegen der Wahrheit, um sich die wahren Gefühle anzusehen.

Das wäre ja wie an einem Grab zu stehen und losheulen zu müssen, weil es nun mal angesagt ist. Im Theater ist man davon befreit. Die Verabredung ist ja eher die, dass wir empfinden wollen auf der Grundlage, dass man uns da etwas vorspielt. Dass überhaupt etwas in meinem Leben aufgetaucht ist, habe ich der Tatsache zu verdanken, dass etwas „nur“ gespielt worden ist. Und das ist kein Witz. Theater denken ja gerne, sie wären ein Tempel, in dem der Ernst schon vorinstalliert ist. Und so sehen die dann auch aus, die Schauspieler, die vergessen haben, woher der Ernst kommen könnte: aus dem Spiel eben. Daraus, dass hier ein paar Leute so tun als ob. In einem Raum, in dem es eben ausgerechnet um nichts geht. Jedenfalls nicht um Leben und Tod. Es geht im Theater nicht um das Leben oder den Tod. Es geht um die gespielten Leben und den gespielten Tod."
René Pollesch


Wir danken Schau Schau Brillenmanufaktur für die freundliche Unterstützung.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie: René Pollesch

Bühne: Bert Neumann

Kostüme: Nina von Mechow

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Amely Joana Haag

Sätze im Galopp bei René Pollesch: Ein Abfangjäger landet im Akademietheater. Das Stück „Cavalcade or Being a holy motor“ wird auch wegen Minichmayr, Wuttke und Kirchner zur spektakulären Show. (Die Presse)

Ein Abend voll Affenzahn, lustvoll serviert von Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Ignaz Kirchner. (Kleine Zeitung)

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Im dichten Verkehr von Manhattan landet röhrend und rauchend ein Militär-Jet, ein Saab-Draken fast in Originalgröße, aus Sperrholz allerdings. Die vorderen Sitzreihen im Akademietheater scheinen leicht zu vibrieren, so wie tausende bunte kleine Plastikbälle auch in einer tiefen, breiten Wanne, die Parkett und Bühne trennt. Was für ein turbulenter Start ist diese Landung [...]!
Die Bühne ist bereit für den ersten Showauftritt von Martin Wuttke und Ignaz Kirchner – der eine in Schwarz mit beige bestickter Jacke, der andere im Anzug aus roter Seide. Hurtig spult Wuttke den ersten Monolog als David runter, balanciert perfekt zwischen Memorieren und scheinbarem Nachdenken, vollführt Sprachartistik im Galopp. Kirchner hört ihm so aufmerksam zu, wie das nur Kirchner kann. Es geht in den Satzmustern – anscheinend wirr, eigentlich hoch poetisch – um Traumdeutung, Witz, Unbewusstes. Und eine Schauspielerin, die zu spät kommt.
Und schon platzt sie rein, Birgit Minichmayr als Silvia im hellen Kleid, spielt das eben Gesagte nach, zeigt sich, erleichtert darüber, dass die von ihr versäumte Aufführung abgesagt wurde, weil der Protagonist gestorben sei, und taucht in das Bassin mit den bunten Bällen ab. Mit rauchiger, überschlagender Stimme ist sie ein bezauberndes Echo zu Wuttkes rhetorischen Ausschweifungen, sie lässt sich ein wenig mehr Zeit, gibt ihren Sätzen aber wesentlich intensivere Tönung.
Kirchner hingegen scheint fast nachdenklich, zögernd, aber auch nur, weil man das Stakkato der beiden anderen im Ohr hat. Eigentlich ist er diesmal ebenfalls ein rasender Redner. „Gefühle sind draußen“, sagt er sehr bemüht, und damit ist die Grundsituation des Spiels ziemlich genau erfasst. Feilgeboten werden Träume und Träume über das Träumen, aber sicher nicht Realitäten. [...]
Was aber handelt Pollesch ab, in diesen witzigen, gewitzten 75 Minuten [...]? Man sollte sich von den Anspielungen auf populäre Denker wie Robert Pfaller oder Starbucks, auf Filmtitel von Frank Lloyd und Leos Carax nicht ablenken lassen – hier werben drei Personen um sich und um totale Aufmerksamkeit. (Die Presse)

Es ist nicht leicht, in Manhattan einen Düsenjäger zu landen. Es ist auch nicht leicht, einen solchen Stückbeginn zu toppen, ein so großartiges und großartig aufdringliches Sinnbild für enorme Egos. Denn darum geht es in René Polleschs „Cavalcade or Being a holy motor“[...]. Der Mensch kennt keinen Mittelpunkt der Welt außer sich selbst [...]. „Cavalcade“ ist eine einzige Tirade gegen das Diktat der Innerlichkeit und oszilliert dabei zwischen Blabla und Philosophie. Knackige 75 Minuten wird mit Freud und Žižek jongliert, daneben zitiert Pollesch Screwball, Slapstick, Salonkomödie, gerinnt der Text zum Klangteppich, erzählt das Stück von zweien, die einander nicht lieben können, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, sich als Subjekt zu hinterfragen. Ein Abend voll Affenzahn, lustvoll serviert von Birgit Minichmayr, Martin Wuttke, Ignaz Kirchner. (Kleine Zeitung)

Mit Birgit Minichmayr und Martin Wuttke steht ein grandios hysterisches Liebespaar auf der Bühne (Bert Neumann hat liebevoll einen gigantischen, immer wieder Richtung Schnürboden abhebenden Düsen-Jet aus Holz gebastelt). Frei nach Britney Spears stellen die beiden „toxische Terrortypen“ dar. Pollesch-Neuling Ignaz Kirchner bleibt als Stichwortgeber dezent im Hintergrund. (Profil)

Birgit Minichmayr. Sie zeigt durch Körperbeherrschung und perfektes Timing, was für eine große Komödiantin sie sein kann [...]. René Pollesch bietet vor allem optisch viel von dem, was im Theaterzirkus möglich ist. Einen Draken, der zu Bobby Womacks „Across 110th Street“ auf der 5th Avenue ein- und ausparkt (Bühne: Bert Neumann), Glitzervorhänge und Stars in irrwitzigen Verkleidungen, die in bunten Bällen baden. (Kurier)

René Pollesch zieht in seiner neuesten Kavalkade nicht nur mit Freud in die Schlacht, sondern auch mit den Theorien des österreichischen Philosophen Robert Pfaller. Dessen Idee, dass man Lust und Gefühle delegieren kann, und dass in unserem Zeitalter der Askese solches auch immer mehr Leute tun, ist wie für Pollesch gemacht, und der macht wiederum das Seine draus: „Ich habe deine Träume verwirklicht, aber es waren gar nicht deine Träume.“ Die Identität der Figuren ist aufgehoben, und was da im Stakkato der Sätze zwischen ihnen so hin- und hergeht, ist ein Ping-Pong mit dem Ich. Dieses gefährliche Ding ist toxisch, ein Umstand der nicht nur einen dezibelstarken Sidekick zu Britney Spears’ Hit ergibt, sondern auch in Richtung einer veritablen Liebesgeschichte. David und Silvia sind kontaminierte Liebende, die sich gegenseitig nach Pollesch-Manier darüber aufklären, dass ihre Gefühle mit der Wahrheit nichts zu tun haben. (Die Welt)

Das grandiose Darstellertrio [...] bietet eine kabarettistische Performance der Sonderklasse. (Oberösterreichische Nachrichten)

Minichmayr begeistert als Darstellerin, die Haltung und Tonfall schneller wechseln kann, als die Zuschauer zu folgen vermögen. [...]
Der Antikriegsfilm „Cavalcade“ gibt den Titel, Leos Carax’ bizarrer Streifen „Holy Motors“ führt die Pollesch-Theaterfamilie in surreale Traumwelten oder auch nach New York, wo sie als sprechende Taxis den Diskurs über Hysterie und Borderline-Störungen abschließen. Dazwischen dominiert die Frage nach der romantischen Liebe. Grandios spielen Wuttke und Minichmayr ein Paar, das Abschied nimmt. Sie schlüpfen in immer neue Rollen, von denen sie glauben, dass der andere sie so gern sehen möchte. Vom „toxischen Terrortypen“ entwickeln sie sich zum Rockstar, zur hysterischen Ehefrau, trinkenden Schauspielerin oder Krankenschwester. (Salzburger Nachrichten)

„Cavalcade“ stellt eine Weiterentwicklung in Polleschs künstlerischem Repertoire dar. Haben die Schauspieler in seinen Stücken bisher meist Schnellsprechfeuerwerke, vehement vorgetragene Wortkaskaden voller Theoriezitate und Diskursfetzen entzündet, wirkt „Cavalcade“ da nachgerade in Slow-Motion inszeniert. Über weite Strecken ist das Stück ein Nachdenken über die Liebe, melancholisch wird das verhängnisvolle Begehren analysiert, das etwa „toxische Terrortypen“ auszulösen vermögen.
Im szenischen Zusammenspiel wirkt der Abend für Pollesch-Verhältnisse ebenfalls etwas zurückgenommen. Zu den darstellerischen Höhepunkten gehört jener Moment, in dem das Trio in einem mit bunten Plastikbällen gefüllten Bühnengraben springt, gleichsam ins Unterbewusste abtaucht – und mit neuen Kostümen und Perücken wieder auftaucht. (Wiener Zeitung)

Perfekt sind Bühne und Kostüme, so fallen Nina von Mechows Garderoben angenehm übersteuert elegant aus und Bert Neumann lässt das riesige Bühnenflugzeug vor einem leicht bizarr anmutenden Manhattan-Prospekt allerhand Stücke spielen. Glitzervorhang und das schon erwähnte Bällchenmeer, in das die Schauspieler immer wieder Slapstick-haft hineinfallen, komplettieren das gelungene ästhetische Erscheinungsbild dieses [...] Theaterabends. (Tiroler Tageszeitung)

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