Burgtheater

Du liebe Zeit. Liebe Zeit? Peter Handke. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Hans-Michael Rehberg, August Diehl (c) Bernd Uhlig

William Shakespeare
‹Hamlet›

Deutsch von August Wilhelm Schlegel

Helsingör, im Staate Dänemark, Prinz Hamlet kehrt vom Studium in Wittenberg an den Hof zurück. Sein Vater, König von Dänemark, ist gestorben. Dessen Bruder Claudius hat Hamlets Mutter Gertrud geheiratet und ist der neue König. Der Geist von Hamlets Vaters erscheint des Nachts und enthüllt seinem Sohn, dass er von Claudius heimtückisch ermordet wurde. Der Prinz schwört Rache. Er stellt sich wahnsinnig – und treibt damit Ophelia, die Hamlet liebt, tatsächlich in den Wahnsinn.

Hamlets Innenwelt gerät ebenso sehr aus den Fugen wie die Welt um ihn herum. Mit einer Schauspielertruppe, die ein Stück am Hofe aufführt, entlarvt er das Verbrechen des Königs an seinem Vater. Claudius wehrt sich. Derweil werden im Hintergrund unüberhörbar die Kriegstrommeln gerührt. Am Ende der Tragödie stehen der Tod, das Schweigen – und Fortinbras, der kriegerische Usurpator aus Norwegen.

Das gewaltige, auch sprachlich explosive Bewusstsein des Dänenprinzen in Shakespeares 1603 erstmals gedruckter Tragödie sprengt den üblichen Rahmen eines Theaterstücks. Die „intelligenteste Gestalt der gesamten Literatur“ (Harold Bloom) oszilliert unablässig zwischen Tat und Kontemplation, ratio und irratio, Wahn und Sinn, Sein und Nichtsein und entwickelt dadurch eine ungeheure Kraft.

August Diehl wurde für seine Darstellung des Hamlet mit dem Nestroy 2014 als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet.


Hamlet, Prinz von Dänemark
August Diehl

Geist von Hamlets Vater, vormaliger König Hamlet von Dänemark
Hans-Michael Rehberg

Claudius, König von Dänemark, Bruder des vormaligen Königs von Dänemark
Roland Koch

Gertrud, Königin von Dänemark, Hamlets Mutter und seines Vaters Witwe
Andrea Clausen

Polonius, König Claudius' Oberkämmerer
Udo Samel

Laertes, Polonius' Sohn
Albrecht Schuch

Ophelia, Polonius' Tochter
Wiebke Mollenhauer
Elisabeth Orth

Reinhold, Diener des Polonius
Sven Dolinski

Horatio, Hamlets Freund
Markus Meyer

Rosenkranz, Hamlets ehemaliger Schulfreund
Daniel Sträßer

Güldenstern, Hamlets ehemaliger Schulfreund
Moritz Schulze

Voltimand, Gesandter nach Norwegen beauftragt
Peter Matić

Cornelius, , Gesandter nach Norwegen beauftragt
Marcus Kiepe

Bernardo, Wachsoldat
Bernd Birkhahn

Francisco, Wachsoldat
Marcus Kiepe

Marcellus, Wachsoldat
Dietmar König

Osrick, ein Hofmann
Dietmar König

1. Schauspieler
Martin Schwab

Schauspielertruppe
Sven Dolinski
Daniel Jesch
Hans Dieter Knebel
Dietmar König
Peter Matić

1. Totengräber
Hans-Michael Rehberg

2. Totengräber
Hans Dieter Knebel

Ein Priester
Peter Matić

Ein Matrose
Daniel Jesch

Fortinbras, Prinz von Norwegen
Daniel Jesch

Ein Hauptmann der norwegischen Armee
Bernd Birkhahn

Ein englischer Gesandter
Marcus Kiepe

Soldaten
Daniel Glatz
Adrian Hutle
Moritz Klingel
Anton Leodolter
Mariano Margarit
Maximilian Nagele
Moritz Rauter
Johannes Rehak
Patrick Rothkegel
Mario Spanninger
Ronald Valenta

Regie: Andrea Breth

Bühne: Martin Zehetgruber

Kostüme: Moidele Bickel

Komposition: Wolfgang Mitterer

Fechtszenen: Klaus Figge

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

Diehls Hamlet ist ein faszinierendes Nervenbündel. Er zappelt und zittert, er murmelt stumm vor sich hin und immer wieder verliert er stolpernd buchstäblich den Boden unter den Füßen. Dabei zieht er lustvoll die Fäden — wobei es ihm nicht so wichtig zu sein scheint, was er damit anrichtet. (Süddeutsche Zeitung)

Hamlets bester Rechtsanwalt: August Diehl blieb [...] bis zum finalen Fechtduell, 2000 Verse lang, präzise, packend, großartig, ganz tief in seiner Rolle. Wenn es stimmt, dass der Schauspieler der Anwalt seiner Figur sein soll – dann konnte Hamlet gar keinen Besseren finden, um seine Interessen zu wahren, als Diehl. [...] Die meiste Zeit aber lässt Breth den Text [...] in den düsteren, an ein altes Seminarhotel erinnernden Drehbühnen-Räumen von Martin Zehetgruber als das spielen, was er ist: als bedrückenden, sehr deftigen, hoch philosophischen und hoch politischen Renaissance-Thriller. (Kurier)

Andrea Breths Inszenierung feiert William Shakespeares Wortkunst exzessiv, sie lässt August Diehl als Hamlet glänzen. (Die Presse)

Dieser Prinz ist gefährlich: August Diehl als Hamlet. Sein Spiel ist ein Hybrid aus den höchsten Gegensätzen. [...] August Diehl hat mit seiner Regisseurin Andrea Breth einen gefährlichen und über die sechs Stunden des Abends stets gefährdeten Weg eingeschlagen. Er verwendet die Hamlet’schen Erzwingungsstrategien buchstäblich aufs eigene Spiel. Des Prinzen selbstinduzierter Wahnsinn ist es, der der entstellten Wirklichkeit erst ihre Wahrheit abringt. (taz.de)

Deutlichstes Anzeichen dafür, dass es hier nicht um konservative Klassikerpflege, sondern schon um zeitgenössisches Theater geht, ist das Bühnenbild. Martin Zehetgruber hat ein sachliches Raumlabyrinth aus dunklen Edelholzwänden auf die Drehbühne gebaut, in dem alles ein paar Nummern zu groß ist, um als realistisch durchzugehen. Manche Räume, die Hamlet durchschreitet, haben dann auch etwas (Alb-)Traumhaftes. Auch für das Theaterhafte des Stücks findet sich im Bühnenbild eine Entsprechung: Die vielen verborgenen Türen würden in jeder Boulevardkomödie gute Dienste tun, und im Zentrum des Raumes befindet sich, hinter einer von einem Vorhang verdeckten Glasfront, eine kreisrunde Naturbühne mit kahlem Gestrüpp, das permanent unter Nieselregen steht. (Süddeutsche Zeitung)

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Besonders charakteristisch ist, für dieses Stück, dass es nicht sonder/ich ökonomisch gebaut ist. Die Handlung wird recht sprunghaft erzählt, weshalb es sich geradezu anbietet, kürzend einzugreifen. Dass Breth diesen naheliegenden Schritt verweigert, muss man also als Ansage verstehen: Die Regisseurin möchte es sich und uns nicht zu leicht machen. [...]
Wer heute „Hamlet“ inszenieren möchte, braucht entweder ein sehr gutes Konzept oder einen sehr guten Schauspieler. Für Breth, die nie eine Konzeptregisseurin war, gilt Letzteres. Und Diehls Performance ist zwar nicht die einzige, aber doch die Hauptattraktion dieses langen Abends. [...] [Er] wirkt von der Riesenrolle (der umfangreichsten in Shakespeares Werk) nie überfordert. Hamlet ist nicht zuletzt deshalb so eine tolle Rolle, weil es sich bei dem Prinzen um den vielleicht größten Spieler der Weltliteratur handelt. Aus taktischen Gründen spielt er immer wieder den Wahnsinnigen und verwirrt damit nicht nur seine Gegner auf der Bühne, sondern auch das Publikum: Man weiß nie genau, wie verrückt der junge Mann wirklich ist. Auch Diehl und Breth lassen das offen.
Von der Hofgesellschaft unterscheidet sich dieser Hamlet jedenfalls schon äußerlich ganz deutlich: Während Onkel Claudius und Mutter Gertrud weiße, eng geschnittene Kostüme (Moidele Bickel) tragen, ist Hamlets Designeranzug schwarz und weit geschnitten. Wenn er zu Beginn unfrisiert, unausgeschlafen und mit einer Plastiktüte in der Hand auf seinem Stuhl kauert, wirkt der Prinz wie ein Penner. Aber das täuscht, Diehls Hamlet ist ein faszinierendes Nervenbündel. Er zappelt und zittert, er murmelt stumm vor sich hin und immer wieder verliert er stolpernd buchstäblich den Boden unter den Füßen. Dabei zieht er lustvoll die Fäden — wobei es ihm nicht so wichtig zu sein scheint, was er damit anrichtet. „Hamlet“ ist auch deshalb ein Mysterium, weil man nicht so genau weiß, was man von der Geschichte halten soll. [...] Die genauen Umstände der Tat bleiben jedoch im Dunkeln; einziger Zeuge ist der Geist von Hamlets Vater (hier: Hans-Michael Rehberg), und der muss als befangen gelten. Breths Inszenierung nährt die Zweifel. Zwar entsprechen Roland Koch (Claudius) und Andrea Clausen (Gertrud) einerseits durchaus dem Bild des glatten Karrierepaars. Andererseits hat die Harmonie, die zwischen den beiden herrscht, nichts Falsches. Die sind offenbar wirklich ein Liebespaar. [...]
Das Verhältnis von Mutter und Kind ist in „Hamlet“ so gespannt wie das von Täter und Opfer. In einer Schlüsselszene des Stücks, im dritten Akt, sind die beiden zum ersten Mal allein — abgesehen davon, dass Oberkämmerer Polonius (überaus liebenswürdig dargestellt von Udo Samel) sie heimlich belauscht. Bei Breth spielt die Begegnung im Badezimmer, was die Intimität noch verstärkt. Und als Hamlet den hinter einem Vorhang verborgenen Polonius (den er für Claudius hält) ersticht, drehen sich die Verhältnisse um: Hamlet ist jetzt Täter, die schluchzende Gertrud das Opfer. [...]
Deutlichstes Anzeichen dafür, dass es hier nicht um konservative Klassikerpflege, sondern schon um zeitgenössisches Theater geht, ist das Bühnenbild. Martin Zehetgruber hat ein sachliches Raumlabyrinth aus dunklen Edelholzwänden auf die Drehbühne gebaut, in dem alles ein paar Nummern zu groß ist, um als realistisch durchzugehen. Manche Räume, die Hamlet durchschreitet, haben dann auch etwas (Alb-)Traumhaftes. Auch für das Theaterhafte des Stücks findet sich im Bühnenbild eine Entsprechung: Die vielen verborgenen Türen würden in jeder Boulevardkomödie gute Dienste tun, und im Zentrum des Raumes befindet sich, hinter einer von einem Vorhang verdeckten Glasfront, eine kreisrunde Naturbühne mit kahlem Gestrüpp, das permanent unter Nieselregen steht. [...]
Obwohl die alte Schlegel-Übersetzung gespielt wird, kommen den Schauspielern ihre Texte locker und natürlich über die Lippen, es wird nicht getönt. Das ist vielleicht die größte Leistung eines Abends, der zunehmend surreale Züge annimmt. Nach und nach ergreift Hamlets verzerrte Wahrnehmung auch seine Umwelt. Immer öfter wird die Szene von Wolfgang Mitterers klirrenden Elektronik-Sounds begleitet, und die arme Ophelia ist zwischen dem dritten und vierten Akt offenbar um Jahrzehnte gealtert: In der finalen Wahnsinnsszene wird sie nicht mehr von der jungen, zart-spröden Wiebke Mollenhauer, sondern von der 77-jährigen und doch mädchenhaften Elisabeth Orth gespielt. (Süddeutsche Zeitung)

August Diehl blieb [...] bis zum finalen Fechtduell, 2000 Verse lang, präzise, packend, großartig, ganz tief in seiner Rolle. Wenn es stimmt, dass der Schauspieler der Anwalt seiner Figur sein soll – dann konnte Hamlet gar keinen Besseren finden, um seine Interessen zu wahren, als Diehl. [...]
Der dritte Akt [gelingt] so sensationell gut. Und was für ein dritter Akt das ist: Da ist Hamlets berühmter Seins-Monolog, von August Diehl aus tiefer Verzweiflung tatsächlich so gesprochen, als fiele ihm „Sein oder Nichtsein“ jetzt, in diesem Moment, ein. Da ist die Schauspielerszene, Shakespeares unendlich liebevolle, selbstironische Hommage an die Macht des Theaters — wie großartig spielt der unverzichtbare Martin Schwab das! Und da ist Hamlets gnadenlose Abrechnung mit seiner Mutter — „Nur reden will ich Dolche“ — von Diehl und Andrea Clausen, der großen Andrea Clausen, so gut gespielt, dass man sich wünscht, die Szene würde nie enden, aber dann würde man ja auch nie den packenden, verstörenden Mord an Polonius (atemberaubend gut: Udo Samel) erleben ... [...]
Breths Ansprache verrät einen guten Schmäh. Der blitzt auch in der Inszenierung immer wieder auf, etwa in den Szenen mit dem Geist von Hamlets Vater, oder in der virtuos lustigen Friedhofsszene (als Geist wie als Totengräber brilliert Hans-Michael Rehberg). Die meiste Zeit aber lässt Breth den Text — ohne „Interpretation“ — in den düsteren, an ein altes Seminarhotel erinnernden Drehbühnen-Räumen von Martin Zehetgruber als das spielen, was er ist: als bedrückenden, sehr deftigen, hoch philosophischen und hoch politischen Renaissance-Thriller. [...] Unglaublich modern ist dieser Hamlet: Vor lauter Hinterfragen kommt er nicht zum Tun, und tut er doch, dann ist es das Falsche, weil es das Richtige nicht gibt. (Kurier)

Die Widersprüchlichkeit zwischen alter Hau-drauf-und-Schluss-Machtmentalität und moderner Auffassung von Staatsführung grundiert Andrea Breths Inszenierungsansatz. Der junge Hamlet ist ein aufgewecktes Bürschchen mit wachem Intellekt, scharfer Beobachtungsgabe und aus seiner Bildung heraus entwickelten Selbstzweifeln. Sein Widerpart, König Claudius, Brudermörder und dessen Nachfolger als Ehepartner der kurzfristigen Königswitwe Gertrud (Andrea Clausen), präsentiert sich als Techniker der Macht und moderner Patriarch eines „Familienkonzerns“.
Martin Zehetgruber hat dafür ein kongeniales Bühnenbild auf die Drehbühne gestellt: Repräsentativräume der Macht, Konferenzräume einer Firma mit Laptops, der private Wohnraum von Polonius (Udo Samel) und seiner Kinder Ophelia (Wiebke Mollenhauer) und Laertes (Albrecht Abraham Schuch) samt Aquarium sowie ziemlich abweisende „Outdoor“-Ungegenden. [...]
Die Aufführung [...] spannt den Bogen von einer archaischen Gesellschaft hin zu strategisch ausgetüftelter Konfliktbereinigung [...]. Wolfgang Mitterers Musik unterstreicht den filmischen Charakter dieser künstlerischen Großunternehmung. Fast alles geht in diesem Breitwandformat auf. Diesen „Hamlet“-Marathon trägt darstellerisch eindeutig August Diehl als ungemein vielschichtiger Dänen-Prinz. (OÖ Nachrichten)

Diesen Hamlet lässt die Regie tüchtig frieren, vom ersten Auftritt an, selbst in einem wohltemperierten Raum. [...] Die Kälte wird deutlich verstärkt, ehe wenig später erneut der Geist des Vaters erscheint. Die Bühne (ein steriles Meisterwerk von Martin Zehetgruber) dreht sich, im Labyrinth des Seminarhotels mit seinen immer neu verschachtelten Räumen erscheint in der Mitte wieder ein Wintergarten im Nieselregen, so wie im ersten Bild, als der alte König die Soldaten (in Gummimänteln und mit Sturmgewehren) zu Tode erschreckt hat. „Die Luft geht scharf, es ist entsetzlich kalt“, sagt der Prinz, um dann beherzt in den Garten zu stapfen, über Leichen, ins Fegefeuer zum halb nackten Papa, der ein riesiges Ritterschwert schleppt. [...]
Leichenstarr hat Andrea Breth diese Rachetragödie inszeniert. Selbst die Truppen des brutalen Prinzen Fortinbras erscheinen wie im skandinavischen Winterkrieg in weißen Uniformen. [...] Das Ensemble [...] dient nur einem Zweck: Hamlet auszuleuchten. Jungstar Diehl bietet auch tatsächlich Beachtliches. [...]
Es gibt tatsächlich viel Beachtliches zu sehen, etwa das raffinierte Schauspiel im Schauspiel, angeführt von Martin Schwab. Mit Masken und Klängen wie aus dem fernen Asien präsentiert die Truppe den Mord Gonzagos. [...]
Bestürzend zeigt sich Ophelias Seelenspaltung: Anfangs, als verwirrtes, hoffendes, frustriertes Mädchen, wirkt Wiebke Mollenhauer natürlich blass. In der Verrücktheit dann, als der Liebste fort, der Vater tot ist, spielt Elisabeth Orth die Verlassene als irre Greisin. (Die Presse)

Breth [...] konfrontiert von Beginn an mit einer düsteren, rational nicht mehr durchschaubaren Welt, in der Privatinteressen und politische Taktiken durcheinandergeraten sind. Nicht von ungefähr verkörpert Hans-Michael Rehberg sowohl den Geist von Hamlets militantem, vom Sohn zur Idealgestalt stilisierten Vater als auch gegen Ende den ersten Totengräber, ehe mit dem jungen Fortinbras der nächste Gewaltherrscher auftritt und die unauffällig-würdevolle Bestattung der im blutigen Showdown zu Grunde Gegangenen anordnet.
Hamlet [...] gerät in Helsingör in eine alptraumhafte Welt (Bühne: Martin Zehetgruber): Gestrüpp, Schiebewände rotieren, neue und altbekannte Räume tun sich auf, akustisch untermalt von einem gruseligen, von Wolfgang Mitterer komponierten Sound. [...] August Diehls facettenreicher Hamlet ist schlichtweg eine Meisterleistung: Kein Weltverbesserer, der politisch durchgreifen möchte, sondern ein von der Situation überforderter junger Schöngeist, der im Auftrag des Vaters aktiv wird, jähen Stimmungsschwankungen unterliegt, wohlüberlegt taktiert, dann wieder überstürzt handelt. Trauen kann er dabei niemandem, außer seinem Freund Horatio, in Gestalt von Markus Meyer ein zurückhaltender, bebrillter Jungintellektueller. [...]
„Liebe“ ist in dieser Gesellschaft ein inhaltsleeres Wort: Die kindliche Ophelia (Wiebke Mollenhauer) erfährt dies, als sie der Prinz im gespielten Wahnsinn sadistisch demütigt und sie dadurch in den Wahnsinn treibt: In diesen letzten Stunden vor ihrem Freitod durchlebt sie, nun in Gestalt der unvergleichlichen Elisabeth Orth, als weißhaarige, fast überirdisch-zeitlose, anmutige Erscheinung mit wissendem Blick all das, worum sie im Leben betrogen wurde.
Ein Konzentration fordernder, lohnender, existenzielle Fragen stellender, mit lang anhaltendem Applaus bedachter Abend. (Wiener Zeitung)

Großartig agieren Roland Koch (Claudius) und Andrea Clausen als dessen von Gewissensnöten geplagte Gemahlin Gertrud.
Bleibt Hamlet. Nicht gespielt, nicht verkörpert, sondern verwachsen mit August Diehl, der es in seiner Wandlung vom Schöngeist zum Rebellen, Anarchisten und Mörder krachen. blitzen und funkeln lässt wie nur wenige seiner legendären Vorgänger. Ein sensationelles Debüt, eine Bühnen-Urgewalt, kaum zu bändigen. (Kleine Zeitung)

In Martin Zehetgrubers genialem Bühnenbild entstehen rätselhafte Räume, fast wie in David Lynchs Filmwelten. Verheißungsvoll variiert die Bühne auf zwei Ebenen: Vordergründig zeigt Zehetgruber feudale, in dunklem Holz gehaltene Herrschaftszimmer. Die elegante, kalte Ordnung des dänischen Königshauses fächert er damit klug auf. Perfekt wird die Drehbühne genutzt und etabliert subtil etwa die Intimität des Badezimmers der Mutter Gertrud (Andrea Clausen). [...]
Außerhalb des Hauses wuchert der dunkle, geheimnisvolle Wald. Zwischen vertrockneten Weiden und dampfenden Nebelschwaden gehen diese Getriebenen in den Tod oder tauchen als Geister auf wie Hamlets Vater. Hans-Michael Rehberg spielt den vom eigenen Bruder ermordeten König; gegen Ende des Abends wird er auch den Totengräber geben und eine der besten Szenen der Aufführung ausrichten.
Bis dahin aber reizt die Regisseurin ihren meditativen Stil aus. Sie lässt sich viel Zeit für die Entwicklung dieses Psychokrimis, in dem Schuld und Verrat an die Oberfläche dringen und am Ende eine ganze Gesellschaft mit Verfolgungswahn und Hysterie anstecken.
Fast unbemerkt dreht die Regie ausgerufene Normalität und deklarierten Wahnsinn um: Während Hamlet zu Beginn wirr und nervlich zerrüttet erscheint, ist er am Ende der klarste Kopf. Wie schon als Prinz von Homburg gelingt es August Diehl vortrefflich, die Gespaltenheit der Figur nachzuzeichnen. Sein Hamlet bewegt sich im Zwischenreich äußerer und innerer Realität. (Salzburger Nachrichten)

Seinen Gegenspieler findet Hamlet in Roland Koch, der dem Claudius nicht nur Würde, sondern auch Courage und Eleganz verleiht. Dieser mörderische Onkel ist kein Feigling, er stellt sich den Anfeindungen und bereut das Verbrechen an seinem Bruder zutiefst, auch wenn er es auch jetzt noch für unumgänglich hält. (NZZ)

Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat das dänische Regierungsviertel in eine Art Seminarhotel versetzt. Eine eifrige Drehbühne legt immer neue, aber gleichermaßen sterile Säle mit Holzvertäfelung frei, die konzentriertes Wirtschaften ermöglichen sollen: gleichförmige Computerarbeitsplätze, einen Pressekonferenzraum, wo Claudius anfangs salbungsvoll seine Heirat mit der verwitweten Königin ankündigt. In die privateren Räume wurden bemüht Designobjekte der Wohnlichkeit eingesetzt. Polonius und seine Kinder bewegen sich etwa um ein grell beleuchtetes Aquarium, das aber keine Fische beherbergt – trüb alles, tot und trostlos. Besonders tot ist der Garten mit Teich in der Mitte der Drehbühne. Hier regnet es zwar meistens, aber wachsen tut gar nichts mehr.
In diesem albtraumhaften Setting erscheint dem Prinzen sein toter Vater. Wie er Hamlet zur Rache an seiner Ermordung ersucht, könnte einem Horrorfilm entnommen sein — und wäre dort womöglich „too much“, hier ist sie großes Kino, eindrucksvoll von Friedrich Rom ins Licht gesetzt. An toten Soldaten vorbei träumt sich der Prinz zu seinem kämpferischen Idol vor, nimmt das Schwert des Verstorbenen an sich. Ebenfalls einen gewissen Schockeffekt erzeugt Stunden später der Auftritt der um ihren Verstand beraubten Ophelia: Aus der jungen Wiebke Mollenhauer ist dann nämlich auf einmal Elisabeth Orth, 77, geworden, die in zerrissenen Strümpfen mädchenhaft tänzelnd Veilchen verteilt. Der Verlust des Vaters hat das von ihm sehr behütete Mädchen auf einen Schlag altern lassen. (Nachtkritik.de)

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