Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
(c) Bernd Uhlig

Szenen von Courteline, Cami, Charms
‹Zwischenfälle›

Über dreißig Kurzszenen und Improvisationen zu Prosaminiaturen der Autoren Daniil Charms, Georges Courteline und Pierre Henri Cami ergeben ein Panorama der unterschiedlichsten ZWISCHENFÄLLE, in denen zehn Darsteller in beinahe neunzig Rollen aufeinandertreffen.

Warum sucht ein soignierter Herr jemanden, dem er gegen ein Honorar in den Hintern treten darf? – Was hat es zu bedeuten, dass zwei Menschen gleichzeitig von einem Dach fallen? – Ist es nicht eigentlich eine Zumutung, dass man jeden morgen pünktlich im Büro zu erscheinen hat? – Wie hilft eine Mutter ihrer Tochter durch die Hochzeitsnacht? – Lässt sich der persönliche Glaube auf einer Waage messen? - Wird es dem Grünkäppchen ergehen wie dem Rotkäppchen, wenn es seiner Großmutter Kuchen und Wein bringt? – Wie kann ein Dreikäsehoch seine Mutter vor ihrem prügelnden Ehemann schützen? – Ist es wirklich erstaunlich, wenn eine Dame einer anderen ins Bein beißt? – Besteht die Gefahr, dass die britische Insel in den Ozean hinaustreibt?

„Mich interessiert nur der ‚Quatsch’: nur das, was keinerlei praktischen Sinn hat; mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung“, bekannte der russische Avantgardist Daniil Charms (1905-1942). Und ähnlich absurd mag den französischen Farcenautoren Georges Courteline (1858-1929) und Pierre Henri Cami (1884-1958) die Welt erschienen sein.

Regie: Andrea Breth

Bühnenbild: Martin Zehetgruber

Kostüme: Moidele Bickel

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Wolfgang Wiens

Sounddesign: Alexander Nefzger

Produktionsleitung: Constanze Albert

Requisite: Angelika König

Andrea Breth inszeniert im Wiener Akademietheater „Zwischenfälle“, dreiundfünfzig Minidramen, eine Weltkomödie in Splittern und Brüchen. Daraus wird das Witzwunder der Saison. Mit überwältigenden Schauspielern. [...]
Zehn Schauspieler in neunzig Rollen. Das Theater tritt über seine Grenzen - und entdeckt im wahnwitzig Vielen das große Eine: die Lust an traumhafter Weltdurchdringung. (FAZ)

Andrea Breth gelang eine Hymne an den Zauber, an die Unvergänglichkeit des Theaters: eine Reise um die Welt in 180 Minuten. In ihrem Reich des Absurden geht die Sonne nicht unter, weil sie nie aufgegangen ist. Aber im Mondschein von Melancholie und Verzweiflung schimmert silbrig der einzige Trost: das Spiel der Fantasie, die uns ins Gefilde entführt, wo Schmerz und Trauer keinen Zutritt haben. (Die Welt)

Mit der Szenenrevue „Zwischenfälle“ überwindet Regisseurin Andrea Breth dank eines stupenden Ensembles die Gesetze der Theaterschwerkraft: eine atemberaubende Produktion im Akademietheater. (Der Standard)

Andrea Breth, Regie-Königin des monumentalen Tiefgang-Theaters, überrascht mit einer tollen Revue aus Farce und Dada. (Kleine Zeitung)

An dieses Kombinationsspiel erinnert «Zwischenfälle», der ingeniöse Theaterabend, den die Regisseurin Andrea Breth ausgedacht hat und den ihr überragendes Ensemble – vier Frauen, sechs Männer – als Feuerwerk aus Petitessen, Pikanterien, Patzern über der Bühne des Akademietheaters steigen lässt. Minisequenzen, handlungslos, wechseln ab mit kleinen Episoden, die freilich meistens ebenfalls weder Anfang noch Ende haben, sich aber nach und nach zueinander in Beziehung setzen. Jeder Zuschauer kann in dem dreistündigen Reigen seine eigenen Geschichten entdecken – insofern ähnelt die Sache auch einem Wimmelbild. [...]
Andrea Breth geht vor wie eine im falschen Moment abdrückende Fotografin. Ihre szenischen Schnappschüsse überraschen die Personen in unbeobachteten Momenten, die gemeinhin eher nicht dokumentiert würden. Ein Blick durchs Schlüsselloch, sozusagen. Nur sind die Löcher auf Martin Zehetgrubers gelblich-brauner Pappkarton-Bühne grösser: Sie klaffen in den Stellwänden, die während kurzer Blackouts blitzschnell auf- oder abgebaut werden, einmal wie ein gehöriges Einschussloch, einmal wie ein Mauerdurchbruch, der Sicht aufs Dahinter schafft. Abgetakelt, zertrümmert ist diese Welt, in der aber Männer in bürgerlich-korrekten, wenn auch nicht topmodischen Anzügen und Damen in knappen, zeitlos kleidsamen Deux-Pièces (Kostüme Moidele Bickel) ihre seltsamen Begegnungen feiern. (NZZ)

Signum ihrer Inszenierung ist das Gesetz des Pokerface: Noch in Aberwitz und szenischem Nonsens wird keine Miene verzogen, damit die monströsen Miniaturen ihre volle Kraft entfalten können. Die meisten sind schlicht und einfach hinreißend: Etwa die "Orchestersuite", dirigiert vom Karajan des Missklangs Rehberg. Wie er seinen Instrumentalisten das Äußerste an Innigkeit abverlangt, gerät zur pantomimischen Delikatesse: Plimm! macht die Triangelvirtuosin Orth still verzückt, derweil Samel elefantengleich mit der Basstuba furzt und Clausen triumphierend eine Cello-Saite zupft. Einen weiteren Höhepunkt, der den Saal vor Vergnügen quietschen und toben lässt, beschert der Wunderknabe Markus Meyer: Auf trillernden Beinen fliegt er durch den "Frühlingsstimmenwalzer" von Johann Strauß. Wer einen Balletttänzer wirklich parodieren will, sollte fast so schwerelos tanzen wie weiland Nurejew. Meyer ist dazu imstande.
Dabei hat er vorher schon eine Menge Hiebe einstecken müssen. Hinter der Heiterkeit lauern hier nämlich stets Gewalt und Brutalität, die umso verstörender wirken, je unverständlicher die Gründe scheinen: Das In-die-Fresse-Hauen als eine schöne Menschenkunst betrachtet, als l'art pour l'art. [...]
Gewiss handelt es sich bei den Wiener "Zwischenfällen" auch um ideales Schauspielerfutter. Wo sonst dürfen Mimen alles zeigen, was sie können? Doch überschreitet die Aufführung keineswegs die Grenze zu Klamauk und Schmiere. Das verdankt sich Präzision und Perfektion, in dieser Fülle kaum je zu bestaunen. Die strenge Metallstimme der Kirchhoff, der dunkle Sirenengesang der Orth, auch wenn sie nicht gerade - auf einem fliegenden Bett schwebend - den Sehnsuchtstango "Nachts ging das Telefon" singt; die hysterische Beinakrobatik von Andrea Clausen, die bei Bedarf Frau Kirchhoff lüstern in den Po beißt; eine sogar auf Englisch schwäbelnde Johanna Wokalek samt umgeschnalltem Hängebauch und Busen, die sich für Marilyn Monroe hält; Udo Samels Kindergrazie eines rundlichen Gummitiers, das der Mutter strahlend die Erlösung von familiärer Qual verkündet: "Mutti, sei glücklich, Vati ist verkohlt"; Kochs rasante und zugleich bedächtige Schwyzerdütsch-Suada eines neurotisch leider völlig dienstunfähigen Beamten; Peter Simonischek als unermüdlicher Pianissimoredner am Tisch mit einem tattrigen Rehberg, der nach vergeblichem Kampf mit einem Nudelberg lautlos im Spaghetti-Teller stirbt ... Endlos wäre eine komplette Liste der darstellerischen Kabinettstücke, deren Zeugen wir sind.
Das Rezept, nach dem die Szenen-Collage angerichtet wurde, hat sich auch sonst oft bewährt: In der Komödie steckt die Tragödie - und umgekehrt. Der Trick: Weder das eine, noch das andere aus den Augen zu verlieren, es in einander zu spiegeln, beides zu überblenden. Das freilich vermögen bloß die unhappy few , begnadet und geschlagen mit dem Blick radikaler Skepsis. Todernst ist das Leben, heiter nur die Kunst. (Die Welt)

Andrea Breth stellt es uns an diesem Abend in Charms’ Sinn als Zwischenfall vor und das Lachen nicht nur als befreiend, sondern als letztendliche Konsequenz. In der Regel scheitern wir nicht im großen Stil; Nichtigkeiten pflastern unseren Weg mit Stolpersteinen, denn schräg ist die Welt und ein richter Unfug. Genauso wie das Telefonat, das eigentlich nur aus „Hallo“ und „I don’t know“ besteht. Elisabeth Orth führt es wie eine schwarze Witwe mit weißem Bubikopf und steigert sich in einen wahren Furor der Teilnahmslosigkeit. Im Grunde sind alle diese Figuren auf der Bühne Marionetten des Unsinns. So wie Rehberg neben einer kleinen Tanzpuppe deren Bewegungen nachzumachen versucht. [...]
Dieser Abend ist ein Fest genialer Schauspieler. [...] Kaum zu fassen, wie Markus Meyer einen Ballettsolisten vortanzt und ausstellt. Diese eiskalten Schmachtposen. Wie ihm die Choreographie den Körper verbiegt. Dieses Artistische der Marionetten, Beineschmeißen, Blickewerfen. Diesem Mann ist das Pathos der Indianerhäuptlinge in seinen Körper gefahren.
Martin Zehetgrubers Bühne zeigt braune Räume, mal als engen Flur mit mehreren Türen, Hotel oder Amt, mal groß wie ein Chefbüro, mal mit einem großen Loch, einer Art Kollateralschaden unserer vergeblichen Bemühungen. Dieses Mauerloch wird zugleich zu einer kleinen Bühne, auf der zum Beispiel ein Mann in Slow Motion zu Boden stürzt, kommentiert von katastrophensüchtigen Nachbarn.
Neben der absurden Komik gibt es auch ganz anrührende Momente. Einmal herzt Rehberg ein altes Kofferradio, aus dem der Wetterbericht kommt, wie eine ersehnte Geliebte, zusammengesunken in einer matt beleuchteten Ecke des Raums. Oder fast sketchhafte Szenen [...]. Diese Szenen gelingen so hervorragend, weil Andrea Breth nie die schnelle Pointe suchte. Man lernt vielmehr, dass es eigentlich gar keine Pointen gibt, auch sie sind, wie das Lachen, letzte Konsequenzen. [...] Diese Aufführung, dramaturgisch betreut von Wolfgang Wiens, ist ein Glanzlicht dieser Burgtheater-Saison. (Süddeutsche Zeitung)

Dreiundfünfzig „Zwischenfälle“ [hat] Andrea Breth, die große Tragödienregisseurin, zu einem irrwitzigen Katastrophenkomödienreigen verknüpft. Als sei die Welt, die sonst bei ihr und den großen Stücken im schönen Kampf mit dem Schrecken untergeht, hier nichts als ein Witz, der erst im Schrecken erblüht. In der Ausbeutung kleinster Stücke von drei ziemlich vergessenen Großmeistern der Minidramatik. Die ihre Szenen, Splitter, Sketche und Dramolette dem Wahnsinn des Alltags ablauschten. [...]
Es ist hier genial so gemacht, dass jeder „Zwischenfall“ auf einen größeren, schrecklicheren, tollwütigerin, abgrundsehnsüchtigerin Fall verweist, sozusagen die großen Akte eines unsichtbaren gewaltigen Dramas, einer Tragödie naturgemäß, in deren Akt-Ritzen und -Zwischenräumen sich hier hinter den Kulissen der sichtbaren Weltkatastrophen das abspielt, was diese erst ermöglicht. Was hier zu sehen ist, ist das ganz begreifliche, wiewohl unglaubliche Glück der Katastrophen: in Zwischensphären, Lach- und Schmerzräumen, die wir Alltag oder auch manchmal „Leben“ nennen. Aber sehr gut wissen, dass dies nur ein Synonym für Wahn, Trug und Lug und Witz - und deshalb ein Trost ist.
Kein Theaterabend der letzten Jahrzehnte hat dies so schlagend, so komisch, so gelächtersatt, leichterhand intelligent und wunderreich bewiesen. Diese dreiundfünfzig Kleinigkeiten der Andrea Breth sind größer, wirklicher und wahrer als alles, was sonst theatralisch so groß damit tut, der Wirklichkeit nahe zu kommen. Beifall, Jubel und Gelächter waren denn auch nicht enden wollend. (FAZ)

Der Markt der well made plays ist voll von Beziehungs-, Bürodramen. Das Fernsehen ist voll von Amüsement, das auch ein „Theater der Grausamkeit“ (Artaud) ist. Breth spielt mit vielen Formen des Entertainments. Sie schreibt eine Kulturgeschichte, beeinflusst von ihrer Generation: Da wird „Nachts ging das Telefon“ von Zarah Leander gesungen, ebenso intoniert wie „Déshabillez-moi“, durch Juliette Gréco bekannt. Da schieben, hüpfen, springen Stummfilmfiguren – mehr wie Buster Keaton als wie Charlie Chaplin – über die Bühne. Von Film, TV inspiriert sind auch Krimi-, Ohrfeigenszenen, die sich zu Martial Arts steigern.
Die Aufführung ist von einem atemberaubenden Reichtum an Einfällen, Assoziationen. Mit ausgestrecktem Zeigefinger weist Oberlehrerin Breth die Unterhaltungsstümper, die uns täglich ihren ach so perfekt gemachten Junk um die Ohren schlagen, ins letzte Eck. [...]
Das Ensemble ist grandios. [...] Ein Mann (Peter Simonischek) will gegen Bares die Erlaubnis erwirken, einem jungen Mann in den Hintern zu treten. [...] Ein Büromensch (EU?) lässt sämtliche Familienmitglieder sterben, um nicht zur Arbeit zu müssen. Als ihm sein Chef mit Kündigung droht, verlangt er nach einer unfassbaren Suada eine Gehaltserhöhung: Der Schweizer Roland Koch spricht Schwyzerdütsch, ein künstliches, das man fast verstehen kann. Raffiniert... Später parliert Koch ebenso flüssig Französisch... Ein Orchester produziert Dissonanzen... Elisabeth Orth und Udo Samel reisen als altes Paar nach Venedig, sie spricht Wiener Dialekt, er ist ein Deutscher. Entzückend. Später sieht man die zwei als greise Kinder Suppe löffeln. [...] Die Zeit gerät aus den Fugen in dieser Aufführung, Menschen tragen ihren psychischen Zustand nach außen: Ein Mann liegt im Büro auf dem Fußboden, die Kollegen steigen kaltblütig über ihn drüber.
Die unheimlichste Szene: Ein älterer und ein alter Herr (Simonischek, Hans-Michael Rehberg) – der Alte hat einen starken Tremor, er kann seine Nudeln nicht essen, schließlich fällt sein Kopf in den Teller. Der andere redet ungerührt einfach weiter ...
Johanna Wokalek als Möchtegern-Marilyn, Andrea Clausen als verführerische, Corinna Kirchhoff als sehr herbe Dame, Gerrit Jansen – sie alle steuern feinste Facetten zu dieser Groteske bei. Der Größte aber ist Markus Meyer, der sogar Ballett tanzt – im Anzug zu einem flotten Walzer. Kunstwerke für sich sind die Kostüme von Moidele Bickel und das Bühnenbild von Martin Zehetgruber. Letzteres verlangt mit rasanten Wechseln den Bühnenarbeitern alles ab – auch sie verbeugten sich bei der Premiere. (Die Presse)

Breth, sonst ausschließlich für die schwer mit Sinn beladenen Theaterunternehmungen zuständig, hat ihr eigenes Klischee von der Bühne weggedrückt: Sie frönt - zum Schein - der Heiterkeit. Dabei lässt sich auch nichts Furchtbareres, die Würde des Menschen Beleidigenderes denken als die grotesken Episoden der Herren Georges Courteline, Pierre Henri Cami und, als Primus inter Pares: Daniil Charms (1905-1942), der mystische Dadaist aus St. Petersburg. [...]
Aus dem Schnürboden fallen Trennwände herab, die die Bühne zur Gangflucht verengen. In einigen Fällen sind riesige Löcher in den Prospekt gerissen, als wären die Golfbälle zu Meteorkugeln angeschwollen. Styroporplatten liegen herum wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Es hat während des ganzen Abends den Anschein, als wäre eine Katastrophe passiert, deren Auswirkungen nur nicht mehr zusammenhängend erzählt werden können. Die schlimmsten Katastrophen, zeigt Breth, reizen zum Lachen. Absurdität und Widersinnigkeit sind Überlebensmittel.
Weil es aber schlechterdings keine Abfolge gibt, die nicht auch Spannungsbögen hervorriefe, reimt sich der herzerfrischende Abend wie von selbst zur Erzählung zusammen. Er zeigt den Wartesaal des Lebens, in dessen Korridoren ein "Bürger Myschin" (Peter Simonischek) herumliegt, um, des angenehmen Effekts wegen, einer Edelhostess (Corinna Kirchhoff mit peroxydblonder Perücke) unter den knapp sitzenden Rock zu blinzeln.
Geilheit und Gewalt sind korrespondierende Wirkungen: Herren von ehrfurchtgebietender Eleganz (Simonischek, Roland Koch) tragen wildfremden Menschen Gesäßtritte an. Ein korpulentes Kind (Udo Samel) leitet, nach erheiternder Absolvierung eines Bodengymnastikprogramms, die perfide Einäscherung seines Trinkervaters ein.
Die Welt, wie wir sie kennen, ist aus den Fugen. Frauen stecken mit zappelnden Beinen in der Mauer. Alternde Ehepaare hängen mit dem Doppelbett an der Stubenwand, als wäre die Gravitation um 90 Grad gewandert. [...]
Über allen Lockerungsübungen aber, die von den Schauspielern mit Bravour geleistet werden, liegt ein strenges Odeur blinder Gehässigkeit: Mögen die Fertigkeiten der Zirkusartistik auch in den Alltag hinübersickern; dieser wird von Breth, der großen Desillusionistin, als gewaltförmig beschrieben. [...] Die Überwindung der Schwerkraft, die diesen stupenden Abend wiederholt in lichte Höhen hinaufreißt, bleibt ein Akt des Mutwillens. Andrea Breth lässt nicht mit sich scherzen. Andererseits: Näher als in Zwischenfälle wird die mit ihrem Ensemble frenetisch Bejubelte dem Ideal der Schwerelosigkeit kaum rücken. (Der Standard)

Samstagabend nun zeigte die große Regisseurin, wie schön es ist, mit ihr in den Keller lachen zu gehen. Sie gab für ihre Gäste im Akademietheater eine regelrechte Kellerparty.
Natürlich war's dort finster und unheimlich und manch einer verirrte sich im Labyrinth der Abteile, weil ihm kein roter Faden zur Hand gegeben war. Keine Story, wenig Handlung - oft sogar ein Ende ohne Schluss. Tief-gründig waren die "Zwischenfälle", so der Titel, unter dem Breth den Abend subsumierte, aber allesamt. [...]
90 Rollen für ihre zehn Darsteller. Die sich mit explodierender Spielfreude, mehr oder minder requisitenlos, mit bloßer Darstellungskraft dem Surrealen, Satirischen, Schwarzhumorigen, Absurden hingaben. Dada trifft gaga sozusagen.
Da fragt ein soignierter, silberhaariger Herr einen anderen, was es koste, dürfe er ihn in den Hintern treten. Da stellt "Das Kind des Trinkers" bei Gewitter eine Spielzeugtanne neben dem besoffenen Vater auf - und der wird tatsächlich vom Blitz erschlagen. Da erzählt ein junger Mann von seinem Bedürfnis, jedem, der ihn besuchen komme, sofort "in die Fresse" zu hauen. Gespielter Witz ist, wenn man trotzdem lacht. Die Luft anhält. Innehält. Besser lacht. Dabei belässt Breth die Karikaturen in diesen Miniaturen berührend menschlich. Die Frau mit dem großen Herzen, sie hat sich vorzügliche Mitverschworene für ihr Projekt erwählt: Erster Solotänzer Andrea Clausen, Corinna Kirchhoff und Elisabeth Orth, die sich auch als wunderbare Chansonnièren präsentieren. Johanna Wokalek als verklemmte Braut oder schwäbelnd "nackt" im Fatsuit. Gerrit Jansen und Roland Koch als Fleisch gewordene Druckkochtöpfe, wobei Letzterer auch in Schwyzerdütsch Dampf ablässt und als Verbeugung vor seinem Geburtsort Uezwil Alphorn bläst. Markus Meyer, der sich als Erster Solotänzer des Burgtheaters entpuppt. Hans-Michael Rehberg (wunderbar als durchgeknallter Dirigent in "Orchestersuite"), Udo Samel und Peter Simonischek als in der Haltlosigkeit um Haltung bemühte Gentlemen.
Ein Bravo an alle für diese großartig genau choreografierten Auftritte. Und ans von Otmar Klein geleitete kleine Orchester. Den Rahmen für all das schuf Andrea Breths kongenialer Bühnenbildner Martin Zehetgruber: Wände mit unzähligen Türen - Warteräume, Hotelflure - wechselten im Minutentakt mit ein- und ausgangslosen Zimmern, mit durchlöcherten Mauern. (Kurier)

Leider ist es völlig unmöglich, die flüssig dahinperlenden, subtil miteinander korrespondierenden, ab und zu durch musikalische Momente – ein poetisch krächzendes Orchester, eine schwebende Chansoneuse – unterbrochenen Glanznummern adäquat zu beschreiben. Ein Herr – Peter Simonischek – bittet einen anderen – Markus Meyer –, ihn gegen Bezahlung in den Hintern treten zu dürfen; sie werden handelseinig, doch der Tritt bleibt aus. Wieso, das teilt Simonischek wortreich, vor allem aber dank seiner unnachahmlichen Körpersprache mit; und auch Meyer, verdutzt, genervt, verschmitzt, bietet ihm hauptsächlich stumm Paroli. Dass es hier um einen Ehrbegriff aus vergangenen Epochen geht, erfahren wir zwar; dass wir uns diebisch freuen an der Idee, eine Demütigung heimzahlen zu können, und sei es in Raten bzw. auf Umwegen, verstehen wir auch ohne Kenntnis des französischen Fin de Siècle und seiner Sitten.
Meyer wird später zu wogenden Walzerklängen ein akrobatisches Solo tanzen, dessen Virtuosität die Nähe von Boulevard und Zirkus bezeugt. Und Simonischek wird noch mehrmals reden, reden, reden, ohne auf Gehör zu stossen: In irgendeiner Fremdsprache murmelt er freundlich auf Roland Koch ein, der höchst unfreundlich abwehrt, sich ereifert und in wüsten Beschimpfungen ergeht – bis der Beschimpfte vom Stuhl aufsteht und durch die Tür verschwindet, vor der sie sassen und hinter der sich die Frau des Schimpfenden befinden soll. Roland Koch und Peter Simonischek sind ein glorioses Duo. Etwa im Büro: Am Tisch isst Simonischek Bananen und sortiert dann ihre Schalen, als sei das die normalste Tätigkeit eines Ministerialbeamten. Koch, den beigen Mantel, eine Szene zuvor erworben, locker überm Arm, rechtfertigt mit schweizerdeutscher Eloquenz sein dauerndes Fernbleiben von der Arbeit – der Grund: Angst vor dem Entlassenwerden – und versteigt sich dabei in psychologisch dünne Luft. Der Bananenesser folgt ihm amüsiert und ergötzt sich mit uns an dem Drückeberger-Bürolisten; schliesslich kommt er doch ins Staunen: über dessen Dreistigkeit oder über die waghalsige Subversivität darin?
Die Frau des Schimpfenden, siehe oben, entpuppt sich als Johanna Wokalek; allerdings ist die Frau noch ein Kind, so unbeholfen wie verführerisch. Dunkle Zonen betritt Andrea Breth nicht nur, wenn's um Aggression, Gewalt und Macht geht – Pistolen knallen wiederholt –, sondern auch im zwischengeschlechtlichen Bereich. Als Grünkäppchen verzichtet Johanna Wokalek auf die Verführung des Wolfs, den sie vielmehr an der Schnauze herumführt, bis er unter seiner hübschen Tiermaske tobt. Kurz darauf zertritt er, viel grösser als eben, die blökenden Porzellanschäfchen von Udo Samel, der als sechseinhalbjähriger Bub – so betont er – Purzelbäume schlägt. Samel kann aber auch mit Elisabeth Orth ein abgehalftertes Ehepaar bilden oder mit Johanna Wokalek – nachdem sie als Braut, die sich nicht traut, kläglich brilliert hat – ein perfekt eingespieltes (was immer das heisst).
Corinna Kirchhoff und Andrea Clausen bieten diverse Folgen eines Zickenkriegs dar. Erstere kultiviert gern, ausgiebig und affig ihre langen, durch Overknee-Highheels noch verlängerten Beine unter dem Minirock, weshalb Letztere sie irgendwann gegen Ende des Abends plötzlich in den Oberschenkel beisst. Von zwei Frauen, welche sich bissen, war schon am Anfang die Rede gewesen, unter Männern: Gerrit Jansen brachte die Klatschgeschichte auf, andere hörten zu; Hans-Michael Rehberg hingegen hörte weg. Das Schönste an dieser Wundertüte voll menschlicher Magie ist das Unvorhersehbare im Theater des Lebens. (NZZ)

In „Zwischenfälle“ – über 50 Szenen entlehnt aus Filmen, TV-Serien oder Schlagerschmachtfetzen (dramaturgisches Gerüst: Wolfgang Wiens) – entfaltet sich ganz großes, absurdes Theater, das seine Prächtigkeit vielen Faktoren verdankt: einem Ensemble mit unwahrscheinlicher Präzision, einer Regisseurin, die die Kürzestgeschichten zu einem großen Bogen zusammenfügt, die Komik aus dem (Un-)Sinn herauskitzelt. Galt Andrea Breth bisher als analytische Seziererin mit einem Hang zum Bierernst, ist das Schnee von gestern. Breth hat eine ebenso analytische Ader fürs Komödiantische. Zudem gibt’s den kongenialen Bühnenbildner Martin Zehetgruber, der Räume erschaffen hat, in denen sich der Wahnsinn zwischen Lohnarbeit, Aggression, Privatheit, Entdeckungslust und Realitätsverlust heimelig fühlt.
Kostümbildnerin Moidele Bickel steckte die Damen (Andrea Clausen, Corinna Kirchhoff, Elisabeth Orth, Johanna Wokalek) und Herren (Gerrit Jansen, Roland Koch, Markus Meyer, Hans-Michael Rehberg, Udo Samel, Peter Simonischek) in grau abgestufte Kostüme, in denen sie bis in den Vorraum des Himmels finden.
Dort wird vor dem guten Geist Christoph Marthaler ein Hohelied auf den Sinn stiftenden Unsinn angestimmt. Umwerfend die Körperlichkeit und Komödiantik dieses Ensembles. Unvergesslich Meyers Balletteinlage oder die verbale Zuspitzung zwischen Elisabeth Orth und Udo Samel. (OÖ Nachrichten)

Vom engen Korsett der Logik schienen [Courteline, Cami und Charms] wenig zu halten. Begabt mit blühender Fantasie, war für sie die Bandbreite für alles das, was im Leben passieren kann, viel größer als für einen kleinlich denkenden Menschen. Für sie war es so wie für Kinder vorstellbar, dass jederzeit mit dem Haarsträubendsten zu rechnen ist.
Und genau solche Spiel-, Tanz- und Musikszenen führt Regisseurin Breth mehr als drei Stunden lang vor. Martin Zehetgrubers Bühnenbild zeigt meist einen Hotelflur mit vielen Türen. Davor ist Platz für die seltsamsten menschlichen Begegnungen. […]
Schwer zu sagen, welche die schönste Szene ist. Vielleicht jene, in der das sechseinhalbjährige Kind eine wirksame Methode findet, um den Vater zu beseitigen, der regelmäßig betrunken heimkommt und die Mutter schlägt. Udo Samel spielt das Kind, dass es lebensechter gar nicht geht. Oder ist es die Szene, in der Peter Simonischek seinen Partner Roland Koch derart mit Nonsense zulabert, dass der spürt, wie ihn der Wahnsinn packt. Dass eine nackte Frau auf dem Tisch steht und ständig handfest interveniert, während zwei Herren speisen, ist auch eher ungewöhnlich.
Viele der Szenen sind nicht auf eine Pointe aus. Es geht oft um reine Poesie. Das erstklassige zehnköpfige Ensemble ahmt einmal ein Orchester nach. Es ist zu sehen, wie viel Hingabe das Triangel erfordert und wie elegant der Armschwung sein muss, wenn das Cello gezupft wird. Das ist urkomisch und berührend zugleich. Ähnliches gilt für ein hinreißendes Tanzsolo von Markus Meyer. Getanzt wird viel, grotesk und gekonnt. Corinna Kirchhoff kann ihr Temperament ausleben. Gesungen wird fast so viel wie in den Inszenierungen Christoph Marthalers. […]
Einige mögen gestaunt haben, mit wie viel Witz und mit was für einer leichten Hand Breth, deren Marke das schwermütige Grübeln ist, diese Lockerungsübungen für Herz und Hirn inszeniert hat. (Salzburger Nachrichten)

Kongenial gespiegelt im wandelbaren Bühnenbild des Martin Zehetgruber bestreiten zehn mit Moidele Bickels Kostümen wohlversorgte Spitzenschauspieler die vielen Szenen eines grandiosen Abends. Wahre Begeisterungsstürme seitens des Publikums bestätigen diesen Eindruck und geben der Regisseurin Recht, die ihren „Zwischenfällen“ den leicht zu generierenden Klamauk verweigert und in höhere, manchmal auch schmerzende Sphären des Humors vordringt. […]
Es wäre nicht Andrea Breth, würde es neben all den visuell wie darstellerisch perfekt umgesetzten traumähnlichen Bildern von großer Leichtigkeit nicht eine dunkle Seite geben – sie zeigt sich meisterhaft in den Szenen nach der Pause des über dreistündigen Abends und rundet den Ansatz vom „Humor des Trotzdem“ ab. (Tiroler Tageszeitung)

„Am Bahnsteig“ ist nicht von Cami, Courteline oder Charms. Es ist eine Improvisation von Andrea Breth und ihren Schauspielern. Aber sie enthält wie in der Nuss-Schale alle drei. Der Schrecken der in die Ecke Getriebenen, auf die ein urhorrorkomisch apokalyptischer fliegender Zug zustürzt, wirkt wie die Summe aller witzkatastrophischen Möglichkeiten dieses herrlichen Abends. Als albträumten sie in der letzten Sekunde ihres Lebens noch einmal süß panisch den fortablaufenden Film ihres minidramatischen Lebens. Zum Beispiel die Szene gleich zu Beginn, wo ein glatzköpfiger, bebrillter Herr in Gestalt des Schauspielers Gerrit Jansen einem einzigen Schlag den Golfball ein Riesenloch in zwei dicke Wände machen lässt, durch die gleich danach Andrea Clausen als Verkäuferin und Roland Koch als Verkäufer in Camis „Occasion“ sich sehr nahe kommen […].
Später wird Koch aus der Tabakpfeife im Rhythmus von Camis „Telegramm“ paffen, während er einen Schwachsinnstext an eine Liebste durchs Telefon diktiert, während die Clausen tänzelnd und scharwenzelnd und spreizend ihm das Chanson „Deshabillez moi!“ hinhaucht. Die Liebes- und Wahnsinnskaufszene vom Anfang wird später zu einer versäumten Zieh-mich-aus!-Gelegenheit. So schafft Andrea Breth Beziehungen, Verweise, Durchgänge im an sich Beziehungslosen. Die in die Welt Gesplitterten können sich nicht entgehen. Gesellschaft ist, was zueinander verdammt ist.
Sie sind Teil eines großen, zusammenhängenden Albtraums, in dem Peter Simonischek den großen, verständnislos Bananen mampfenden Chef hinterm großen Schreibtisch mimt, der dem schwytzerdütsch quasselnden Angestellten des Roland Koch eine Gehaltserhöhung dafür gewähren soll, dass dieser nichts arbeitet, während er sich wenig später an diesem Angestellten bitter zu rächen scheint, indem er ihn in einer völlig unverständlichen Sprache vor den vier Türen in den Wahnsinn treibt […]. Mit ebenso großer, unerschütterlicher Ruhe schlägt Simonischek als gütiger Hausherr einen Mieter in einem Charms-Sketch zusammen, dieweil sie nur übers Wetter reden: Der Folterer hinterm Gemütsbürger scheint mühelos durch. In einem anderen Charms-Großkleinstdrama liegt Simonischek einfach auf dem Boden und zwingt die Frauen, die über ihn wegsteigen, dazu, die Röcke zu raffen, was Corinna Kirchhoff wunderbar zickig angeekelt-fasziniert über sich bringt. Simonischek zeigt hier in einem halben Dutzend Rollen den Abgrund im Situierten - aber so, als tippe er das nur mal an, als löse er nur mal schnell eine Watteschicht seiner Wohlgepolstertheit, und das rohe gemeine Fleisch schimmere schillernd durch.
Aber dann schwebt Elisabeth Orth auf einem Gitterbett durch die zwei großen Weltsturzlöcher an der Wand und singt traumverloren: „Nachts ging das Telefon“. Und Udo Samel, der als kleiner Mann glücklich strahlend einen Zedernbaum aus einer Schachtel hat wachsen lassen, purzelt als „Kind des Trinkers“ von Cami durch eine Vatermord-Geschichte, in welcher der saufende Vater in Wolfsmaske durch eben jenen Spielzeugbaum getötet wird, in den im Gewitter ein Blitz einschlägt. Dabei war Roland Koch zuvor schon ein Wolfsmaskenmann, der mit dem „Grünkäppchen“ der Johanna Wokalek nicht fertig wird, weil - „Wo sind die jungen, naiven Mädchen von früher hin, die die richtigen Fragen stellen?“ - das raffinierte Gör einfach nicht wissen will, warum er so einen großen Mund hat. […]
Man sieht das perfekt wie ein Kammerkomikensemble aufeinander abgestimmte Ensemble unter dem Dirigat von Hans-Michael Rehberg auf diversen Instrumenten herrliche Zufallsorchestermusik machen. Man erlebt entzückt, wie Markus Meyer […] zu einem Straußwalzer einen Wahnsinnswirbeltanz aufführt. (FAZ)

Keine unwesentliche [Rolle] spielt zudem das Bühnenbild von Martin Zehetgruber: Ein Gazevorhang trennt das Publikum von der Szene - und die einzelnen Szenen. Vier Türen in einer Wand, davor einige Stühle. Dahinter Wände mit riesigen Kraterlöchern, aufgerissen naturgemäß von einem Golfball, was sonst? Es herrscht nun mal das Kausalitätsprinzip von kleinster Ursache und größter Wirkung. […]
Eine musikalische Klammer hält die teils Sekunden, teils mehrere Minuten dauernden Szenen, die Dramolette und dramatischen Splitter zusammen. Am Schluss, im Vorraum zum Jenseits, entschwindet das zuvor von einem Schnellzug auf dem Bahnsteig zermalmte Ensemble, Friedrich Holländers Lied "Kind, dein Mund ist Musik" trällernd, durch eine Seitentüre: "Ich möchte gerne zärtlich zu dir sein, und du bist immer bös und stumm". Derlei passiert sonst nur im Schreckensmärchen oder in der Logik des Traumes, der auch Ungeheuer gebiert. Oder eben auf der Theaterbühne bei Andrea Breth. (Die Welt)

Die deutsche Regisseurin Andrea Breth hat in Wien zur absurden Komödie gefunden.
Die „Zwischenfälle“ sind deshalb eine rekordträchtige Burgtheaterproduktion: Über fünfzig Fragmente fügte Andrea Breths Dramaturg Wolfgang Wiens in einer Collage zusammen. […] Die zehn Darsteller schlüpfen dafür in etwa neunzig Rollen. Fast jeder Auftritt wird mit Zwischenapplaus bedacht, dieser Applaus ist immer wieder phänomenal.
Das Bühnenbild gibt sich puritanisch. Mit all seinen durchbrochenen Zwischenwänden wirkt es, als hätte sich der wirre Verstand einen Weg in die Freiheit geschossen. […]
Etwas Sex and Crime, Romantik, Karrierismus, Märchen und andere Erzählkonzepte fegen durch das Environment. Hier, im global gedachten Wartezimmer, wird der Sinn des Lebens erzeugt, und im gleichen Atemzug wird er wieder verworfen.
Johanna Wokalek ist dabei jene Darstellerin, die den größten Wandel durchlebt: Von einem barbusigen Nachbarsweib im Fat-Suit, zur weinerlichen Braut zu einer Büroangestellten. Nebenbei brilliert Markus Meyer mit atemberaubenden Balletteinlagen. Das gesamte Ensemble arbeitet unglaublich präzise, es bereitet stundenlange Freude zuzuschauen: „Die Suppe“ nennt sich jene Dialogschleife von Charms, die Elisabeth Orth und Udo Samel zu einem der Höhepunkte dieses Abends verarbeiten. Innerhalb von wenigen Minuten ändern sie kontinuierlich die Färbung ihrer Äußerungen. Für das Geschehen bleibt das einerlei, sie sind in einer Endlosschleife, geben sich aber kämpferisch: flötend, oder weinerlich, didaktisch, ein wenig grob, oder mitleid-heischend. Wunderbar.
Das Publikum ist davon durch einen Gaze-Vorhang getrennt, der blitzartig aufleuchtet, wenn ein Szenenwechsel bevorsteht. Nach Breth lässt sich Humor scheinbar bestens hinter einer teiltransparenten vierten Wand fassen. So wie sie es im Mittagsjournal-Interview mit dem Radiosender Ö1 geäußert hat, sucht sie dabei nach einer „Traumdramaturgie“. Breth meint dort: „Unter Umständen leben wir in einer Zeit, in der uns mehr der Unsinn zum Sinn führt.“
Nach diesem Abend ist evident, dass Andrea Breth eine bemerkenswerte Hand für absurdes Theater besitzt. Man bewundert dabei die schnellen Wechsel zwischen den einzelnen Bildern: Effekte ohne jegliche Effekthascherei. (nachtkritik.de)

Die zweite Säule des Gelingens steuerte der geniale Bühnenbildner Martin Zehetgruber bei, der seiner Fantasie und den technischen Ressourcen des Hauses so reichlich Auslauf bot, dass am Schluss auch die Bühnenarbeiter berechtigterweise tosenden Applaus bekamen.
Ganze 52 Szenen packt die Breth in den Abend: Einige davon währen zehn Minuten, andere nur zehn Sekunden. Zehtgrubers Tüllblende, gut gesetztes Licht und Hochbetrieb im Schnürboden schaffen eine rasende Abfolge von Szenen, die zum Teil ans Illusionistische grenzen. Alexander Nefzgers Soundtrack unterstützt diesen Eindruck. […]
Was ihre Darsteller betrifft, durfte sich die Breth im Olymp des Burgtheaters bedienen: Andrea Clausen, Corinna Kirchhoff, Elisabeth Orth sind dabei. Ebenso Peter Simonischek, Udo Samel, Hans-Michael Rehberg, Roland Koch und die Jünglinge Markus Meyer und Gerrit Jansen. Wiewohl man allen die helle Freude und hohe Kompetenz bei ihrem Tun anmerkt, seien einige gesondert erwähnt: Etwa die große Elisabeth Orth als demente Weird Lady am Telefon, Udo Samel, der ganz offenbar alles kann, Johanna Wokalek, die mühelos zwischen fetter Schlampe und Kleinkind changiert, Roland Koch, dessen idiomatische Bravourstücke begeistern, Hans-Michael Rehberg, der auf berührende Art sein Alter ironisiert.
Und dann noch Simonischek. Selten zuvor hatte er Gelegenheit, sich als derart vielschichtiger, auch bösartiger Komödiant zu beweisen, der seinen Witz bis in die subtilsten Tonlagen steuert. (Kleine Zeitung)

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