Burgtheater

Du liebe Zeit. Liebe Zeit? Peter Handke. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
(c) Reinhard Werner

‹Die letzten Zeugen›

75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938
Ein Projekt von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann

Sie sind die Letzten. Wie lange werden wir noch Überlebende befragen können, wie lange ihnen noch zuhören dürfen? Sie treten auf und sprechen, um zu erzählen, wie sie der Vernichtung knapp entkamen.

Sie bezeugen, wie Unzählige getötet wurden. Der Mord an Millionen liegt ihrem Leben zugrunde. Was geschah, vergessen zu machen, heißt, sie ein weiteres Mal auslöschen zu wollen. Sie bekunden, was ihnen widerfuhr. Aus Kollegen wurden Räuber. Aus Nachbarn wurden Mörder. Die Verfolgten wussten nicht, wie ihnen geschah. Die Zeit heilt nichts. Wovon sie uns berichten, bleibt eine offene Wunde. Was aber, wenn ihre Stimmen versiegen? Sie bringen ihre Erinnerungen auf die Bühne. 75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 kommen sieben Zeitzeugen mit ihren Texten zu Wort. In ihrer Anwesenheit und unter ihrer Mitwirkung werden ihre Berichte von Ensemble-Mitgliedern dargeboten. Was sie niederschrieben, greifen Jüngere auf und eignen sich die Sätze an. Nicht gegen Vergangenes wenden sich die Zeitzeugen, sondern gegen das Fortwirken dessen, was einst nach Auschwitz führte. Wer die Nachrichten verfolgt, weiß: Der Genozid ist keineswegs Geschichte. Der Massenmord bleibt der Zerrspiegel unserer Zeit. Nichts anderes ist es, was die Überlebenden uns sagen, und sie bemühen sich, ihre Erfahrungen über den eigenen Tod hinaus am Leben zu erhalten. Es geht darum, ihre Botschaft aufzunehmen und die Last der Erinnerung mit ihnen zu teilen.

Die Vorstellung auf der Burgtheaterbühne dauert ca. 2 Stunden, nach einer Pause finden in den Foyers moderierte Gespräche mit den Zeitzeugen statt. Diese dauern ca. 1 Stunde.

Werkbuch zu „Die letzten Zeugen“:


Das Werkbuch mit den Texten der Aufführung des Zeitzeugenprojektes von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann ist vor den Vorstellungen im Burgtheater und bei der Information in der Kassenhalle für € 5,- erhältlich.


Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2014

Einrichtung: Matthias Hartmann

Bühne: Volker Hintermeier

Kostüme: Lejla Ganic

Licht: Peter Bandl

Video: Moritz Grewenig, Anna Bertsch, Florian Gruber, Markus Lubej

Dramaturgie: Andreas Erdmann

„Die letzten Zeugen“ ist ein kluger, großer, unverzichtbarer Abend. [...] Autor Doron Rabinovici hat das Programm im Verein mit Burgdirektor Matthias Hartmann entworfen. Man muss die Überlebenden des Holocaust darum bitten, über das von ihnen Erlebte zu sprechen. Eile ist geboten. Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold (100 Jahre alt), Rudolf Gelbard und Ari Rath legten Zeugnis ab. Vier Burg-Mimen liehen ihnen, von je einem Schluss-Statement der Hauptfiguren abgesehen, die Stimme. Rabinovici/Hartmann haben die Worte der Opfer zu einem zusammenhängenden Text klug verwoben. [...]
Der von Hartmann eingerichtete Abend bleibt zu jeder Zeit schlank und auf das Notwendigste beschränkt. Man sieht eine junge Frau, die die Füllfeder über eine Seite gleiten lässt. Die Schauspieler führen in einer Art Abschiedssymphonie jede und jeden Beteiligte(n) nach vorn. „Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet“, sagt Gelbard (82). Ceija Stojka hat die Premiere dieses unverzichtbaren Abends nicht mehr erlebt. Die Roma-Künstlerin ist im Jänner gestorben. (Der Standard)

Erschütternd, wachrüttelnd, aber auch berührend: 75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 widmen Burgchef Matthias Hartmann und Autor Doron Rabinovici den „letzten Zeugen“ ein Projekt, in dem die große Last der Erinnerungen von Überlebenden des Nazi-Terrors sichtbar und schmerzhaft spürbar wird. Still und beinahe regungslos sitzen sie hinter einer durchsichtigen Leinwand, auf der immer wieder Jugendbilder und Fotos von verschollenen Angehörigen sichtbar werden: [...] Ihre Züge verändern sich kaum beim Hören ihrer Erlebnisse von den ersten Übergriffen in dieser Stadt, von Ghettoisierung in Wilna, von ihren tapferen Müttern beim Transport zu und beim unmenschlichen Leben in den Vernichtungslagern, als U-Bootin Wien …
Das Gedächtnis an den Massenmord erhalten und den Menschen von heute eine Warnung mitgeben. Beides wird erkennbar in ihren gedankenvollen Texten, die von Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer gelesen werden. (Kronen Zeitung)

75 Jahre nach dem Novemberpogrom von 1938 bringt ein Projekt von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann Überlebende der Vernichtung auf die Bühne. Eine bewegende Collage mit Erinnerungen starker Charaktere.
Im Hintergrund der Bühne des Burgtheaters sitzen Zeitzeugen in einer Reihe. Sie sind zwischen 81 und hundert Jahre alt, sie konfrontieren das Publikum. Vom Vordergrund trennen sie transparente Schleier. Live und in Großaufnahme wird dort zwischen historischen Aufnahmen das Gesicht jenes Überlebenden des Holocaust gezeigt, dessen Aufzeichnungen vorn an einem Pult gerade eine Schauspielerin oder ein Schauspieler vorliest. Im Zwischenraum, hinter der Leinwand, sitzt eine Frau und schreibt auf einer großen Papierrolle mit. Die Rolle ist am Ende sehr lang, gut zwei Stunden wird gesprochen. Dieses Aufzeichnen sieht man ebenfalls auf dem Screen. Es gehört wesentlich zu den Details eines bewegenden Abends. Der Terror der Nazis, die Vernichtung von Juden und Roma und allen anderen wird weiterhin protokolliert. Kein Name darf vergessen werden. [...] Zu Wort kamen Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath. [...]
Auch die Schauspieler vorn rechts, die die Schicksale vortrugen (Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer), waren sichtlich mitgenommen von dem, worüber sie berichteten, nein, ebenfalls Zeugnis ablegten. Am Ende führten die Vorlesenden nach und nach die Protagonisten von der Bühne – würdige Momente.
Die konzentriert und schnörkellos inszenierte Collage [...] gab auch neuen Mut. Denn die Überlebenden, so verschieden ihre Biografien sich entwickelt haben, sind alle starke Persönlichkeiten voller Beharrlichkeit, die ein Wunsch eint [...]: künftigen Generationen vermitteln, wie es war. [...]
Diese Geschichten, die 1938 begannen und bis in die unmittelbare Nachkriegszeit führten, bekamen in der dramatischen Einrichtung von Hartmann ungeheure Intensität. Es ist eine Sache, in Rabinovicis autobiografischem Buch [...] zu lesen [...]. Es ist ein noch viel stärkerer Eindruck, wenn man beim Vortrag dieser Geschichte das gefasste, konzentrierte Gesicht des Opfers in Großaufnahme sieht. (Die Presse)

Drei Frauen und drei Männer nehmen auf der Burgtheater-Bühne Platz. [...] Sie sind im Hintergrund präsent, während Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knack und Daniel Sträßer im Vordergrund Passagen aus ihren - erst Jahrzehnte später niedergeschriebenen - Zeitzeugenberichten zu Gehör bringen, in einer von Doron Rabinovici mit Feingefühl zusammengestellten Dokumentation. Für die sensible szenische Betreuung dieses Projektes, [...] ist Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann zu danken. [...]
In allen Berichten kommt die damals allgegenwärtige Angst beklemmend zum Ausdruck, das Bemühen, Worte für das Unfassbare zu finden, die Trauer um die ermordeten Familienangehörigen und die Millionen Toten des Holocaust. "Das Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet", wird einmal zitiert, verpflichtet, die Erinnerung an die Toten als deren Sprachrohr lebendig zu halten und authentisch Zeugnis abzulegen für die kommenden Generationen. Für die Holocaust-Forschung und deren Vermittlung sind diese authentischen Aussagen unverzichtbar - und so darf man diesen großen und unvergesslichen Burgtheater-Abend auch als wichtigen zur Arbeit an einer weiterwirkenden Erinnerungskultur verstehen. (Wiener Zeitung)

Suzanne-Lucienne Rabinovicis erzählerische Kraft zieht die Zuhörer sogartig in die kaum fassbaren Berichte aus dem Ghetto in Vilnius. Wortgewaltig und nuancenreich schildert sie den Sadismus der SS-Männer, die unmenschlichen Bedingungen der Verstecke, den Mut der Mütter. Beherrscht hört sie zu, wenn Burgschauspielerin Dörte Lyssewski ihren Text liest. Danach tritt sie selbst an die Rampe der Bühne. Voller Brüchigkeit und Tapferkeit trägt sie ein Gedicht vor, das sie im KZ verfasst hat. [...]
Vier Burgschauspieler – Dörte Lyssewski, Mavie Hörbiger, Peter Knaack, Daniel Sträßer – tragen Texte dieser „letzten Zeugen“ vor, die währenddessen hinter weiß durchschimmernder, gerahmter Leinwand sitzen, die als Projektionsfläche für historische Aufnahmen dienen. Sechs letzte Zeugen beobachten das Bühnengeschehen, gegen Ende des Abends tritt jeder von ihnen aus der dunklen Tiefe der Bühne hervor und ergreift das Wort. Mutig verfolgen sie alle dasselbe Ziel: „Dass so etwas nie wieder passiert.“
Der erste Teil des Abends endet mit einem berührenden Lied der im Jänner verstorbenen Künstlerin Ceija Stojka, die als Lovara-Roma drei Konzentrationslager überlebte. (Salzburger Nachrichten)

Die 84-jährige Lucia Heilmann [blinzelt] in die Scheinwerfer. Es ist ihr Abend. Und der Abend von sechs weiteren Opfern der NS-Zeit, die auf wundersame Weise durchgekommen sind. [...]
Zwei Stunden lang fügen sich Geschichten von menschenverachtender Grausamkeit, von Morden und auch vom bisweilen absurden Glück zu einer einzigen Erzählung. Dann gibt es Standing Ovations für die „letzten Zeugen“. [...]
Es gibt an diesem Abend viele Geschichten über menschliche Abgründe und offene Mordlust, über einen grölenden Sadismus [...]. Noch heute zucke sie zusammen, wenn in ihrer Wohnung die Glocke geht, sagt Lucia Heilman, und der über hundert Jahre alte Marko Feingold erzählt von seinem Weg durch die Konzentrationslager. [...]
Aber es gab das andere auch. Menschen, die geholfen haben, wie etwa jenen Wiener Kunsthandwerker, der Lucia Heilman bis Kriegsende versteckt hat, oder alle die Unbekannten, die nur kurz ins Bild treten, aber doch ein Leben retten.
Das Burgtheater wäre keine Staatsbühne, wenn dort die Österreicher nicht etwas über sich selbst erfahren würden. Und so ist der Abend auch eine kathartische Übung, die das Publikum mit angehaltenem Atem über sich ergehen lässt. (Die Welt)

Nach Jahrhunderten, in denen sich der Mensch verzweifelt ums Dokumentieren bemüht hat, besteht die größte Herausforderung heute im Löschen. Nicht beim Erinnern brauchen wir Hilfe, heißt es, sondern beim Vergessen. Doch dann passiert ein Abend wie neulich im Burgtheater, und man merkt: alles nicht wahr. Da sitzen „Die letzten Zeugen“ auf der Bühne, fünfundachtzig, neunzig, hundert Jahre alt, ein paar der allerletzten Überlebenden des Holocaust, und führen uns vor, wie wichtig erinnern ist. Und wie schnell es mit dem Vergessen gehen kann, wenn man nicht achtgibt. (Die Presse)

Das Burgtheater ist kein intimer Rahmen, fast hat man Angst, die Geschichten könnten in diesem riesigen Saal verlorengehen. Aber das Gegenteil passiert: Selten erlebt man einen vollen Theaterraum so konzentriert. Die Schauspieler Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer lesen abwechselnd autobiografische Texte von Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, Marko Feingold, Rudolf Gelbard und Ari Rath.
Die Zeitzeugen sitzen am hinteren Ende der Bühne. Durch zwei Gazeleinwände sind sie vom Publikum getrennt und nur in Konturen erkennbar. Wenn ihre Geschichten vorgelesen werden, filmt man ihre stolzen Gesichter in Nahaufnahme und projiziert sie auf die Leinwände. Dort entstehen Bildcollagen: Auschwitz, Theresienstadt, „Arbeit macht frei“, Fotos von Angehörigen, beschmierte Schaufenster, die Schule in der Pazmanitengasse, der Eislaufverein am Heumarkt.
Besonders berührend sind die kurzen Momente, in denen die Überlebenden nach vorn kommen. „40 Jahre hat es gedauert, bis sich Österreich seiner Nazivergangenheit gestellt hat“, sagt Ari Rath. Suzanne-Lucienne Rabinovici liest ein Gedicht auf Jiddisch vor; es handelt vom Tod des Vaters. Lucia Heilman, die im Versteck überlebt hat, stellt fest: „Das Burgtheater und die hier versammelten Menschen sind ein Zeichen der Würdigung der Menschen, die Juden während des Nationalsozialismus geholfen haben.“ Hartmann und Rabinovici haben einen Abend gegen das Vergessen inszeniert. (Falter)

Gesprochen wird, basierend auf den Büchern der Zeitzeugen, eine Textcollage, die deren Erlebnisse und Erfahrungen chronologisch neben- und nacheinander setzt (Dramaturgie: Andreas Erdmann). Was darin erzählt wird, ist traurig, schmerzhaft und brutal, und dabei auch, als die Geschichte eines Menschen, den man sieht und hört: unerhört. Hörenswert als ein Teil unserer Geschichte und als ein Teil unserer Gegenwart: auch das ist der Mensch also. Und daher ist, neben den Schulen und Vortragssälen des Landes, auch das Theater der geeignete Ort dafür. [...] Wie beeindruckend ist es, als, nach zwei Stunden Lesung und einer kurzen Pause, in den Foyers des Burgtheaters ebendiese Überlebenden nun tatsächlich selbst sprechen und wach sind, sehr lebhaft und divers. (Nachtkritik.de)

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