Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Frida-Lovisa Hamann, Catrin Striebeck, Dorothee Hartinger (c)Reinhard Werner, Burgtheater

Wolfram Lotz
‹Die lächerliche Finsternis›

„Wir sitzen hier mitten im Kriegsgebiet, aber wir bekommen nichts davon mit.“

Ein somalischer Pirat bittet vor dem Hamburger Landgericht um Verständnis für seinen Überfall auf das Frachtschiff MS Taipan und beklagt den Verlust seines Freundes Tofdau. Hauptfeldwebel Pellner und der Gefreite Dorsch fahren mit einem Patrouillenboot hinein in die Regenwälder Afghanistans. Ihr Auftrag: Liquidierung eines durchgedrehten Oberstleutnants. Die Reise führt immer tiefer in eine wirr wuchernde Welt, in der koloniale Geschichte und neokolonialistische Realitäten untrennbar miteinander verbunden sind. Immer weiter entfernen sie sich von der sogenannten Zivilisation, hinein in die Wildnis und Dunkelheit. Als der ertrunkene Pirat Tofdau unerwartet in die Geschichte zurückkehrt und in der Finsternis um Hilfe fleht, wird er von Hauptfeldwebel Pellner erschossen. Denn in dieser Erzählung ist kein Platz mehr für einen Fremden. Skurril und filigran, ironisch und zugleich unendlich traurig beschreibt Wolfram Lotz in seinem Text unsere Unfähigkeit, das Fremde wirklich verstehen zu können: Das Grauen eines weit entfernten Kriegs, eine andere Kultur, einen anderen Menschen und zuletzt sogar sich selbst.



Ausgezeichnet vom Fachmagazin Theater heute zum "Stück des Jahres" und "Bühnenbild des Jahres". Dušan David Pařízek wurde zum "Regisseur des Jahres" gekürt, Stefanie Reinsperger zur "Schauspielerin und Nachwuchsschauspielerin des Jahres".

Wolfram Lotz im Gespräch mit Klaus Missbach (abgedruckt im Burgtheater Magazin "SpielBurgSchau Okt/Nov 2014")


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie und Bühne: Dusan David Parizek

Kostüme: Kamila Polívková

Licht: Felix Dreyer

Dramaturgie: Klaus Missbach

Wolfram Lotz bedient das Theater nicht, er fordert es heraus. Nicht weil er dem Medium misstraut, im Gegenteil: Er traut dem Theater alles zu. An diesem Abend bekommt er es zurück. (SZ)

Am Akademietheater übertreffen Autor und Regisseur einander mit ihrem Sinn für surrealen Humor, der die Wirklichkeit von innen her auslotet, sie x-mal bricht und als Persiflage in Potenz den Horror der Welt doch nicht bloss aufs Korn, sondern ernst nimmt. (NZZ)

Dušan David Pařízek macht „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz mit vier tollen Schauspielerinnen zu einer augenzwinkernden Expedition in Abgründe. (Die Presse)

Der neue Theaterhit: Wolfram Lotz‘ Drama ist ebenso witzig wie gescheit. [...] In „Die lächerliche Finsternis“ werden die Grenzen des Theaters neu ausgelotet. Vor dem staunenden und begeisterten Publikum im Akademietheater und in der vorzüglichen Regie von Dušan David Pařízek werden ungeniert Parallelen gezogen, werden jüngste Ereignisse zur grotesken Parabel verwandelt. (Wien live)

Es ist ein unendlicher Spaß, zuzusehen, wie sich Dorothee Hartinger, Fida-Lovisa Hamann, Catrin Striebeck und Stefanie Reinsperger die Bühne aneignen und Theatergesetze aushebeln – schließlich ist der Dschungel in Pařízeks kluger Inszenierung vor allem ein Bühnenraum, den es zu erkunden gilt. (Die deutsche Bühne)

Regisseur Dušan David Pařízek baut eine brüchige Welt aus Holzlatten, vertraut ganz dem Text und gibt seinen vier fantastischen Darstellerinnen Raum, eine gewaltige Geschichte mit Mitteln der Sprache, mit Gesang und Geräuschen zu erzählen. (Tiroler Tageszeitung)

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„Die lächerliche Finsternis“ ist eine Paraphrase auf Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ beziehungsweise den darauf basierenden Vietnamfilm „Apocalypse Now“. [Lotz’] Afghanistan ist ein dunkler Kontinent, der sich aus allen Krisengebieten von Afrika bis Ex-Jugoslawien zusammensetzt, die uns Mitteleuropäer das Fürchten lehren, weshalb wir sie vorsichtshalber ignorieren. Es geht also nicht um Afghanistan, es geht um uns. [...]
Pařízek [hat] das Männerstück ausschließlich mit Frauen besetzt. Catrin Striebeck spielt den Hauptfeldwebel Pellner, Frida-Lovisa Hamann den sensiblen Unteroffizier Dorsch, Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger übernehmen die anderen Rollen. Gut sind sie alle, die 26-jährige Reinsperger aber, neu im Burg-Ensemble, ist die Sensation des Abends. Gleich ihr erster Auftritt ist eine Wucht: Den hochkomischen und auch poetischen Monolog eines sympathischen Piraten, mit dem das Stück beginnt, spricht sie in breitem Wiener Dialekt [...], so offen und ungeschützt, dass man erst meint, da stehe eine Laiendarstellerin auf der Bühne. Bald erkennt man, was für eine ungewöhnliche, kraftvolle und komische Schauspielerin sie ist.
Der vom Regisseur gestaltete Raum hat den Charakter einer Probebühne. Eine Bretterwand markiert die Spielfläche, für visuelle Effekte reichen zwei Overheadprojektoren. [...]
Das desillusionierende Setting der Inszenierung ist der passende Rahmen für einen Autor, der sich keine Illusionen macht und die Bühnenrealität selbstverständlich in seine Stücke einbezieht. Wolfram Lotz bedient das Theater nicht, er fordert es heraus. Nicht weil er dem Medium misstraut, im Gegenteil: Er traut dem Theater alles zu. An diesem Abend bekommt er es zurück. (SZ)

„Die lächerliche Finsternis“ ist, wie [...] Wolfram Lotz anmerkt, kein Stück, sondern ein Hörspiel [...]. Ausser Buch und Film scheint in diesem Mash-up das Fernsehen – News-, Doku- und Entertainment-Sendungen – mitzumischen. [...]
Es geht um Somalia, Afghanistan, den Balkan; um Piraten, Kriegsopfer, Soldaten, Neo-Kolonisatoren; um arme Schlucker aus überall; um Präpotenz und Ohnmacht; Rassismus, Islamismus und Sexismus. Und um Theater. Wenn die blonde Stefanie Reinsperger – eine Wucht! – zu Beginn das Plädoyer des „schwoazen Negas“ Ultimo performt, weiblich-weanerisch, erzählt sie ausser der himmeltraurigen Drittwelt-Story auch vom lokalen Prekariat. Derb und charmant zugleich, verkehrt sie zudem die Blackfacing-Debatte. [...]
Metaphern und Meta-Ebenen gehören bei Lotz und Pařízek dazu wie Zwiebelhäute zu Peer Gynt. Das „Herz“ indessen stellen die Figuren und ihre jammervollen Schicksale dar, von denen der Text erzählt. [...]
Doch gerade das Burgtheater besitzt [...] die Kapazitäten, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen: Es achtet und wertschätzt die Schauspielkunst und sucht, wie alle andern, neue Orientierung. (NZZ)

In die globalisierte Welt von heute transferiert, leuchtet sein Stück „Die lächerliche Finsternis“ einen Endpunkt aus: den Endpunkt internationaler Politik, den Endpunkt des Verstehens des Fremden, der „exotischen“ Welt jenseits des mitteleuropäischen Wissens- und Vorstellungshorizonts. Aber um nichts weniger auch das Nichtverstehen des allernächsten Kollegen im Boot.
Regisseurinnen und Regisseure können über solche sich dem simplen Bebilderungstheater vehement widersetzende Stücke nur jubilieren. [...]
Vor uns steht an der Rampe mit Holzwand eine Frau in Trainingsanzug und blondem, zum wuscheligen Knödel gebundenem Haar (Stefanie Reinsperger) und behauptet, sie sei „ein schwarzer Neger aus Somalia“. Ihre in breitem Wienerisch gehaltene Rede als ein verurteilter Pirat, ist Teil I des Stücks. [...]
Stefanie Reinsperger, neu im Ensemble, leitet dergestalt mit existenziell bebender Kraft grandios in den Abend ein. [...]
Alle Männerrollen werden von Frauen gespielt. So dringen Catrin Striebeck mit Schnauzbart und Haarzopf (als Hauptfeldwebel) und Frida-Lovisa Hamann (als Unteroffizier) ins Innere Afghanistans vor. [...]
[W]ie Lotz diesen auf fast kindlich-hilflose Weise fehlgeleiteten weltpolitischen Zusammenhalt arrangiert, das ist bezwingend in seinem Mut zur Naivität und Härte zugleich. Er gestattet dem Theater eine naive Position, die Regisseur Pařízek fabelhaft nützt. Er entwickelt einen heiteren Analog- und Unplugged-Abend, der sich der Gattung des Textes, eigentlich ein Hörspiel, besinnt: Livegeräusche und Gesang des grandiosen Ensembles (Dorothee Hartinger bläst die Tuba). Tosender Applaus. (Der Standard)

Ein tolles Frauenquartett mutiert hier zu harten, einsamen, verletzten Männern, zu Freibeutern, Soldaten, Predigern, Händlern und anderen Exoten. Stefanie Reinsperger zum Beispiel gibt eingangs einen Somalier, der an der Universität von Mogadischu Piraterie studiert hat und jetzt in Hamburg vor Gericht steht, weil er vergeblich versucht hat, den Frachter MS Taipan zu kapern. Reinsperger benutzt gar das N-Wort und macht sich später ein „Blackface“, sie verteidigt sich bei ihrem großartigen Solo in breitem Wienerisch so skurril und treffend, dass man denkt: Freispruch! [...]
Nichts ist echt, wird andauernd augenzwinkernd demonstriert: „Es ist ja nur ein Text!“ Sogar Urwaldgeräusche müssen jene, die gerade nicht am Wort sind, mit einfachen Mitteln selbst erzeugen – das ergibt ein Rascheln und Rufen und Brüllen wie im tiefsten Herzen der Wildnis, dem idealen Umfeld für militante Helden: [...]
Hamann hat einen schwierigen Part – den melancholischen, während Striebeck sich als Macho verstellen darf, Hartinger als irrer Prediger oder als Soldat mit Hitler-Bärtchen an Skurrilität kaum zu überbieten ist und Reinsperger fantastisch in der Übertreibung schwelgt. Alle vier aber liefern ausgelassene Glanznummern ab. Die Regie holt das Maximum an Elan aus ihnen und auch aus dem abenteuerlichen Text heraus.
Diese „lächerliche Finsternis“ gelingt vor allem, weil Pařízek offensiv das Einverständnis der Zuseher sucht. Der Zynismus dieses Textes ist in unverschämte Naivität verpackt. (Die Presse)

Regisseur und Bühnenbildner Pařízek nimmt Lotz‘ Text zum Anlass, das Theater als Repräsentationsmaschine zu untersuchen, die an den Grenzen des eigenen Darstellungsvermögens heißläuft. Dabei zeigt er Gespür für die Materialität des Bühnenraums: Seine Zivilisation ist eine Sperrholzwand mit zwei Overhead-Projektoren, umgeben von der Wildnis der ausgeräumten Bühne des Wiener Akademietheaters. Für den Urwaldsound müssen die Schauspieler selbst sorgen, mit Wasserflaschen, Kübeln und allerlei Krimskrams. (Nachtkritik.de)

Dušan David Pařízek inszeniert das Ganze als Happening jenseits jeder Realität, wo krude Grausamkeit und knallige Kabarettistik sich abwechseln und die zahlreichen Männerrollen von vier Frauen gespielt werden: Catrin Striebeck, Dorothee Hartinger, [...] Frida-Lovisa Hamann und Stefanie Reinsperger [...] lassen sich mit Virtuosität auf alles ein, was man ihnen abverlangt. (Neues Volksblatt)

Dušan David Pařízek setzt [...] auf eine selbstreflexive Lo-Fi-Ästhetik (Diaprojektoren auf einer fast leeren Bühne, Dschungelgeräusche werden live hergestellt), und ein extrem starkes vierköpfiges Frauenensemble, das jede verschwitze Männerromantik sofort ironisch bricht. (Die deutsche Bühne)

Dušan David Pařízek [...] wechselt geschickt mitten im Spiel zwischen Vortragsmonolog und Figurendialogen . So entsteht ein witzig-kluges Vortrags- und Vorspiel-Theater. Das auskommt mit einem leeren Spielpodest vor Bretterwand rechts, einem Tisch links für die Schauspieler zum Geräusche machen und einem Overheadprojektor. (Deutschlandfunk)

Catrin Striebeck führt als eine Art Erzähler durch die krude Handlung – und stellt in schnittigem Hosenanzug, mit aufgeklebtem Menjoubart und umgeschnallter Schusswaffe den wohl abgefeimtesten Hauptfeldwebel in der Geschichte des Militarismus dar. Den italienischen Offizier, der in Afghanistan offenbar den Verstand verloren hat, parodiert Dorothee Hartinger punktgenau, gewissermaßen treffsicher wie eine Präzisionswaffe. [...] Frida-Lovisa Hamann komplettiert als biederer Unteroffizier Stefan Dorsch neben Wien-Debütantin Stefanie Reinsperger das Frauen-Quartett. Reinsperger ist die Entdeckung des Abends. [Sie] entfaltet eine beeindruckende schauspielerische Bandbreite. Sie überzeugt in der Rolle eines sprechenden Papageis ebenso wie als serbischer Händler, der das traurige Schicksal seiner Familie zum Geschäftemachen missbraucht. Reinspergers Paradeauftritt ist aber der somalische Pirat. Auf Wienerisch erzählt die Akteurin ausführlich aus dem Leben eines heutigen Seeräubers [...].
Die Spielfreude des vierköpfigen Ensembles hält den Abend in Schwebe, selbst die Geräuschkulisse des Urwalds erzeugen die Schauspielerinnen selbst, benützen dafür Wasserflaschen und Kübel.
Die Zivilisation ist auf der Bühne des Akademietheaters vom Reich des Bösen durch eine dünne Bretterwand getrennt. Im Lauf des Abends stürzt diese ein und wird während 20-minütiger Pause von den Akteurinnen auf offener Bühne maschinell zu Sägespänen verkleinert. Holz- und Zivilisationsvernichtung als szenische Welterschaffung. (Wiener Zeitung)

Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger und Catrin Striebeck [...] bilden vom ersten gemeinsamen Auftritt an ein wunderbares Quartett [...]. (FAZ)

Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger und – ein neues Gesicht im Burg-Ensemble – Stefanie Reinsperger boten eine großartige Performance [...].
Dorothee Hartinger etwa amüsiert in der Bandbreite ihrer Ausdrucksmöglichkeiten: einmal als bairisch sprechender Leutnant, dann als Kommandeur, der in italienisch gefärbtem Deutsch nuschelt, oder als Missionar.
Catrin Striebeck folgt dem Klischee des Helden, kaum ein Macho ist so cool wie sie, wenn sie sich den Schnauzbart aufklebt. Frida-Lovisa Hamann überzeugt als wunderbar sächselnder Gefreiter und Stefanie Reinspergers Bühnenpräsenz begeistert die Zuschauer. Höchst wandelbar, springt sie souverän zwischen den Figuren und zeigt sich als vielversprechender Zugang im Ensemble. (Salzburger Nachrichten)

Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann und Dorothee Hartinger [sind] mit größter Lust und Wandlungsfähigkeit bei der Sache sind. Sie spielen Piraten und „Eingeborene“, Busch-Missionare und Papageien, deutsche Soldaten und italienische UNO-Offiziere mit größter Ernsthaftigkeit und falschen Oberlippenbärtchen, machen die Geräusche des Regenwaldes und ein deutsches Schunkel-Lied zum täuschend echten Dschungel-Song. Sie wechseln Posen und Dialekte im Handumdrehen und bringen gerade dadurch die Orientierungslosigkeit einer Gesellschaft, die sich für alle globalen Probleme verantwortlich fühlt, aber schon von den ureigensten Schwierigkeiten völlig überfordert ist, auf den Punkt.
„Können Sie sich das vorstellen? Wir sitzen hier mitten im Kriegsgebiet, aber wir bekommen nichts davon mit, weil wir hier weder Fernsehen noch Internet haben“, heißt es einmal. Dem Wahnsinn der Realität begegnet diese Aufführung mit purer Anarchie. (Tiroler Tageszeitung)

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