Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Stefanie Reinsperger, Elisabeth Orth, Christiane von Poelnitz

Ewald Palmetshofer
‹die unverheiratete›

April 1945. Eine junge Frau ist sehr aufgebracht. Man holt eine Militärstreife. 70 Jahre später. Die junge Frau ist jetzt eine alte Frau. Ihre Tochter findet sie in der Küche auf dem Boden. Sie ist gestürzt. Sie ist sehr aufgebracht. Man holt einen Rettungswagen.

„von seinem Sohn erzählt er dem Gericht erzählt erzählt dass er gelacht fernmündlich auf ein Wiedersehn am Schluss gefreut gelacht zeigt mit der Hand das Foto hält er fest zur Faust geballt zeigt auf die Frau bricht ab steht auf ein Raunen Rufen Stimmen.“

Und im Krankenhaus tagen die Ärztinnen und die Schwestern, und vor 70 Jahren tagte ein militärisches Standgericht und ein Jahr später ein Volksgericht. Und eine junge Frau wird abgeführt. „Nicht unhübsch“, schreiben die Zeitungen, „aber reuelos“. Und während die Tochter zum Grab des Vaters Blumen bringt, sammelt die junge Enkelin die Männer wie Schmetterlinge oder Briefmarken, sammelt der Staatsanwalt Aussage um Aussage, versammelt sich das Volk, um Gericht zu sitzen, liest man Äpfel auf vom Boden auf dem Feld und verliest der Richter sein Urteil. Und eine Tochter trauert um den Vater und ein fremder Vater um den Sohn.

„wer ‚A‘ sagt muss auch ‚B‘ der muss auch ‚B‘ muss der so war das immer schon“

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gefängnis und Gericht, Küche, Bett und Krankenhaus untersucht Ewald Palmetshofers Generationendrama mit einer hochartifiziellen und rhythmischen Sprache das Leben dreier Frauen. Es ist ein polymorphes Erinnern, eine Verhandlung, eine Rechtsprechung und erzählt von der ausweglosen Verstrickung dreier Generationen in einem Netz aus Schuld und Liebe.

Eingeladen zum Theatertreffen 2015 und ausgezeichnet mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2015 für Ewald Palmetshofer.

Elisabeth Orth wurde für Ihre Rolle mit dem Nestroy 2015 in der Kategorie „Beste Schauspielerin“ ausgezeichnet.


Nachlesen:
Robert Borgmann - Ein Raum des Widerstands
aus dem Burgtheater Magazin SpielBurgSchau
Ausgabe Dezember 14/ Jänner 15




Mit freundlicher Unterstützung von


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Regie und Bühne: Robert Borgmann

Kostüme: Janina Brinkmann

Musik: webermichelson

Licht: Peter Bandl

Dramaturgie: Klaus Missbach

Am Akademietheater erlebt das neue Frauen- und Generationendrama von Ewald Palmetshofer eine geglückte Uraufführung. (Die Zeit)

Aus dem kurzen Bericht der unmittelbaren Nachkriegszeit hat der Dramatiker Ewald Palmetshofer ein geheimnisvolles, überladenes, hoch poetisches Drama von fast zweieinhalb Stunden gemacht. Sieben hervorragende Schauspielerinnen verwandeln den Abend in ein eindringliches Erlebnis. Sie beweisen mit differenziertem Spiel, welche Energien das Ensemble des Burgtheaters selbst bei einem schwierigen, hermetisch abgeschlossenen Stück freisetzen kann. (Die Presse)

Ein rätselhaft schwieriges Stück von Ewald Palmetshofer mit dem Titel „die unverheiratete" wird im Akademietheater famos zur Uraufführung gebracht. Sieben Frauen, voran Elisabeth Orth, brillieren. (Der Standard)

Palmetshofer gestaltet in seinem Frauenstück eine beklemmende, vom ersten bis zum letzten Augenblick packende, rhythmische Sprachkunst mit Alltagsfloskeln verknüpfende Tragödie unserer Zeit. (Wiener Zeitung)

Anti-Vamp, Unglückswesen: Stefanie Reinsperger spielt „die Junge“, Elisabeth Orth „die Alte“. Sie knacken den sperrigen Text. (Süddeutsche Zeitung)

Elisabeth Orth [...] beherrscht den virtuosen Registerwechsel zwischen intimvertrautem, kuscheligen Großmutter-Ton, dem harten souveränen Zurechtweisen beim Zunahekommen, den Fassaden der Unansprechbarkeit, den Instrumentalisierungen der Krankheit, den lebensabschließenden Verurteilungssprüchen: eine Frau zum Umarmen und zum Fürchten. (Theater heute)

Drei Frauen, fehlende Brüder und ein Verrat während des NS-Regimes in ein kunstvolles Sprachgewebe verpackt: Mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers „die unverheiratete" beschert das Burgtheater seinem Publikum zu Weihnachten etwas Neues aus Österreich, mit einem perfekt passenden bestechenden Ensemble. (Kronen Zeitung)

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Der Erfolg der Uraufführung ist wesentlich den Schauspielerinnen zu verdanken. Als „die Junge" greift Ensemble-Neuzugang Stefanie Reinsperger, drei Monate nach ihrem sensationellen Debüt in „Die lächerliche Finsternis", erneut in die Vollen. Als androgyner Anti-Vamp macht sie eine ebenso gute Figur wie in einer exzessiven Besoffenen-Nummer. Christiane von Poelnitz leidet als „die Mittlere" etwas darunter, dass ihre Rolle lange Zeit wenig Futter hat; erst in ihrem Elektra-Monolog am Ende kann sie ihre Erfahrungen ausspielen, die sie voriges Jahr als Hofmannsthal-Elektra im Burgtheater gesammelt hat.
Das Herz der Aufführung aber ist die 78-jährige Elisabeth Orth als giftige „Alte", in der sich ein störrisches Mädchen verbirgt. Orth spielt diese monströse Figur nicht als Monster, sondern als emotional unterentwickeltes Unglückswesen, für das das Leben eine lebenslange Strafe darstellt. Selbstmord ist für die Alte der logische Schluss. Für die anderen Frauen geht das Leben weiter. (Süddeutsche Zeitung)

Der 36-jährige Dramatiker, der Theologie und Philosophie studierte, hat ein hochkomplexes Stück verfasst, in dem die zeitlichen und räumlichen Ebenen ständig ineinander verschwimmen. In dem reinen Frauenschauspiel ist zwar fortwährend von Männern die Rede, doch diese Phantomgestalten wirken merkwürdig abwesend, als wären sie längst vom Angesicht des Planeten verschwunden. Anders als in seinen früheren Stücken hat Palmetshofer diesmal sein Erkennungszeichen, seine Kunstsprache, die aus Auslassungen, fragmentierter Grammatik und Satzschleifen konstruiert ist, weitgehend verändert. Nun sprechen seine Figuren ein hochrhythmisches, verknapptes Bühnendeutsch, bei dem Wörter und Satzsplitter wie Sprachschrapnells durch den Raum spritzen. Der junge deutsche Regisseur Robert Borgmann (der Burg-Debütant ist auch für das Bühnenbild verantwortlich) hat den Dreikampf der Generationen in einen Käfig flackernder Leuchtstoffröhren gezwängt. Zwischen Grabhügeln, die den Boden bedecken, arrangiert er sein bestechendes Ensemble (in dem die junge Stefanie Reinsperger, die seit dieser Spielzeit an der Burg engagiert ist, neben der Grande Dame Elisabeth Orth heraussticht) zu immer neuen lebenden Tableaus. Die Raumbilder dieser Inszenierung folgen in ihrem rhythmischen Stellungswechsel dem Sprachduktus. Der Regisseur kommt zum Glück weitgehend ohne die theatralische Hochleistungsmaschine der Staatsbühne aus. Er konzentriert sich in dieser mutigen, beinahe richtungsweisenden Aufführung lieber auf die Sprache des Textes, den ihm der Theaterdichter Palmetshofer anvertraut hat. Es war kein Fehler. (Die Zeit)

Furiose Frauen eroberten schon zum Saisonstart das Akademietheater: In Wolfram Lotz herrlicher «Herz der Finsternis»-Postdramatisierung besetzte Dušan David Parízek alle männlichen Rollen weiblich. Insbesondere Stefanie Reinsperger verbuchte damals Speziallob für ihr hemmungsloses Burgtheater-Debüt. Nun, in der Uraufführung von Ewald Palmetshofers «die unverheiratete», steht die wuchtige Blonde wieder auf der Bühne der zweiten Spielstätte, und wieder gibt es Szenenapplaus: In zerrissenen Strümpfen, das Animal-Print-Pelzchen über einem Glitter-Top, stolpert «die Junge» so heißt die Figur auf Highheels durch die Erdhaufen am Boden, schüttet den Inhalt einer Flasche in sich hinein und rapportiert mit schwerer Zunge den letzten One-Night-Stand, bei dem es konversationell um Zukunftsvorstellungen ging. Wo sie sich selbst in zwanzig Jahren sieht, weiß sie nicht. Doch ihn, den Mann, sieht sie in absehbarer Frist «vielleicht bestimmt in mir». [...] Palmetshofer, der philosophisch angehauchte Dramatiker aus dem Mühlviertel, dessen Stücke stets modernes Zeitgefühl und klassische Stoffe verschränken, hat diesmal die ungenügende Vergangenheitsbewältigung seines Landes – der zugrundeliegende Fall ist authentisch – mit der Antike kurzgeschlossen. [...] Palmetshofer mag zu viel wollen, er erreicht immer noch genug. Nicht nur verquicken sich bei ihm die österreichische Geschichte und ihre braunen Gegenwarts-Schatten mit der Problematik der Altenbetreuung (verdient eine Greisin, weil sie den Nazi hörig war, Herzlosigkeit?). Es schiebt sich auch sonst alles über- und ineinander. Drei Generationen, drei Lebensalter: Langsam tastet sich das Stück, in gestelzter Sprache mäandernd zwischen Gerichtssaal, Krankenhaus, Gefängniszelle, an den heißen Kern heran, nämlich die Aufzeichnungen der Großmutter in einem Heft, das sie der Enkelin übergibt: zweischneidiges Erbe, bittere Desillusionierung. Eine heilsame Kur? [...] Wie unzulänglich Dokumente sein können, weiß Palmetshofer allerdings, der die Akten zum behandelten Fall studierte. Seine Methode, den Figuren indirekte Reden in den Mund zu legen und sie in Jamben zu fassen, soll diesmal nebst effektvoll-artifizieller Theatralik durchaus auch Distanz schaffen. [...]
Was den Chor (Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel) keineswegs davon abhält, sich mit körperlicher Wucht und verbaler Verve ins Getümmel zu stürzen: ein Richter-, Krankenschwestern- und Gefängniswärterinnen-Quartett von unerschöpflicher Energie, dessen wechselnde Kostüme (Janina Brinkmann) in den historischen Theaterfundus führen. Ja, alles hier spielt zwischen üppigen Vorhängen auf dem Theater, dessen Potenzial der junge Borgmann lustvoll anzapft, indem er Überlebtes, Verdrängtes und Ungehöriges auf der Bühne stilisiert, ohne es zu sterilisieren. Einige seiner Bilder bleiben Rätsel. Man trägt sie gern mit sich nach Hause. Als Vorrat. (NZZ)

Sieben Schauspielerinnen brillieren bei der Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Die Unverheiratete“. Regisseur Robert Borgmann setzt auf erdige Symbole. [...]
Aus dem kurzen Bericht der unmittelbaren Nachkriegszeit hat der Dramatiker Ewald Palmetshofer ein geheimnisvolles, überladenes, hoch poetisches Drama [...] gemacht [...]. Sie spielen verhärmte, frustrierte, verletzte, harte, exzessive Frauen. Von der Zärtlichkeit bis zur Heimtücke ist alles drin. Vor allem aber wird ohne Rücksicht auf Verlust nachgefragt in diesem charaktervollen Spiel. [...] Reinsperger und Orth bilden das Kraftzentrum, jede auf ihre Art, die Jüngere mit ungeheurer Energie und zarten Anflügen von Komik, die leicht im Tragischen enden, die Ältere mit enormer Präsenz und außergewöhnlicher Modulationsgabe. Orth flötet, raunzt, wirbt, äußert kalte Wut und spricht dann lakonisch einen Satz wie: „Was nützt die Wahrheit, wenn man sie nicht glaubt?“ [...] Auch die Mittlere ist eine Unheimliche, sie wird von der Tochter mit Blut übergossen, als nehme sie Teil an einem uralten Opfer, als werde der Hass auf die Mutter übertragen. Von Poelnitz zieht alle Register der Emotionen. Doch der Knoten löst sich nicht in dieser vielschichtigen Versuchsanordnung von Verbrechen und Strafe, von Schuld und Sühne. Nein, noch enger zieht er sich, bis der Atem stockt. Das banale Böse bleibt ein Rätsel. (Die Presse)

Das jüngste Stück des Oberösterreichers Ewald Palmetshofer heißt die unverheiratete und wühlt den Boden der Geschichte auf. Gefragt wird nach der Schuld der Eltern. Gesucht wird die Ursache für das Verhängnis im ältesten Wurzelgrund des Mythos: im Boden von Mykene, unter dem Beil Elektras. [...] Aus den Gerichtsakten des Falles hat Palmetshofer einen Rätseltext verfertigt. In dem ist die Täterin von einst (Elisabeth Orth) die Wiedergängerin ihrer selbst. Über 90 Jahre alt ist sie, „hingefallen" soll sie sein. Hier, in Robert Borgmanns herrlich unbekümmerter Inszenierung, sieht man nur eine ungebrochene, alte Frau, die von innen heraus leuchtet. Fragen wehrt sie ab wie lästige Fliegen. [...]
Palmetshofers Neubelebung des Atridenstoffes enthält einige wichtige Denkanstöße. Männer oder Väter sind von seiner Versuchsanordnung ausgeschlossen. Frauen werden strikt getrennt in Täterinnen (Großmutter) und in Untätige (Tochter, Enkelin). Der jüngste Spross (Stefanie Reinsperger) ist eine stämmige Schöne, die wunderbar Akkordeon spielt. Die Verzweiflung über die ungeklärte Herkunft übersetzt Reinsperger in rasendes Deklamieren. Wut kocht in ihr hoch, dann vermählt sie ihren Zorn mit Schnaps (aus der Plastikflasche) und frischer Erde. Reinsperger ist als erdnahes Zauberwesen eine Entdeckung dieser Burg-Spielzeit.
Agamemnon gibt es keinen, ebenso keinen Orest. Kinder sind hier Töchter; Produkte kurzer, herzloser Umarmungen. Und die Urmutter selbst setzt sich über alle Erklärungsversuche souverän hinweg. Im Akademietheater steigt die Orth beschwerlich über die Grabhügel der vielen ungenannten, unbekannten Toten. Ein Chor von vier Damen mit Korkenzieherlocken macht sich an die Mauerschau. Man blickt noch einmal in den Gerichtssaal des Entnazifizierungsprozesses, und die Schilderung der Frauen geht in süßes Jambengeschnatter über. [...]
Jubel für alle, vor allem für die famose Elisabeth Orth. (Der Standard)

Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann führt die Verhandlung souverän und [...] hochkonzentriert. Sein Raum ist ein rechteckig in die offene Bühne gehängter Leuchtkasten mit geschätzt 500 Neonröhren an der Decke und den Seitenwänden, die bei Bedarf von inquisitorisch aufflammen bis intim herabdämmern können. [...] Rote Theatervorhänge vorn und hinten grenzen die symbolkonkrete Rauminstallation ab und sorgen mit den Lichtwechseln für die zahllosen Schnitte und Übergänge.
Für Atmosphären und Zeitkolorit sind die Kostüme von Janina Brinkmann zuständig. Die vier Schwestern – Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt und Alexandra Henkel – wechseln von weiß-gilben historischen Spitzenkinderkleidern in strenge BDM-Maiden, schlüsselklirrende Gefängnisaufseherinnen oder bestimmt-unbeteiligte Krankenschwestern. Das sprechaktive Frauenquartett führt ein selbstbewusst-diszipliniertes Eigenleben, jederzeit unberechenbar. Diese munteren Zeitzeugen können sich liebevoll kümmern, sorgsam berichten oder nach dem nächsten Licht-Tapetenwechsel Todesurteile ausfertigen. [...]
Die drei Frauen der Kernfamilie schenken sich nichts an schroffer Liebe. Christiane von Poelnitz, die «Mittlere», steht mit versucht damenhafter Contenance und halboffenen Vorwurfs-Rechnungen eisern zwischen den Generationen: der eigensinnigen Mutter, die sich nie fügen wird, und der in die Stadt entwichenen Tochter, zu der der Dialogfaden mit den Jahren immer brüchiger wird. Schwindende Vertrautheitstöne markieren die Familiengeschichte. Stefanie Reinsperger setzt die «Junge» aus heftig widerstreitenden Antriebsenergien zusammen: zärtliche Anhänglichkeit an die vertrautere Großmutter, eckige Selbstbehauptung zur Mutter, wütende Sauf- und Männergelage und die schlichte Neugier, was denn damals wirklich gewesen sei. [...]
Über allem regiert die immer fragilere, aber emotional – zumindest äußerlich – unangreifbare Großmutter. Gerade Elisabeth Orth sorgt dafür, dass nichts relativiert wird. Sie beherrscht den virtuosen Registerwechsel zwischen intimvertrautem, kuscheligen Großmutter-Ton, dem harten souveränen Zurechtweisen beim Zunahekommen, den Fassaden der Unansprechbarkeit, den Instrumentalisierungen der Krankheit, den lebensabschließenden Verurteilungssprüchen: eine Frau zum Umarmen und zum Fürchten. [...]
Wie steht es also mit der Schuld? Palmetshofer geht einen Schritt über die Frage hinaus und [...] vertraut darauf, dass sich das vielstimmig Unausgesprochene von innen zur Geschichte fügt, an der die Familie zerfällt. Die Wahrheit ist manchmal komplizierter, als man denkt. Aber es gibt sie. Und sie nässt durch alle Verbände bis in die dritte Generation. (Theater heute)

Vier exzellente Schauspielerinnen (Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer, Petra Morzé) repräsentieren den antiken Chor, der informiert, kommentiert, auch die ans Gewissen rührenden Rachegöttinnen repräsentiert, und schlüpfen zudem - als Krankenschwestern, Ärztinnen und dergleichen - in verschiedene Rollen.
Robert Borgmann stellt das Geschehen in einen von Neonröhren umgrenzten, eindrucksvolle Licht- und Schattenspiele ermöglichenden Mehrzweckraum, dessen Boden zum Teil mit Erde von Grabstätten bedeckt ist. Symbolrequisiten und Geräuscheffekte verschränken Annäherungen an die Antike und Gegenwärtiges. [...]
In diesem Rahmen gestalten Elisabeth Orth, Christiane von Poelnitz und Stefanie Reinsperger drei unvergessliche Frauenporträts. Die schlichtweg grandiose Elisabeth Orth als die Alte zeigt eine unerbittliche Greisin, die es mit selbstzufriedenem Lächeln quittiert, wenn sie Tochter oder Enkelin wieder einmal vor den Kopf stoßen konnte. Christiane von Poelnitz steht ihr als verhärmte, sich nach Vaterliebe sehnende Tochter um nichts nach, und Stefanie Reinsperger feiert als Enkelin, die von ihren wechselnden Männerbekanntschaften nur Sex statt einer tiefergehenden Beziehung erwartet, ein fulminantes Burgtheater-Debüt. Alles in allem: Ein perfekter Burgtheaterabend, für den nicht nur die Darstellerriege, sondern auch der Autor mit stürmischen Ovationen bedankt wurde. (Wiener Zeitung)

Regisseur Robert Borgmann inszeniert bei der Uraufführung im Wiener Akademietheater, der Nebenstelle des Burgtheaters, eine Geisterbeschwörung: Von Beginn an türmen sich Gräberhaufen aus Erde auf der Bühne, die Vorhänge heben und senken sich, das Licht flackert.
Manchmal erzeugt diese wuchtige Düsternis einen gewissen Leerlauf, aber im Grunde vertraut die Regie auf ein extrem starkes Frauenensemble. Elisabeth Orth ist eine Idealbesetzung für die Rolle der Großmutter, sie regiert herrisch, säuselt aber im nächsten Moment fast kindlich, ist kalt und abweisend und möchte ihrer Enkeltochter doch vermitteln, wie es damals war. Allein, wenn das nur so einfach wäre.
Stefanie Reinsperger, der starke junge Burg-Neuzugang, stattet die Enkelin mit viel räudiger Energie aus, sie tanzt frei nach DAF den "HC Strache" und den "Thomas Bernhard", sie schleppt laufend Männer ab und bleibt wie eigentlich alle drei Frauengenerationen funkelnd fremdartig, liebenswürdig und doch abgründig. Christiane von Poelnitz pendelt als überforderte, einsame Tochter zwischen Zynismus, Verzweiflung und Wut. Aber auch Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt und Alexandra Henkel sind als kommentierende Figuren, eine Art postmoderner hämischer Rachegöttinnen, pointiert präsent. (Spiegel Online)

Vier skurrile Schwestern, die „Hundsmäuligen", in weißen Shirley-Temple-Kinderkleidchen (Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel) eröffnen mit gehackten Sätzen aus Gerichtsprotokollen den Ausflug zu Palmetshofers tragischen Frauenfiguren, zu Großmutter, Mutter und Enkelin. Er lädt aber auch ein zum Mythos Elektra (ohne zu kopieren), blickt mit Metaphern darauf. Und in ein geplagtes Dasein der Verdrängung, der Liebesleere, Traurigkeit und Nöte.
Szene um Szene, zwischen Krankenhaus und Gerichtssaal, Einsamkeit und Zorn, hat Palmetshofer mit seiner ganz persönlichen, [...] freien Form zusammengefügt, bis zum Ende hin verdichtet.
Elektra und die Orestie in das Heute gebracht: [...] Robert Borgmann hat die Uraufführung der Reise „zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gefängnis und Gericht“, zwischen Leid und Hoffnung inszeniert, die von Elisabeth Orth angeführte Frauenschar [...] in ein skurriles Ambiente verpackt. (Kronen Zeitung)

Der junge deutsche Regisseur Robert Borgmann zeigt auf seiner düsteren Bühne, eine Art Gräberfeld, einen Geisterreigen um drei Frauengestalten. Gespielt wird hervorragend. Die Alte ist Elisabeth Orth. Wie sie die Greisin gibt, die sich verloren, verzweifelt erinnert, wie sie über ihre Tat spricht, scheinbar Schuld zu verhüllen sucht, ihren körperlichen Verfall trocken kommentiert, ist atemberaubend. Stefanie Reinsperger wirkt ausdrucksstark dämonisch als Enkelin oder als Sirene, die Männer in den Abgrund reißt, wie ihre Großmutter. [...] Die Nebenfiguren sind glänzend mit Sylvie Rohrer, Petra Morzé, Alexandra Henkel und Sabine Haupt besetzt. Das zeigt doch vor allem eines: an der Burg wird starkes Theater gespielt. Und darum geht es.
(News.at)

„die unverheiratete" heißt das Stück, das auf die Abwesenheit der Männer und die Kollaboration der Frauen anspielt, die ihre mordenden Männer unterstützten und deren Herzenskälte auch die eigenen Kinder zerstörte. Das Dilemma von Schuld, die sich über Generationen hinweg fortpflanzt, überhöht Palmetshofer und situiert sein Drama in mythologischem Kontext. Wie in der Atridensage schwingt Tochter Ingrid das Beil und wird so zugleich zu Klytamnestra, die ihren Mann im Bade tötet, als auch zu Elektra, ihrer Tochter, die den Vatermord rächen muss. Doch wie soll das gehen, wenn die eigene Mutter die Täterin ist, die Mutter aber verehrt und geliebt werden sollte? [...] Elisabeth Orth überzeugt als hochbetagte, eiskalte Denunziantin, vor allem weil sie Palmetshofers Sprache einen echten Ton verleiht. Zusammen mit Stefanie Reinsperger als Enkelin Ulli und Christiane von Poelnitz als Tochter Ingrid sowie dem hochkaratig besetzten Frauenchor verfügt Borgmann über ein exzellentes Damenteam. Vor allem ihnen sowie Autor Palmetshofer galt am Ende heftiger Applaus. (Salzburger Nachrichten)

Wie Orth mit kleinen Gesten und Kraft ihrer beeindruckenden Stimme die Bühne, die Zelle, Pflege- und Eigenheim zugleich ist, mit dem Lebensmüll eines Menschen anfüllt, dessen Tat sich wie ein Parasit in das Leben von Tochter und Enkelin eingenistet hat, macht die am Sonntag im Akademietheater aus der Taufe gehobene Uraufführung von „die unverheiratete“ allemal zum Ereignis. (Tiroler Tageszeitung)

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