Burgtheater

Du liebe Zeit. Liebe Zeit? Peter Handke. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Die Schutzbefohlenen (c) Reinhard Werner

Elfriede Jelinek
‹Die Schutzbefohlenen›

„Wir sind gar nicht da. Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.“

Am 24. November 2012 kommt eine Gruppe von Asylwerbern nach einem stundenlangen Protestmarsch vor der Wiener Votivkirche im Sigmund-Freud-Park an. Ein mehrtägiges Protestlager soll dort gegen die menschenunwürdigen Bedingungen im Aufnahmelager Traiskirchen bezogen werden. Am Internationalen Tag der Rechte der Migranten suchen etwa 30 Asylwerber aus der Gruppe die Votivkirche als symbolischen „Schutzraum“ auf, da drei Wochen lang ihre Stimmen nicht gehört wurden. Der Pfarrer der Kirche versucht, die Asylwerber unter Zuhilfenahme der Polizei und der Caritas zum Verlassen der Kirche zu bewegen. Sie bleiben jedoch da.

Als Reaktion auf diese Proteste und auf die Flüchtlingsdramen, die sich auf dem Mittelmeer vor der Küste von Lampedusa abspielen, lässt Elfriede Jelinek in ihrem neuesten Stück einen Chor von Flüchtlingen zu Wort kommen. „Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da“, heißt es in dem bild- und sprachmächtigen Oratorium. Die österreichische Nobelpreisträgerin verschränkt die heutigen Tragödien der Schutzsuchenden mit Motiven aus Aischylos’ Tragödie Die Schutzflehenden und konfrontiert uns mit der bitteren Wahrheit, dass die Menschenrechte eben nicht für alle gelten, sondern nur für die, die es sich leisten können, an Europa teilzunehmen.

„Fast hätte uns die See vernichtet, fast hätten uns die Berge vernichtet, jetzt sind wir in dieser Kirche, doch wo werden wir übermorgen sein und danach?“




Wir sammeln für den Bildungsfonds der Caritas


Die Caritas unterstützt Flüchtlinge, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Nach den Vorstellungen von „Die Schutzbefohlenen“ sammeln wir für den Bildungsfonds der Caritas. Insbesondere Deutschkurse und Basisbildungsangebote geben Menschen nach ihrer Flucht Perspektive und Hoffnung.
Weitere Informationen zum Bildungsfonds und den Projekten der Caritas finden Sie in der April 2015-Ausgabe in unserem Magazin und unter www.caritas-wien.at

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Kennwort: Bildungsfonds für Flüchtlinge






Für Schulklassen bietet die Junge Burg spielerische Einführungen und Nachbereitungen zu "Die Schutzbefohlenen" an. mehr



Unter dem Eindruck der rechtsextremen Störaktion der Aufführung "Schutzbefohlene performen Jelineks Schutzbefohlene" im Audimax der Universität Wien am 14. April 2016 hat sich Nationalratspräsidentin Doris Bures spontan dazu entschlossen, den Ehrenschutz für die heutige Vorstellung zu übernehmen. Wir danken ihr für diese wichtige Geste in einer Zeit, in der die künstlerische Freiheit plötzlich wieder gefährdet ist und verteidigt werden muss.

Regie: Michael Thalheimer

Bühnenbild: Olaf Altmann

Kostüme: Katrin Lea Tag

Chorleitung: Marcus Crome

Musik: Bert Wrede

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

Regisseur Michael Thalheimer verdichtet Elfriede Jelineks ausuferndes Flüchtlingsdrama [...] zu einem großen Abend voll Pathos und starker Gesten, der tatsächlich zu Mitleid rührt. [...] Mit fantastischer sprachlicher Artistik hat sich Elfriede Jelinek des Themas Flucht und Emigration angenommen […] Das Ensemble treibt die Sprache im Chor zur Perfektion, eindrücklich beklemmend ist auch das einfache aber raffinierte Bühnenbild von Olaf Altmann. (Die Presse)

Sechszehn der vielen namhaften Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses – […] die je beachtliche Einzelleistung geht auf in der Leistung als Chor – bringen diese Wut zum Ausdruck, leihen denen ihre Stimme, die keine mehr haben. […] Wortmächtig, wie es die Jelinek nun einmal vermag, wort- und bildmächtig, wie es Thalheimer und das Ensemble an diesem Abend zuwege bringen. (FAZ)

Diese 90 Minuten kurze Aufführung ist keine gespielte Kolumne, sondern ein Kunstwerk. Sie bildet Realität nicht nach, sondern verarbeitet sie ästhetisch. Sie ergreift Partei, sie klagt an, sie verleiht Stimme. Sie fleht um Schutz. Und sie fragt nach dem Erbarmen. (Kurier)

Michael Thalheimer […] vertraut in seiner stark gekürzten Endzeitvision ganz auf die Kraft der Worte und ein virtuoses Star-Ensemble. Seit Einar Schleef wurde nicht mehr so präzise und wütend chorisch gesprochen, Thalheimer zeigt, was bürgerliches Theater noch immer kann, wenn man es ernst nimmt: den Zuschauern einen Spiegel vorhalten, und sei es nur, um sie mit ihren schlimmsten Ängsten und Vorurteilen zu konfrontieren. (Spiegel Online)

Großer Jubel für „Die Schutzbefohlenen“ an der Burg: Michael Thalheimer inszeniert Elfriede Jelineks ergreifende Textkomposition über Flüchtlingselend und Europas trauriges Versagen. (Tiroler Tageszeitung)

Ein antikes Flüchtlingsdrama als scharfe Anklage in die Gegenwart geholt. (Kleine Zeitung Steiermark)

Michael Thalheimer hat den monströsen 90-Minuten-Sprachkoloss souverän und musikalisch bezwungen. Und bravourös in Solo- und Chorstellen der „Unangekündigten" zerlegt. (Kronen Zeitung / Oberösterreich)

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Eine nach der anderen zwängen sich schwarze, vermummte Gestalten durch den engen Spalt im Hintergrund. Jener Schlitz, den sich Michael Thalheimer gerne von seinem Bühnenbildner Olaf Altmann in die stets anthrazitgrauen Szenerien setzen lässt, wächst hier zu einem himmelhohen lateinischen Kreuz heran. […] Sie schauen bedrohlich aus in ihren dunklen Kleidern und Anzügen, Röcken und Hosen, Blusen und Hemden. Das einzig Bunte sind die Masken, dem Anschein nach aus Plastiksackerln […] Ein wenig orientiert sich der Text an altgriechischer Mythologie und den „Schutzflehenden“ des Aischylos […] sehr stark aber am aktuellen Umgang mit Menschen auf der Flucht […] mitten im Herzen des alten Kontinents. Darauf schneidet Thalheimer die Wiener Inszenierung zu, das übliche, dennoch durchaus lesenswerte Geraune aus Assoziationsketten der Jelinek wird auf anderthalb Stunden zusammengestutzt. Doch kaum ein wichtiger Gedanke geht aus diesem eindringlichen, weil recht repetitiven Text verloren.
Solcherart zugespitzt, wird die Anklage umso schärfer, die Klage desto lauter. Bisweilen, nur kurz, in kaum zu ertragender Lautstärke werden die Wutausbrüche von Streichinstrumenten nicht mehr bloß untermalt, sondern übertönt. Nicht fünfzig, aber immerhin sechszehn der vielen namhaften Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses – sie zu nennen wäre müßig, die je beachtliche Einzelleistung geht auf in der Leistung als Chor – bringen diese Wut zum Ausdruck, leihen denen ihre Stimme, die keine mehr haben, welchen, wie es in Anspielung auf einen beinahe zwanzig Jahre zurückliegenden Skandal um Polizeibrutalität heißt, den „Mund verboten, äh, verbunden hat, und dann ist er halt erstickt, der eine, der andre sicher auch noch“. […]
Das Imperium schlug zurück, nun retourniert das Theater diesen Gefallen. Wortmächtig, wie es die Jelinek nun einmal vermag, wort- und bildmächtig, wie es Thalheimer und das Ensemble an diesem Abend zuwege bringen. Die Schutzbefohlenen fordern ihre normalen und an sich auch gesetzlich selbst heute noch garantierten Rechte ein. Dazu weichen sie beständig vor und zurück, nehmen die Masken ab, setzen sie wieder auf, schwimmen, waten, robben durch das breite Wasserbecken – mehr an todbringendem Meer muss nicht sein, wir verstehen auch so. Einmal, als die eine der wenigen, die es geschafft haben, die sich nicht nur den Aufenthalt, sondern die Staatsbürgerschaft – auch im materiellen Wortsinne – erkauft haben, als also die russische Opernsängerin auftritt, um mit Händel von ihren heißen Tränen („Lascia ch’io pianga“, Arie der Almirena aus „Rinaldo“) zu klagen, werden sie still. Aber nicht für lange. So viel spürbar wütendes Engagement erntet verdienten, tosenden Beifall. (FAZ)

Nach eineinhalb Stunden fast pausenloser Anklage und Klage […] endete im Burgtheater […] ein großer Abend […], der betroffen macht. Mit fantastischer sprachlicher Artistik hat sich Elfriede Jelinek des Themas Flucht und Emigration angenommen, an einem konkreten Fall, den sie mit Elementen antiker griechischer Tragödie, mit Sprüchen des den Fortschritt kritisierenden, unzeitgemäßen Philosophen Martin Heidegger und ganz eigenen, zeitgemäßen Wortspielen bereichert […].
Diese Erzählstränge hat Jelinek in ein kunstvoll gestricktes, umfangreiches Drama eingebaut, das sich in einen Wortstrom ohne explizite Kennzeichnung der einzelnen Personen ergießt. […] Michael Thalheimer […] ist bei Jelineks großer (An-)Klage in Höchstform. […] Das Ensemble treibt die Sprache im Chor zur Perfektion, eindrücklich beklemmend ist auch das einfache aber raffinierte Bühnenbild von Olaf Altmann. Er hat die Bühne verkleinert: Schwarz ist die breite Umrandung, schwarz verjüngt sich der Raum stark perspektivisch. Der Boden ist mit Wasser bedeckt – das tödliche Mittelmeer, ein Massengrab für Flüchtende. […] Am Anfang zwängen sich aus diesem Kreuz die in der Kirche Schutzsuchenden, begleitet von Bert Wredes elegischer Musik – simple, monotone Geigenklänge, dann eine bedrohliche Klangkulisse. Die Menschen fallen ins Wasser, rudern hilflos mit den Armen, stehen auf, fallen wieder hin, machen diesen Pool zu einem wogenden Meer. Sie haben es überwunden: „Wir leben!“, sagen sie unisono (Chorleitung: Marcus Crome), sie klagen, klagen an, hadern mit dem harten Schicksal der Vertreibung, dass sie beinahe chancenlos seien. […] Dieser archaisch wirkende Chor [erzeugt] voll Poesie, was gute Tragödien laut Aristoteles bewirken: eleos und phobos, Jammer und Schaudern also, die Lessing in der Hamburgischen Dramaturgie mit Mitleid und Furcht übersetzt. […] Der beißende Spott, der selbst in diesem ernsten Stück komische Momente hervorruft, wird besonders deutlich, als die Rede auf wohlhabende Asylsuchende kommt. […] Die Umkehrung der Verhältnisse ist eine Provokation. Die Opfer empfinden sich als Schuldige. (Die Presse)

Jelineks Text ist meisterhaft gebaut, voller philosophischer Verweise und galliger Wortspiele, er ist gleichzeitig Anklage wie Entschuldigung für diese Anklage. Wir sind jetzt da, sagen die zur Flut anschwellenden Stimmen, und wir leben. […] Michael Thalheimer beweist in seiner Inszenierung wieder, dass er ein Meister der Reduktion ist: Er hat Jelineks Text auf die Hälfte eingekürzt – und ihn dadurch tatsächlich noch besser gemacht. Thalheimer künstlerischer Partner Olaf Altmann hat einen beengten, hohen, schwarz glänzenden Bühnenraum gebaut, der sowohl Schiff als auch Kirchenschiff sein kann, im Hintergrund klafft ein kreuzförmiger Riss. Durch diesen zwängen sich die Flüchtlinge herein und stolpern sofort ins Wasser, welches den Boden schon knietief bedeckt, die Gesichter zunächst mit Plastikmüll verhüllt. Das sind große, sehr, sehr starke Gesten – man sieht sofort Grenzzäune und Stacheldraht vor sich, und im Meer treibende Körper. Thalheimer löst den Text in Chören und Soli auf, das 15-köpfige Ensemble arbeitet präzise und stets wortdeutlich, die manchmal brüllend laute, dann wieder ganz leise Musik von Bert Wrede intensiviert die Wirkung. (Kurier)

Sieben Frauen und neun Männer zwängen sich durch einen kreuzförmigen Spalt in der Rückwand, um im Wasser zu landen. Olaf Altmannn entwarf ein minimalistisches Bühnenbild. […] Ob der chorischen Präzision, gebrochen durch „Einzelauftritte“, verdient [das Burg-Ensemble] […] Bewunderung. Es beginnt mit Flüstern, umrahmt von einer Minimal-Music-Soundtapete (Bert Wrede). […] Tragik spricht aus furchtbaren Erinnerungen, das Bitten um Asyl ist flehentlich und auch durchaus fordernd. Jelinek spielt wie immer mit der Mehrdeutigkeit von Worten, „unerhört“ ist ein solches. […] Zuletzt klingt Resignation durch, „Wir sind gar nicht da. Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da.“ Die Erschütterung hält lang an. (Salzburger Nachrichten)

Sie flehen nicht, sie fordern. Sie bitten nicht, sie klagen an. Eine Meute mit Plastiktüten über dem Kopf. Keine Individuen, sondern eine dunkle, bedrohliche Masse. Einem Wasserbecken trotzend, kämpft sie sich nach vorn an die Rampe und hört nicht auf zu brüllen: „Bitte helfen Sie uns!“ […] Elfriede Jelineks […] Stück […] erzählt von der Festung Europa, von den vielen Toten, die im Mittelmeer ertrinken, ohne Lampedusa zu erreichen. […]
Der rabenschwarze Bühnenraum von Olaf Altmann ist nur durch einen hellen Schlitz in Form eines Kreuzes zu betreten. Wie Untote in einer Gruft kämpfen die Anwesenden gegen ihr Verschwinden an, mit Furor und Verzweiflung, manchmal auch mit bitterem Witz. Um am Schluss doch langsam zu verlöschen, in den Hades hinabzusinken und vergessen zu werden. Das Ensemble schlägt nach und nach auch zartere Töne an, einzelne Protagonisten schälen sich heraus und halten Monologe in verschiedenen Tonlagen. (Spiegel Online)

Elfriede Jelinek verknüpft im Text „Die Schutzbefohlenen“ ihren Zorn gegen Europas Mauer-Mentalität mit der Beschwörung antiker Dramenkraft, Texten aus „Die Schutzflehenden“ von Aischylos. […] Jelinek, das ist Literatur, die Worte beim Wort nimmt, um neuen Sinn zu stiften.
Michael Thalheimer […] holt unglücklich kämpfende Flüchtlinge nicht als Darsteller auf die Bühne, wie es Nicolas Stemann bei der deutschen Uraufführung am Hamburger Thalia Theater praktizierte […]. Realität wird nicht dokumentiert, Kunst stellt sich ihre Welt selber auf. Ein Chor nur, mit individuell gearbeiteten Masken, einer Art Fortschreibung des Gesichts und zugleich seiner Verschanzung. […] Die Aufführung […] setzt […] einzig auf die Wucht, die Wildheit, das Wehe, das Wallende und Wühlende des Textes setzt. Kein Stück. Kein Drama. Aber dramatisch. Klang. Stimmen-Partitur. Durchgehend Bert Wredes Musik: Furie und Folie; violin drängende, durchdringende Kraft, die wie eine Armada des Zorns übers Wasser jagt; Trauerzeichen, Aufputschmelodie; dann wieder lieblicher Background eines fast arkadischen Anhauchs. Das Kreuz, das am Ende nicht mehr da sein wird, wie alle Hoffnung verschwunden sein wird - es zieht sich durch die Theaterarbeit Michael Thalheimers und Olaf Altmanns. (neues-deutschland.de)

Olaf Altmann hat für Michael Thalheimers Inszenierung von Jelineks Flüchtlingsklage einen vieldeutigen Bühnenraum geschaffen, in dem vor allem Jelineks bissiges und assoziatives Sprachkonvolut zur Geltung kommen kann. Ein pechschwarzer nach oben offener Kasten, ein Trichter, Kamin oder Kerker, der sich nach hinten perspektivisch verengt und dessen Ende durch ein bühnenhohes, hell hinterleuchtetes Kreuz markiert ist. Begleitet von monotonem Geigenvibrato quetschen sich aus dem senkrechten Schlitz die Leiber der Flüchtlinge. Die Kirche der Unbarmherzigen spuckt sie wieder aus – erinnert die Szene nicht auch an den Maschenzaun an den europäischen Grenzen? Im Dunkeln davor ist knöchelhohes Wasser, in das schwarz gekleidete Gestalten fallen. Sie rudern mit den Armen, richten sich auf, fallen, stehen auf und fallen wieder. Ein Kampf gegen das Element, das es zu überwinden gilt und das sie zu verschlucken droht. […] Auf der großen Bühne des Burgtheaters aber stehen keine echten Flüchtlinge, sondern Schauspieler. Sie ergreifen an Stelle und für die Bürgerkriegs- und Armutsflüchtlinge das Wort. […] Michael Thalheimer [stellt sich] bei seiner Inszenierung die Fragen, wer für wen sprechen kann, darf oder soll, nicht. Er macht selbstbewusst klar, dass er mehr an politischem Theater interessiert ist, denn an möglicherweise politisch-korrektem Aktivismus. […] Er verlässt sich ganz auf die assoziative Wucht des Textes und inszeniert das Stück als großen chorischen Monolog. Nur hin und wieder lösen sich aus dem 16-köpfigen Wir-Chor einzelne Stimmen heraus und erzählen von eigenen Geschichten. […] Die politischen Möglichkeiten des Theaters sind beschränkt. Weder dafür noch für die Schlechtigkeit der Welt kann es verantwortlich gemacht werden. Wichtig am Theater ist, dass es eine Öffentlichkeit stiftet, um sichtbar zu machen, was nur allzu gern verdrängt würde. Oder um es in der Diktion von Jelinek und nahe an Thalheimers Inszenierung zu sagen: das Unerhörte gehört gehört. (Die Furche)

Langsam lösen sich aus dem Chor einzelne Subjekte, leuchten kurz Figuren auf, um ebenso schnell wieder im Kollektiv aufzugehen. Alexandra Henkel, Christiane von Poelnitz, Sarah Viktoria Frick, Adina Vetter, Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger und Jasna Fritzi Bauer stellen den weiblichen Part der Chormitglieder und entwickeln, jede in großer Leidenschaft, ihre „Person“. Ebenso ihre männlichen Kollegen, von Tilo Nest, Lucas Gregorowicz bis Marcus Kiepe, von Daniel Jesch, Tino Hillebrand, Stefan Wieland bis André Meyer und Daniel Sträßer. Sie alle stellen eindrucksvoll Jelineks großes Memento auf die Bühne, erzeugen Momente des stillen Entsetzens, der Scham, die sich angesichts des eigenen Wegschauens unweigerlich einstellt. (Tiroler Tageszeitung)

In Michael Thalheimers Inszenierung dominiert nach antikem Modell ebenfalls ein Chor, den sechzehn Ensemblemitglieder bilden. Manchmal lösen sich aus dieser fein choreografierten Masse Solisten, die unterschiedliche Positionen vertreten: einmal die Forderungen der Refugee-Bewegung, dann die Zynismen des politisch-medialen Mainstreams („Das Boot ist voll"). Jelinek reitet eine scharfe Attacke und zeigt, wie hinter Beteuerungen Unfähigkeit zu Mitleid, Erbarmen oder pure Missachtung stehen. „Ihr duldet alles, nur uns duldet ihr nicht." Olaf Altmann baute einen schwarz ausgeschlagenen sich nach hinten verjüngenden Raum mit einem Kreuz im Zentrum. Durch das beleuchtete Kreuz zwängen sich Menschen. Irgendwann konkretisiert sich dieses Arrangement, wie wenn man in einem Sarg im Grab liegt und von oben ein wenig Licht hereindringt. Thalheimer greift auch auf die Tradition der Masken zurück. Aber er verwendet als Inbegriff des Wertlosen Plastiksackerl. Das exakte Sprechen und der assoziative, wortspielerische Jelinek-Text sorgen für Betroffenheit. Und lösen mitunter Lacher aus - wenn etwa auf die Einbürgerungen der Jelzin-Tochter oder Anna Netrebko angespielt wird. (Kleine Zeitung Steiermark)

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