Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Ensemble (c) Reinhard Werner

Nikolaj Gogol
‹Der Revisor›

Deutsch von Matthias Knoll
Bearbeitet von Alvis Hermanis

„Ich habe Sie hergebeten, um Ihnen eine höchst unerfreuliche Mitteilung zu machen: zu uns kommt ein Revisor.“

Die Nachricht, dass ein Revisor inkognito in die Stadt gekommen ist, versetzt den Bürgermeister in helle Aufregung. Alle lassen sich hier schmieren, bestechen, fälschen Bücher und Bilanzen. In Wahrheit handelt es sich bei der angekommenen Person jedoch um einen mittellosen reisenden Beamten namens Chlestakow, der das Angebot, ihn für einen Revisor zu halten, gerne annimmt. Die Honoratioren der Stadt drängen ihm Geld auf, der Bürgermeister benutzt sogar seine Frau und seine Tochter, um sich den vermeintlichen Revisor gefügig zu machen. Als Chlestakow das Spiel langsam aber sicher zu gefährlich wird, reist er unter dem Vorwand ab, bei seinem Paten die Einwilligung für die Verlobung mit der Tochter des Bürgermeisters zu holen. Während der Bürgermeister in der Vorfreude auf die Hochzeit und auf seine Petersburger Karriere schwelgt, die er durch den zukünftigen Schwiegersohn gesichert sieht, kommt ein aufgebrochener Brief, durch den alles aufgeklärt wird. Das Stück, 1835 geschrieben, ist die erste bedeutende russische Komödie, spielt natürlich dort, in der Provinz, und vor langer, langer Zeit. Doch manche Stücke büßen nichts von ihrer Aktualität ein ...

„Bis heute haben sie sich, Gott sei Dank, an andere Städte gehalten; jetzt ist unsere an der Reihe.“

Der lettische Regisseur Alvis Hermanis hat in Wien Eine Familie, Platonov (eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2013) und Das weite Land inszeniert, zudem war von ihm das Gastspiel Väter zu sehen.


In dieser Produktion wird aus künstlerischen Gründen auf der Bühne geraucht.

Anton Antonowitsch Skwosnik-Dmuchanowskij, Bürgermeister
Michael Maertens

Anna Andrejewna, seine Frau
Maria Happel

Marja Antonowna, beider Tochter
Dörte Lyssewski

Iwan Alexandrowitsch Chlestakow, Durchreisender
Fabian Krüger

Ossip, dessen Begleiter
Oliver Stokowski

Pjotr Iwanowitsch Bobtschinskij, Bürger
Hermann Scheidleder

Pjotr Iwanowitsch Dobtschinskij, Bürger
Dirk Nocker

Luka Lukitsch Chlopow, Schuldirektor
Johann Adam Oest

Seine Frau, Köchin
Brigitta Furgler

Amos Fjodorowitsch Ljapkin-Tjapkin, Richter
Falk Rockstroh

Artjom Filippowitsch Semljanika, Direktor des Krankenhauses und Armenasyls
Martin Reinke

Christian Iwanowitsch Hübner, Doktor der Armenanstalten
Franz J. Csencsits

Iwan Kusmitsch Schpekin, Postmeister
Dietmar König

Küchenmädchen
Maria Lisa Huber
Liliane Zillner

Huhn und Ratten
Thomas Bäuml
Alban Knoll
Josef Manske

Regie und Bühne: Alvis Hermanis

Kostüme: Kristine Jurjane

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

Die Premiere von Nikolaj Gogols Komödie im Burgtheater war fantastisch. Alvis Hermanis führt einen Jahrmarkt der Eitelkeiten vor. Das Ensemble besticht mit Witz und Charakter. (Die Presse)

Fulminanter Auftakt an der Burg. Das als: „Theater des Jahres“ geadelte Burgtheater setzt zu Saisonbeginn gleich einen künstlerischen Paukenschlag – mit Alvis Hermanis' Neuinszenierung von Gogols „Der Revisor". […] Hermanis hat […] im Burgtheater eine Neuinszenierung von Nikolaj Gogols 1836 uraugeführter Komödie „Der Revisor“ vorgelegt, von der man noch lange sprechen wird. (Kleine Zeitung Steiermark)

Saisonauftakt an der Burg mit großem Ensemble: Alvis Hermanis formt Nikolaj Gogols „Der Revisor“ zu einem vielgestaltigen Abenteuer. (Tiroler Tageszeitung)

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Schon der Name ist ein Geniestreich: Chlestakow. Für russische Ohren, schrieb Vladimir Nabokov, klinge er nach Leichtsinn, Unbesonnenheit und Geschwätzigkeit, wie „ein schlankes Spazierstöckchen, das durch die Luft saust". Alvis Hermanis, der lettische Regisseur, lässt dieses Spazierstöckchen über die Bühne des Burgtheaters in Wien sausen und sich dabei unablässig verwandeln: Fabian Krüger als lwan Alexandrowitsch Chlestakow ist ein biegsamer Spargeltarzan in Unterhemd und Schlaghosen, der krumm wie ein Fragezeichen in der Luft hängt, wenn er gerade mal wieder nicht begreift, wie ihm geschieht, ein großes, leider geistig ein wenig zurückgebliebenes Kind, dem beim Sprechen, wenn es denn einmal in Fahrt gekommen ist, jedoch die schönsten Aufschneiderschnäbel wachsen. Wenn dieser Chlestakow endlich merkt, dass ihn alle im Städtchen für jemanden halten, der er nicht ist, dann begreift er auch, dass er nun alles sein kann, was er nur will – oder immer schon sein wollte: Dichter, Gouverneur, General. Dann wird aus dem Spazierstöckchen geradezu ein Marschallstab. Denn weil die schamlose Unterwerfungsbereitschaft der Provinzler keine Grenzen kennt, muss auch Chlestakow seinen Gößenphantasien keine Grenzen setzen. […]
Eine Dritteldrehung der Bühne, und wir sind bei Chlestakow und seinem Diener Ossip im Gasthaus, wo die beiden Hunger schieben, weil die Wirtin nach zwei Wochen nicht länger anschreiben lassen will. Grandios, wie Maertens mit seinen Begleitern nun das Eis bricht, als er davon überzeugt ist, dass er tatsächlich den Revisor vor sich hat. Auf gut geschmierten Samtpfötchen wanzt er sich an den für Geld und nette Worte erfreulich empfänglichen Korruptionsbekämpfer heran, bis sie sich zu fünft auf das schmale Bett gequetscht haben, wo die letzte Befangenheit unter gegenseitigem Vorzeigen kindischer Kunststückchen verschwindet. Fast fünf Stunden wird dieser Abend dauern. Er geht zurück auf die Inszenierung desselben Stücks, mit der Hermanis 2003 bei den Salzburger Festspielen vom Westen entdeckt und als eine Art osteuropäischer Marthaler gefeiert wurde. Damals wie heute unterwarf der Regisseur seine Inszenierung einem protokapitalistischen Zeitverständnis: Stunden und Tage bahnen sich zäh und langsam ihren Weg durch den tristen Provinzmief, Geld und Zeit sind noch keine Synonyme. Da spielt nicht jeder Wiener Zuschauer bis zum Ende mit, obwohl an Kurzweil, Jux und vor allem an schauspielerischen Kabinettstückchen kein Mangel herrscht. Das Ensemble ist durchweg glänzend aufgelegt. Maria Happel als Bürgermeistergattin Anna Andrejewna und Dörte Lyssewski als ihre Tochter Marja Antonowna liefern sich als Konkurrentinnen um die Gunst des Gastes aus dem mondänen Sankt Petersburg einen gnadenlosen Konkurrenzkampf: junges Kuhauge, das seine einzige Chance wittert, gegen erfahrenes Schlachtschiff, das seine letzte Chance nicht verpassen will. Pardon wird nicht gegeben. (FAZ)

Die Atmosphäre wirkt aus der Zeit gefallen, und dennoch wirkt das Abgeranzte nicht abstoßend, sondern shabby chic. Die Kostüme (Kristine Jurjane) sind überzeichnet realistisch: die Bäuche der Männer dick ausgepolstert, voluminös auch die Frauenbrüste. Am schönsten sind an diesem Abend, neben den lebensechten Riesenhühnern, die NebenroIlen. Eine solch ausschweifende Inszenierung funktioniert nur, wenn selbst die kleinsten Rollen mit großer Liebe zum Detail gespielt werden. Und das beherrscht das Burgtheater-Ensemble ganz ausgezeichnet. (Falter)
Wenn Alvis Hermanis einen Klassiker des russischen Theaters inszeniert, kann eine Aufführung leicht die Dimensionen einer Wagner-Oper erreichen. Das Burgtheater […] wurde am Freitag zur Saisoneröffnung mit solch einem Gesamtkunstwerk bedacht. […] Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus. Zu Recht. Die Inszenierung ist bildintensiv, stimmig, stets bestechend gespielt. […]
Dem Ensemble ist hier ein außerordentliches Kunststück gelungen. Es stellt kleinere Laster und Todsünden einer mit Gefälligkeiten geschmierten Gesellschaft in allen Facetten aus, es ist sich im rechten Augenblick für keine Übertreibung zu schade, um dann blitzartig, im Existenziellen, eine Traurigkeit zu vermitteln, die ans Herz geht. […] Man sieht an diesem tollen Abend eine Star-Parade von Charakterköpfen. Die schwierigste Rolle hat wohl Krüger. Er ist das Medium, in dem sich alle spiegeln. Auch dieser Revisor ist anfangs voller Furcht und dumm, bald aber dreist. Er rettet sich mit öliger Freundlichkeit. Hinter Sanftheit verbirgt sich ein Räuber. Hermanis überhöht das symbolisch. (Die Presse)

Eine inszenatorische Qualität Hermanis' besteht in seiner Genauigkeit und Detailversessenheit, wobei der Regisseur Hermanis vom Bühnenbildner Hermanis kongenial unterstützt wird. […]
Hermanis stellt anfangs auf die Drehbühne eine Art Kantine mit Theke, Essensausgabe, Kassa, Tischen und Sesseln. Die Köchinnen musizieren mit den Töpfen, dem Geschirr und dem Besteck, dass es eine wahre Freude ist. […] Und dann auch noch die Detailverliebtheit in Bezug auf Requisiten. Endlich zeigt sich, welch komödiantisches Potenzial in einer hundsordinären Küchenrolle steckt! Neben dem Männerbund brillieren in dieser viereinhalbstündigen Produktion (mit zwei Pausen) auch Maria Happel als Bürgermeistersgattin und deren Tochter in Gestalt von Dörte Lyssewski sowie Birgit Furgler als Köchin und Schuldirektorsgattin. Krüger, der vermeintliche Revisor, kommt als Angsthase daher, der fürchtet, wegen seiner Zechschulden im Gefängnis zu landen. Doch bald hat er heraußen, wie die Geste der offenen Hand hervorragend gelingt. Dieser „Revisor" ist herrlich surreal überdreht. (Kleine Zeitung Steiermark)

Die Kantine ist ein Wartesaal für Provinzbeamte. […] Männer trudeln ein, jeder ein Prachtsexemplar von saturierter Langeweile. Alle platzen sie aus den Nähten ihrer schäbigen Anzüge. […] In Wien, wo man seine Schauspieler kennt, trifft der Verfremdungs-Gag ins Schwarze. Den schallendsten Lacher erntet Michael Maertens: schüttere Halbglatze, die Jacke über den unter- und oberhalb des Knopfs hervorquellenden Bauch gespannt. Als Bürgermeister des verschlafenen Kaffs schlägt Maertens mit zwei Pfannendeckeln Alarm – ein Revisor kommt! (NZZ)

Alvis Hermanis' tolle „Revisor"-Inszenierung ist im Burgtheater zu bestaunen. […] Der lettische MeisterregisseurAlvis Hermanis hat eine grandiose Inszenierung von Gogols Komödie Der Revisor gefertigt: In einer postsowjetischen Kleinstadt wird ein Revisor erwartet, und die grotesk wattierten Kleinbürger halten einen dürren, ärmlichen Durchreisenden aus Sankt Petersburg für den Controller. […] In der […] Aufführung führt Hermanis mit perfekter Personenregie die großen Schauspieler […]. (Österreich)

Zu leichter Klaviermusik lässt Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis die Provinzszenerie aus stehengebliebener und zurückgelassener Zeit ihre atmosphärische Wirkung entfalten. Wenn die Küchenfrauen in ihr Reich strömen und mit ihrer Arbeit beginnen, erklingt ein fulminantes Konzert […]. Ein toller Beginn einer Inszenierung, die an Arbeiten von Marthaler […] erinnert, aber zugleich eine ganz eigene Stimmung schafft. […] Gogols Stück aus dem Jahr 1836 wurde meist für eine Satire auf die Provinzpolitik des zaristischen Russlands gehalten und oft als wildgewordene Posse inszeniert. Auch das Burgtheater-Ensemble lässt zwar keine Möglichkeit aus, Komik zu produzieren, doch es ist Komik mit Tiefgang. Denn alle Kleinstädter haben nicht nur Angst vor dem Revisor, sondern hoffen auch, durch ihn ihre verschütteten Lebensträume verwirklichen zu können. Also bestechen sie ihn. Einer nach dem anderen drängt ihm sein Geld auf. Das passiert auf der Toilette vor und in total verschmutzten Kabinen: In dieser Situation gelingt es dem wunderbaren Ensemble, den einzelnen Figuren Individualität zu geben, ohne sie völlig an die Komik auszuliefern. Dabei kritisiert Regisseur Hermanis nicht so sehr ein System von Korruption und Faulheit, sondern er führt Menschen vor, deren Sehnsüchte auf groteske Weise mit der Wirklichkeit kollidieren. Der Detailrealismus in den Figurenzeichnungen wird immer wieder gebrochen durch surreale Traumbilder, so, wenn im Schlafraum riesengroße Ratten im Bett liegen oder ein großer Hahn umherstolziert. Wenn Michael Maertens als Bürgermeister das schleimige Bücklingsballett vor dem scheinbaren Revisor anführt, wechselt er virtuos zwischen Machtfantasien und Unterwürfigkeit. […]
Wie Dörte Lyssewski und Maria Happel als ihre Mutter zwei Klischeefiguren ganz eigenes Bühnenleben verleihen, das ragt aus einem insgesamt ungemein virtuosen Ensemblespiel heraus. (Deutschlandfunk)

Der Regisseur Alvis Hermanis setzt für seine Inszenierung von Nikolaj Gogols „Der Revisor" im Burgtheater auf bewährte Mittel: Er betont einerseits das Karikaturistische, andererseits etabliert er ein hyperrealistisches Ambiente irgendwo in der postsowjetischen Provinz. […]
Nur einer scheint zu bemerken, welche Farce da geboten wird: Ossip, der Diener Chlestakows. Den spielt Oliver Stokowski als einzigen Vernünftigen. Ossip durchschaut das rattenartige Lachen des Bürgermeisters, den Gockelkampf wie das Gegacker der eitlen Frauen. Er nutzt die Gelegenheit für sich, zwitschert seine Bierchen und vergnügt sich mit den Köchinnen, bis er rechtzeitig zur Abreise drängt. Denn er weiß: Aussagen dieses Bürgermeisters – in etwa: „Wir verhelfen allen normal Sterblichen zu einer angenehmen Durchreise" – sind Lügen. Auch die zur Schau gestellte Gastfreundschaft ist verlogen, was plötzlich bittere Aktualität gewinnt. (Salzburger Nachrichten)

Michael Maertens ist als Provinzbürgermeister so etwas wie das Mastermind, der einäugige König, der die Blinden - vermeintlich große Visionen verwirklichend - in die Falle führt. […]
Als Idealbesetzung steht ihm Maria Happel als lüsterne Ehefrau mit ausgeprägtem Geltungsdrang zur Seite - geradezu eine Paraderolle für die Schauspielerin. […]
Der Perfektionist hat wieder zugeschlagen. Was der Regisseur in Wien schon in „Eine Familie“, „Platonov“ und „Das weite Land“ gezeigt hat, ist auch hier Programm: ein durchgezogenes Konzept mit perfektionistischer Genauigkeit umgesetzt, ausgefeilt choreografiert und inszeniert - von der Percussioneinlage in der Großküche bis zum apathischen Hühnerstall, in den sich die Gesellschaft am Ende verwandelt. (ORF)

Nichts kündet auf der Drehbühne von zeitgenössischer Dekonstruktion, Hermanis bedient sich, verantwortlich auch für die Bühne, der Kraft der einfachen Mittel, lässt die einzelnen Räume detailreich die Geschichte befördern und die Schauspieler walten. Kopfüber fällt man da in eine sowjetisch angehauchte Kantine, in der die Köchinnen Kochlöffel, Geschirr und Töpfe als Ausgangsmaterial für ein perkussionistisches Feuerwerk nützen. […]
Michael Maertens, prächtig als Bürgermeister und Spiritus Rektor der korrupten Bürgerschar, Martin Reinke, großartig intriganter Krankenhaus-Direktor, der abseits einiger lateinischen Brabbeleien wunderbar sprachlose Arzt des Franz J. Csencsits, die beiden Grundbesitzer Bobtschinskij und Dobtschinskij (toll: Hermann Scheidleder und Dirk Nocker), der seifige Schuldirektor des Johann Adam Oest, Dietmar König als beeindruckender Postmeister, sie alle verfügen über die saturierte Rundlichkeit und damit verbundene bewusst ausgespielte Trägheit. In diese aus der Statik gewonnenen Komik, ohne wirklich lustig zu sein – Gogols Stück ist in seiner Härte zu entlarvend, um bloß das Genre der Komödie zu erfüllen – tritt mit dem träumerischen Fabian Krüger als Revisor und Oliver Stokowski als seinem mit Langhaar und E-Gitarre versorgtem Spießgesellen Ossip die buchstäbliche Unruhe auf den Plan.
(Tiroler Tageszeitung)

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