Burgtheater

Du liebe Zeit. Liebe Zeit? Peter Handke. Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße
Frida-Lovisa Hamann (c) Reinhard Werner

Ferdinand Schmalz
‹dosenfleisch›

In Kooperation mit den Autorentheatertagen Berlin

„die ladung hat sich selbst entladen, verteilt da auf der autobahn ein meer aus dosenfleisch.“

Ein Fernfahrer muss aufgrund eines desaströsen Unfalls auf einer Autobahnraststätte Halt machen. Frustriert über den erzwungenen Stillstand, beobachtet er durch seine Windschutzscheibe das nächtliche Geschehen. Ein Versicherungsinspektor, besessen von jeglichen Spuren, die Verkehrsunfälle verursachen, untersucht die sogenannte Todeskurve, die sich von der Raststätte aus perfekt überblicken lässt. Beate, die Betreiberin der Raststation, teilt ein dunkles Geheimnis mit Jayne, einer schönen, autoaggressiven Fernsehschauspielerin, die süchtig ist nach Hochgeschwindigkeit. Beide Frauen sind aus verschiedenen Motiven zu tatkräftigen Spezialistinnen für inszenierte, mitunter tödliche Autounfälle geworden.

Nach seinem mehrfach ausgezeichneten Debüt am beispiel der butter ist auch das zweite Stück des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz am Burgtheater zu sehen: dosenfleisch ist auch eine Metapher für das Paradox des mobilen Menschen in der „Blechkiste“, der zwar überall hinkommt, jedoch nie zu sich selbst – und im lebensbedrohlichen Zusammenstoß nach Authentizität sucht.

„ein echo ists, vom anfang. vom ersten unfall, der das alles erst erschaffen hat.“

Nach der erfolgreichen Uraufführung im Juni 2015 im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin („beeindruckende Umsetzung“, nachtkritik.de ) und der Wiener Premiere im September 2015 im Kasino („Wirklich imposant“, Die Presse), ist die Produktion nun im Akademietheater zu sehen.

Regie: Carina Riedl

Bühnenbild: Fatima Sonntag

Kostüme: Dagmar Bald

Musik: Arthur Fussy

Licht: Norbert Gottwald

Dramaturgie: Amely Joana Haag

Juni

Freitag, 17.06.2016 | 20.00 UhrAkademietheaterKarten

Dienstag, 21.06.2016 | 20.00 UhrAkademietheaterKarten

Pressestimmen zur Wiener Premiere von „dosenfleisch“ am 18. September 2015 im Kasino:

Schmalz ist ein Sprachspieler von Gnaden. Die Raststation dient ihm als Nichtort. Sie ist der Unterschlupf für Verkehrsteilnehmer, die in ihren Automobilen sitzen und zur permanenten Mobilität verdammt sind. [...] Im Kasino werden die Ohrenzeugen [...] erst einmal in ihren Grundfesten erschüttert. Eine live musizierende Schlagzeugerin (Katharina Ernst) bringt ihre Snaredrum zum Rasseln. Eine Aussichtswarte mit blankpoliertem Geländer dient einem Fernfahrer (Daniel Jesch) als Ort der Deklamation. Halb unter ihm spreizen sich zwei Damen auf Sitzbank und Boden. Der hochmodisch gekleidete Versicherungsvertreter Rolf (Tino Hillebrand) steht sich als Unfallkiebitz die Beine in den Bauch.
Der Star des Abends [...] ist zweifelsfrei Schmalzens Sprache. In langen jambischen Ketten kommt sie vom Hundertsten ins Tausendste. Sie bleibt dabei stets mustergültig präzise. Es scheint, als ob die Themen „Auto“ und „Verkehr“ die Reden der handelnden Personen imprägnieren würden. [...]
Die 70 Minuten lange Sprechoper mit Perkussionszuwaage lohnt allein schon wegen Schmalzens wie geschmiert laufender Dichtkunst. Das muss man gehört und kann man gesehen haben. (Der Standard)

Regisseurin Carina Riedl inszeniert unterkühlt. Gut so. Die Figuren, die irgendwo im Horrorfilm-Milieu angesiedelt sind, bleiben Grenzcharaktere, die nie ganz greifbar werden. Der Versicherungsinspektor Rolf (Tino Hillebrand) ist besessen von Unfallhergängen. Die Fernsehschauspielerin Jayne (Frida-Lovisa Hamann) wandelt als Untote über die Raststätte, und die Tankstellenbesitzerin Beate (Dorothee Hartinger) trägt ein T-Shirt mit Fleischaufdruck. Dass die beiden Frauen Unfälle inszenieren, macht die Geschichte zum Krimi.
Schmalzens stark rhythmisierte Kunstsprache lebt vom Sprachspiel, von Fleisch- und Verkehrsmetaphern, von der Mehrdeutigkeit der Worte. Das ist zum Teil recht komisch, vor allem aber clever. Der mobile Mensch kann mit seiner Blechkiste zwar überall hinfahren, nur bei sich selber kommt er nicht mehr an. Den gesellschaftskritischen Text mit Schlagzeugrhythmen (lässig: Percussionistin Katharina Ernst) zu unterlegen, ist ein kluger Schachzug dieser Inszenierung, die bei den Autorentheatertagen in Berlin zu Recht prämiert wurde. Besonders fährt das zu Beginn rein, wenn Jesch mit einem gerappten Monolog ins Geschehen einführt [...]. (Falter)

Bildgewaltig, poetisch, verspielt und rhythmisch, also im besten Sinne künstlich, ist die Sprache, die uns [...] Ferdinand Schmalz [...] da zumutet. [...]
Carina Riedl (Regie), Dagmar Bald (Kostüme) und Fatima Sonntag (Bühne) versehen „dosenfleisch“ mit einer punkigen Inszenierung. [...] „dosenfleisch“ ist kein hurtiges, leicht eingängliches Erzähltheater, sondern ein in Sprache wie Spiel assoziatives, anspruchsvolles, ab und zu witziges und als Hinweis auf die grauenhaften Entfremdungen unseres Autofahrer-Alltags beachtenswertes Kunstwerk. (Salzburger Nachrichten)

Wirklich imposant sind: Carina Riedls Inszenierung, das Bühnenbild von Fatima Sonntag, die Wahnsinnsschlagzeugerin Katharina Ernst – und das Ensemble.
Ferdinand Schmalz, sprachspielerischer Chronist einer Überflussgesellschaft, die allmählich das Ende ihrer Prasserei heraufdämmern sieht, weiß, was er (jungen) Zuschauern mit Bildungsspürnasen schuldig ist. Er kopiert, nimmt Motive bei Handke, Formulierungen von Jelinek [...], klaut bei Werner Schwab [...] und in der weiteren Weltliteratur, bei Kafka oder Richard Wagner [...]: Als sein Eigenstes hat Schmalz [...] ein filmisches Wettuntergangsszenario anzubieten, eine veritable Apokalypse, die in ihren üppigen Sprachbildern durchaus an Blockbuster aus Hollywood herankommt. (Die Presse)

Glänzend [...]: Daniel Jesch als der die Lage beobachtender und kommentierender Fernfahrer. Er gibt seiner Rede Klang, Kontur, Gewicht. (Kronen Zeitung)

Die Schauspieler sind [...] brillant: Dorothee Hartinger als kühl-erotische Raststätten-Wirtin mit Leichen im Kühlschrank; Frida-Lovisa Hamann als Tempo-Junkie auf erschreckend hohen Absätzen; Daniel Jesch mit modischem Vollbart als das Geschehen kommentierender, philosophisch vorgebildeter Fernfahrer; Tino Hillebrand als erotisch überforderter, ein ideales Opfer darstellender Versicherungsangestellter. (Kurier)

Mit Kawumm fängt es an und mit satten Trommelschlägen geht es weiter. Schlagzeugerin Katharina Ernst sorgt dafür, dass der Rhythmus in Ferdinand Schmalz jüngstem Stück „dosenfleisch“ stimmt. [...]
Vordergründig erinnern die Asphaltcowboys an trashige US-Roadmovies und blutrünstige Splatter-Filme, schließlich sind Autounfälle ein Leitmotiv des Stücks. Tatsächlich wollen die Protagonisten sich jedoch weitaus tiefgründiger über das Unterwegssein und Herumirren in der kapitalistischen Normierungsgesellschaft äußern. (Wiener Zeitung)

… eine höchst begabte Percussionistin (Katharina Ernst bearbeitet ihr Schlagzeug den ganzen Abend lang immer mit derselben Virtuosität) … (Neues Volksblatt)

Fatima Sonntag (Bühnenbild) stellte keine verkitschte Raststation auf die Bühne, sondern hat sehr karge, unterschiedliche Bühnenebenen geschaffen – lediglich das beleuchtete „Open“-Schild weist auf eine Raststation hin. Die Kostüme von Dagmar Bald sind einerseits schlicht, doch mit kleinen, überraschenden Details, wie das Stück Fleisch auf dem T-Shirt von Beate, die mörderisch-hohen rosafarbenen High Heels von Jayne oder die Sneakers mit Rollen von Rolf. (Die Kleinkunst)

Pressestimmen zur Uraufführung von „dosenfleisch“ im Rahmen der Autorentheatertage Berlin 2015 am 13. Juni 2015 (Koproduktion mit dem Burgtheater Wien):

Schmalz, Sprachartist mit Lebensmittelschwerpunkt […] versammelt sein dramatisches Personal in einer Raststätte: Vier Personen treffen dort zum Showdown zwischen subversivem Krimi und poetischem Splatter aufeinander. Dosenfleisch meint dabei nicht nur den Konserveninhalt, sondern auch das weiche Innere in den Blechkarossen, die sich in Reihe in der Todeskurve in Schrotthaufen verwandeln. Der Spielraum in Carina Riedls Inszenierung besteht fast nur aus Metall und Licht (Bühne: Fatima Sonntag, Licht: Norbert Gottwald). Das reicht aber aus, ja, erweist sich als idealer Boden für Schmalz' wunderbares Sprachbeben. […] Schmalz staffiert seine Figuren prächtig mit allerhand Sprachschöpfungen und -bildern aus. […] Dabei bleibt genügend Raum für die Entwicklung der eigenwilligen Charaktere, sogar für eine kleine Krimihandlung. (nachtkritik.de)

Wenn die gesamte Gegenwartsdramatik so unterhaltsam wäre wie die Eröffnung der diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater, dann würden Shakespeare, Ibsen und Tschechow vermutlich schon bald von den Spielplänen verschwinden. […] Die ausgewählten Stücke werden auch nicht mehr wie bislang in Werkstattinszenierungen gezeigt, um danach in der Versenkung zu verschwinden. Sondern in Kooperation mit dem Burgtheater Wien und dem Schauspielhaus Zürich zur Uraufführung gebracht und in den Spielplan übernommen. Ein konsequentes und begrüßenswertes Bekenntnis zum Autor und zur angenommenen Qualität. Zumal die beiden am Eröffnungsabend gezeigten Stücke auf ihre jeweils eigene Art eine Erzählkraft leuchten ließen, die in den Bann schlägt. […] „Dosenfleisch“ folgt dabei der These von Paul Haggis’ Filmdrama „L. A. Crash“, wonach wir heute schon Blechschäden brauchen, um in Kontakt zu kommen. Ein toller Text. (tagesspiegel.de)

Schmalz‘ Crashkurs über entfremdete Menschen auf dem Hochgeschwindigkeitstrip und die dabei anfallenden Kollateralschäden werden vom Team des Wiener Burgtheaters sehr sinnfällig, schwarz gekleidet und schwarzhumorig im großen Haus in Szene gesetzt. (rbb-online.de)

Der Nachwuchsstar Ferdinand Schmalz serviert mal wieder Vollwertkost: ein Theaterstück mit übermütig-albernen Kalauern, deftig-derben Splatter-Motiven – und durchaus ernster Philosophie. (spiegel.de)

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