Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Christoph Radakovits, Ignaz Kirchner, Marie-Luise Stockinger (c) Reinhard Werner

Heiner Müller
‹Die Hamletmaschine›

„Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber.“

Die Hamletmaschine ist das Ergebnis von Heiner Müllers jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Shakespeare. Parallel zu seiner Übersetzung der Tragödie vom Dänenprinzen schrieb er 1977 diesen eigentümlichen und enigmatischen, immer wieder auch abgründig-komischen Text. Kommentar und Abgesang in einem, ist es Müllers sehr persönlicher Versuch, über die eigene Stellung innerhalb historischer Prozesse nachzudenken – und zugleich eine scharfsinnige Reflexion über das Theater.

„Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt.“

Shakespeares ikonische Figuren Hamlet und Ophelia werden benutzt, um Erfahrenes und Erlebtes, Tatsächliches und Mögliches in unserer Welt ebenso zu assoziieren wie die unausweichliche Logik von Töten und Getötet-Werden. Die pulsierende, klirrend kalte Sprache Müllers erforscht die alltägliche Gewalt, Unterdrückung und Unterwerfung. In der DDR durfte der Text erst ab 1989, nach der politischen Zeitenwende, aufgeführt werden.

Zum 20. Todestag eines der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatiker, Lyriker und Theatermacher inszeniert Christina Tscharyiski Die Hamletmaschine – „Müllers Höllenwitz auf Shakespeare“ (Der Spiegel) – im Vestibül des Burgtheaters.

Regie: Christina Tscharyiski

Bühne: Sarah Sassen

Kostüme: Lejla Ganic

Musik: Kyrre Kvam

Licht: Ivan Manojlovic

Dramaturgie: Florian Hirsch

Oktober

Montag, 10.10.2016 | 20.00 UhrVestibülKarten

Sonntag, 16.10.2016 | 20.00 UhrVestibülKarten

November

Sonntag, 06.11.2016 | 20.00 UhrVestibülKarten

Regisseurin Christina Tscharyiski vereint auf der kleinsten Burg-Bühne Tragik und Slapstick. (Der Standard)

Im Vestibül [...] lädt die junge Regisseurin Christina Tscharyiski den Klassiker von Heiner Müller mutig mit Symbolismus auf. [...] Müller ist bei dieser erfrischend jungen Interpretation im 21. Jahrhundert gelandet. (Die Presse)

95 Minuten voll gewitzter Regieeinfälle. (Kurier)

Fleisch, Blut, Lust, Mord, Verzweiflung, Tscharyiski packt in die 75 Minuten Aufführungsdauer alles, was großes Emotionstheater ausmacht. (European Cultural News)

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Im Vestibül, als kleinste Spielstätte des Burgtheaters selbst kaum größer als die Müller‘sche Textfläche, bricht an dieser Stelle ein Schoß durch die Kulisse. Er gehört Marie-Luise Stockinger als Ophelia. [...] Einen Stierkopf schleppt sie an, um ihn an eine moosgrüne Museumswand (Bühne: Sarah Sassen) zu hängen. Gerade erst hat sie sich von Männ- sowie Häuslichkeit befreit. Soll er ihre Trophäe sein? Wie dereinst der Zeus die Europa, so nimmt jener sie dabei aber ins Gefängnis seiner Hörner. Hochtragisch und zugleich Slapstick par excellence ist das der szenische Höhepunkt der Regie von Christina Tscharyiski. [...]
[Es] pulst in [Heiner Müllers] messerscharfen, betörenden Sprachmacht nämlich immer noch [...], wo man Müller hört, ist er neben wortgewaltig auch weitsichtig. Wenn Hamlet spricht, tut er das nicht mit dänischen, sondern gleich mit den „Ruinen von Europa“ im Rücken. Der Mensch als „Datenbank“, die er u. a. beschwört, ist heute nicht minder aktuell denn damals in der DDR. (Der Standard)

Der Schauraum, in den Sarah Sassen die winzige Bühne des Vestibüls verwandelt hat, sieht vernachlässigt aus: Links eine Vitrine ohne Objekt, nur ein Zettel weist auf das Fehlende hin, in der Mitte eine grüne Wand. Dort sollte laut Beschilderung ein berühmtes Ophelia-Bild aus London hängen, aber man sieht nur ein ausgefranstes Loch. Rechts eine Säule, auf der Teile einer Rüstung liegen – ein Armschutz, zudem ein Visier wie für einen Fechter. Zwei schwarz gekleidete Herren sind bereits auf der Bühne, der ältere (Ignaz Kirchner) sitzt abgewandt vom Publikum, der junge (Christoph Radakovits) geht nervös herum. [...]
Als Maschine bezeichnet Shakespeares Hamlet im Brief an Ophelia sein Herz. Bei Müller aber offenbaren „machines desirantes“, dem postmodernen „Anti-Ödipus“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari entlehnt, vor allem Grausamkeit und Verstörung. Sprachmächtig und anspielungsreich verdunkelt ist der Text Müllers, der zwanzig Jahre nach dessen Tod vom jungen zum beinahe schon vernachlässigten Klassiker geworden ist. Mutig hat ihn Christina Tscharyiski ins Museum gesteckt, verfremdet durch bedrohliche Musik (Kyrre Kvam). Sie inszeniert symbolträchtig – eine Parallelaktion, losgelöst vom Text. [...] Kirchner spielt effektvoll in Mimik und Gestik, murmelnd, auch laut, Radakovits mit jugendlichem Herzblut. Und Ophelia (Marie-Luise Stockinger) ist ein Enigma. Aus einer Klappe der zentralen Wand rutscht sie auf die Bühne, lässt sich behandeln wie eine Puppe, sie endet schließlich als Objekt, in einem neuen Schaukasten. (Die Presse)

Müllers Hamlet wiederum ist ein Alter Ego des Shakespeare-Charakters, ein Intellektueller, der mit der Welt, der Politik und sich im Hader liegt, letztendlich die Haut der Theaterfigur abstreift und zu einem grummelnden, zynischen wie zerrissenen Schauspieler wird – Müllers fast 40 Jahre alte Gedanken öffnen so Parallelen zum Heute.
Das alles erkennt man in Christina Tscharyiskis Inszenierung klar. Sie (und Dramaturg Florian Hirsch) erweiterte mit einem jungen Hamlet das Zwei-Personen-Stück, vermied aber jegliche Provokation. Tscharyiski führt in ein Museum, bedient sich dabei auch der Kraft von Symbolen wie Hamlets Rüstung oder Europas Stier. [...]
Das Befinden des zermürbten Denkers Müller spiegelt sich dabei am besten bei Ignaz Kirchner wider: eine Gestalt zwischen Aufbegehren und Resignation, die „Ophelia“ Marie-Luise Stockinger und Jung-Hamlet Christoph Radakovits Bühnensicherheit gibt. (Kronen Zeitung)

Ignaz Kirchner erklärt, er sei nicht Hamlet. „Mein Drama findet nicht mehr statt.“ Er geht durch die Zuschauerreihen, herrscht die Technik an, sie möge das Licht im Saal aufdrehen (klingt authentisch!), erzählt von seiner „Zahnfäule“ und ersticht den Hamlet-Darsteller. In dieser „Hamletmaschine“ ist einiges los. Man schaut Kirchner allerdings auch fasziniert zu, wenn er weniger spektakuläre Handlungen setzt. Wenn er seinen Pullover auszieht und zusammenlegt, bevor er aus der Hamlet-Rolle heraustritt (die nun gänzlich ein zweiter, gespielt von Christoph Radakovits, innehat). Jetzt ist er nur mehr Theatermann, der anhand von Shakespeare die Schrecken der (DDR-)Welt in drastischen, manchmal komischen Bildern beschreibt. Typisch Shakespeare und typisch Heiner Müller, ist das abgründige Drama sowohl politisch als auch psychologisch ausgiebig deutbar, etwa als Anti-Ödipus-Komplex. Kirchner ist Erzähler, Protagonist und Alter Ego des DDR-Dramatikers Müller. [...]
Im Vestibül sind es handliche 95 Minuten voll gewitzter Regieeinfälle: Ophelia (Marie-Luise Stockinger, die mit roter Perücke wie ein Ophelia-Gemälde aussieht) versucht vergebens, einen ausgestopften Rinderschädel an die Wand zu stemmen. Drastische Details (Herzausreißen, Vergewaltigung) werden dezent angedeutet. [...] Eindrucksvoll gelingt das letzte Bild der zusammengequetschten Ophelia in einem neonbeleuchteten Glaskasten. (Kurier)

Regisseurin Christina Tscharyiski versetzt den Text Müllers in ein sich das Burgtheater-Vestibül einfügendes „Museum“. Bühnenbildnerin Sarah Sassen deutet einen Ausstellungsraum an – eine leere Wand mit einem Durchbruch an einer Stelle, wo wohl einst ein Kunstwerk hing, eine unvollständige Rüstung, eine leere Glasvitrine. Ein Geistermuseum, das sowohl apokalyptische Assoziationen einer untergegangenen Zivilisation als auch ganz konkrete an zu Ruinen geschlagenes Weltkulturerbe im Nahen Osten weckt. [...]
[Der Text] gerät mit Fortschreiten der Inszenierung immer stärker in den Vordergrund. Dass die Regie dabei auf eine eindeutige Interpretation des Textes zugunsten einer beunruhigenden Ambivalenz verzichtet, macht den Abend zur zeitlosen und dadurch erst umso aktuelleren Beschäftigung mit dem Zustand unserer (westlichen) Welt. (Wiener Zeitung)

Ignaz Kirchner brilliert nun in der Hauptrolle, die er sich mit dem jungen Christoph Radakovits teilt. Tscharyiski gelingt damit ein Schachzug. Mit der Textteilung auf zwei Personen schafft sie die Möglichkeit, sowohl den Weltverdruss des alten Hamlet zu zeigen, zugleich aber auch jene Unverbrauchtheit, die er als junger und idealistischer Schauspieler in sich trug. [...]
Die Inszenierung im Vestibül ist eine durchaus gelungene Interpretation des sperrigen Textes, in dem jede Menge politische und literarische Querverweise eingebaut sind. Kirchner veranschaulicht darin den Ekel und den Lebensverdruss des alten Mannes mit großer Uneitelkeit. [...]
Die Regisseurin verleiht den Figuren trotz aller Abstraktion, die sie vom Text her auch mit sich tragen, zutiefst Menschliches. Der alte Hamlet/Schauspieler mutiert zum lüsternen Bock und Mutterschänder, Ophelia, die in der letzten Szene das Grauen von Elektra anschneidet, lässt tief in geschundene Frauenseelen blicken und der junge Hamlet liegt im letzten Bild todesgleich unter einem Stierpräparat, aus dessen Nüstern Blut tropft. Fleisch, Blut, Lust, Mord, Verzweiflung, Tscharyiski packt in die 75 Minuten Aufführungsdauer alles, was großes Emotionstheater ausmacht.
Dabei lässt ihre Regie Anordnungen von Heiner Müller links liegen wie zum Beispiel in jenem Teil, der mit Scherzo übertitelt ist. Eine kluge Entscheidung, durch die die Frauenpassagen dichter und aussagekräftiger werden und sich die einzelnen Szenen inhaltlich enger aneinanderschmiegen. [...]
Eine tolle Regieleistung, die sich einerseits durch Respekt gegenüber dem Text andererseits aber auch durch Mut zur Eigeninterpretation auszeichnet. (European Cultural News)

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