Burgtheater

Ja es umgibt uns eine neue Welt! Torquato Tasso, Johann Wolfang Goethe
Caroline Peters, Martin Wuttke

nach Henrik Ibsen von Simon Stone
‹John Gabriel Borkman›

Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Theater Basel

„Ich hatte die Macht! Die gefesselten Millionen lagen im ganzen Land und riefen nach mir! Schrien danach, befreit zu werden! Niemand von all den anderen hörte es. Nur ich allein.“

John Gabriel Borkman hat sich auf dem Dachboden seines Hauses verbarrikadiert. Er muss sich darüber klar werden, was ihm von seinem Finanzimperium geblieben ist. Abgestürzt nach einem sagenhaften Aufstieg und wegen skrupellosen Betrugs mit acht Jahren Haft bestraft, ist der Banker ruiniert, sein Ansehen liegt in Schutt und Asche, seine Familie ist vollkommen zerstritten. Einzig sein Sohn könnte den Ruf des Vaters wiederherstellen.

Henrik Ibsens Stück ist für Simon Stone das im Europa der Finanzkrise aktuell wichtigste neu zu interpretierende Werk der modernen Klassik. Die Lesart des jungen australischen Regisseurs geht von dem bekannten Realismus Ibsens aus und treibt die szenische Handlung in die im Stück schon anklingenden Züge des frühen Expressionismus. Ibsens präziser Entwurf – die Sinnsuche John Gabriel Borkmans, der im Geld die alles gestaltende Kraft vermutete – kulminiert in dieser Interpretation in einem verzweifelten Machtkampf der Familie um ihre einzige verbleibende Hoffnung: Borkmans Sohn. Simon Stone untersucht die Bruchlinien aktueller Verwerfungen im Wertekanon des bürgerlichen Europa nach dem größten Finanzdebakel des Kontinents.

Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Theater Basel

Die Produktion wurde zum Berliner Theatertreffen 2016 eingeladen und vielfach ausgezeichnet:
● Von Theater Heute als "Beste Inszenierung" 2016, Simon Stone für die "Beste Regie" und Caroline Peters als "Beste Schauspielerin"
● 3-fach mit dem NESTROY Theaterpreis 2015: Martin Wuttke in der Kategorie „Bester Schauspieler“ geehrt, Roland Koch für die „Beste Nebenrolle“ und Regisseur Simone Stone für die „Beste Regie“.

Für die Unterstützung beim Kostüm danken wir


John Gabriel Borkman
Martin Wuttke

Gunhild Borkman, seine Frau
Birgit Minichmayr

Erhart Borkman, ihr Sohn
Max Rothbart

Ella Rentheim, Gunhilds Zwillingsschwester
Caroline Peters

Fanny Wilton
Nicola Kirsch

Wilhelm Foldal
Roland Koch

Frida Foldal, seine Tochter
Liliane Amuat

Regie: Simon Stone

Bühne: Katrin Brack

Kostüme: Tabea Braun

Musik: Bernhard Moshammer

Licht: Friedrich Rom

Dramaturgie: Klaus Missbach

März

Mittwoch, 29.03.2017 | 19.30 UhrAkademietheaterKarten

April

Freitag, 21.04.2017 | 20.00 UhrAkademietheaterKarten

Was für ein Furioso! Was für ein Gemetzel! Was für ein High-Speed-Ereignis! Denn mit „John Gabriel Borkman“ landen die Wiener Festwochen (und damit auch das koproduzierende Burgtheater) einen absoluten Hit. (Kurier)

Mit seinen energiegeladenen Überdrehungen treibt [Simon Stone] dem Stück die Schwere aus; den Tiefgang behält es auch als Komödie. (NZZ)

Simon Stone hat Ibsen keck überschrieben: Sein grelles Schauspiel, exzellent besetzt, mit Soap-Elementen, befremdete manche, wirkt aber klug und lebendig. (Die Presse)

Stone schreibt knapp, pointiert und mit stupend trashiger Plausibilität. Sein Facelift-Ibsen folgt dem alten Norweger treu von Szene zu Szene, der sich nach zeitkosmetischer Runderneuerung wieder so oberflächenfrisch fühlen darf wie vor 120 Jahren. Die großflächigen Realitäts-Einspritzungen unter die Figurenhaut funktioneren dabei wie allerbestes Silikon: Sieht überzeugend aus und fühlt sich trotzdem etwas seltsam an. Was zumindest bei Ibsen, der neben Tschechow die besten Familienserien seiner Zeit geschrieben hat, zu überraschenden Einsichten führt: Wirkt alles sehr real und ist doch ein Leben aus zweiter bis dritter Hand. Aber was wäre eigentlich für Serienfreaks und Internetdaueruser wie unsereiner ein Leben aus erster Hand? (Theater heute)

Wie man ein klassisches Werk ohne Substanzverlust in die Gegenwart transferieren kann, demonstriert Simon Stone in seiner schlichtweg großartigen Inszenierung [...]. Ibsens Figuren sind Menschen unserer Tage und sprechen die Sprache von heute. (Wiener Zeitung)

Eine überraschend vergnügliche Angelegenheit. [...] Was andere gern als düstere Erzählung zeigen, deutet der Regisseur in seiner Neufassung im dauerbeschneiten Bühnenbild überzeichnet grotesk. Die Tragik verliert das Stück dadurch nicht. (ORF.at)

Gestützt auf ein Star-Ensemble legt der junge australische Regisseur Simon Stone eine gleichermaßen riskante wie bemerkenswerte Neuinterpretation von Ibsens „John Gabriel Borkman“ vor. (Die Furche)

Simon Stone hat Henrik Ibsens Banker-Drama [...] in seiner Sprache neu erzählt und in die Gegenwart verlegt. Das funktioniert. Das hat Kraft. [...] Exzellent spielen das Birgit Minichmayr, Martin Wuttke und Caroline Peters. (News.at)

Innere endlose Eiswelten – Minichmayr, Peters, Wuttke: Ibsens „John Gabriel Borkman“ in der Regie von Simon Stone als erster Festwochen-Coup. (Tiroler Tageszeitung)

Simon Stone überträgt „John Gabriel Borkman“ in heutige Alltagssprache und formt die Tragödie eines Betrügers zum sprachwitzigen Ringkampf um. (Kleine Zeitung Steiermark)

In diesem Theaterspiel bleibt nichts hinter bürgerlicher Staffage verborgen. Simon Stone ist ein Expressionist. Er lässt grell und laut spielen. Da folgen ihm fabelhafte Schauspieler mit so viel Verve, dass die wüste Streiterei oft sogar witzig wird. (Salzburger Nachrichten)

Heutig mutet daher vor allem die abenteuerlich unbekümmerte Art an, wie Stone Ibsens Schauspiel [...] umgeschrieben hat, um es konsequent als Komödie zu erzählen. (Die Furche)

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Ja, es funktioniert. Man kann Ibsen ins Heute übersetzen, ihn überschreiben, völlig seiner Sprache entkleiden und dennoch den Kern des Dramas in zwei radikal-kompromisslosen Stunden in aller Schärfe treffen. Zu danken ist das dem 30-jährigen, australischen Regisseur Simon Stone. [...]
Wir sind im Hier und im Jetzt, in einer ziemlich aus den Fugen geratenen Gesellschaft, in der soziale Medien den Ton angeben. Astrologie-Tipps per SMS, Psychotherapie via Skype, Freundschaften und Familienbande über Facebook – doch wenn man den Namen Borkman googelt, so bleiben Schimpf und Schande übrig. [...]
Virtuos legt Stone den Finger auf offene Wunden. Ihn interessiert die Dreiecksbeziehung zwischen Borkman, der einst in die schwesterliche Idylle eingedrungen ist, Ella geliebt, aber Gunhild aus Karrieregeilheit geheiratet hat. Und Stone zeigt einen kaputten Gordon Gekko der Wall Street, der sich immer noch für einen "Master of the Universe" hält.
Martin Wuttke (mit strähniger Langhaarperücke, Kostüme: Tabea Braun) ist dieser Borkman, der wie alle anderen unter emotionalen Starkstrom steht. Einmal Täter, einmal Opfer, einmal Monster, einmal Lamm – Wuttke changiert grandios zwischen allen Ebenen, steht sogar im Tod noch als Sieger dar. Typen wie Borkman sind nicht so leicht umzubringen.
An Wuttkes Seite brilliert Birgit Minichmayr als an der Grenze zur Hysterie wandelnde Gunhild, auch sie manipuliert, schreit, nützt Worte als Waffe. Und das im Stakkato-Tempo. Ihr Pendant ist die hinreißende Caroline Peters als Ella. Doch im weiblichen Dauerkampf um Sohn Erhart gibt es keine Sieger, nur Verlierer. Mit wie viel Witz und noch mehr Schärfe Stone das zeigt, ist genial.
Ebenso wie die perfekt gezeichneten, übrigen Figuren. Max Rothbart als hin und her gerissener Erhart, Nicola Kirsch als seine alternde Geliebte Fanny oder Liliane Amuat als Punkgirl Frida – sie werden dem Trio infernal letztlich entkommen. Auch wenn sie dafür Fridas Vater Wilhelm fast über den Haufen fahren müssen. Roland Koch formt aus diesem gescheiterten Autor und Träumer eine Charakterstudie allererster Güte und wurde dafür wie alle anderen zurecht frenetisch bejubelt. (Kurier)

Eine so wilde Gunhild Borkman sah man noch nie: Birgit Minichmayr brilliert als torkelnde Society-Lady mit Flasche und Marlborough, die ihrem John Gabriel knallhart die Meinung geigt, Schwester Ella an die Wand klatscht und Sohn Erhart manipuliert – bis dieser flüchtet, zur nächsten dominanten Dame: Fanny Wilton (Nicola Kirsch) punktet mit pointierten Bosheiten und Gelassenheit. Max Rothbart (Erhart) wankt auch physisch sichtbar durch die Steinwüste, in der seine Familie vor sich hin wittert. Die ebenfalls junge Frida Foldal (Liliane Amuat) spielt statt Klavier E-Gitarre und wäre nicht abgeneigt, Borkmans Gespielin zu sein: Hauptsache, raus aus der armseligen Sippe. [...]
Vom eleganten Großinvestor im Nadelstreif hat Wuttke nichts. Das stimmt auch, denn Borkman sitzt schon jahrelang auf seinem Dachboden. Am Fernsehen faszinieren ihn vor allem Innovationen: Genetik, Minikameras, die Speicherung von Gehirnen auf Festplatten, alles, was sich vielleicht morgen zu Geld machen lässt.
Jetzt hat der blöde Fernseher den Geist aufgegeben. Wuttke traktiert ihn mit Schlägen, Tritten, verheddert sich in Kabeln. So geht er wohl auch mit Leuten um. Eine tolle Nummer. [...] Die zartesten Pastelltöne malt Caroline Peters als todgeweihte Ella, die auf ein paar letzte glückliche Stunden hofft, Peters zeigt auch den beeindruckendsten Facettenreichtum zwischen Emotionalität und Egoismus.
Die größte Verwandlung wurde Roland Koch als armem Schreiber Wilhelm Foldal zuteil, dessen Ersparnisse Borkman durchbrachte, so herzerwärmend sah man Koch noch nie. (Die Presse)

Simon Stone erledigt die Textaktualisierung gleich selbst [...], schreibt Ibsens gefühlsbankrotter Familienballung [...] Dialoge auf den Mund wie aus bester amerikanischer Serienproduktion. Der immer etwas steifleinern bürgertragische Schwesternkonflikt zwischen Gunhild Borkman und Ella Rentheim um die Gunst von (Pflege-)Sohn Erhart gewinnt ganz neue Dimensionen, wenn sie sich zur Begrüßung nach 16 Jahren an die Hits der späten 90er erinnern oder mit Vorwürfen zuschütten, wer wen warum auf seine Facebook-Seite gucken lässt. Und endlich weiß man auch, was der alte Borkman die letzten acht Jahre in seinem einsamen Dachboden-Exil getrieben hat: Er ist zum Fernseh-Junkie mutiert mit einer Vorliebe für dubiose Wissenschaftssendungen, mit deren weltbewegenden Erkenntnissen er seinen alten Freund Foldal volllabert. [...]
Auf die leere Bühne [...] lässt Katrin Brack zwei [...] Spielstunden lang die allerliebsten Flocken rieseln. Zu Beginn liegt schon ein halber Meter puderiger Neuschnee. [...] Wer bei Borkmans gerade einen Auftritt hat, hebt sich mit einem Ruck und einem kleinen Gestöber vom Boden, auf dem er sonst seinen Zombie-Dämmer ausschläft.
Entsprechend gut erholt, energiegeladen und gefühlsvereist donnern sie dann los. Birgit Minichmayrs Gunhild fegt im transparent schweifenden Hauskleid mit zigarettenrauer Stimme durch den Zimmerfrost und weiß mit sicherem Bodenradar, wo die Wodkaflasche begraben liegt. Caroline Peters’ Ella schwebt ätherisch großgepunktet einher, versendet leidenschaftlich gern lustige Youtube-Clips und beherrscht den großen Augenaufschlag der vollendeten Gefühlserpressung. Auch Sohn Erhart hat als blasser Musterschüler die häuslichen Egolektionen gut gelernt. Max Rothbart stapft in auffälligster Unaufälligkeit durchs Flockenreich und sucht statt Mütterdienst lieber das «Leben» [...]. Und Nicola Kirsch zeigt mit roten Lippen und figurbewusstem Nachdruck, wie man sich nimmt, was man bekommt, solange man noch etwas bekommt.
Ibsens unverwüstliche Lebenslügen sprießen unter dem fortgeschrittenen medialen Wirklichkeitsentzug wie frisch gegossen. Entsprechend ist der alte Möchtegerndramatiker Foldal auch kein Fall fürs verknitterte Gymnasialprofessorendrama mehr, sondern erinnert hinter Roland Kochs blaubunter Pilotensonnenbrille eher an einen frustrierten Drehbuchautor, der sich zufällig in die Serie eines begabteren Kollegen verlaufen hat.
Der König der bankrotten Wohlstandseinsamkeiten aber haust unterm Dach. Martin Wuttke tänzelt einen unwiderstehlichen, hellwach gespannten, nervös-fahrigen Edelpenner ins ewige Eis, der sich blitzend klar in seine möglichen Wahnwelten verstrickt hat und seiner alten Liebe Ella mit der unschuldigsten, selbstverständlichsten Erfolgslogik erklärt, warum er sie nicht geheiratet, sondern verdealt hat. Da sind sogar die abgefuckten Rentheim-Sisters platt. Wuttkes filmrealistischer Horror-Darling unter cool-strähniger Langhaar-Perücke wirkt wie aus irgendeinem Tarantinoinspirierten B-Movie entlaufen: völlig kaputt, völlig unangreifbar und vor allem – täuschend unecht. Aber was heißt hier echt oder unecht? Auch so eine Unterscheidung aus den 90er Jahren. (Theater heute)

Es schneit und daran ändert sich während der [...] Vorstellung nichts. Katrin Bracks Bühne ist dunkel, öde, Requisiten und Schauspieler sind unter der Schneedecke verborgen, werden hervorgeholt, rappeln sich hoch, wenn sie dran sind. [...] Man lebt in der Zeit von Google und Facebook, mit der Therapeutin verkehrt man über Skype, mit der Astrologin über SMS und geshoppt wird nur noch im Internet. [...] Die Schmach, die man erlitten hat, als Polizei und Paparazzi das Haus stürmten, um den Betrüger Borkman festzunehmen, sind in den Archiven von Google festgeschrieben. [...] Man versteht, warum es notwendig war, dass Simon Stone Ibsens Text durch seinen ersetzt hat. Scharf, klar und schmerzlich zeichnet das Elend der Borkmans.
Borkman (Martin Wuttke) ist eine Mischung aus altem Rocker und Wurzelsepp, quert die Bühne, zieht Furchen durch den Schnee. Stundenlang könnte man diesem Schauspieler zuschauen, wie er wütet, nur mit einer Veränderung des Blicks den visionären Träumer oder den Verlorenen gibt. [...]
Großartiges Schauspielertheater zeigen Birgit Minichmayr und Caroline Peters. Wie eine Koloraturarie wirken die Wortkaskaden, die Minichmayr auf Caroline Peters loslässt. Exzellent, was zwischen diesen beiden Schauspielerinnen entsteht. Fulminant wirkt Minichmayr auch als hysterisch-fürsorgliche Mutter, die ihren Sohn Erhart (Max Rothbart) nicht an seine Geliebte Fanny Wilton (Nicola Krisch) verlieren will. Das perfekte Pendant dazu gibt Peters. Sie ist die klammernde Tante, die ihr Ziehkind, für das sie gesorgt hat, als der Vater im Gefängnis und die Mutter betrunken war, nicht ziehen lassen will. (News.at)

Stone [...] überschreibt gleichermaßen Ibsens Text, von Probentag zu Probentag entsteht ein neues Ganzes, das trotzdem absolut den Atem des nordischen Dichters verströmt. Es schneit ohne Unterlass in diesem Reich des frostig-frustrierten Gegeneinanders, Bühnenbildnerin Katrin Brack schickt Flocken aus dem Bühnenhimmel auf die vor der kahlen Feuermauer aufgetürmten Schneemassen.
Im Wintermantel mit langem, ungepflegtem Grauhaar erhebt sich da der ungeheuerliche John Borkman des Martin Wuttke, einer, der – obwohl er in seinem Dachkammernexil in Kübel pisst – ein Machtmensch geblieben ist. Dieser Vater begegnet dem Wunsch seines Sohnes Erhart (berührend: Max Rothbart), aus dem Familiengefängnis auszubrechen, um endlich zu leben, mit eisigem Zynismus. Ebenso beeindruckend ist Birgit Minichmayrs krächzende, an die Schnapsflasche und das Internet verlorene Gunhild, Borkmans Ehefrau, der die nach langer Abwesenheit zurückgekehrte Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters: Wahnsinn!) viel mehr Eindringling als Unterstützerin ist. Gunhilds mit Alkohol betäubte Schmach, Borkmans egomanischer Rehabilitierungswunsch und die Sehnsucht der krebskranken Ella nach deren beider Sohn, den sie in den elterlichen Krisenzeiten über Jahre aufgezogen hat, sind die Grundkonstanten einer erstarrten Familienanordnung.
Szene um Szene bis zum Tod Borkmans in blauer Winternacht folgt man als Zuschauer begeistert in die Beziehungshölle, in der bei allem Humor, den Stone und sein famoses Spitzenensemble (u. a. auch Roland Koch als treuer Freund Foldal!) aus Ibsens Drama herausschälen, immerzu die Tragik und Gewalt hinter den Figuren spürbar bleibt. (Tiroler Tageszeitung)

Simon Stone hat das Stück von 1896 in unsere Zeit verschoben, indem er Ibsens Figuren die Kulturtechniken unserer Tage in die Hand gab. [...] Erzählt wird die Geschichte des Fortschritts als Geschichte wachsenden Komforts und innerer Verarmung. [...] Moral, Gesellschaft, Gewissen: Diese alten Begriffe, sagt Stone, werden heute verkörpert und aufgehoben durch die Cloud, die große Datenwolke, die über uns allen schwebt. Seine Bühnenbildnerin Katrin Brack wendet die Sache ins Räumlich-Praktische, indem sie aus einer unsichtbaren Schneewolke pausenlos Kunstflocken auf die Bühne schneien lässt. Unter diesem Material ruhen die Figuren auf der Bühne, mythische Wesen wie von Beckett oder Matthew Barney. Wenn sie einen Auftritt haben, rappeln sie sich hoch und schütteln die Flocken aus den Haaren. Der grelle Übermut solcher Szenen erinnert an die frühen, grabschänderischen Arbeiten von Frank Castorf. [...]
Birgit Minichmayr füllt die Rolle der Gunhild mit einer wie vom Spliss gespaltenen Stimme: Heiserer Überdruck in jedem Wort! Caroline Peters als todkranke Pflegemutter von Borkmans Sohn Erhart: Auf eine anmutige, von starkem Willen kündende Art spielt sie das schiere Gegenteil ihrer Erscheinung, nämlich Schwäche und schwindende Schönheit.
Und Wuttke stapft wie ein Winterkriegsherr durch den Schnee, um Standfestigkeit bemüht, Flocken wegblinzelnd, ein Wesen irgendwo zwischen Louis de Funès und Napoleon Bonaparte. (Die Zeit)

Umso erleichternder, dass Simon Stone [...] in seiner Überschreibung von „John Gabriel Borkman“ den nicht selten unfreiwilligen Humor der Vorlage zur Groteske überspitzt. Stones Text folgt Ibsens Geschichte Schritt für Schritt, entstellt das Pathos der Vorlage jedoch geschickt zur Kenntlichkeit und übersteigert das Selbstmitleid der Protagonisten ins Lächerliche, ohne dabei die Figuren zu verraten.
Aus Ibsens steif-verbittertem Banker Borkman wird bei Martin Wuttke ein zotteliger Verschwörungstheoretiker mit langem, ungepflegtem Haar, dessen Traum von der gesellschaftlichen Rehabilitierung eine reine Illusion ist und bleiben wird. [...] So verkörpert Wuttke, großspurig gestikulierend im dicken Mantel durch den Schnee stapfend und mit der Stimme gereizt schnarrend, einen erbärmlichen Verlierer, dessen Hybris wenig mehr als realitätsverweigernder Wahn zu sein scheint; nur in den Zwischentönen funkelt hinter der Fassade dieses verletzenden Ekelpakets noch das schwache Licht eines charmanten Idealisten auf.
Birgit Minichmayr zeichnet ihre Gunhild, Borkmans Frau, als unzufriedene Säuferin mit krächzender Stimme: Die Liebe zu ihrem Sohn scheint genauso pathologisch wie halbherzig und ichbezogen: Die angeblich tief empfundene Schmach, die ihr Mann über sie und ihre Familie gebracht haben soll, nimmt man ihr nicht ab. Vielmehr scheint sie verletzt zu sein vom menschlichen Versagen ihres Mannes, das sie nun in gluckenhafter Mutterliebe zu kompensieren sucht.
Auch Caroline Peters‘ Ella, Schwester von Gunhild, kreist um sich selbst – im nüchternen Ton kommentiert sie tough und messerscharf sowohl Borkman als auch ihre Zwillingsschwester, blickt streng, bitter und verächtlich auf das Geschehen und verliert die Fassung lediglich im Angesicht ihres Neffen und Ersatzsohns Erhart.
Max Rothbarts Erhart hingegen hat wenig übrig für die Besitzansprüche seiner Verwandten: Mit der ungestümen Art des jungen Menschen, der sich die verkorksten Lebensentwürfe seiner Familie nicht aufzwingen lassen möchte, begegnet er diesen Ibsenschen Geistern mit einer geradezu frechen Selbstverständlichkeit und Normalität. [...]
Das macht dank des starken Ensembles Spaß zuzuschauen, das ist oft temporeich und witzig und in einigen Passagen auch berührend. (nachtkritik.de)

Simon Stone erzählt die Geschichte des gescheiterten Finanzjongleurs [...] in heutiger Alltagssprache nach und verlegt sie dazu ganz und gar in die Gegenwart. Besser könnte das Timing kaum sein.
Man spielt „Call of Duty“, bestellt BHs im Web und lässt sich via Skype therapieren. Das sorgt für zahlreiche Lacher. Auch, weil Birgit Minichmayr und Caroline Peters als entfremdete Zwillingsschwestern Gunhild und Ella aufgedreht wie zwei Wrestlingköniginnen miteinander in den Ring steigen: als versoffene Monstermutter die eine, als Verzichtserotikerin die andere. In explosiven Schreiduellen kämpfen sie um den Sohn, den die eine geboren, die andere erzogen hat, nun will ihn die eine im Parlament sehen, der anderen soll er den Krebstod erleichtern. Und dem Vater, den Martin Wuttke als ausgehöhlten, misogynen Säufer gibt, soll der junge Erhart (Max Rothbart) den Neustart als Banker ermöglichen. [...] Alles ist Ware in dieser Welt: die Liebe, der Sohn, die eigene Existenz. Bei so viel Kälte ist es nur konsequent, dass Ausstatterin Katrin Brack die Bühne komplett in Tiefschnee hüllt und zwei Stunden lang unablässig weiße Flocken vom Schnürboden rieselt. (Kleine Zeitung Steiermark)

Simon Stone nahm bei seiner Inszenierung nur die dramaturgische Grundstruktur des Stücks und ließ sich von Martin Thomas Pesl eine Neufassung schreiben, in der von Internet, Facebook, Online-Einkauf und Psychotherapie via Skype die Rede ist: willkommen im 21 Jahrhundert.
Noch nie hat man diese Geschichte über einen Betrüger, der in Selbstmitleid versinkt und sich mit seinen Liebsten aussöhnen möchte, so witzig und doch so stimmig gesehen. Das Ganze funktioniert auch deswegen so prächtig, weil absolute Spitzenleute am Werk sind. (OÖ Nachrichten)

Wie man ein klassisches Werk ohne Substanzverlust in die Gegenwart transferieren kann, demonstriert Simon Stone in seiner schlichtweg großartigen Inszenierung [...]. Er rüttelt weder an der Handlung noch an den Charakteren, von Ibsens Text hingegen ist nichts übrig geblieben. Ibsens Figuren sind Menschen unserer Tage und sprechen die Sprache von heute. Ihre existenziellen Probleme und psychischen Konflikte sind gegenwärtig nicht weniger aktuell als zur Zeit (1896) des Schauspiels.
Gunhild Borkman (Birgit Minichmayr) steht nach Jahren wieder ihrer Zwillingsschwester Ella Rentheim (Caroline Peters) gegenüber: eine von unterschwelliger Spannung geladene Begegnung, die unter die Haut geht. [...]
Minichmayr zeigt die innerlich verhärtete, ihr Selbstmitleid zur Schau stellende Gunhild als eine vom Alkohol schwer gezeichnete, dies aber in Sprache und Gestik bemüht überspielende Persönlichkeit, die sich in die virtuelle Welt des Internets zurückgezogen hat. [...]
Caroline Peters verhält sich zunächst noch zurückhaltend. Erst in ihrem Zusammentreffen mit Borkman deckt sie - immer emotionsgeladener - den eigentlichen Grund ihres Kommens auf: Unheilbar an Krebs erkrankt, fordert sie ihr Recht auf Borkmans Sohn Erhart (Max Rothbart) ein, dem sie nach Borkmans Verurteilung Ersatzmutter war, dessen Studium sie finanzierte und den sie nun zu adoptieren gedenkt. [...]
Martin Wuttke bietet als Borkman eine wohl kaum überbietbare Meisterleistung: Ein Menschenwrack, äußerlich verwahrlost, mit grauen Haarsträhnen, kehrt er dennoch den großen Macher hervor, der an seinem verpfuschten Leben allen anderen, aber nur nicht sich selbst die Schuld gibt. (Wiener Zeitung)

Statt das Familiengut der Rentheims [...] zeigt Stone eine metaphorische Seelenlandschaft: eine erkaltete, leere Welt. Aber schon wenn sich aus einem der Schneehaufen zuerst Birgit Minichmayr als Gunhild Borkman und kurz darauf aus einem anderen Caroline Peters als deren Zwillingsschwester Ella Rentheim erheben, ändert sich die Betriebstemperatur [...]. Komik liegt nicht nur in diesem Auftritt, sondern vor allem in der Art und Weise wie Stone Minichmayr und Peters und später auch Martin Wuttke als Borkman ihre verschütteten Seelen enthüllen lässt. Wie die drei durch die Vergangenheit aneinander geketteten und sich doch zutiefst fremd gewordenen Menschen ihr verborgenes Leben in einer modernen, alltäglichen Sprache in der Helle der Bühne ausbreiten, ist nah an Ibsen dran. Und doch sind es heutige Menschen, ist gerade wie sich jeder für sich selbst rechtfertigt, wie sie durcheinander und aneinander vorbei reden, so ungemein nah an unserer Gegenwart erzählt.
Nichts ist zu spüren von der nordischen Schwere, von resigniertem Sinnieren über die Gründe des Scheiterns im Leben. Vielmehr erinnert Stones Personal in ihrem mitleidslosen Sarkasmus, den egoistischen und narzisstischen Posen an Protagonisten aus angelsächsischen Sitcoms. [...]
Der Bankrott und das Gefängnis haben Borkman (Martin Wuttke) nicht brechen können. Äußerlich heruntergekommen mit langen fettigen Haaren bleibt er ganz ein Unternehmer im Ibsen‘schen Sinne. Obwohl despotisch, destruktiv auch gegen sich selbst, indem er sich für das Geschäft und gegen die Liebe entschied, bleibt er ein angeberischer und lächerlicher Visionär, der noch immer glaubt, seine Zeit wird kommen. So forciert Stone dessen zwielichtige Finanzmanöver auch nicht als Veruntreuung, nicht als Betrug, sondern als kurzzeitiges Darlehen zur Verwirklichung eines visionären Projektes. (Die Furche)

Ein toller Regisseur mischt die Wiener Theaterszene auf: Simon Stone [...] legt nun [...] einen weiteren Ibsen-Höhenflug vor: John Gabriel Borkman, von Stone in die heutige Zeit und Alltagssprache mit Internet-Wahnsinn und Banken-Crash verlegt, ist das Beste, was man derzeit erleben kann. Das düstere Drama des Ex-Bankers, Bankrotteurs und Betrügers, [...] ist bei Stone ein irrwitziger, leidenschaftlicher Geschlechterkampf um die Macht und den Sohn. (Österreich)

Stone lässt [...] die Struktur des Stücks intakt. Doch verpasst er dem guten alten Ibsen eine derart witzige Frischzellenkur, dass die Schauspieler abheben trotz dem knöcheltiefen Schnee, in dem sie am Akademietheater herumstolpern.
Und was für Schauspieler! Birgit Minichmayr als daueralkoholisierte Gunhild Borkman kräht Wut und Frust, jahrelang aufgestaut, Caroline Peters entgegen, die als ihre todkranke, aber topelegante Zwillingsschwester Ella Rentheim anreist, um Ansprüche auf Gunhilds Sohn zu erheben. [...] Zwei Frauen von sehr heutiger Hemmungslosigkeit, was die Gesprächskultur betrifft. Sogar der Umstand, dass beide, obwohl sie hysterisch herausschreien, was sie denken, in unemanzipierten Verhaltensmustern feststecken, passt perfekt in unserer Zeit. Die Männer: Martin Wuttkes Borkman herrscht in der sozialen Isolation unbekümmert machohaft weiter, und Roland Koch sorgt als fröhlich daherschwafelnder Nachbar Foldal für heitere Highlights. (NZZ)

Wenn Gunhilds Schwester Ella ins Haus schneit, [...] brechen, wie im Original, die Egoismen und Lebenslügen hervor. Was bei Stone zu kreischenden Zickenkrämpfen, aber schon auch zu hochintensiven Psychoduellen führt. So ereignet sich zwischen der traurig von ihrer Krebskrankheit umwehten Ella (Caroline Peters) und Wuttkes großkotzig-eitlem Borkman starkes, pures Schauspielertheater. Auch Roland Koch muss erwähnt werden, der den selbst ernannten Dichter Foldal so liebevoll als stotternden Kauz zeichnet, ohne in die Karikatur zu verrutschen. Stones Version ist nichts für Ibsen-Philologen und zarte Werktreueherzen. Aber seine unbekümmerte Herangehensweise mit der Lupe der Groteske ist doch sehr erfri¬schend. (SZ)

Als [Glücksfall] kann man die Besetzung – Wuttke als Ex-Banker Borkman, Minichmayr als seine Frau Gunhild und Peters als deren Schwester Ella – jedenfalls bezeichnen. [...]
Die symbolische Kälte bleibt bei den grotesk-hitzigen Diskussionen dem Bühnenbild überlassen. [...] Bei Stone muss nicht ausgesprochen werden, was durch das Schneegestöber ohnehin den Abend über immanent ist. Figuren treten nicht auf und ab. Sie graben sich vielmehr aus und ein, aus tiefen Schneehaufen auf offener Bühne, aus der Gefangenschaft im eigenen Schicksal, in das sie sich selbst und gegenseitig dauerzwingen. (ORF.at)

Schnee! Die Figuren versinken, wühlen darin, Flockenwirbel umgibt sie, macht aus ihnen verwunschene Raureifgespenster. Der Schnee ist ein prächtiger Gag, er erzählt aber auch etwas: Die Menschen in Ibsens „John Gabriel Borkman“ [...] haben auf Gefühle, Liebe und Sex verzichtet, das Geld beherrscht sie, es hat sie erstickt, tiefgefroren. (Die Presse)

Oh, es muss kalt sein in diesem Haus, sehr kalt. Wände und Möbel gibt es keine, stattdessen nur Schnee, Schnee in Haufen auf dem Boden, Schnee, der von der Decke rieselt, nichts als Schnee. Eisig auch die Stimmung im Hause Borkman. [...] Ja, lähmend kalt ist es hier, eine Eislandschaft, unter der jeder Lebenskeim erstickt, jeder Versuch eines Ausbruchs erstarren muss. (nachtkritik.de)

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