Die übrigen Wilden, die vor Angst völlig von Sinnen waren, jagten mit aller Geschwindigkeit, zu der die Furcht und ihre flinken Füße sie anzuregen vermochten, durch die Wälder und über die Hügel davon.
ROBINSON CRUSOEProjekt einer Insel
nach Daniel Defoe
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Premiere: 20. April 2012 im Burgtheater
Robinson Crusoe ist der Prototyp des männlichen Individuums auf der Suche nach Welt, Weite, Größe, Ruhm und Fremde. Von sich weg und über sich hinaus folgt er seiner Abenteuerlust, um seiner scheinbar vorbestimmten Zukunft eines ruhigen, wohlbehüteten Lebens im Mittelmaß zu entfliehen. Als einziger Überlebender strandet er einsam auf einer Insel und wird dadurch auf sich selbst zurückgeworfen. Er durchläuft den kompletten Wahnsinn einer hybriden Selbstfindung, wird vom Abenteurer zum Sklavenhändler, vom gottergebenen Einsiedler zum Kolonialisten, dessen Projekt einer Insel nichts Geringeres als die Schaffung einer neuen Welt behauptet. In Robinson manifestieren sich auf diese Weise die einzelnen Stufen kultureller Entwicklung des westlichen Menschen, der sich – gottgleich – im Besitz des Schlüssels zur so genannten Zivilisation glaubt: Nach 25 Jahren Einsamkeit kommt es auf der Insel zur Begegnung mit dem „Wilden“ Freitag, den Robinson aus den Fängen der Kannibalen gerettet hat und an dem er sein kolonialistisches Erziehungsprogramm durchführen kann.
„Robinson Crusoe“ gilt als erster englischer Roman überhaupt. Er erscheint 1719, zur Zeit eines von Europa ausgehenden prosperierenden Welthandels in bisher unbekanntem Ausmaß. Die Ressource „Mensch“ wird zur Ware und muss ihren Wert unter Beweis stellen. Im gnadenlosen Beharren auf das „Zivilisierte“ zeigt sich stets auch das Unheimliche der Robinsonade. Oder, wie Pascal es so pointiert beschrieb: „Alles Unheil dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht ruhig in ihrer Kammer sitzen bleiben können.“






