Burgtheater

Macht Burg Wahn Sinn spielt Zeit

Ich habe mir die Karte angesehen. Auf der anderen Seite der Meerenge, gegenüber der Insel, da liegt im Südosten von Vancouver ein Ort, der Surrey heißt. Ich habe mich kaputtgelacht. Da fliegst du viele tausend Meilen und landest

in Surrey. Auf der Autobahn wäre man schneller da.

WASTWATER
Simon Stephens
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Anne Ehrlich
Kostüme: Anja Rabes
Premiere: 29. April 2012
Akademietheater
Österreichische Erstaufführung

Wastwater ist der tiefste See in ganz England. Angeblich werden auf seinem Grund immer wieder Leichen gefunden. Oder eben: nie gefunden. „Wastwater“ spielt indes nicht im Lake District, sondern bei London, an der Peripherie des Flughafens Heathrow. Auf transitorischem Gebiet, sozusagen. Auch wenn keine einzige Szene tatsächlich dort angesiedelt ist, scheinen Stephens’ Figuren doch alle in irgendeiner Abflughalle Zeit zu überbrücken. Man wartet, verabschiedet, begegnet sich. Die Vergangenheit wird annulliert, die Hoffnung auf ein anderes Leben ausgerufen. Das titelgebende Gewässer ist eine Metapher für das abgründige Geheimnis, welches die drei sehr eigenständigen Episoden des Stücks elliptisch miteinander verknüpft: Harry, der seiner Pflegemutter Frieda Lebewohl sagt und wohl kaum jemals aus Kanada zurückkehren wird. Mark, der beim ungelenken Seitensprungversuch im Hotel erst nach und nach erfährt, mit wem er es wirklich zu tun hat. Und Jonathan, der einen gefährlichen Deal abschließen muss – er wartet, voller Freude, voller Angst, auf ein geschmuggeltes Kind.

In das neueste Stück des wichtigsten englischsprachigen Gegenwartsdramatikers Simon Stephens taucht man ein wie in einen stillen See, der stets im Schatten der ihn umgebenden Berge liegt. Tief unter seiner oszillierenden Oberfläche verborgen liegen menschliche Tragödien, absurde Verwicklungen und eine strömende Sehnsucht, die – wie die Leichen auf dem Grund von Wastwater – mitunter schon länger der Verwesung ausgesetzt zu sein scheint.

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