Burgtheater

Macht Burg Wahn Sinn spielt Zeit

Peking-Opel

René Pollesch hat weit über hundert Theatertexte geschrieben und viele von ihnen auch inszeniert. Er ist Künstlerischer Leiter des Praters, der Nebenspielstätte der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, und gefragter Gast an diversen Häusern im deutschsprachigen Raum. Laut tageszeitung „der letzte Antikapitalist des Theaters“, ein Attribut, das er selbst wiederum weit von sich weist, erarbeitet Pollesch im Kollektiv mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern Theaterabende, deren Gestalt bei Probenbeginn weitgehend offen ist. Als Grundlage dienen dabei theoretische Texte, Filme und vor allem Erfahrungen aus der persönlichen Lebenswelt der Beteiligten. Erforscht werden – stets aus einer radikalen Ich-Perspektive – etwa die (Schein-)Identitäten der Geschlechter, die Auflösung des menschlichen Subjekts im Zeitalter von allumfassender Vermarktung und World Wide Web sowie gesellschaftliche Kontroll- und Repräsentationsmechanismen jeder Art. Nicht zuletzt untersucht Polleschs durchaus spielerisch-lustvolles „Diskurstheater“ die Produktionsbedingungen seines eigenen Metiers – der Kulturindustrie im weitesten Sinne. Am Burgtheater inszenierte er bereits „Hallo Hotel ...!“, „Häuser gegen Etuis“, „Das purpurne Muttermal“ (ausgezeichnet mit dem Nestroy 2007 „Bestes Stück“) und „Fantasma“. Auch sein Projekt für diese Spielzeit, das den Arbeitstitel „Peking-Opel“ trägt, wird erst während des Probenprozesses klarere Konturen annehmen. Im folgenden, von René Pollesch verfassten Artikel finden sich aber schon einige Hinweise.

Suizid und Schnupfen nehmen zu


Gibt es eine Verbindung zur Materialistischen Dialektik? / Und was hat das mit Peking und Opel zu tun?


Wien, 29. Mai 2009 — Das Institut für Statistik der Universität Wien meldete vorgestern den Anstieg von missglückten Suizidversuchen um 73 Prozent sowie eine enorm erhöhte Rate von hartnäckigen Erkältungskrankheiten. Die Redaktion will unseren Lesern deshalb den Inhalt folgender Nachricht, die uns anonym erreichte, nicht vorenthalten, da sie von existenzieller Bedeutung sein kann: „Bestimmte Fragen sind nur im Kontext der Materialistischen Dialektik zu beantworten. Die Materialistische Dialektik denkt, wie gesagt, die Einheit von A und Nicht-A. Das heißt, wer sich eine geladene Pistole an die Schläfe hält und abdrückt, bekommt einen Schnupfen. Das ist die Materialistische Dialektik. Und sie ist in diesem unserem Staat hier der Philosophen über jeden Zweifel erhaben. Wer das bei der Absicht, sich umzubringen, nicht berücksichtig, der erntet bei Rettungsärzten nur Lachanfälle. Und glaubte doch, einer Tragödie ins Auge gesehen zu haben. Man sieht danach Scheiße aus, und irgendein Nerv, den man im Hohlraum der Stirn erwischt hat, verurteilt einen zu einem lebenslangen Schnupfen. Das wars. Jetzt kann man sagen, man hatte einfach nur keine Ahnung oder Erfahrung, und die Schulmedizin sagt es einem nicht, aber es steckt mehr dahinter. Eine andere Frage, die auch nur im Kontext der Materialistischen Dialektik zu beantworten ist, ist der Verschmelzungswille von Polizisten. Wer liebt, ist ein Polizist, denn er muss während des größten Verschmelzungswillens sich vor allem erzählen, wo wir anfangen und der andere aufhört. Und als Polizisten, die über diese Trennung wachen, bringen wir dauernd solche Sätze hervor wie: ich liebe dich! Die umarmen ihre Hunde und wissen immer noch genau, wo sie aufhören und die Hunde anfangen.“


René Pollesch
‹Peking-Opel›

Uraufführung

René Pollesch


Copyright:
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Thomas Aurin
Regie: René Pollesch Biografie
Bühne: Janina Audick
Dramaturgie: Amely Joana Haag
Premiere: 30. Mai 2010 im Akademietheater

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