Burgtheater

Ein jeder trägt doch so ein blutend offnes Herz in sich. Ferdinand Schmalz. der herzerlfresser

Hollywood’sche Heldenreise

Anlässlich der Bühnenadaption von Die Welt im Rücken, einer luziden Auseinandersetzung des Autors mit seiner bipolaren Erkrankung, sprach Florian Hirsch mit Thomas Melle über die Wahrheit der Wirklichkeit und der Kunst, Psychodynamiken des Stadttheaters und die Schwarmdummheit im World Wide Web.

Joachim Meyerhoff in der Bühnenadaption von "Die Welt im Rücken"


Thomas Melle, wie schreibt man von sich selbst als einem Idioten?
So scharfsinnig wie möglich.

Wie kam es dazu, dass Die Welt im Rücken nun in der Regie von Jan Bosse am Burgtheater erstmals dramatisiert wird?
Soviel ich weiß, lasen Jan Bosse und Joachim Meyerhoff es gleichzeitig und meinten sofort – und es kann sein, dass Herr Meyerhoff hier noch ein Stück drängender und euphorischer war – , dieses Buch müsse auf die Bühne. Es hat ja auch seine rhetorischen Qualitäten, einen bestimmten Rhythmus und wirkt manchmal wie gesprochen in seiner Suada. Es wird interessante Effekte haben, wenn sich Joachim Meyerhoff in seiner Eigenschaft als bekannter „Autobiografist“ diesen fremden, autobiografischen Text zu eigen machen wird. Ich bin so erfreut wie bang gespannt.

Im Zuge Ihrer erneuten Nominierung zum Deutschen Buchpreis, der an sich „Romanen“ vorbehalten ist, wurde dem Text von einigen Kritikern der fiktionale oder sogar gleich der Kunst-Charakter überhaupt abgesprochen. Möchten Sie noch einmal etwas zu jener – für mich, ehrlich gesagt, komplett überflüssigen – Debatte sagen? Oder: Welches Ich spricht da eigentlich?
„Ich“ gleich ich, und doch ist das Ich doch auch schon im Alltag mit genügend Fiktionalitäten ausgestattet, um es als unzuverlässigen Erzähler anzusehen. Es ist ein literarischer Text, der sowohl der Wirklichkeit meiner Krankheit als auch der Kunst gerecht werden möchte, oder eher: die Krankheit adäquat beschreiben möchte, und das ist nur mit den Mitteln der Kunst möglich, mit der größten Kunstanstrengung. Authentizität ist nämlich auch eine ästhetische Kategorie, etwas Gemachtes, Hergestelltes. Es ist kein Roman, und doch, man könnte es genauso als einen nonfiktionalen Roman ansehen, der fast schon der Vorlage einer hollywood’schen „Heldenreise“ folgt, mit einem Protagonisten (mir), einem Antagonisten (der Krankheit), mit Gefährten (den Freunden), einem Ziel (Überwindung) und dann – nun, das Ende ist noch nicht geschrieben. Doch das ist alles völlig egal. Das Buch ist das Buch und vielleicht, so vermessen bin ich kurz, sein eigenes Genre.

Ist das Schreiben über die Krankheit, vor allem, wenn derart sprachgewaltig und in durchaus krachenden Metaphern erzählt wird, nicht zwangsläufig auch eine Ästhetisierung der Krankheit?
Sicherlich, aber heißt Ästhetisierung denn Unwahrheit? Kommt man mit genauen Beschreibungen und durchaus auch drastischen Metaphern der Wahrheit nicht womöglich näher als jeder medizinische Bericht? Die Wahrheit der Wirklichkeit und die Wahrheit der Kunst haben sich hier, so hoffe ich, auf eine Weise getroffen.

Mit Die Welt im Rücken musste, wie es im Prolog des Buches heißt, die Fiktion „pausieren“. Würden Sie das Schreiben über die Krankheit, auch befeuert von dem Wunsch, der eigenen Fiktion die „Wiedergänger“ auszutreiben, als eine Art Exorzismus, eine Kampf um künstlerische Autonomie betrachten? Und: Was kommt jetzt? Woran schreiben Sie gerade?
Ja, es war mir eine Notwendigkeit, dieses Buch zu schreiben, notwendig fürs Schreiben wie fürs Leben. Jetzt ist die Leinwand, so scheint es mir, wieder weiß, die Pinsel sind ausgewaschen, und ich kann neue Farben anmischen. Derzeit schreibe ich an neuen Stücken, zwei, drei Romane sind im Hinterkopf und in Skizzen virulent, und es wird sich zeigen, welcher davon sich zuerst durchsetzt. Wie es im Buch heißt: „Alles beim Alten, nichts wie zuvor“.

„Das Problem sind die Träume. Nicht das Leben“, heißt es in 3000 EURO. Der Kontext ist dort ein etwas anderer, aber würden Sie mir zustimmen, dass Die Welt im Rücken nicht nur ein Anti-Bildungsroman, sondern auch ein Desillusionsroman oder Desillusionierungsroman ist?
Jedenfalls funktioniert die Literatur hier nicht als Illusionsmaschine, und alle Illusionen über sich selbst werden aus dem Weg gesprengt. Was die Illusionsmaschine Theater mit einem solchen Text macht, wird deshalb besonders aufschlussreich sein.

Die Welt im Rücken ist auch ein Buch über das deutsche Stadttheater. Wie haben Sie diese sehr spezielle Blase der Kulturlandschaft während Ihrer Arbeiten fürs Theater erlebt? Wie sehen Sie der Uraufführung von Die Welt im Rücken entgegen?
Ach, ich weiß nicht, es streift das Stadttheater nur, da ich nun einmal dort auch gearbeitet habe und weiterhin mit Freude dafür schreibe – und eben, okay, das ist der Punkt, dort auch zweimal manisch wurde. Ein guter Boden für Ausraster, für Leute wie mich potenziell eine Gefahr, wenn man sich den Psychodynamiken arglos aussetzt. Aber ich hoffe, ich spreche hier für mich nur in der Vergangenheit. Und wie gesagt, der Uraufführung sehe ich voller Freude und auch mit Respekt entgegen. Wie wird das für mich sein, die eigene Geschichte vorgespielt und hininszeniert zu bekommen von solch ausgesucht tollen Leuten? Leicht eingeschüchterter Enthusiasmus.

Sie sind auch ein profilierter literarischer Übersetzer. Wie sehr versetzen Sie sich bei diesen Unternehmungen in den jeweiligen anderen Autor und seine Welt hinein, wie haben wir uns den ganzen Vorgang überhaupt vorzustellen?
Es ist, sowohl allgemein als auch individuell, eine fremde Sprache, eine fremde Kunst, der man begegnet, und so schärft sich auch der Blick aufs Eigene, das dadurch neue Folien gewinnt, vor denen es sich schärfer konturiert. Ich versuche einfach, den Stil, die Tonalität des fremdsprachigen Textes genauestens nachzuempfinden und dann in meiner Sprache neu zu erschaffen. Nichts Ungewöhnliches und doch immer wieder eine ziemliche Herausforderung.

Verbringen Sie viel Zeit im Internet? Die Frage ist ganz ernst gemeint. Und zielt auf eine wirklich große Schlussfrage: Wie hat das World Wide Web die Welt verändert, wie verändert es sie, wie wird es sie verändern?
Ich glaube, wir „verbringen“ inzwischen nicht mehr „Zeit im Internet“, sondern sind ganz selbstverständlich online, am Arbeitsplatz, im Zug, überall, nur greifen wir nicht dauernd darauf zu. Ich lese vielleicht etwas mehr als andere im Internet herum, aber ansonsten bin ich da ein ganz gewöhnliches Kind meiner Zeit. Im Übrigen bin ich zwischenzeitlich doch ganz schön desillusioniert vom Netz. Der Traum, dass jeder mitreden und mitgestalten kann, eigentlich die Erfüllung von Brechts Radiotheorie, wird mehr und mehr zum Albtraum. Ich beobachte die Dynamik im Internet mit Grauen. Ich hatte so viel Schwarmdummheit nicht für möglich gehalten, und die These von Jonathan Franzen, ohne Twitter kein Trump, stimmt einfach. Man muss aufpassen, darüber nicht zum Zyniker zu werden.



‹Die Welt im Rücken›
nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle

Uraufführung am 13. März 2017 im Akademietheater
Regie: Jan Bosse
Mit: Joachim Meyerhoff
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