Apropos Édouard Louis

Édouard Louis gilt als der Popstar der französischen Literatur. Seine Kindheit war geprägt von Armut und Gewalt. Doch sie ganz hinter sich lassen kannn er nicht - gerade darüber schreibt er ja. Der Autor Gabriel Proedl und der Fotograf haben ein Armin Smailovic haben Édouard Louis Über mehrere Monate hinweg begleitet und ein intimes wie fanatisches Porträt des Schriftstellers geschaffen, das im SZ Magazin, in Der Standard und Das Magazin veröffentlicht wurde. Internationale Publikationen werden folgen. Hier auf der Burgtheater-Website lesen Sie Auszüge des Porträts. Édouard Louis erleben Sie auf der Bühne des Akademietheaters am 29. November im Gespräch mit Anne-Catherine Simon, Markus Meyer liest Auszüge aus xxxx. 

APROPOS GEGENWART Die Freiheit einer Frau

Édouard Louis im Gespräch mit Anne-Catherine Simon. Es liest Markus Meyer.

29. November, Akademietheater

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TEIL 1 (Beginn):

Édouard Louis wirft sich auf den Bühnenboden und weint. Er weint oft, manchmal mehrmals am Tag, aus Freude und Hoffnung oder aus Trauer, Wut und Scham. Er streckt die linke Hand, als würde er sich vor den Schlägen schützen wollen, die er so oft erfahren hat – mit tränenden Augen sieht er ins Bühnenlicht. Von der Seite ruft der Regisseur: »Das funktioniert noch nicht!« Louis wirft sich also wieder hin, weint, hebt die Hand, kämpft. Auf der Leinwand hinter ihm erscheint ein Film von ihm, es kommt zu einem Gespräch zwischen Louis im Video und Louis auf der Bühne. Eine Befragung – so heißt auch das Stück, das hier Anfang Mai 2021 am Niederländischen Theater Gent geprobt wird und später durch Europa touren soll, zuerst nach Brüssel, im Herbst an die Kammerspiele nach München, und nach Paris: The Interrogation, die Befragung. Einziger Schauspieler des Stückes ist Édouard Louis, der 29-jährige Literaturstar aus Paris. Und wie in allen seinen Büchern geht es auch diesmal um ihn selbst – und um alles andere auch. 


»Sind Sie krank?«, fragt Louis von der Leinwand.
»Nein«, sagt Louis auf der Bühne. 
»Arbeiten Sie?«
»Ja.« 
»Sind Sie glücklich?« 
»Nein. Oh nein.«
Wieder der Regisseur von der Seite: »Noch mal! Es geht hier um deine Geschichte. Mach das mit mehr Lebensfreude!« Louis sieht ihn an. Der Regisseur ist sein guter Freund – aber gerade einfach nur Regisseur: Milo Rau, Theaterweltstar, bekannt dafür, erst dann einen Schritt zurückzutreten, wenn er bereits zwei zu weit gegangen ist. 
Wenn Louis die Kontrolle entgleitet, senkt er sein Kinn zur Brust und weitet seine Augen, sein Blick wird starr. Seit er vor zehn Jahren von seiner homophoben und rassistischen Familie aus seinem verhassten Kindheitsort Hallencourt im Norden Frankreichs geflohen ist, hinterfragt er jeden Vorschlag, jede Anweisung, jeden Befehl. Er will die Kontrolle über seine Entscheidungen behalten, nur so fühlt er sich wohl, nur so kann er radikal sein. Er schreibt dann von seinem Vater, der gemeint habe, Schwule und Araber müsse man aufhängen, und davon, dass er in Paris vergewaltigt worden sei und beinahe ermordet. Doch wenn er schreibt, legt er nur das offen, was er möchte – als Schauspieler ist er den Anweisungen des Regisseurs ausgesetzt. Und als Rau nun also von ihm verlangt, mehr Lebensfreude in die Sätze zu bringen, sieht er ihn mit diesem starren Kontrollverlustblick an und sagt: »Milo, von Lebensfreude weiß ich rein gar nichts.« 
Das erinnert an die ersten Sätze seines Debüts DAS ENDE VON EDDY von 2014, dem ersten von fünf erschienenen autobiografischen Büchern: »An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.« Die New York Times schrieb in einem Text, die Stelle habe sich wie ein Pop-Hit verbreitet. Und spätestens seitdem ist Édouard Louis der Popstar: Seine Bücher wurden in dreißig Ländern verkauft, Louis ging auf weltweite Lesetournee und saß in vielen Talkshows.
Auf der Bühne breitet er jetzt die Arme aus, er steht aufrecht, als würde er an den Schulterblättern von einem Seil nach oben gezogen. Sein weißer Kapuzenpulli wird von vorne angestrahlt, seine kurzen blonden Haare leuchten. Édouard Louis hat seine Bestimmung darin gefunden, von seinen Visionen zu erzählen: von einem Leben ohne Gewalt. Rau fragt: »Wollen wir es noch einmal versuchen?« Louis sagt: »Ich weiß es nicht, Milo. Ich fühle mich nicht wohl. Ich spüre meinen Körper nicht.« 
 

Fünf Wochen später, Anfang Juni 2021, in seinem Apartment in Paris. Édouard Louis wohnt im obersten Stock eines knallweißen Hauses in einem Wohnviertel links der -Seine. Sein bester Freund ist der Literat -Didier Eribon, er wohnt ein paar Straßen weiter, die beiden sehen sich jeden Tag. Seine Adresse hält Louis selbst vor seiner Familie geheim, seit sein Bruder mit Baseballschläger in die Stadt gekommen sei, um ihn zu erschlagen. Von einem Cousin wurde Louis gewarnt und floh in ein Hotel, erzählt er. Das war 2014, kurz nach der Veröffentlichung seines ersten Buches Das Ende von Eddy, bald ein literarischer Hit: Ein 21-Jähriger schreibt schonungslos seine Kindheitsgeschichte als homosexueller Junge in einer der ärmsten Regionen Frankreichs auf. Sein Vater arbeitete in der Fabrik und verbat seiner Frau zu arbeiten, sich zu schminken, »das ist was für Prostituierte«, soll er gesagt haben. Wann immer Édouard Louis den Stand seiner Familie beschreibt, bedient er sich eines Begriffes von Karl Marx: Lumpenproletariat. Jene, die nichts haben. Kaum Geld für Geschenke zu Weihnachten, zwar das Meer in der Nähe, doch sie fahren nie hin, weil Benzin teuer ist. Gegen Monatsende gibt es warme Milch als Hauptgericht. 
Louis sitzt an seinem Schreibtisch vor den handschriftlichen Notizen für seinen neuen Roman. Auf seinem Laptop hat er einen -Virus, immer wieder poppen halbnackte Frauen auf. Aus einer Bluetoothbox läuft Lana Del Rey. Sein Regal biegt sich unter den vielen Büchern, Thomas Bernhard, Peter Handke, Elfriede Jelinek, von ihnen habe er die Radikalität gelernt. Die Luft steht, ein Thermometer zeigt 24 Grad. Louis’ blaue Augen glänzen schwarz. Sein Gesicht ist symmetrisch, obwohl er der festen Überzeugung ist, dass die linke Hälfte die schönere ist: Wenn er beobachtet wird, bedeckt er die rechte oft mit seiner Hand. In der Nacht ist er um vier ins Bett gegangen, erzählt er, und auch erst nach zwei Gläsern Wein, kombiniert mit einer Schlaftablette, Zolpidem, dem harten Zeug, so gehe das fast jeden Abend. Sein Arzt habe ihm geraten, besser mit Wein und Tabletten zu schlafen als gar nicht. 
Sein Aufstieg vom Proletariat zu dem, was man von außen als Leben der Bourgeoisie bezeichnen würde, wurde oft geschildert. Von ihm selbst, in seinen Büchern, von Journalisten, etwa im Magazin der New York Times, die aus seiner Geschichte einen platten American Dream machten. Fast so, als wäre Édouard Louis mit 29 in seinem Happy--End-Leben angekommen, von war-mer Milch zu kaltem Champagner, von einer verabscheuungswürdigen Familie zur intensivsten Freundschaft mit den führenden Linksintellektuellen Didier Eribon und -Geoffroy de Lagasnerie. Oft wird vergessen, dass sein Leben ein Leben im Kampf gegen die Gewalt ist. Und dieser Kampf und dieses Leben finden jetzt statt, auf gedruckten Buchseiten und auf der Straße: in Paris traditionell jenem Ort, an dem eine Revolution beginnt. Milo Rau hat vielleicht intuitiv die richtige Form gefunden, ein solches Leben zu erforschen: eine Befragung. 

Frage: »Mit welchem Gefühl schreiben Sie, wenn Sie Ihre Geschichte erzählen?« 
»Mit Wut. Und Angst«, sagt Louis. »Das Leben der Ärmsten ist geprägt von Angst. Angst, den Job zu verlieren, das Haus, die Pension. Sogar in meiner Kindheit spürte ich ausschließlich Angst, jeden Tag. Sie erfüllte mein ganzes Wesen.« 
»Die Menschen in Ihrem Heimatdorf hassen Sie. Warum kämpfen Sie für diese Menschen, die – wie Sie schreiben – rassistisch und homophob sind?«
»Wer für eine Gruppe kämpft, muss nicht beweisen, dass sie es verdient. Ich kämpfe für leidende Menschen, ich kämpfe gegen objektive Bedingungen.« 
»Was, wenn sie Ihre Hilfe nicht brauchen?«
»Vielleicht wissen sie es nicht, weil sie keinen Zutritt zu all dem haben. Meine Eltern beispielsweise dachten, das Leben muss hart und zerstörerisch sein. Doch sie waren gefangen in einem System.« 
»Von dem Sie sie erlösen wollen?« 
»Ja.« 
»Kann man aus dem Leid ausbrechen?« 
»Nicht vollständig, denke ich. Denn das Einzige, was sich immer wiederholt, ist die Gewalt.« 
»Und die Liebe!« 
»Und die Liebe.« 


TEIL 2 (Venedig):

In Venedig, in der Nähe der Rialtobrücke, haben sich die Zuschauer im Saal des Teatro Goldoni eingefunden. Es ist der 8. Juli 2021, etwas mehr als eine Woche noch bis zur Demonstration in Paris. Der G20-Gipfel tagt in der Stadt, die Straßen werden von Maschinenpistolen bewacht, und die Hubschrauber fliegen. Louis ist gerade aus Lissabon gekommen, gleich danach will er nach Cannes. Jetzt sitzt er bereits an einem Tisch auf der Bühne und tippt in seinen Laptop. Eine Dame in schwarzer Robe hat ihn entdeckt, zu ihrer Begleiterin sagt sie: »Oh, hier sitzt er schon.« Minutenlang starrt sie ihn an. In der vierten Reihe: Ein etwa dreißig Jahre alter Mann mit lockigen Haaren, eingekleidet in Gucci, an seinem Hals eine Goldkette mit Davidstern, in der Hand eine pinke Tasche. Er applaudiert Louis, noch bevor es losgeht, und dreht sich um die eigene Achse. Er ist einer von Louis’ besten Freunden aus New York, Adam Eli, bekannter LGBTQ-Aktivist. »In New York ist Édouard ein Superstar«, sagt er. »Wenn ich Freunden erzähle, dass ich ihn kenne, flippen die aus.« Die Amerikaner, sagt Eli, lieben seine Offenheit, seine Radikalität, seine Ehrlichkeit – und dann ist da natürlich noch die New York Times, die über den Debütroman schreibt: Die ersten Zeilen haben sich wie ein Pop-Hit verbreitet. »Was Besseres kann dir nicht passieren«, sagt Eli, »selbst wenn du eine Milliarde Dollar hättest, könntest du dir nie den Ruhm kaufen, den ihm die New York Times mit dieser Kritik gegeben hat.«
Irgendwo hinter der Bühne ist Thomas Ostermeier. Der Regisseur und künstlerische Leiter der Schaubühne Berlin hat mit Édouard Louis Wer hat meinen Vater umgebracht für die Bühne adaptiert. Louis’ dritter, sein schmalster Roman – und jener, mit dem er am zufriedensten ist. Es ist ein Brief an seinen Vater, der nie beantwortet wird. Bereits im Vorwort stellt Louis klar: »Dass nur der Sohn spricht, ausschließlich er, ist für beide brutal: Dem Vater bleibt verwehrt, seine eigene Lebens-geschichte zu erzählen, und der Sohn ersehnt sich eine Antwort, die er niemals erhalten wird.« Das Buch wird oft als Versöhnung mit dem Vater beschrieben, doch das stimmt nicht. Es ist ein Versuch des Sohnes, die Strukturen zu verstehen, die seinen Vater zum homophoben Rassisten, zum brutalen Mann machten: Es seien die politischen Entscheidungen aus Paris, die ihn zerstört haben. -Politiker, die ihn zwangen zu arbeiten, obwohl er wegen eines Unfalls arbeitsunfähig war. Es erinnert an eine Theorie des Philo-sophen Pierre Bourdieu: Der Arbeiterklasse wird der Zugang verwehrt zur Bildung, zum Kapital, zur Kultur – und somit zur Welt. Alles, was man ihnen lässt, ist der Körper. Es entsteht gezwungenermaßen eine Ideologie des Körpers. Die Maskulinität wird zum Wichtigsten, weil nur sie bleibt. Édouard Louis’ Vater ging fast daran zugrunde, unbedingt einem Männlichkeitsideal genügen zu wollen, mit dem er sich selbst nie wohlfühlte, so schätzt Louis das ein.
Während der Adaption fürs Theater steht Louis in einer Szene wie immer allein auf der Bühne, ein braunes Ledersofa und ein Plastikstuhl deuten das Wohnzimmer seines Elternhauses an. In seinem Monolog ertappt er seinen Vater beim Schauen einer Oper im Fernsehen. Bei einer Arie fangen die Augen des Vaters feucht zu glänzen an. »Du, wo du doch immer sagtest, ein Mann dürfe nicht weinen«, sagt Louis, »wie gerne hätte ich zu dir gesagt: Ich weine auch. Oft sogar sehr.« 


TEIL 3 (Venedig): 

Nach der Vorstellung, bei einem gemeinsamen Abendessen in einem Restaurant nahe dem Theater, packt Adam Eli Édouard Louis bei den Schultern, schüttelt ihn und drückt seine Wange an die von Louis. »Ich bin so stolz auf dich, mein Freund«, sagt er. Ostermeier bestellt Wein, und Eli, als hätte er die Lebensfreude aus New York mitgebracht, steht auf und ruft: »Wenn du schwul bist, wirst du nie alt! Wir bleiben für immer jung, Édouard.« Es ist ein anderer Louis an diesem Abend, einer, den nur seine guten Freunde kennen: ein Mann, der Wein liebt, guten Champagner und Schokolade, Musicals und cheap pop songs, einer, der lacht und blödelt, der von seinem Treffen mit Isabelle Huppert erzählt und dabei Isabelle Huppert imitiert und sich selbst gleich mit. Einer, der, wie er sagt, hemmungslos ins Leben verliebt ist. »Wenn ich liebe, dann liebe ich mit allem, was ich habe.« Er kippt seine Hand zur Seite, spricht in heller Stimme, überschlägt seine Beine und kreischt, sagt dann: »I am so sorry, I am just a very gay boy.« Eli lacht laut auf. »Wir leben für immer!«, ruft er noch, es ist zwei Uhr nachts, und die Straßen Venedigs sind leer. 
Direkt von Venedig will Louis nach Cannes fliegen, zum Filmfestival, roter Teppich, sein bester Freund Didier Eribon stellt die Verfilmung seines Buches Rückkehr nach Reims vor. Das Leben ist schön. An diesem Abend des Feierns scheint die Revolution plötzlich nah. Wie Adam Eli sagt: »Schwul und queer zu sein, das hat viele Nachteile. Aber es ist auch verdammt schön. Und das zu zeigen, ist sehr politisch. Wer sagt, dass es kein lustvoller Kampf sein kann?« 

TEIL 4 (Südfrankreich): 

»Sie waren nicht auf der Demo. Sind Sie aus Paris geflohen?« 
»Ja, ich hielt es nicht mehr aus. Ich wollte verschwinden.«
»Wie lange?« 
»Am liebsten für immer. Ich lebe ein Leben, das ich verlassen will.« 
»Was hindert Sie daran?« 
»Ich habe noch so viel zu sagen. Wie könnte ich aufhören zu schreiben und zu kämpfen, wenn wir von so großer systematischer Gewalt umgeben sind?«
»Haben Sie Angst zu sterben, ohne alles gesagt zu haben?«
»Ja, sehr. Der Tod ist der größte Skandal. Und er kommt immer näher. Ich vermisse meine Kindheit.« 
»Édouard Louis vermisst seine Kindheit?« 
»Ja, der Tod war damals außer Reichweite.«
»Hassen Sie Ihren Vater noch?«
»Freunde fragen mich das oft. Und ich sage immer: Klar hasse ich ihn. Aber das stimmt nicht. Es wird nur von mir erwartet, dass ich ihn hasse. Aber ich für mich weiß, dass ich ihn wohl liebe.«
»Haben Sie ihm verziehen?« 
»Nein, dafür sind zu viele Dinge passiert, die nicht mehr gutgemacht werden können.« 
»Arbeiten Sie gerade?« 
»Nein, ich mache frei.« 
»Sind Sie glücklich?«
»Ja, zum ersten Mal in den vergangenen Monaten. Solange ich arbeite, gibt es diese Schwere. Das Glück kommt dann, wenn ich aufhöre.« 


AUTORENKÄSTEN: 

Gabriel Proedl (23) lebt als freier Autor in Graz und Wien. Er ist Mitgründer von „Hermes Baby“, der Gemeinschaft für Erzähljournalismus mit Sitz in Hamburg und im Museumsquartier in Wien. Instagram: @gabrielproedl

Armin Smailovic (53) lebt als freier Fotograf in München und Sarajevo. Er ist Mitgründer der "Agentur Focus“ mit Sitz in Hamburg. Instagram: @arminsmailovicphoto

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