Wie erlebt man Kunst in dieser herausfordernden Zeit?

Von persönlichen Begegnungen von Burgtheaterschauspieler*innen mit Werken bildender Kunst erzählt unsere Webserie THEATER TRIFFT MUSEUM.

In der dritten Episode besucht Max Gindorff im Belvedere 21 eine Ausstellung von Ugo Rondinone. Die Werke Rondinones hat der 1994 in Luxemburg geborene Schauspieler bei seinen ersten Museums-Streifzügen als Student in Wien kennengelernt. Nun stattet Max Gindorff Rondinones „Akt in der Landschaft” einen erneuten Besuch ab.

Ein Protokoll. Aufgezeichnet von Anne Aschenbrenner

„Wenn man mit den schrecklichen Nachrichten vom Ukraine-Krieg oder der Pandemie im Kopf diese Ausstellung hier betritt, könnte man sie als ziemlich bedrückend empfinden. Zwei große Mauern aus dunkler Erde durchtrennen den Raum. Lebensechte Figuren kauern weit voneinander entfernt auf dem Fußboden oder lehnen an den Wänden und den Säulen. Sofort denkt man an „Loneliness” oder „Social Distancing.” Aber es ist gar keine bedrückende Ausstellung. Ich bin überrascht, wie gut es mir hier geht. Vielleicht liegt das auch am Wetter: Die Sonne scheint durch die großflächigen Glasfronten, von der eisigen Kälte draußen ist nichts zu spüren. Was mir auch auffällt: Ich spreche sehr leise. Dabei bin ich allein hier! Ich könnte laut rufen. Ich finde es aber schön, wenn uns Museen zum Leise-Sein, zum Innehalten bewegen. Genau das machen die Figuren von Rondinone auch.

Ich verstehe, wenn Künstler*innen nicht über ihre Arbeit sprechen. Ich selbst mache es gern, aber vielleicht ist das am Theater auch leichter.

Ugo Rondinones Arbeiten habe ich schon einmal gesehen, das war 2015 in einer Ausstellung in der „Secession.” Auf den Ausstellungsbesuch heute habe ich mich nicht vorbereitet. Ich möchte herausfinden, wie die Werke auf mich wirken, mit allem, was mich gerade beschäftigt

Es sind viele Fragen, die sich aufdrängen. Wie hat der Künstler diese Figuren gemacht? Sind es Abgüsse echter Menschen? Was wollte er mit den Abständen bewirken, die er zwischen den aneinandermontierten Körperteilen gelassen hat? Sie wirken brutal! Sind die Mauern voll gefüllt mit Erde, oder ist es nur ein Gerüst, das mit Erde bedeckt worden ist? Würde ich meine Fragen dem Künstler stellen, würde der wahrscheinlich nicht antworten wollen. „Das habe ich nicht so konzipiert, dass man sich überhaupt Gedanken dazu macht“. Ich verstehe, wenn Künstler*innen nicht über ihre Arbeit sprechen. Ich selbst mache es gern, aber vielleicht ist das am Theater auch leichter.

In meiner Studienzeit war ich viel in Museen, das habe ich einer Professorin an der Schauspielschule zu verdanken, die der Meinung war, dass man den Blick weiten müsse, dass bildende Kunst auch zur Ausbildung in den darstellenden Künsten gehöre. Wir haben mit ihr viele Museen besucht, auch kleine Galerien, wo man sonst vielleicht nicht hinkommt.

Erstaunlich, wie theatral die Ausstellung ist – eigentlich ist sie ein Bühnenbild mit Spieler*innen darin, so echt wirken die Figuren.

Das hat meinen Blick und mein Verständnis für Kunst geschult. Dafür bin ich sehr dankbar. Wenn ich die Glaswände hier entlanggehe, merke ich, dass sich Rondinone mit den Räumlichkeiten, den Fensterfronten, dem Licht auseinandergesetzt haben muss. Sonst würde diese Figur doch nicht hier sitzen! Erstaunlich, wie theatral die Ausstellung ist – eigentlich ist sie ein Bühnenbild mit Spieler*innen darin, so echt wirken die Figuren. Sieht man sie länger an, bekommt man das Gefühl, dass ihre Gesichtszüge sich verändern und sie auf die Betrachtenden reagieren.

Die Ausstellung wirkt beinahe sakral auf mich, was daran liegen mag, dass ich allein bin, aber auch an dem Licht, das hereinfällt. Gerade scheint es durch die gelbe Scheibe, die an der Fensterfront befestigt ist. Es ist toll, wie das Gebäude atmet, wie von der einströmenden Wärme die Materialien knarzen. Es ist erholsam hier. Unweit der Tür, durch die man die Ausstellung betritt, hängen gerahmte Gedichte. Soweit ich weiß, hat Rondinone auch viel mit den lyrischen Texten seines Ehemanns gearbeitet, eines amerikanischen Poeten, der erst kürzlich gestorben ist. Ich kann mir vorstellen, dass die Arbeiten, die hier hängen, dazu gehören. “I / am / you / are / a summer day.” Gottchen, ist das süß! Und dieses hier passt zu dem, was ich vorher über Künstler*innen gesagt habe, die nicht über ihr Werk sprechen möchten: “Can i take this poem with me? / why? / because i think it‘s great / i don’t / who cares what you think”. So ist es doch: Ich denke mir meinen Teil, du denkst dir deinen. Genau darum soll es bei Kunst gehen!“

© THEATER TRIFFT MUSEUM #3. Mit Max Gindorff & Ugo Rondinone im Belvedere 21.

Theater trifft Museum 

Erste Lieben, auf die wir später manchmal mit Verwunderung blicken, treue Begleiter*Innen, Hasslieben oder sporadische Verliebtheiten: Wir begegnen ihnen, verlassen sie, kehren vielleicht zu ihnen zurück. Manchmal begegnen sie uns ganz unvermittelt, vor allem sind sie immer da: Werke von Künstler*Innen, die wir in Museen erleben.

Old Friends waren für Samuel Beckett Tizians „Ecce Homo” und Salomon van Ruysdaels „The Halt” in der National Gallery Dublin, alte Bekannte, denen er bei jedem Aufenthalt wenigstens einen kurzen Besuch abstattete. Mit diesem Gedanken besuchen Schauspieler*Innen des Burgtheater-Ensembles ihr Lieblingswerk in einem leeren Museum und erzählen im Rahmen der Webserie „Theater trifft Museum” von einer persönlichen Kunstbegegnung.
 

Mit Safira Robens, Elisabeth Augustin, Arthur Klemt, Robert Reinagl, Sylvie Rohrer, Peter Simonischek u. a.

Eine Serie von Anne Aschenbrenner & Philipp Hauß
Auf www.burgtheater.at und auf unserem Youtube-Kanal

Magazin #11: Beben
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