Bestien

Annäherungen an ein Stück von Heinrich von Kleist von Martin Kušej

Sujetbild Die Hermannsschlacht

Ich entlehne den Titel meiner Konzeption einem Essay der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken, denn sie hat meinen Blick auf dieses Stück wie niemand sonst geschärft und geweitet. Zugleich beinhaltet der Begriff „Bestien“ praktisch alle Metaphern und Bedeutungen, die für ein modernes, schonungsloses Verständnis der HERMANNSSCHLACHT wichtig sind. Sie bezeichnen eine (poetische) Landschaft, in der Frauen und Männer in sexuell aufgeladenen Jagdszenarien zu Tieren werden. Auf reißende Bestien treffen wir in jedem Akt und in den meisten Szenen erleben wir eine „Vertierung“ von allem Menschlichen. Lockvogel, Jagdbeute, Hundemeute, Wild, Bären, Wölfe, Adler – die Liste ließe sich lange fortsetzen; ebenso mit dem Ausweiden, Ausschlachten, Verwerten von Körpern. Tierkörpern, Menschenkörpern.

Meine Annäherung an DIE HERMANNSSCHLACHT beginne ich also drastisch; nicht nur weil ich diese Eindrücke seit dem allerersten Lesen schon nicht mehr vergessen konnte, sondern auch weil wir es mit Kleists kontroversestem, radikalstem, fanatischstem Werk zu tun haben. Seine Schockwirkung besteht in der völligen Suspendierung jeglicher humaner Bedenken und mit ihnen jener Errungenschaften der europäischen Aufklärung, die unter dem Begriff der Menschenrechte und der Menschenwürde zu Fundamenten universaler Zivilisation geworden sind. Lässt Kleist diesen idealistischen Humanismus bewusst zurück, der die lohnendste Frucht der deutschen Aufklärung war? Von bewusster Absicht kann wahrscheinlich nicht die Rede sein.

Wir haben es mit Kleists kontroversestem, radikalstem, fanatischstem Werk zu tun. Seine Schockwirkung besteht in der völligen Suspendierung jeglicher humaner Bedenken und mit ihnen jener Errungenschaften der europäischen Aufklärung, die unter dem Begriff der Menschenrechte und der Menschenwürde zu Fundamenten universaler Zivilisation geworden sind.

Was in diesem Drama an Gewaltsamem Gestalt wird, liegt jenseits formulierbarer Ideale und Überzeugungen und hat seine Wurzeln in der Lust eines Dichters am Gestalten – und es liegt in der ihn zweifellos inspirierenden Erkenntnis, dass ihm das gelingt. Letztlich also hat es seinen Grund in den Antrieben, Hemmungen, Leidenschaften, Traumen und Frustrationen seiner Persönlichkeit. Mit Vorsicht sind dabei jedoch Unterscheidungen zu treffen, zwischen dem, was zu tagespolitischen Zwecken arrangiert wird und dem, was einem existentiellen Bedürfnis entspringt. Die Unbedingtheit von Penthesileas Liebe darzustellen ist eine andere Sache als die Exposition von Hermanns Hass. Dieser ist ein Appell um einer abstrakten Idee willen. Er handelt als kalter Ideologe, der sich mit Hilfe der Sprache durchsetzt, der nicht irrt, sich nicht verwirren lässt und demzufolge auch triumphiert.

Die gegenwärtig drohende Konstellation eines freiwilligen Sturzes in die Barbarei, die spürbare eherne Konsequenz rechter Parteien, in der nationales Pathos und völkischer Terrorismus ineinandergreifen, und ihre unbedingte Taktik der verbrannten Erde erinnern mich fatal an "Die Hermannsschlacht". Und damit waren wir bei der Frage nach der Aktualität dieses Stücks angelangt. Dazu hat Kleist schon vermerkt:

So will ich lauter Werke schreiben, die in die Mitte der Zeit hineinfallen,

und auch, dass DIE HERMANNSSCHLACHT mehr als irgendein anderes Stück „für den Augenblick berechnet“ war. Das ist immer auf die politische Konstellation vom Sommer und Herbst 1808 gedeutet worden. Für mich als Regisseur ergibt sich aus dieser „Berechnung auf den Augenblick“ ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die vom Autor angestrebte Bühnenwirkung auch heute nur dann entfalten wird, wenn Personen und Vorgänge, Argumente und Metaphern, Probleme und Fragwürdigkeiten eine unmittelbare Reaktion und Assoziation im Zuschauer hervorrufen.

Unser Zeitalter der Kommunikation und der Information hat – darauf muss ich nicht gesondert hinweisen – eine Kaste von Politikern hervorgebracht, die es meisterlich verstehen, sich mit den Mitteln der Manipulation, der Lüge und des nationalistischen Populismus in die höchsten Ämter der Macht zu setzen. Hermann ist ihr Vorläufer und Vorbild seit Jahrhunderten, ihr Bruder in der Sphäre der Realpolitik. Machtbewusst, mit allen Wassern der (Kriegs)list und des Machiavellismus gewaschen, nicht nur ein genialer Stratege, sondern auch eine irritierende, zuweilen erschreckende Gestalt, gerissen, um der Sache willen zu jeder Täuschung und Tücke bereit. Er, der längst keine Schlachten mehr geschlagen hat (in der Tat finden wir auch keine solche in der "Hermannsschlacht"), agiert mit der Sprache und mit Botschaften und Zeichen. Seine Waffe ist das entzündende, auf- und anstachelnde Hetzwort. Er benutzt die Rhetorik der Rhetoriklosigkeit als raffinierteste Form der Rhetorik.

Wir bewegen uns politisch und gesellschaftlich auf einen Abgrund zu, den wir vermeintlich längst zurückgelassen hatten. Ohne ersichtlichen Grund verraten wir die Prinzipien der Freiheit, der Toleranz und der Demokratie zugunsten populistisch manipulierter Katastrophenszenarien. 

Wir bewegen uns politisch und gesellschaftlich auf einen Abgrund zu, den wir vermeintlich längst zurückgelassen hatten. Ohne ersichtlichen Grund verraten wir die Prinzipien der Freiheit, der Toleranz und der Demokratie zugunsten populistisch manipulierter Katastrophenszenarien. Eine grandiose Unsicherheit liegt plötzlich in der Luft, das Vertrauen in den anderen ist gestört, Rücksichtnahme und Empathie spielen immer weniger eine Rolle in unserem Zusammenleben. Dazu kommt eine ganz realistische Bedrohung durch fundamentalistischen Terror oder völkisch-nationale Ausgrenzung. Gewaltbereitschaft ist allerorten stark zu spüren, Kontrolle und Überwachung beherrschen unsere Lebensumstände. Das ist gerade nichts Neues, aber trotzdem beängstigend. Und vor allem: Wir haben das alles noch vor nicht allzu langer Zeit gehabt! Es war eine Zeit der katastrophalen Realpolitik 1933-1945, als auch DIE HERMANNSSCHLACHT ihre grausamst getreue Übersetzung in die Wirklichkeit erlebte. Hermann erschien damals als Stichwortgeber für den nationalsozialistischen Aufruf zum Totalen Krieg und zur mitleidlosen Vernichtung der Feinde Deutschlands im Inneren und im Äußeren. Das Stück ist in einer katastrophalen, im Unmenschlich-Nationalen versumpften Rezeptionsgeschichte grotesk verstellt worden. Wenn wir nicht aufpassen, landen wir bald wieder genau dort.

Hermann plant einen in Raum und Zeit unbegrenzten, einen kosmisch-universalen Zerstörungsfeldzug, an dessen Ende er das Haupt der Welt, Rom, und das den gesamten Erdenkreis umspannende Reich in Schutt und Asche legt. In dieser universalen Zerstörung ist nicht ewiger Friede, sondern ewiger Krieg das Antriebsmittel. Wie es Hermann im letzten Bild beschreibt: Seine „Enkel und Brüder“ sind hier nicht im Zeichen der Liebe, sondern des Hasses unterwegs. Wenn man diese Gedanken weiterverfolgt, landet man bei der Erkenntnis, dass das Stück den Gegensatz zwischen Deutschen und Franzosen/Römern (zwischen Hermann und Napoleon/Augustus) nicht zementiert, sondern schlicht negiert! Wenn also Freunde und Feinde dieselben sind, wenn Hermann, der vorgibt, die Tyrannenknechte zu bekämpfen, deutlich als der Inbegriff des Tyrannen gezeichnet ist, wenn also die Legitimation des Befreiungskrieges schlicht entfallt und es gar nichts „Deutsches“ zu verteidigen, zu retten gibt ... ? – Dann landen wir in der Landschaft unserer Inszenierung.

Spielplan