Die, die Revolte in sich trägt

Bilder vom Theater

Das Burgtheater Magazin hat die bildende Künstlerin Michela Ghisetti zu den Proben von GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD eingeladen und sie gebeten, sich künstlerisch mit der Inszenierung auseinanderzusetzen. Ghisetti, das „Stil-Chamäleon“ wie sie sich bezeichnet, hat sich für eine Collage mit Zeichnung entschieden. Im Zentrum steht Ödön von Horváths Hauptfigur Marianne und ein Pferd aus Plüsch. Führt der Weg der Ghisetti-Marianne in eine positivere, glücklichere Zukunft?

 

Michela Ghisetti in ihrem Atelier.
© Marcella Ruiz Cruz
Das Gespräch führte Anne Aschenbrenner.

A A: Frau Ghisetti, Sie sind als bildende Künstlerin längst etabliert, in der Albertina eröffnet in Kürze ihre Retrospektive. Wie halten Sie‘s denn mit dem Theater?

M G: (lacht) Ich gehe hier gar nicht so oft ins Theater, was vor allem daran liegt, dass ich Italienerin bin und mich gut vorbereiten muss, damit ich alles verstehe. Bei Theaterproben war ich überhaupt noch nie. Dabei habe ich selbst bei Art for Art gearbeitet, früher, bevor ich von meiner Kunst wirklich leben konnte. Ich war dort Bildhauerin im Bereich Bühnenbild. Einmal habe ich für ein Bühnenbild von Anselm Kiefer am Burgtheater (ÖDIPUS, Regie: Klaus Michael Grüber) mit meinen nackten Füßen Ziegel aus Ton gemacht und Kohle zu Asche zerstampft. Er wollte auf der ganzen Bühne Asche haben.

 

A A: Wie haben Sie denn die Proben von GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD erlebt?

M G: Ich habe Glück gehabt, dass ich genau bei einer Probe war, wo dieser wichtige Moment im Nachtklub geprobt wird, in dem Marianne arbeitet. Gleich zu Beginn, als ich hereingekommen bin, habe ich das reduzierte Bühnenbild gesehen, dieses tiefe Schwarz, die Linie aus den Punkten von Lichtern, die Kugel in der Mitte, da habe ich gedacht, wow. Ich habe mich sofort wohlgefühlt, das war einfach eine Sensation. 

Das Bild schaut kräftig aus, aber im Grunde genommen implodiert es, es ist wie ein Plüschtier, das sich von sich aus nicht bewegen kann.

Artwork von Michela Ghisetti
Artwork von Michela Ghisetti
© Michela Ghisetti

A A: Man könnte sagen, Sie haben eine Punkte-Phase. Bekannt geworden sind Sie für Ihre fotorealistischen Arbeiten, dann wieder haben Sie abstrakt gearbeitet. Man hat das Gefühl, Sie sind durch sämtliche Stile galoppiert. Wofür haben Sie sich bei GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD entschieden?

M G: Früher dachte ich immer: Oh Gott, du hast keinen Stil! Dann bin ich draufgekommen, ich bin ein Stil-Chamäleon. Als ich mich mit Horváths Stück beschäftigt habe, wusste ich, das wird ein figurales Gemisch mit Collage. Für dieses Werk habe ich den Kreis ausgewählt, die Kugel in der Mitte des Bühnenbildes. Früher habe ich eine Technik verwendet, wo ich aus schillerndem Papier Kreise ausgeschnitten habe, mit denen ich weiter gearbeitet habe. Das Negativ der Kreise, diesen Papierrest sortiert man normalerweise aus. Ich sage aber:  „Ja, ich nehme dich, wie du bist.“ Als ich begonnen habe über GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD nachzudenken, habe ich mich sofort an diese Technik erinnert. Die Revolte, die Marianne in sich trägt, ist doch immer dieser Kampf zwischen Ja und Nein: „Ich bin“ und „Das bin ich nicht“. Ich habe also mit diesen beiden Formen gearbeitet und in einer Mischung aus Zeichnungen und Collagen damit meine Marianne inszeniert. Auf meinem Bild ist sie in Begleitung eines Pferdes, das aber kein Pferd ist; es ist ein Plüschpferd. Für mich steht das für ihren Kampf mit einem gesunden Instinkt, für das Tierische, das uns manchmal Kraft gibt, weiterzukommen in manchen Entscheidungen, aber es ist eben aus Plüsch. Letztendlich verliert Marianne ihr Ziel, trotz Anstrengung erreicht sie es nicht. Das Bild schaut kräftig aus, aber im Grunde genommen implodiert es, es ist wie ein Plüschtier, das sich von sich aus nicht bewegen kann.

BILDER VOM THEATER #2: Michela Ghisetti & GESCHICHTEN AUS DEM Wiener Wald

A A: Diese Figur, die Marianne, scheint Ihnen sehr nahe.

M G: Ich kenne diesen Wunsch, aus einer Rolle herauszukommen, die zu eng ist, das habe ich selbst erlebt. Ich bin aus Italien weggegangen. In der Provinz, in der ich aufgewachsen bin, war es mir zu eng, ich wollte nicht die Frau werden, die ich dort geworden wäre. Mit Mariannes Wunsch, das eigene Schicksal zu ändern, kann ich mich gut identifizieren. So wie die Marianne gibt es ganz viele Frauen, manche schaffen es und andere nicht. In meiner momentanen Situation fühle ich mich unter den Glücklichen.

 

A A: Ihre Ausstellung in der Albertina, die hoffentlich bald eröffnet, heißt "Ich gehe nach Hause." Was bedeutet das für Sie?

M G: Es ist ja eine Retrospektive. Ich habe anfangs sehr mit dem „Ich“ gearbeitet, also autobiografisch. „Gehe“ war eine zweite Phase, in der ich versucht habe, in die Abstraktion hereinzukommen. „Nach“ war eine Periode der wahnsinnigen Sehnsucht nach etwas Neuem, das aber noch nicht da ist. „Hause“ habe ich bewusst offen gelassen.

Michela Ghisetti in ihrem Atelier.
Michela Ghisetti in ihrem Atelier.
© Marcella Ruiz Cruz

Michela Ghisetti

wurde 1966 in Bergamo geboren. Sie studierte an der Accademia Carrara di Belle Arti in Bergamo und an der Akademie der bildenden Künste Wien. In ihrem Werk setzt sie sich mit zentralen Fragen menschlicher Existenz auseinander. Ihre Arbeiten waren auf Ausstellungen im BA-CA Kunstforum, der Albertina und dem Kunstforum Strabag Wien, sowie in Hamburg, Berlin, Sotschi und Italien zu sehen. 
 

Von 17. Dezember 2021 bis 20. März 2022 widmet die Albertina der Künstlerin eine große Mid-Career Retrospektive.

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