Brief aus... #3 Budapest

Brief aus ...
Annamária Láng

Burgtheater-Ensemblemitglied Annamária Láng reflektiert, wie unsere Vorstellungen darüber, was natürlich ist, unsere Sicht auf die Welt prägen. Und wie es sich anfühlt, in Zeiten von Krieg und Pandemie auf der Bühne zu stehen.

 

Annamária Láng
© Zsofia Heisler
In der Kolumne BRIEF AUS... schreiben Künstler*innen des Burgtheaters Briefe aus dem Entwicklungsprozess der Produktionen, an denen sie arbeiten oder rund um Themen, die sie aktuell beschäftigen.

Es ist Internationaler Frauentag und ich bekomme von meinem Vater, von meinem Liebsten, von meinem Sohn und an der Kasse von Aldi eine Blume. Ich bin eine Frau, meine Chancen dafür haben 50 Prozent betragen. Ich bin eine Frau geworden, weil die Natur es so wollte. Seitens der Natur ist das ein Streben nach irgendeiner Harmonie, etwas, das weder meine Eltern noch ich haben lenken können. Ich stehe da mit einer Orchidee im Topf, die ich von meinem Vater erhalten habe, mit einem kleineren Blumentopf von meiner Tochter, und ich weiß, dass wir darüber nicht viel sprechen werden, also darüber, dass ich eine Frau bin. „Alles Liebe und Gute zum Frauentag!“ – das Weitere ist Privatsache.

Vor anderthalb Wochen ist Krieg in dem Land ausgebrochen, in dem meine Vorfahren lebten und wo es auch jetzt Nachkommen gibt. Die Kleinstadt, in der ich geboren wurde, liegt in der Nähe der rumänischen und der ukrainischen Grenze, wo die Frauen mir durch ihre genetische Bestimmtheit ähneln. Auch für den Umstand, dass nicht ich gerade fliehe, bestand eine Chance von einigen Prozent.

Was hat es mit dieser Disharmonie auf sich, in der wir leben, wo wir dem Morden ohnmächtig bis an sein Ende zuschauen.

Ich kaufe Windeln und feuchte Pflegetücher, Damenbinden, die ich nur nach der Geburt benutzt habe, und bringe sie zum Sammelpunkt. Als ich ins Auto einsteige, überkommt mich die Nostalgie: Wie es wohl wäre, wenn ich doch noch einmal Mutter sein könnte, oder wieder und immer wieder. Ich könnte dann Windeln kaufen, um ein Baby trockenzulegen, und stillen. Auch in diesem Moment gebären Frauen im Schutzraum, im Zug, am Wegesrand, und zwar in dem Bewusstsein, dass dies eine Sache im Leben ist, die wir ab einem gewissen Punkt nicht mehr beeinflussen können, die zu Ende gebracht werden muss – konkret eine Frage von Leben und Tod. Die Sache hat begonnen und muss auch abgeschlossen werden. Man kann es sich nicht mittendrin einfach anders überlegen. Die Staatsbürgerschaft der auf der Flucht geborenen Säuglinge ist ein Zufallsergebnis.

Ich denke darüber nach, was wir Frauen derart falsch gemacht haben, dass wir keinerlei Einfluss auf die Geschehnisse haben. Was hat es mit dieser Disharmonie auf sich, in der wir leben, wo wir dem Morden ohnmächtig bis an sein Ende zuschauen. Auch in der Tierwelt baut die Ordnung darauf auf, sich gegeneinander zu stemmen, zu kämpfen und zu morden, sagt man. Die große Frage ist, warum wir die Tierwelt als Referenz ansehen. Warum nicht die Welt der Bäume, wo sich die Einzelwesen mit unglaublicher Intelligenz helfen, sich wachsen lassen und sich gegenseitig schützen. An dem Tag, als der Krieg ausbrach, war ich mit meinen Kindern auf Urlaub am Semmering. Unser Kopf war voll mit Weiß und Grün, inmitten von Wind und Sonnenschein, umgeben von der Ruhe der Hütten und der reichen Schönheit des Semmerings.

Von da an waren ein konstanter Bauchschmerz, das Beruhigen der Kinder, der Kampf mit dem Gewissen, wie wohl von hier an das Leben weitergehen könnte, begleitet von einem dumpfen Schmerz: Heimweh. Die Sehnsucht nach meinem Zuhause, wo ich mich in Sicherheit fühle.

Ihr seid nicht allein, habt Vertrauen.

Im Auto unterwegs in Richtung Wien, spreche ich mit meiner besten Freundin, die mich mit ihrer Stimme meiner Heimat näherbringt. Eine Stunde später reden wir schon über Taschen, über Mode, wohlwissend, dass dies jetzt ein Heilmittel ist. Im Theater spielen wir DER UNTERGANG DES HAUSES USHER. Ein bis zwei Stunden vor der Vorstellung sind alle in einem Zustand, der es fraglich macht, ob wir auftreten können, ob wir so konzentriert sind, dass man uns das ebenfalls zutiefst aufgewühlte und beunruhigte Publikum zwei Stunden lang anvertrauen kann. Vor der Aufführung sehen wir noch im Fernsehen, wie Bomben explodieren.

Die Geschichte, die wir heute Abend erzählen, handelt von einem Untergang, von Isolation, von Einsamkeit und vom Hinabsteigen in die dunkelsten Tiefen der Seele. Die Form, in der wir erzählen, bewirkt die Schönheit der Vorstellung. Und, dass wir keine Meinung über die von uns zu verkörpernden Gestalten äußern, das von ihnen gewählte Leben nicht bewerten, es lediglich bestaunen. Das nenne ich Ehrfurcht. Tommy, der sanfteste Musiker der Welt, Josh, der Komponist, Musiker und Schauspieler mit den feuerroten Haaren, der humorvolle Markus, der Publikumsliebling Michi, die empfindsam-fragile Katharina, die stets lachende Stacyian, Jan, der sich dem Erwachsenwerden widersetzt und ich stehen vereint zusammen, um durch die Werke des Schriftstellergenies Edgar Allan Poe mitzuteilen: „Ihr seid nicht allein, habt Vertrauen.“

Die Zeitebenen gleiten ineinander. Ich bin zugleich in der Gegenwart, in der Vergangenheit, in der Monarchie.

In der letzten Szene stehe ich hinter der Bühne, sehe alle Darstellenden, überfliege den ganzen Zuschauerraum mit meinem Blick und es packt mich eine Art Trance, eine Euphorie; der Dank, dass ich hier sein kann. Die Zeitebenen gleiten ineinander. Ich bin zugleich in der Gegenwart, in der Vergangenheit, in der Monarchie. Ich spüre meine Vorfahren, die auf dieser Bühne standen und es fehlt nicht viel, damit ich vom Boden abhebe. Zumindest würde es mich nicht erstaunen, wenn das passierte.

Danach stehe ich da mit der Orchidee, die ich von meinem Vater bekommen habe, am Weltfrauentag in Budapest; mit einer Orchidee, wie sie in meiner ganzen Kindheit als etwas Exotisches galt und die man am Frauentag in einer kleinen Plastikschachtel kaufen konnte, in der nur die Blüte der Pflanze war, und die wir, auch wenn wir meistens kein Geld dafür hatten, unglaublich wertschätzten. Morgen ist erneut DER UNTERGANG DES HAUES USHER. Damit verbunden ist das Einspringen für jemanden, der erkrankt ist. Covid hält uns und das Publikum in besonderer Weise auf Trab, denn niemand kann sicher sein, was am jeweiligen Tag und in welcher Besetzung gespielt wird. Covid lässt uns nicht vergessen: Vor unerwarteten Wendungen und Überraschungen können wir nicht fliehen.

Annamária Láng

geboren 1975 in Mátészalka, Ungarn, war bereits während ihrer Schauspielausbildung festes Mitglied des freien Theaterkollektivs „Krétakör” unter der Leitung von Árpád Schilling. Seit 2010 arbeitet sie regelmäßig mit „Proton Theater“, der unabhängigen Theatergruppe des ungarischen Film- und Theaterregisseurs Kornél Mundruczó, zusammen. Zudem ist sie regelmäßig am Schauspielhaus Köln, den Münchner Kammerspielen, dem Schauspielhaus Zürich und dem Finnischen Nationaltheater in Helsinki zu Gast. Seit der Spielzeit 2019/20 ist Annamáría Láng Ensemblemitglied am Burgtheater.

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