Brief aus London

Brief aus ...
von Suzanne Andrade

Die Londoner Autorin, Regisseurin und Performerin Suzanne Andrade, Mitbegründerin des britischen Theaterkollektivs 1927, hat während der Entstehungszeit ihres Theaterstücks MEHR ALS ALLES AUF DER WELT einen Brief an uns verfasst: über London im Mai und ein kleines Rotkehlchen. Das Familienstück kommt am 8. Oktober 2022 zur Uraufführung im Akademietheater, als einzigartige Verschmelzung von Schauspiel, Trickfilmanimation, Tanz und Musik. 

Portraitfoto Suzanne Andrade
© Stephen Barritt
In der Kolumne BRIEF AUS... schreiben Künstler*innen des Burgtheaters Briefe aus dem Entwicklungsprozess der Produktionen, an denen sie arbeiten oder rund um Themen, die sie aktuell beschäftigen.

England, Mai 2022. Folklore in Hülle und Fülle, Tänze um den Maibaum, die Feier des „Green Man“ [einer mythischen Gestalt, die für Wiedergeburt und neues Wachstum steht, das im Frühling beginnt], der erste Mai mit seiner Mischung aus politischem Unruhestiften und dem Sich-Schmücken mit Schleifen und Glöckchen – das ist alles sehr britisch, heidnisch, berauscht. Alles ist wach, lebendig und blüht auf, selbst hier im Norden Londons. 

Mein Garten ist verwildert, Fingerhut und Rhabarber wachsen wie Triffids. Blaumeisen flitzen umher und Katzen lecken sich die Mäuler. 

In meinem Schuppen schreibe ich an MEHR ALS ALLES AUF DER WELT für das Akademietheater. Als ich eingezogen bin, war der Schuppen ein marodes Ziegelhäuschen, in dem ein Rotkehlchen lebte. Das Rotkehlchen verschwand mit meiner Ankunft. Ob es ein Vertrauter des ehemaligen Grundstücksbesitzers Henry war? Henry war ehemaliger Bassist der britischen Boyband Bross aus den 1980er Jahren. 

Ich machte die baufällige Hütte zu meinem Schreibzimmer. Ein Freund malte mir ein Bild eines Rotkehlchens, das ich an die Wand hängte, um den ehemaligen Bewohner des Schuppens zu ehren. 

Allerdings stellt das Bild nicht irgendein Rotkehlchen dar – es war ihm in einem Fiebertraum erschienen. Ein Rotkehlchen mit einer Flagge auf der Brust, dem Sankt-Georgs-Kreuz, der Flagge „Englands“, dem Symbol des Brexit.

Ich nenne das Bild in meiner Wohnung "Robin Red-Brexit".

Auf meiner Wanderung durch London zur österreichischen Botschaft mit Unmengen Papierkram und den Gehaltsnachweisen dreier Monate, um ein Visum für meine Arbeit am Burgtheater zu beantragen, fällt es mir schwer zu akzeptieren, dass die Menschen in Großbritannien für diesen bürokratischen Aufwand, diese zusätzlichen Ausgaben, diese ganze Quälerei gestimmt haben. 

Ich nenne das Bild in meiner Wohnung “Robin Red-Brexit”. 

Little Robin Red breast, 
Sitting on a pole,
Niddle, Noddle, went his head.
And poop went his hole. 

 

[Das kleine Rotkehlchen / Saß auf seiner Stange / Wackelte mit seinem Kopf / Und schiss aus seinem Loch.]

Das ist ein englischer Kinderreim von 1744. Die meisten Leute, die dieses Reimchen kennen, kennen nicht diese Version, die fiese Version, die man noch nicht bereinigt, glattpoliert, „bowdlerisiert“ hat. 

Der Begriff ‚Bowdlerisierung‘ ist eine abwertende Bezeichnung für die Entfernung anrüchiger Inhalte aus Büchern. Er geht auf die 1818 von Thomas Bowdler herausgegebene Ausgabe der Stücke Shakespeares zurück, die er überarbeitet hatte, um sie – in seinen Augen – zu einer angemessenen Lektüre für Frauen und Kinder zu machen.

Der brillante Robin Detje übersetzt MEHR ALS ALLES AUF DER WELT für uns. Er bowdlerisiert aber nicht, sondern findet wunderschöne Entsprechungen für die Melancholie und Verrücktheit des Originals. MEHR ALS ALLES AUF DER WELT spielt in einer ländlichen Kleinstadt in England. Es geht um die Erlebnisse einer Familie mit dem Strafjustizsystem. 

Das lässt es jetzt sehr ernst klingen. 
Ist es aber nicht. 

Die Schauspieler*innen werden mit Animationen auf einer riesigen Leinwand, und mit einem Filmsoundtrack spielen. Sie erzählen eine Geschichte über die Vorstellungskraft. Über die Kraft von Geschichten, uns durch schwierige Zeiten zu tragen. Es geht darum, den Zauber inmitten alltäglicher Situationen zu finden. Um eine Figur aus MEHR ALS ALLES AUF DER WELT zu zitieren: 

„Ich glaube, ich wusste schon immer die Wahrheit. Aber wir haben ein Spiel gespielt, weil es mehr Freude macht, sich etwas vorzustellen“. 

Zum Stück

Um den Sog von Geschichten und die Macht der Vorstellungskraft geht es in der Uraufführung dieses Familienstücks. Humorvoll und persönlich wird die autobiografisch geprägte Geschichte eines Mädchens namens Kim erzählt, das sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden befindet. Die Dreizehnjährige lebt mit ihrem kleinen Bruder und ihrer alleinerziehenden Mutter in einer trostlosen Gegend Englands. Derweil schreibt der Vater Briefe aus der Ferne und berichtet von seinen fantastischen Abenteuern, die er unter seinem Decknamen Mr. E. erlebt. Sein Versprechen, rechtzeitig zurück zum Tee bei seiner Familie zu sein, überdeckt ein Geheimnis, von welchem Kim nichts ahnt ... 

 

Das Familienstück wird unterstützt von WIENER STÄDTISCHE Versicherung AG.

Magazin #12: Geister
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