Brief aus... #2 Melbourne

Brief aus ...
Adena Jacobs

Einen Zeitraum, der zwei turbulente Jahre umfasst, reflektiert die Regisseurin Adena Jacobs in dem Brief, den sie uns aus Melbourne, Australien geschrieben hat. Demnächst beginnen am Burgtheater die Proben ihrer Bearbeitung der TROERINNEN nach Euripides.

Aus: Magazin #10 KORREKTUREN

© David Paterson
In der Kolumne BRIEF AUS... schreiben Künstler*innen des Burgtheaters Briefe aus dem Entwicklungsprozess der Produktionen, an denen sie arbeiten oder rund um Themen, die sie aktuell beschäftigen.

Januar 2020. Es ist ein ungewöhnlicher Sommer. In ganz Australien wüten Buschfeuer. Urlaubende verlassen den Strand in Badekleidung mit Surfboards und Strandtüchern unter den Armen. Der Himmel ist leuchtend rot. 143 Milliarden Tiere können dem Feuer nicht entkommen. Meine Tochter ist 11 Monate alt. Es ist ihr erster ganzer Sommer. Wir haben glückliche Momente, aber wir können nicht viel nach draußen gehen, weil die Luft gesundheitsschädlich ist. Wir checken ständig am Handy, ob es sicher ist, das Haus zu verlassen.

Text vorlesen lassen. Von Robert Reinagl.

Ende Jänner. Ich fliege nach Wien, um mich mit Martin Kušej vom Burgtheater zu treffen und dort mit der Arbeit an einem neuen Stück zu beginnen. Als das Flugzeug abhebt, wird mir sehr bewusst, wie weit die Entfernung ist, wie viel Treibstoff das braucht und was das für das Klima bedeutet. Kurz vor der Abfahrt zum Flughafen krabbelt meine Tochter zum ersten Mal. Ich frage mich, ob sie je einen normalen Sommer erleben wird. 

Ich lande im tiefsten Winter in Wien – die Luft ist klar und kalt. Sie ist angenehm zu atmen. Eine Erleichterung. Martin und ich reden über das Stück und schmieden spannende Pläne. Ich habe Jetlag und bin durch den Wind. Aber ich freue mich, in Wien zu sein, und mein Kopf ist auf Ideensuche. Während ich mir im Burgtheater eine Aufführung ansehe, beginnt sich ein deutliches Bild von den  TROERINNEN zu bilden. Das Stück von Euripides spielt am Ende einer Kultur, am Ende der bekannten Welt und die letzten Überlebenden sind Frauen.

Auf dem Heimflug über Dubai rufe ich meine Partnerin an und frage sie, ob ich mir wegen des Coronavirus Sorgen machen muss. Viele Leute tragen Masken. Sechs Wochen später macht Australien seine Grenzen dicht – niemand kann rein, niemand kann raus. Sie bleiben bis November 2021 geschlossen.

Die Entfernung und Zeit werden unvorstellbar lang. Melbourne ist weltweit am längsten im Lockdown. 262 Tage. Überall auf der Welt kochen Wut und Verzweiflung hoch und schwappen über. Unruhen, Wahlen, Chaos. Meine Tochter lernt das Gehen. Sie lernt die Buchstaben. Sie spricht einzelne Worte und dann plötzlich ganze Sätze. Sie beginnt zu fragen, wie Babys gemacht werden und ob wir öfter ins Museum gehen können. Es ist, als wäre die Welt abwechselnd ganz nah und dann wieder ganz weit entfernt, abwechselnd erlebt man sie entweder in ihren mikroskopisch kleinen Details oder man sieht nur ihre überwältigende Größe. Im Laufe der Monate nehmen DIE TROERINNEN tausend neue Bedeutungen an.

Es ist, als wäre die Welt abwechselnd ganz nah und dann wieder ganz weit entfernt.

Mein Kreativteam und ich verbringen viele Stunden am Computer. Wir werden zu schwebenden Köpfen auf einem Bildschirm, die über ein Stück sprechen, in dem es nur um Körper geht. Der Körper als Archiv. Der verzückte und animalische Körper der mythologischen Welt, mit seiner Fähigkeit zur Transformation und Transzendenz. Der Körper als Ort der Macht, Aktualität und des Reviers. 

DIE TROERINNEN von Euripides ist ein zersplittertes Trauerspiel. Eine Gruppe von Frauen steht im wahrsten Sinne des Wortes am Rande einer zerbrochenen Welt und einer neuen Realität. Alles, was sie kannten – Kultur, Sprache, Bräuche und Recht – hat sich in Luft aufgelöst. Nichts ergibt mehr einen Sinn und nichts ist wiederzuerkennen. Sie existieren in einer konturlosen Welt. Sie warten. Gefangen zwischen dem doppelten Grauen von Krieg und Sklaverei protestieren die Frauen, erzählen und erinnern sich an ihr eigenes Leben. Sie sind verzweifelt und voll Gram, aber bei außerordentlich klarem Verstand. Sie erschaffen sich durch Sprache neu. Die bloße Tatsache, dass sie sprechen ist ein radikaler Akt des Überlebens. Aber letztlich sind sie machtlos.

Wir werden zu schwebenden Köpfen auf einem Bildschirm, die über ein Stück sprechen, in dem es nur um Körper geht.

Seit vielen Jahren fühle ich mich zu alten westlichen Legenden hingezogen. Als queere Person und Feministin hadere ich damit. Warum nicht etwas Neues schaffen, jenseits dieses Rahmens? Warum befreien wir uns nicht von diesen belastenden patriarchalischen Bildern und Geschichten? Aber ich komme immer wieder darauf zurück. Die Absicht hinter meiner Beschäftigung mit diesen Legenden ist es nicht, ihre tiefsitzenden Probleme zu lösen. Es geht mir auch nicht darum zu veranschaulichen, wie sie korrigiert oder uns zugänglicher gemacht werden können. Vielmehr werden diese Texte durch eine feministische Sichtweise noch bedrückender und beunruhigender. Wenn überhaupt, dann werden diese Texte durch eine feministische Sichtweise noch düsterer und beunruhigender. Mit dieser Verschiebung der Perspektiven kommen die brutalen Untertöne immer wieder an die Oberfläche. Aber ich komme stets mit Fragen darauf zurück. Wenn wir den Wurzeln dieser Legenden auf den Grund gehen und sie entwirren, dann können wir uns vielleicht von ihren Botschaften befreien. Vielleicht stimmen sie nicht.

Die griechische Tragödie lehrt uns, dass unser Schicksal bereits im Mutterleib feststeht und dass Gewalt nur noch mehr Gewalt erzeugt. Was aber, wenn die Trojanischen Frauen nie mit ihren griechischen Herren an Bord der Schiffe gehen? Was wäre, wenn sie Jahrtausende lang an der Küste blieben? Was wäre, wenn sich die Frauen eine echte Zukunft für sich vorstellen könnten? Das wäre zwar kein Paradies, aber zumindest wäre es eine Zukunft, eine Alternative. Im 5. Jahrhundert beschreibt Euripides das Ende einer Zivilisation durch den Körper und die Psyche von Frauen. Warum tut er das? Es scheint der stärkste Anhaltspunkt zu sein. In den Körpern dieser Frauen liegen noch nie erzählte Geschichten und Zukünfte verborgen. Während die Frauen warten, reisen sie durch die Zeit. Sie blicken zurück und nach vorn. Sie durchleben Albträume von Neuem, beschwören Fantasien und Prophezeiungen hervor. Vor ihrem geistigen Auge zerstören sie Imperien ebenso wie Feinde und brennen alles nieder. Was bleibt ihnen sonst, als neu zu beginnen?

Adena Jacobs
© David Paterson

Adena Jacobs

Theaterregisseurin, lebt in Melbourne, Australien, und ist künstlerische Leiterin des freien Theater-Kollektivs „Fraught Outfit”. Ihr unverwechselbares Werk umfasst queere und feministische Interpretationen alter Texte, halluzinatorische Landschaften und opulente Klangpartituren. Ihre Produktionen wurden auf großen Festivals und an vielen Spielstätten in Australien aufgeführt, zum Beispiel am Sydney Opera House, auf dem Melbourne Festival, dem Dark Mofo, am Malthouse Theatre und am Belvoir St Theatre, wo sie 2014/15 Regisseurin mit fixem Engagement war. Zu ihrer internationalen Erfahrung zählen Regiearbeiten für die English National Opera und das Tokyo Festival.

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