DAS GESPENST DES THEATERS

„[Die Studiobühne des Royal Court Theatre] ist der sicherste Ort auf der Welt … Es fühlt sich an, als wäre hier alles möglich und alles ungefährlich …Ich habe Analsex und Rimming und Schwanzlutschen und Wichsen und Vergewaltigungen und Erstechungen und Erschießungen und Bombardierungen gesehen … Ich habe ein totes Baby in einer Tüte gesehen. Ein Baby, das gesteinigt wurde. Ich habe gesehen, wie ein Baby gegessen wird! […] Und niemand weiß davon! Die Autos und Busse drehen draußen ihre Runden und niemand hat irgendeine Ahnung. Keine Ahnung davon, dass wir hier drinnen in Sicherheit alle unseren Malteser und unseren Analsex genießen. Es ist wie ein Privatclub für die Verdorbenen.“
drian in „The Author" Tim Crouch (2009)

„Wenn das im Fernsehen liefe, würde niemand zuschauen.“
Mark Corrigan in der Serie „Peep Show" (2008)

 

Theater ist 2020/21 natürlich mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert worden. Die Entbehrungen sind von den Kritiker*innen, deren ganzes Feld verschwunden ist, bis zur Erschöpfung aufgezeichnet worden. Ich gedenke nicht, diese Misere hier zu rezitieren; die Gespenster, die die Theaterschließungen im Zuge der Pandemie heraufbeschworen haben, sind weitaus faszinierender.

Das erste Gespenst ist das Gespenst der Unehrlichkeit. „Was „ist" Theater?“ war mal eine dieser Fragen, an denen sich ein Streit zwischen sich bekriegenden Journalist*innen über Wochen entzünden konnte. „Das ist kein Theater!“ würde ein typisch reaktionärer Schlag schimpfen. „Au contraire! Das ist Theater in Reinform!“ wäre die Erwiderung der jungen aufsteigenden Generation. In den 2010er Jahren wurde heftig debattiert, ob das Livestreamen von Stücken "wirklich zähle". Aber diese Auseinandersetzungen waren vergleichsweise simpel; es ging letztendlich um Stücke, die aufgeführt wurden, live und vor Publikum, wahrscheinlich in einem Theatergebäude. Jemand übertrug die Aufführung einfach zusätzlich ins Internet – nicht weiter schlimm und gleichzeitig schön, per Video zu sehen, wie Forced Entertainment SPEAK BITTERNESS oder QUIZOOLA auf die Bühne brachten.

Nun hat allerdings eine Grenzverschiebung stattgefunden. Wirft man einen Blick in die derzeitige „Theater“-Rubrik des Guardian, werden dort Livestreams, Downloads und Radiostücke rezensiert … im Grunde alles, nur kein „Theater". Es gibt sogar eine lange Liste der verfügbaren Online-„Theater“-Produktionen. Alles in allem fühlt sich das wie ein Methadonprogramm für unheilbar Theatersüchtige an. Ich verstehe, dass das nur als Übergangsmaßnahme gedacht ist, aber das Nebenprodukt dieses aktuellen Theater- Cargo-Kults scheint doch die Behauptung zu sein, Theater sei nichts als ein merkwürdiges Subgenre des Fernsehens; lediglich eine Ästhetik. Das ist unredlich.

Zuletzt ist da das Gespenst des Theaters als Gespenst.

Das zweite Gespenst ist das Gespenst der Einsicht. Wie „Adrian“ weiter oben zu verstehen gibt, war Theater bislang zu exklusiv. Geht man die Liste von Online-„Theater“ im „Guardian“ durch, scheinen die meisten dieser Vorstellungen zwar immer noch den Kauf eines Tickets zu erfordern, das Problem mit Livestreams ist jedoch, dass jede*r sie ansehen "könnte". Sollte das Theater darauf vertrauen, dass seine Darstellungen von Menschen, die im Theater üblicherweise nicht anzutreffen sind, genügend Kraft haben, den Blicken dieser Menschen standzuhalten? Oder darauf, dass seine Kritiken der Gesellschaft sich für breite Teile dieser Gesellschaft auch einlösen? Oder ist das Theater viel zu sehr daran gewöhnt, für die eigene Szene und Zielgruppe zu spielen?

Das ist aber nur die Hälfte des Problems der „Einsicht”. In der Anfangszeit der Pandemie habe ich durchaus versucht, mir auf YouTube einige der (faden, harmlosen) kostenfreien Übertragungen des National Theatre anzusehen, und wurde ungewollt daran erinnert (vgl. „Peep Show"), dass der einzige Grund sich das ganze Stück anzusehen, häufig der ist, dass unsere Anwesenheit im Theater, wenn das Stück beginnt, uns dazu zwingt. Hätten wir die Freiheit abzuschalten, würden wir das tun. Das jetzige Theater läuft also Gefahr, als a) elitär und selbstzufrieden, aber b) oft gar nicht so besonders gut, erkannt zu werden.


Zuletzt ist da das Gespenst des Theaters als Gespenst. In meinem Fiebertraum geht Covid nie zu Ende; die Regierungen begreifen, dass es immer ein Risiko für die Bevölkerung geben wird, das sie nicht in Kauf zu nehmen bereit sind. Lockdowns werden erleichtert, nicht systemrelevante Geschäfte werden wieder geöffnet. Aber sich auf das Ansteckungsrisiko einlassen, das Theater darstellt? Das wird nie passieren. Das Theater als live stattfindende Kunstform ist tot. Und was bleibt übrig? Ein etwas sonderbares Genre versnobter und unerträglicher Fernsehproduktionen, die man sich auf Bildschirmen anschauen kann. Allein. Entfremdet. In diesem Sinne erinnern wir uns mit erschreckender Wucht an die Worte des amerikanischen Philosophen:

„The theater must always be a
safe and special place.“
@REALDONALDTRUMP 2016

„Das Theater muss immer ein
sicherer und besonderer Ort sein.“
@REALDONALDTRUMP 2016

ANDREW HAYDON
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Andrew Haydon

ist freiberuflicher Theaterkritiker in Manchester, England.

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