Busfahrt durch die Nacht - Interview mit Liat Fassberg

Alia Luque und Liat Fassberg über Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Theaters in Israel und Europa, über Reisen ans Ende der Nacht und Sprachenvielfalt als große Chance für die Gesellschaft.
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Regisseurin Alia Luque hat an der Burg bereits Miroslava Svolikovas Stück die hockenden und Josef Winklers Lass dich heimgeigen, Vater oder Den Tod ins Herz mir schreibe zur Uraufführung gebracht. Nun inszeniert sie - als Solo für den Schauspieler Tino HillebrandEtwas Kommt Mir Bekannt Vor. Das Siegerstück des Retzhofer Dramapreises 2017 ist das kaleidoskopische und multilinguale Debüt der 1985 in Jerusalem geborenen und inzwischen in Frankfurt am Main lebenden Autorin und Dramaturgin Liat Fassberg

Für das Burg Magazin sprachen die beiden Künstlerinnen über Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Theaters in Israel und Europa, über Reisen ans Ende der Nacht und Sprachenvielfalt als große Chance für die Gesellschaft.

Regisseurin Alia Luque
Autorin und Dramaturgin Liat Fassberg

Liat, du bist geboren in Jerusalem, hast viel Theater in Israel gemacht und lebst und arbeitest jetzt in Deutschland. Siehst du Unterschiede zwischen den Theaterdiskursen in Deutschland, Österreich und Israel?

Mein erster Impuls wäre, die Frage mit „Ja“ zu beantworten, obwohl ich unsicher bin, ob ich das genau erklären und differenzieren kann. Wie fast alles andere, ist die Theaterszene in Israel viel kleiner als in Deutschland; das heißt, es gibt weniger Platz für alles, weniger Raum, um sich zu entwickeln, es dauert länger und findet in kleineren Maßstäben statt. Auf der anderen Seite ist der Unterschied zwischen der freien Theaterszene und dem israelischen Stadttheater viel größer als in Deutschland. Der ästhetische Diskurs, der Austausch zwischen den beiden braucht mehr Zeit, um sich zu entwickeln. Eine vielleicht etwas gewagte Behauptung wäre, dass das Verständnis von „politischem Theater“ in beiden Ländern auch unterschiedlich ist: Themen wie Identitätspolitik, Gleichberechtigung von Frauen oder die sogenannte Flüchtlingskrise sind in Israel häufiger und radikaler auf den Bühnen der freien Szene zu finden als in den Stadttheatern, aber immer noch viel weniger als auf deutschen Bühnen.

Dein Stück Etwas Kommt Mir Bekannt Vor ist in fünf verschiedenen Sprachen geschrieben. Hebräisch ist deine Muttersprache. Warum? Und wie gut ist deine Kenntnis von den übrigen im Stück verwendeten Sprachen? Und hast du selbst in diesen fünf verschiedenen Sprachen geschrieben oder sind es Rückübersetzungen?

Hebräisch und Englisch sind beide meine Muttersprachen. Deutsch habe ich in Sprachkursen für mein Masterstudium gelernt und meine Sprachkenntnisse während des Studiums verbessert.Die meisten Szenen dieses Stücks habe ich auf Englisch geschrieben und dann in andere Sprachen übersetzen lassen. Aber nicht alle: Manche waren direkt auf Deutsch geschrieben und wurden dann, mit der Hilfe meiner Freund*innen und Kommiliton*innen, korrigiert. Italienisch und Türkisch wurden von Bekannten mit entsprechenden Sprachkenntnissen übersetzt: Daniele Vecchiato und Cicek Ilengiz. Ansonsten habe ich ein Lied auf Spanisch benutzt, und eine Szene auf Hebräisch, die ich selbst geschrieben habe. Dass das Stück so viele Sprachen hat, ist aus dem Versuch heraus entstanden, eine gesellschaftliche Spiegelung zu entwickeln. In einem Nachtbus fahren verschiedene Leute aus unterschiedlichen Gründen, die auf dasselbe Ereignis unterschiedlich reagieren. Das kommt, aus meiner Sicht, zuerst aus der Sprache heraus – jede*r denkt, besonders in Notsituationen, in der Sprache, die ihm oder ihr angenehmer ist. Und solche unterschiedlichen Sprachen und die vielfältigen Meinungen, ob sie nun gesellschaftlich akzeptiert sind oder nicht, wahrgenommen sind oder nicht, bilden die Bausteine einer Gesellschaft. Ich meine, es gibt keine Gesellschaft, die nur aus ähnlichen Leuten besteht. Das wäre auch eine schreckliche Vorstellung.

Das Stück ist ein Kaleidoskop aus Monologen, Dialogen, Videoclips, Tweets – dennoch folgt es einer Narration. Wieso diese unorthodoxe Form?

Ich sehe das nicht als unorthodoxe Form, sondern viel mehr als eine Entwicklung von Darstellungsformen. Ich glaube und hoffe, dass das Theater immer nach (neuen) Formen sucht und mit den Mitteilungsformen, die es in der Gesellschaft findet, spielt. Die erste Szene, die ich geschrieben habe, war ein Monolog, die zweite ein Dialog. Dann habe ich versucht, ermutigt durch meine Retzhofer Kommiliton*innen, mich selbst herauszufordern und unterschiedliche Formen zu schreiben.

Und das eingebettet in eine Busfahrt durch die Nacht – warum?

Ursprünglich, weil ich diese Erfahrung selbst erlebt habe, und dann habe ich angefangen darüber zu schreiben, um damit klar zu kommen. Dann ist es natürlich so, dass der Nachtbus sowohl als Metapher, als auch als eigener Mikrokosmos funktioniert, der eine Untersuchung und Spiegelung zulässt. Hinzu kommt, dass die Nachtsituation eine Atmosphäre gestattet, die zwischen sicherer Verborgenheit und gefährlicher Bedrohung schwankt.

Wie kommt man von Jersualem nach Graz, zum Retzhof?

Wie man dahin kommt, weiß ich nicht, ich kann nur meinen Weg beschreiben. Mir war von Anfang an klar, dass ich in Deutschland Dramaturgie studieren wollte, trotz der riesigen sprachlichen Herausforderung. Während meines Studiums habe ich an einem Seminar für Szenisches Schreiben bei Ivna Žic teilgenommen, und daraus kam der Vorschlag, dass ich mich für den Retzhofer Dramapreis bewerben sollte.

Wie sind deine sonstigen Erfahrungen in der europäischen Theaterlandschaft – du hast ja bislang schon in Polen, Deutschland und Österreich gearbeitet?

Die Arbeit, die ich 2012 in Warschau gemacht habe, entstammt der Zusammenarbeit mit der israelischen Regisseurin Lilach Dekel-Avneri, die meine Mentorin war und ist. Wir haben 2010 eine Produktion von Adam Geist von Dea Loher in Tel-Aviv gemacht, die nach Warschau eingeladen wurde, und dann waren wir als Team noch einmal für eine weitere Produktion eingeladen, die auf der kurzen Erzählung Muranoo von Sylwia Chutnik basierte. Das war meine erste Produktion im Ausland, und die kulturellen Unterschiede in den künstlerischen Arbeitsmethoden und Verständnissen traten sofort schlagartig auf, es hat etwas gedauert, damit als Team klar zu kommen. Die Chance, an einer Produktion für das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel zu arbeiten, kam durch den Autor und Regisseur Jason Danino Holt, den ich aus Israel kenne. Das war Jasons erste Produktion im Ausland und er hoffte, dass ich als Dramaturgin ein bisschen zwischen den beiden Arbeitskulturen, die in dieser Produktion zusammenkamen, vermitteln könnte. Ich glaube, was mir während der Arbeit klar geworden ist, ist wie unterschiedlich einige Begriffe und Methoden von beiden Kulturen wahrgenommen werden. Das Wort und das (dramatische) Sprechen zum Beispiel, oder die Schauspieltechniken, schwingen anders im Theaterverständnis beider Kulturen. Sie sind anders gedacht. Solche Komponenten sind manchmal sehr heikel und empfindlich, machen aber einen riesigen Unterschied im Arbeitsverlauf.


Die Fragen stellte Alia Luque. 
Das Interview erschien in der März/April 2018-Ausgabe des Burgtheater Magazins (S. 16-18)
Die Uraufführung von Etwas Kommt Mir Bekannt Vor fand am 27. April im Vestibül statt. 

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