Kein Pinguin lässt einen anderen Pinguin im Regen stehen.
Ulrich Hub
An der Arche um acht

Der Pinguinflüsterer

Anlässlich des neuen Kinderstücks ab 6 Jahren im Kasino erzählt Zoologe Dr. Harald Schwammer von Fischgeruch, Streetgangs und Klimawandel - und vom Mythos der Monogamie im Ewigen Eis
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Die Reise zu den Pinguinen beginnt mit der U4. Dann: strahlend blauer Himmel über aufgeregten Kinderscharen in den Schönbrunner Alleen, im prachtvollen Kaiserpavillon des Tiergartens wartet der stellvertretende Direktor Dr. Harald Schwammer.
62 Jahre alt, lachende Augen, ein fesselnder Erzähler und allem Anschein nach ganz bei sich – und seinen Pinguinen, deren Fütterung in einer guten Stunde wieder ansteht. Wir wollen mit ihm über unser neues Kinderstück sprechen, An der Arche um acht. Im Zentrum: drei Pinguine, die allzu menschliche Streitereien austragen, im Angesicht einer Sintflut aber auch Werte wie Gemeinschaft und Solidarität entdecken. Doch wie ist das wirklich bei den Pinguinen? Wir müssen reden.

H
err Dr. Schwammer, sind Sie so etwas wie ein Pinguinfüsterer?

Ich bin zunächst mal Zoologe, im Tiergarten Schönbrunn seit 1993, also seitdem der Zoo neu gegründet und aufgebaut wurde. Mein Job war es, die neuen Gehege zu planen. Daneben arbeite ich sehr viel im Freiland und betreue Artenschutzprojekte mit Elefanten in Asien und in Afrika. Meine Schwerpunkte sind aber eben auch die Antarktis mit den Pinguinen und die Arktis mit den Eisbären, da mache ich Schutzprojekte.

Was mich schon seit meiner Kindheit beschäftigt: Fühlen sich Pinguine eher als eingeschränkte Vögel oder als vielseitig begabte Fische?

(lacht) Ich würde sagen, sie fühlen sich wohl. Sie sind schließlich laut Umfragen auch die beliebtesten Vögel in unserem Tiergarten, nur die Flamingos machen ihnen manchmal Konkurrenz.

Um unser neues Kinderstück zu bewerben, haben wir in ganz Wien einen Satz des Autors Ulrich Hub plakatieren lassen: „ Alle Pinguine riechen ein bisschen nach Fisch.“ Stimmt das?

Perfekt. Stimmt. 200 Prozent. Wirklich intensiv nach Fisch. Das kommt natürlich durchs  Futter. Am intensivsten ist es in den Kolonien, dort ist der Geruch wirklich auch gegen den Wind bestimmbar.

Im Stück wird ein Pinguin in einem Koffer auf die Arche geschmuggelt. Die Taube, die an Bord als verlängerter Arm des eher gemütlichen Noahs ein strenges Regiment führt, glaubt, der Geruch käme von einem Fischstäbchen. 

Es hat das vor zwei Jahren tatsächlich gegeben. Auf einem kleinen Kreuzfahrtschiff hat jemand einen jungen Pinguin eingepackt. Allein durch den Geruch ist es dem Reinigungspersonal schon am zweiten Tag aufgefallen. Das Schiff musste umdrehen, um das Tier wieder auszusetzen, weil sowas ja hoch bestraft wird. Es hat dann auch ein Gerichtsverfahren gegeben. 

An anderer Stelle im Stück heißt es: „Es gibt gute Pinguine und schlechte.“ Gibt es tatsächlich böse Pinguine? So wie Danny DeVito in Batmans Rückkehr

Während der Brutzeit gibt es unter den Pinguinen tatsächlich Individuen, die immerzu stören, die Raufhandel suchen. Sie zerstören sogar aktiv Eier, aus purer Aggression, und killen auch Jungtiere von anderen Pinguinen. Wir sind hier ja die einzigen weltweit, die Felsenpinguine züchten. Und ein Rezept gegen deren aggressives Verhalten in der Gruppe ist, dass die ein- bis zweijährigen Jungen, das sind die Halbstarken, die „Streetgang Boys“ nenne ich sie, von der Brutgruppe weggesperrt werden, weil sie andauernd Wirbel machen. Die verhalten sich wirklich wie eine Streetgang, führen sich präpotent auf, machen nur Zoff – und auf diese Weise lernen sie Sozialverhalten.

Das ändert sich also? Die Streetgang Boys werden sozusagen altersmilde? 

Genau. Mit der Geschlechtsreife ändert sich das. Dann gliedern sie sich ein und sind in der Gruppe integriert. 

Haben Sie eine Lieblingspinguinart oder lieben Sie alle Kinder gleichermaßen?

Sie sind schon alle gleichwertig, besonders beschäftigen wir uns aber mit eben diesen Felsenpinguinen, von denen es nur ca. 150 in Zoos gibt. Da machen wir viel Forschung und kümmern uns intensiver als etwa um die Königspinguine. Apropos: Derzeit haben wir ein kleines Königspinguinküken!

Warum können Pinguine eigentlich nicht fliegen? Konnten sie jemals fliegen?

Das ist eine schwierige Frage. Aus der Evolution her kommen sie sicher von flugfähigen Vögeln. Man muss sich vorstellen, dass sie sich von irgendeiner Urvogelform spezifiziert und und in diesem Klima- und Lebensraum optimiert und angepasst haben. Das bedeutet nicht nur Flügel und Fliegenkönnen, sondern auch schwere Knochen. Ihr Körperbau ist primär darauf ausgerichtet, möglichst lange schwimmen zu können. Fett und Muskeln. Unter Wasser ist es in der Antarktis einfacher, Beute zu bekommen, als in der Luft. 

Auf Holländisch, so hörte ich, heißen Pinguine „Vetgans“, also: „Fettgans“

Das habe ich auch mal gehört. Und leider wurden vor hundert Jahren noch Millionen Tiere zur Tranproduktion genutzt. Heute sind sie streng geschützt.

Inwieweit sind Pinguine aber durch andere Faktoren auch weiterhin bedroht, etwa Ölverschmutzung oder Klimawandel? 

Punkt eins, Ölverschmutzung: Ich war selbst bei so einer Katastrophe dabei, in Tristan da Cunha im Südatlantik, zufällig. Da ist ein riesiges Schiff gestrandet, ein betrunkener Kapitän mit einem 300 Meter großem Tankschiff, zum Glück kein Ölschiff, sondern ein Soja-Transporter, 300.000 Liter Öl sind ausgelaufen. Was passiert? Das Öl treibt an der Oberfläche für eine halbe Stunde oder Stunde. Die Pinguine, die viel im Wasser sind, tauchen im Uferbereich auf und atmen das Öl an der Oberfläche ein. Das heißt, sie verbrühen sich die Lunge. Im zweiten Schritt brennen die Augen wie die Hölle. Und wenn sie dann rauskommen, verkleben die Federn. Und mit dem Verkleben der Federn ist die Isolation gegen die Kälte weg. Das heißt, der Pinguin kriegt keine Luft, er sieht nicht, wo er hingeht, er friert und dann beginnt er in diesem Stress, die Federn zu putzen, ihm graust es richtig vor dem Öl, und durch das Putzen schluckt er das Öl. Das ist schrecklich für diese Vögel, für alle Vögel. Da sind wir aktiv. In Südafrika unterhalten wir auch eine ständige Station, die spezialisiert ist auf die Rettung von verölten Seevögeln.

Welche Bedrohungen gibt es noch?

Schiffwracks, da kommen Ratten hin. Natürlich gibt es dort eigentlich keine Ratten. Aber da müssen nur ein paar rauskommen und sich vermehren – diese Ratten fressen dann Eier und lebende Vögel. Ratten sind eine große Plage, die Spezies passt nicht in diesen Lebensraum und stört deswegen gewaltig. Und durch die Klimaveränderung gehen die Gletscher zurück, selbst wenn es nur saisonal und nur ein paar Meter sind. Dann kann man schon gehen am Ufer, aber die Ratten können dann dort eben auch gehen. Also wenn ich irgendwo ein Wrack habe, sind in diesem Tal auch Ratten. Das ist eine ganz schlimme Geschichte. Das Hauptproblem der Klimaveränderung betrifft jedoch die Nahrungsressourcen. Die Wassertemperatur verändert sich, was bedeutet, dass das Futter der Pinguine geografisch wegwandert. Jetzt muss ich als Pinguin weiter schwimmen. Ich brauche mehr Energie für die gleiche Menge Futter. Das ist ein echtes Problem fürs Überleben. 

Also gibt es bereits eine deutlich sichtbare Reduktion der Pinguinpopulation? 

Ja, die ist gravierend. Felsenpinguine etwa haben nur eine Verbreitung von mehreren Inseln. Ist dort eine Ölkatastrophe, sind die weg. Also, kurzum: Manche Arten sind sehr gefährdet, manche weniger, aber bei allen geht die Population runter.

Ich war im Sommer in Argentinien, habe es aber leider nicht bis zu den Pinguinen geschafft. Vielleicht klingt die Frage jetzt etwas bizarr, doch sind im Falkland-Krieg Anfang der Achtziger eigentlich auch viele Pinguine ums Leben gekommen?  

Die kommen noch immer ums Leben – durch Landminen! Die Uferstreifen wurden mit viel Arbeit zu 60–80% minengeräumt, aber auf den Landflächen sind weiterhin riesige Flächen vermint. Da die Felsen nicht vermint wurden, sind die Felsenpinguine weniger bedroht. Die großen Königspinguine aber, die explodieren noch immer durch Minen.

Wir haben darüber geredet, wie Pinguine miteinander streiten. Das wunderbare Stück von Ulrich Hub erzählt aber auch auf eine sehr humorvolle und anrührende Weise von Freundschaft und Zusammenhalt. Können Pinguine Freundschaften schließen?

Jetzt verrate ich was. In allen Büchern heißt es ja: „ Mono-Ehe", „ Männchen Weibchen ewig zusammen" und so weiter – stimmt nicht!

(Dr. Harald Schwammer in den Kolonien)

Nein?

Nein! Es ist so, dass sehr wohl jedes Frühjahr eine neue Paarbildung stattfindet, immer mit denselben. Sie kommen auf unterschiedlichen Wegen vom Meer zu den Inseln zurück, treffen sich an derselben Stelle wieder und fangen an zu brüten. Bei uns ist es ähnlich, wir sperren sie ein bisschen weg, simulieren das in kleinerem Maße: weg vom Brutplatz, zulassen, Eis einlegen, wegnehmen. Dann kommen alle in Brutstimmung, dann läuft das. In freier Wildbahn ist die Distanz zwischen den Nestern vielleicht ein halber Meter, da brütet dann schon der nächste, dazwischen vielleicht noch ein Albatros oder ein Königskormoran, also alles sehr dicht. Es kommt zu Verteidigungsmaßnahmen gegen das Nachbarnest – gleichzeitig jedoch gehen die Damen fremd. Das ist ein echtes Problem: Wir machen ein Zuchtbuch, schreiben genau auf, wer ist von wem, europaweit koordiniert – und dann habe ich plötzlich ein fremdgegangenes Produkt drin, das auch noch zur Verwandtschaft gehört. Wenn die Zuchtgruppe so klein ist, gibt es ein Inzuchtproblem. Also, monogam sind die nicht auf die Dauer. Ich habe das selbst immer wieder beobachtet. 

Nachdem einer der drei Pinguine im Stück einen Schmetterling getötet hat, bricht unvermittelt eine Sintflut los und die Pinguine fluchen ständig über den Regen. Nun könnte man das chaostheoretisch deuten – mich interessiert aber eher: Stört es Pinguine wirklich, wenn es regnet? 

(lacht) Da bin ich ein bisschen überfragt. Nein, nicht wirklich. Die Kombination Regen-Kälte ist allerdings unangenehm für alle Tiere. Da stellen sie sich auch unter, wo sie können. Umgekehrt, wenn sie aus dem Meer zurückkommen, dann lieben sie kurzfristig den Regen, weil das Süßwasser das salzige Meerwasser abwäscht. Da klettern sie sogar gezielt auf Felsen, stürzen dabei regelmäßig zu Tode. Sie nehmen also nicht den leichtesten Weg, sondern gehen seitwärts, denn dort tröpfelt das Süßwasser aus einer Quelle herunter – um zu duschen. Aber wenn es mehrere Tage regnet, schauen sie schon eher verzweifelt drein. Darauf haben sie keine Lust.

Rücken sie dann auch familiär-solidarisch zusammen?

Absolut. Die Königspinguine rücken bei Regen sogar ganz nah zusammen, bei Schnee und Sturm natürlich noch mehr, nicht zuletzt um die Flaumis zu schützen. Wenn die nass werden, dann haben sie ein Problem, auch bei 16, 17 Grad, was schon sehr warm ist in dem Bereich, da würden die kaputt gehen. Deshalb müssen sie unbedingt vermeiden, dass die Jungen nass werden. 

In unserem Stück fressen die Pinguine nicht nur Fisch, sondern unter anderem auch Käsekuchen. Ist das realistisch? 

(lacht) Bei uns kriegen sie auch hauptsächlich Fisch. Draußen fressen sie vor allem Krille, Krebse. Ich weiß nicht, ob sie den Kuchen nehmen würden. Sie sind sehr heikel. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass sie Käsekuchen mögen.

Wäre es auch nur ansatzweise denkbar, dass ein Pinguin und eine Taube sich näherkommen oder gar paaren? Ich frage für einen Freund.

Paaren sicher nicht. Aber sie pflegen wirklich sehr nahe Distanzen zu anderen Vögeln, zu Albatrossen zum Beispiel, beim Brüten. Sie können unglaublich dicht leben, wie Großstädter.

Was passiert, wenn Pinguin und Mensch in freier Wildbahn überraschend aufeinandertreffen?

In der Wildbahn ist die erste Reaktion des Pinguins Flucht. Von Aggressivität kann erst mal keine Rede sein. Nur wenn man da hingeht, wo sie brüten. Die Humboldtpinguine hier bei uns, die in den Höhlen brüten, wenn man da auftaucht, dann attackieren die sofort. Also nachschauen ein Ei, zwei Eier... das geht gar nicht. Wenn sie hingegen draußen herumrennen, fressen sie den Pflegern aus der Hand. Das ist abhängig von der Situation. Königspinguine haben das Ei ja in der Falte und tragen es so spazieren, die haben kein Nest, und in der Phase sind sie auch eher auf Distanz und können schon zuhacken. Auch die Kleinen haben bereits messerscharfe Schnäbel. Müssen sie haben, damit sie den Fisch oder den Krill packen können. 

Was meinen Sie, woher kommt eigentlich diese allgemeine Faszination für Pinguine?

Auf jeden Fall spielt da der watschelnde aufrechte Gang eine entscheidende Rolle. Und diese andauernden Hoppalas! Bei uns stürmt es ja nicht wirklich. Aber wenn man sie draußen live sieht, was da alles passiert, alle zehn Minuten, zwischen den Pinguinen, da geht’s richtig ab! Unsere sind hier ja in einer Art Wellness-Oase, draußen gibt es richtig Stress. Dadurch sind die Tiere in der freien Wildbahn natürlich auch muskulöser, nicht unbedingt fitter, aber keineswegs so verweichlicht wie unsere, die nicht um ihr Leben kämpfen müssen. Da sind wir wieder beim Großstädter. 

Würden sich Pinguine selber Pinguin-TV-Dokumentationen anschauen?

Sicher. Davon bin ich überzeugt. 

Warum der Frack?

Das ist Camouflage, um nicht gesehen und entdeckt zu werden, bei allen Pinguinen gleich: Bauch hell, Rücken dunkel. Wenn man von unter Wasser nach oben schaut, sieht man die Farbe Weiß nicht. Also der Orca oder, noch problematischer, der Seeleopard – eine Robbe, die räuberisch lebt – sieht den weißen Bauch nicht. Und umgekehrt sieht der Greifvogel von oben den schwarzen Rücken nicht. Die optimale Kombination. Und an Land ist es so, dass sie Bauch an Bauch zusammenstehen in der Gruppe, und dadurch die ganze Gruppe dunkel abgedeckt ist und die anderen, die Nester brüten, eben drauf liegen, sich von oben betrachtet quasi optisch auflösen. Und hübscher schaut’s eh auch aus.

Herr Dr. Schwammer, wir müssen nun noch kurz über die letzten Dinge reden. Glauben Pinguine an Gott? Und wenn ja: an was für einen?

Ich glaube, die glauben nur ans Überleben.


Die Fragen stellte Florian Hirsch.
Die Premiere des Kinderstücks An der Arche um acht findet am 2. Dezember im Kasino statt. 
Das Kinderstück wird unterstützt von WIENER STÄDTISCHE Versicherung AG

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