europa flieht nach europa
Miroslava Svolikova

Interview mit Miroslava Svolikova: Playlist Europa

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Im Gespräch mit dem Dramaturgen Florian Hirsch erzählt die Dramatikerin von ihrem neuen Theatertext "europa flieht nach europa", Mythos und Utopie - und was passiert, wenn die Wirklichkeit die Groteske verschluckt. 

Miroslava Svolikova, warum flieht Europa nach Europa?

In der griechischen Mythologie wird Europa vom Stier entführt und befreit sich in meiner Version, indem sie ihn zuerst ermordet und dann an Land flieht. Interessiert hat mich die prekäre und sonderbare Situation der Europa, dieser seltsame Anfang und der Beginn, der schon räumlich irgendwo anders beginnt. Das ist ja auch mit der europäischen Geschichte so, die sich aus vielen verschiedenen Kulturen speist, viele Beginne und Brüche kennt, chaotisch ist und immer schon nochmal ganz woanders beginnt, sich rückbezieht usw. 

Der Text, ein Gewinnerstück der diesjährigen Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin, ist auch eine Umschreibung des Mythos. Was ist anders an deiner Europa?

Je nach Version wird Europa im Mythos nicht nur entführt, sondern auch vergewaltigt. Für mich war ganz klar, dass sie sich auch mal wehrt – in die Brachialität mythischer Erzählung übersetzt bedeutet das, dass sie den Stier ermordet, aber sie tut es ganz märchenhaft, mit einer Spitze aus ihrem Haar. Danach verkündet sie die Vision eines friedlichen Kontinents. Auf einer anderen Ebene ist das als historische Ambivalenz zwischen Utopie und Gewalt(-auslagerung) zu lesen. Nach diesem Beginn findet sie sich in verschiedenen Tableaus oder historischen und ideengeschichtlichen Situationen wieder, der Mythos endet gewissermaßen nach der ersten Szene, die Figur Europa läuft aber als diese mythologische Figur und parallel als Verkörperung einer Idee weiter.

Wir haben ein Zitat aus Deinem Text unserer Spielzeit als Motto vorangestellt: willkommen beim karneval der wirklichkeit. Ist es angesichts einer immer grotesker erscheinenden Wirklichkeit schlicht nur noch möglich, diese als Karneval zu begreifen?

Den Eindruck hat man im Moment ganz stark. Und zwar noch während man mittendrin steckt. Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt über uns drüber. Im Stück ist das zunächst etwas historischer angelegt, da sind es mehr oder weniger die „zwei Bauern“ (nicht österreichische Biobauern sondern mittelalterliche Bauern), die sagen, das ist aber anstrengend, dieses Leben, jetzt, da wir als Bauern geboren wurden. Die ganzen Läuse. Ich musste unter anderem an eine Karikatur denken, in der Steve Jobs als chinesischer Fabrikarbeiter reinkarniert wird, der am Fließband iPhones bauen muss.

Ist europa überhaupt ein Stück? Im Untertitel heißt es: „dramatisches gedicht in mehreren tableaus“. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass es keine historische Abhandlung zur europäischen Geschichte ist, auch wenn man es mit historischen Stationen assoziieren kann, die große Katastrophe, den Urknall als die Weltkriege zum Beispiel. Im Endeffekt funktioniert das Ganze stark über die Assoziation der Zuschauer. Ich habe in einem lyrischen Verfahren und stark über Bilder gearbeitet. Das interessante an Bildern ist, dass sie auf mehreren Ebenen lesbar sind und sich im Theater in wieder neue Bilder einbetten lassen. Letztlich sind die Bilder ein kollektives Material. Im Juli war ich auf Einladung des Goethe Instituts in Tokio, wo das Stück szenisch gelesen wurde. Dort gibt es natürlich ein ganz anderes kollektives Wissen und ganz andere Assoziationen, griechische Mythen, ein Priester, der über die Rippe redet etc. sind nicht so unmittelbar bekannt. Die szenische Einrichtung hat mir aber dennoch sehr gut gefallen und es gab wirklich interessante Gespräche.

Wenn Europa ein Song wäre, ein Musikstück – welcher/welches wäre es?

Vermutlich eine ziemlich unzusammenhängende Playlist, der DJ kriegt danach keinen Job mehr.

Verläuft die eigentliche Grenze zwischen Nord und Süd- oder zwischen West- und Osteuropa?

Sowohl als auch, und noch viel mehr. Wenn man alle Grenzen auf der Karte blau einzeichnet, sieht man die Karte nicht mehr, weil sie im Meer verschwindet.

„wenn keiner an mich glaubt“, sagt Europa im Text, „werde ich verschwinden.“ Glaubst Du an Europa? Oder wird es noch vor den nächsten Autorentheatertagen, bei denen das Stück im Juni uraufgeführt wurde, untergehen?

Das glaube ich nicht, die nächsten Autorentheatertage sind sicher noch drin. Europa besteht natürlich aus den Menschen und erfindet sich immer neu. Das sich Neuerfinden gehört zu Europa dazu, glaube ich. Und das Theater vielleicht auch. Also: gute Chancen.

Kann ausgerechnet das Theater Europa retten?

Ich denke, so schlimm ist es noch nicht, dass das Theater mit einem Erste-Hilfe-Koffer rumlaufen muss. Ich mach einen Spaß. Das Theater muss uns natürlich alle retten!


Die Fragen stellte Florian Hirsch. 

Das Interview erschien in der Oktober/November 2018-Ausgabe des Burgtheater Magazins (S. 16-17). 

Die Österreichische Erstaufführung von europa flieht nach europa fand am 3. Oktober 2018 im Kasino statt. 

Miroslava Svolikova - geboren 1986 in Wien, studierte Philosophie in Wien und Paris, Szenisches Schreiben bei uniT Graz und an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sie arbeitet als bildende Künstlerin, macht Musik, schreibt Dramen und Texte. 2015 gewann sie den Retzhofer Dramapreis für die hockenden, uraufgeführt 2016 im Vestibül. 

© Reinhard Werner
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