Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos
Werner Schwab

Interview mit Nikolaus Habjan: Magie der offenen Verwandlung

Im Gespräch mit Christina Kaindl-Hönig spricht Nikolaus Habjan über die Kunst des Puppenspiels und Werner Schwabs Familienhöllen.
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Herr Habjan, Ihr Interesse an Puppentheater wurde schon im Alter von fünf Jahren durch eine Aufführung der Zauberflöte am Salzburger Marionettentheater geweckt....

Ja, da ging es los! Als sich der Vorhang gehoben hatte, eröffnete sich mir eine eigene Welt und mir war sofort klar, sie muss ein großer Teil meines Lebens werden. Dass es Theater auch mit anderen Puppen gibt, entdeckte ich erst beim Grazer Figurentheaterfestival La Strada, wo ich erstmals die Arbeiten von Neville Tranter sah. Sein Spiel mit Klappmaulpuppen fand ich noch viel interessanter als den geschlossenen Kosmos des Marionettentheaters. 

Bereits mit fünfzehn Jahren machten Sie bei La Strada den ersten von drei Workshops bei dem australischen Puppenspieler Neville Tranter. Worin lag die Faszination für sein Spiel mit lebensgroßen Klappmaulpuppen, die er, anders als bei Marionetten, für das Publikum sichtbar auf der Bühne führt?

Tranters Philosophie ist, auf der Bühne niemals so zu tun als ob. Bei ihm sah ich ganz unverhüllt einen Menschen in eine Puppe hineinschlüpfen und ließ mich dennoch austricksen: Ich vergaß ihn und sah nur noch die lebendige Puppe. Tranter lenkt den Fokus, kann sich sichtbar und unsichtbar machen. Dieses Changieren der eigenen Wahrnehmung ist das Spannende. Ich finde es unglaublich reizvoll, wenn man erkennen kann, dass ein lebloses Objekt aus Schaumstoff mit Glitzeraugen plötzlich lebendig wird. Erst dadurch entsteht Poesie. Wenn ich einen Hänger habe, dreht sich die Puppe oft zu mir und fragt: „Sind Sie schon die ganze Zeit da?“ Das ist auch unglaublich witzig.

Das Interview ist erschienen im
aktuellen Burgtheater-Magazin
Ausgabe Dez 2018 | Jan 2019 mit dem Thema Familie

Ist es ein Spiel mit der Offenlegung von Illusionen?

Ja, das Publikum weiß von Anfang an, wie die Illusion hergestellt wird. Es gibt nie ein Geheimnis, doch gerade dadurch entsteht das Rätsel. Die Puppen dienen als Projektionsfläche für die Fantasien der Zuschauer*innen. Sie vervollständigen die Illusion! Sobald ich mich als Spieler vollkommen zurücknehme, setzt deren Interpretation ein. Meine Klappmaulpuppen besitzen keine Mimik, nur einen beweglichen Mund, dennoch schwören die Leute, dass die Figuren ihren Gesichtsausdruck verändern. Gelingt es, den Fokus vom Spieler auf die Puppe zu lenken, entsteht ein magischer Moment.

Aktiviert das Puppenspiel die Fantasiefähigkeit der Zuschauenden?

Ja, deshalb ist die Puppe auch immer „auf dem Punkt“, weil sie stets nur das zeigt, was der jeweilige Zuschauende auf sie projiziert. Durch diese Wechselwirkung wird die Puppe wahrhaftig, weil sie dadurch für jeden eine ganz eigene Wahrheit besitzt. Schauspieler*innen müssen sich an eine Rolle angleichen, die Puppe aber ist Objekt, Person und Rolle in einem, und die Zuschauenden werfen ihr gleichsam den Schlüssel für das Schloss zu ihrem Inneren zu.

Was lehrt Sie die Puppe im Zusammenspiel als Schauspieler?

Extreme Exaktheit. Wenn etwas gehudelt ist, spürt man bei einer Puppe sofort, dass etwas falsch ist, man fällt aus der Illusion. Sie fordert vom Spieler eine besonders präzise Sprache, eine Art Deklamation, man muss den Rhythmus der Sprache mit dem des Puppenspiels synchronisieren. Das zwingt zu exaktem Handwerk. Ich bin ein großer Fan der Stummfilmzeit, der übersteigerten Gestik, die bei der Puppe auf Grund ihrer Stilisierung dennoch Glaubwürdigkeit besitzt. Davon profitieren auch die Schauspieler*innen, wenn sie Puppen führen, denn im Spiel mit den Figuren können sie ihre gewohnten Grenzen überschreiten. Im Grunde ist die Puppe eine Weiterentwicklung der Maske, die sowohl Schutz als auch Freiheit bietet.

Ist es nicht ein Paradoxon, dass gerade durch den übersteigerten Ausdruck der Puppe eine spezielle Natürlichkeit entsteht? 

Ja, es entsteht stilisierte Wahrhaftigkeit in der Perfektion von Künstlichkeit.

Ab 2008, noch während Ihres Studiums der Musiktheaterregie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, realisierten Sie gemeinsam mit Simon Meusburger Ihre ersten Arbeiten am Schubert-Theater. Es entstanden u.a. das Puppen- Kabarett Schlag sie tot, Der Herr Karl und F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig, wofür Sie 2012 gemeinsam mit Meusburger den Nestroy für die beste Off-Produktion erhielten. Neben Inszenierungen von Albert Camus’ Das Missverständnis am Grazer Schauspielhaus, Christine Lavants Das Wechselbälgchen am Wiener Volkstheater oder Marivaux’ Der Streit am Cuvilliés-Theater in München inszenieren Sie auch revueartige Stücke wie etwa Wien ohne Wiener am Volkstheater oder Ausschließlich Inländer am Schauspielhaus Zürich. Wie entscheiden Sie sich für Ihre Stoffe?

Es muss eine Notwendigkeit geben, warum ich ein Stück mit Puppen mache. So ist es auch bei Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos. Werner Schwabs Witwe, Ingeborg Orthofer, wünschte sich von mir, ein Schwab- Stück mit Puppen zu sehen, und ich habe große Freude daran, dieses Stück mit Schauspieler*innen und Puppen zu inszenieren. Bei Schwab herrscht eine krasse Lust am Ekelhaften und am Entsetzlichen, die mich reizt. Ich glaube, dass durch die Übersteigerung der Puppen Schwabs Kunstsprache realistischer zu wirken vermag. Indem die Zuschauenden ihr Realitätsempfinden den Puppen anpassen, wird es möglich, sich in Schwabs Jauchegrube zu stürzen und gleichzeitig Empathie mit seinen Figuren zu empfinden. Sie werden zum eigenen Spiegelbild, wodurch die Realität hinter diesen Sprachmonstern sichtbar wird. Schwabs Stück ist gleichsam ein Kunstwerk aus Fleischstücken. Durch den Einsatz der Puppen kann die Brutalität, von der die Figuren beherrscht werden, noch expliziter werden. Blickt man auf unser soziales Zusammenleben und die Verrohung der Sprache, hat Schwabs Gesellschaftskritik nichts an Brisanz verloren.

Ihre Puppen weisen eine Ästhetik der Imperfektion auf, verhehlen nie ihre Verfertigung und scheinen in ihrer drastischen Überzeichnung Schwabs Bühnenfiguren verwandt ...

Ja, alle meine Puppen verbindet, dass sie vom Leben gezeichnet sind. Ich bin bei der Figurenästhetik stark beeinflusst vom Surrealismus des tschechischen Filmemachers Jan Švankmajer, ich liebe Egon Schiele und die drastischen Arbeiten des britischen Malers Lucian Freud. Mich interessieren alle Grenzformen der Übersteigerung und Manieriertheit, nicht die Verklärung, bei mir gibt es keinen Weichzeichner.

Schwabs Fäkaliendramen sind ex negativo subversive Kampfschriften für das Existenzrecht eines nicht deformierten Menschen, der sich brachial zotig in der Sprache seiner Figuren Bahn bricht. Vermittelt der Einsatz von Puppen, ihre offene Verwandlung, die Utopie, der kartesianische Dualismus des Menschen könnte aufgehoben werden?

Ja, dass totes Material, das „Schwabische“ lebendig wird und Vitalität der Entfremdung utopisch gegenübersteht. Mir geht es um Erkenntnis und Bewusstseinsveränderung, das halte ich für die Aufgabe von Theater.


Die Fragen stellte Christina Kaindl-Hönig.

Das Interview erschien in der Dezember 2018/Jänner 2019-Ausgabe des Burgtheater Magazins (S. 16-18).

Die Premiere von Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos fand am 29. November 2018 im Akademietheater statt. 

Nikolaus Habjan - der 1987 in Graz geborene Puppentheaterkünstler  und frisch gebackener Nestroy Publikumspreisträger 2018 versteht das Puppenspiel als Königsdisziplin des Theaters. Mit Werner Schwabs Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos gibt er nun auch am Burgtheater sein Regie-Debüt. 

© Reinhard Werner
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